Die Besetzung von Saint Pierre und Miquelon war eine militärische Aktion, bei der die Inseln Saint-Pierre und Miquelon, eine französische Kolonie vor der Küste Neufundlands, am 24. Dezember 1941 von den Seestreitkräften der frei-französischen Truppen übernommen wurden. Die Inselbehörden hatten zuvor der Vichy-Regierung ihre Treue geschworen.
Vorgeschichte Nach dem kapitulationsähnlichen Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 unterstand die Verwaltung der Inseln der Vichy-Regierung, vertreten durch den Administrator Gilbert de Bournat.Robert Aron: Grands dossiers de l’histoire contemporaine. CAL (Club des amis du livre). Paris. 1964. S. 193. Die Existenz der Inseln vor der Küste Kanadas mit der Vichy-Präsenz bereitete der kanadischen Regierung große Sorgen. Sie befürchtete, dass die Achsenmächte Saint-Pierre und Miquelon als Operationsbasis nutzen könnten. Die Nähe der Kolonie zu Kanada und Neufundland (damals de jure ein von Kanada unabhängiges Dominion) bot deutschen U-Boot-Fahrern eine hervorragende Position zur Versorgung und zur Koordinierung von Angriffen auf alliierte Konvois. Dies wurde dadurch begünstigt, dass die Inseln über Funk und transatlantische Telegrafenkabel mit dem französischen Festland kommunizieren konnten. Man befürchtete, die Inselbehörden könnten wichtige Informationen an Vichy-Frankreich übermitteln und deutsche U-Boot-Besatzungen über Wetterbedingungen, die Bewegungen alliierter Kriegsschiffe und den Fortschritt von Konvois informieren. Es bestand auch die Sorge, dass lokale Fischereiprodukte über das französische Festland nach Deutschland gelangen und somit die Kriegsanstrengungen der Achsenmächte unterstützen könnten.Martin Auger: A Tempest in a Teapot: Canadian Military Planning and the St. Pierre and Miquelon Affair, 1940–1942. Acadiensis: Journal of the History of the Atlantic Region. Ausgabe 33. 2003. S. 47–72.
Bereits vor dem Waffenstillstand forderte die Regierung Neufundlands eine Invasion von Saint-Pierre und Miquelon. Nach Konsultationen mit Großbritannien wurde empfohlen, dass Neufundland die Angelegenheit mit der kanadischen Regierung besprechen sollte. Nach dem Fall Frankreichs 1940 hatte Großbritannien die militärische Verteidigung Neufundlands an Kanada übertragen. Eine Invasion kam jedoch nicht zustande, da das kanadische Kriegskabinett aus Furcht, das amerikanische Außenministerium zu verärgern, keine Maßnahmen ergriff, obwohl das kanadische Militär im Geheimen eine Expeditionseinheit, die „Force Q“, für eine mögliche Invasion vorbereitete. Die Besorgnis wuchs im Laufe des Jahres 1941, als die Atlantikschlacht kanadische Gewässer erreichte. Der Ständige Gemeinsame Verteidigungsausschuss Kanadas und der Vereinigten Staaten kam am 10. November 1941 einstimmig zu dem Schluss, dass die Existenz einer unkontrollierten und leistungsstarken Funkstation auf den Inseln eine potenzielle Gefahr für die Interessen Kanadas und der Vereinigten Staaten darstellte. Die Vereinigten Staaten lehnten jedoch jeden gewaltsamen Versuch, die Inseln unter ihre Kontrolle zu bringen, entschieden ab, da sie darin eine Untergrabung ihrer beanspruchten Souveränität über die westliche Hemisphäre im Sinne der Monroe-Doktrin und eine Kriegsgefahr im Nordwestatlantik sahen.
