Das M549 ist ein reichweitegesteigertes Artilleriegeschoss mit einem Raketentriebwerk. Das Geschoss mit Kaliber 155 mm wurde in den 1960er-Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelt. Weitere Bezeichnungen lauten M549 HERA (High-Explosive Rocket-Assisted) und M549 RAP (Rocket-Assisted Projectile).

Entwicklung Der Ursprung des M549-Geschosses geht auf das NATO Basic Military Requirement 39 (NBMR 39) aus dem Jahr 1963 zurück. Dieses formulierte grundlegende Konzepte für zukünftige Artilleriegeschütze, Artilleriekaliber, Munitionstypen sowie deren Einsatz im Rahmen der NATO. Darin wurde auch gefordert, dass die zukünftigen Artilleriegeschütze der Divisionsartillerie Schussdistanzen von 30 km erzielen müssen. Um diese Schussdistanz zu erreichen, wurde 1964 die Entwicklung neuer 155-mm-Artilleriegeschütze mit 39 Kaliberlängen (L/39) sowie die eines neuen Artilleriegeschosses angestoßen. Das neue XM549-Artilleriegeschoss wurde von dem Ordnance Department in Zusammenarbeit mit General Dynamics entwickelt. Zur Reichweitensteigerung des Geschosses richteten die Entwickler ihr Augenmerk auf die Verbesserung der außenballistischen Eigenschaften und entwickelten ein Artilleriegeschoss, das nach dem Abschuss von einem im Geschossboden verbauten Raketentriebwerk nachbeschleunigt wird. Aufgrund von technischen Schwierigkeiten verzögerte sich die Entwicklung erheblich. Im Mai 1971 erhielt das XM549 nach erfolgreichen Prototypentests und der Truppenerprobung die Typenzulassung als M549. Kurz darauf wurde das Geschoss bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten für die Verwendung mit der Panzerhaubitze M109 sowie der Feldhaubitze M114 und später mit der M198 eingeführt. Danach wurde das M549 von verschiedenen NATO-Streitkräften übernommen. In den Vereinigten Staaten wurden die Fertigungsstraßen für das M549-Geschoss Ende 1987 geschlossen.Terry Gander & Ian Hogg: Jane’s Ammunition Handbook 2004-2005. 2004, S. 359–361.

Varianten M549: Ursprüngliche Version aus dem Jahr 1971. Gewicht 43,54 kg, befüllt mit 7,26 kg Composition B. M549A1: Version aus den späten 1970er-Jahren. Gewicht 43,6 kg, befüllt mit 6,8 kg TNT.

Beschreibung Das M549-Geschoss entspricht dem Joint Ballistics Memorandum of Understanding (JBMoU) der NATO und kann daher mit einer Vielzahl von 155-mm-Artilleriegeschützen verschossen werden. Das Geschoss hat einen maximalen Durchmesser von 154,81 mm. Es hat ohne Zünder eine Länge von 858 mm und mit Zünder 873,5 mm. In Abhängigkeit zur verwendeten Sprengstofffüllung hat das Geschoss feuerbereit ein Gewicht zwischen 43,54 und 43,6 kg. Das Geschoss verfügt über ein spitzes und stromlinienförmiges Profil, bei dem sich die zur Geschossspitze zulaufende Ogive über rund die Hälfte der gesamten Geschosslänge erstreckt. Das Geschossende ist gegen den Geschossboden mit 4,5° konisch zulaufend. Der Mantel kann je nach Hersteller oliv-grün, grau-grün, oder schwarz ausgeführt sein. Der Mantel ist in zwei Sektionen unterteilt. Die vordere Sektion nimmt rund 2/3 der Geschosslänge ein. Dieser Teil des Mantels ist aus Schmiedestahl der Sorte HF-1 gefertigt. In diesem befindet sich die Sprengstofffüllung. Diese kann aus 6,8 kg TNT oder 7,26 kg Composition B bestehen. Am vorderen Ende ist die Zünderbuchse (Durchmesser 61 mm) für lange Einschraubtiefen eingelassen. In dieser ist bei der Auslieferung aus dem Werk eine Ringschraube bzw. Transportöse eingeschraubt. Vor dem Einsatz wird diese entfernt und durch den Kopfzünder ersetzt. Als Zünder können alle dem STANAG 2916 entsprechenden eingeschraubt werden. So können eine breite Palette von langen oder kurzen Aufschlagzündern, Verzögerungszündern, Näherungszündern, sowie Kurskorrekturzündern verwendet werden. Werden kurze Zünder verwendet, kann hinter diesen eine Verstärkerladung mit 136 g TNT geladen werden. Die hintere Sektion des Mantels ist aus Schmiedestahl der Sorte AISI-1340 gefertigt. In diesem Teil des Mantels ist das Feststoffraketentriebwerk untergebracht. Dieses verwendet 3,18 kg Festtreibstoff. Am Geschossboden befindet sich die Düse für das Raketentriebwerk. Oben an der Düse ist ein pyrotechnischer Verzögerungssatz sowie ein Anzündhütchen verbaut. Zur Abdichtung des Ladungsraumes zwischen Rohrwand und Geschoss, sind oberhalb des konischen Geschossbodens zwei schmale sowie ein breites Führungsband angebracht. Diese werden beim Abschuss in die Züge des Geschützrohres gepresst und versetzen das Geschoss in einen Drall, der das Geschoss im Flug stabilisiert. In Abhängigkeit zum verwendeten Geschütz und der Kaliberlänge werden mit dem M549 die folgenden Schussdistanzen erreicht: Artilleriesystem Kaliberlänge Mündungsgeschwindigkeit Schussdistanz M114-Feldhaubitze L/23 561 m/s 19,3 km M777-Feldhaubitze L/39 826 m/s 30,1 km M109A7-Panzerhaubitze L/39 830 m/s 30,1 km K9 Thunder-Panzerhaubitze L/52 unbek. 30,1 km

Treibladungen Das M549-Geschoss gehört zur Sorte der getrennt geladenen Munition mit modularen Treibladungsbeuteln. Das heißt