Während dieser Zeit entsandte Charles de Gaulle Admiral Émile Muselier, um die Möglichkeit einer Invasion der Inseln zu prüfen.Robert Aron: Grands dossiers de l’histoire contemporaine. CAL (Club des amis du livre). Paris. 1964. S. 199. Trotz anhaltender Einwände der Vereinigten Staaten befahl de Gaulle die Einnahme von Saint-Pierre und Miquelon.Robert Aron: Grands dossiers de l’histoire contemporaine. CAL (Club des amis du livre). Paris. 1964. S. 203.
Eroberung Am 23. Dezember 1941 lief eine französische Flottille, bestehend aus dem U-Boot Surcouf und den Korvetten Mimosa, Aconit und Alysse mit 230 Mann Besatzung, unter dem Vorwand einer Ausbildungsmission von Halifax aus. Entgegen den Befehlen von Konteradmiral Leonard W. Murray von der Royal Canadian Navy erreichte die Flottille am 24. Dezember 1941 um 3 Uhr morgens den Hafen von Saint-Pierre und setzte 230 bewaffnete Seeleute ab. Da sie auf keinen Widerstand stießen, eroberten die Freien Französischen Streitkräfte die Inseln in nur 20 Minuten.
Folgen Nach der Verhaftung von Gouverneur de Bournat organisierten die Freien Französischen Behörden am 25. Dezember 1941 eine Volksabstimmung. Männer ab 18 Jahren hatten die Wahl, sich dem „freien Frankreich anzuschließen oder mit den Achsenmächten zu kollaborieren“. Nahezu 98 Prozent der männlichen Bevölkerung stimmten für die Verwaltung durch die Freien Franzosen.
Die Nachricht von der Eroberung erreichte die Vereinigten Staaten. Außenminister Cordell Hull bezeichnete die Eroberung als Verstoß gegen frühere Abkommen zwischen den USA und den Alliierten sowie gegen die US-Territorialdoktrin. Er erklärte, es handele sich um eine „Kriegsprovokation in amerikanischen Gewässern zwischen Vichy und de Gaulle“ und verglich die Übernahme durch die Freien Franzosen mit einer Aggression der Achsenmächte. Die USA erwogen den Einsatz von Seestreitkräften zur Räumung der Freien Franzosen, entschieden sich aber schließlich für einen Kompromissvorschlag, der die Entmilitarisierung der Inseln unter US-amerikanischer, britischer und kanadischer Aufsicht vorsah, wobei die Schiffe der Freien Franzosen in den Atlantik verlegt werden sollten.
Im Januar 1942 demobilisierte Kanada die „Force Q“ und schloss damit eine Invasion der Inseln aus. Der Streit mit den USA wurde im Februar 1942 formell beigelegt, nachdem Hull empfohlen hatte, die Angelegenheit im Interesse der Einheit der Alliierten für die Dauer des Krieges ruhen zu lassen. Die Historiker Cecil Lingard und Reginald Trotter kritisierten Hulls Rolle bei der Entstehung des Konflikts mit den Freien Franzosen und argumentierten, dass seine persönliche Hybris und sein übersteigertes Gefühl der US-Hegemonie einen unnötigen Konflikt zwischen den Verbündeten geschaffen hätten.
Literatur Robert Aron: Grands dossiers de l’histoire contemporaine. CAL (Club des amis du livre). Paris. 1964. Martin Thomas: Deferring to Vichy in the Western Hemisphere: The St Pierre and Miquelon Affair of 1941. Veröffentlicht in: The International History Review. Jahrgang 19. Ausgabe 4. S. 809–835. DOI:10.1080/07075332.1997.9640805. JSTOR Link. ISSN 0707-5332 (englisch).
Einzelnachweise
Kategorie:Kanadische Militärgeschichte (Zweiter Weltkrieg) Kategorie:Französische Kolonialgeschichte (Amerika) Saint Pierre und Miquelon Kategorie:Konflikt 1941 Kategorie:Französische Marinegeschichte Kategorie:Britische Militärgeschichte (Zweiter Weltkrieg)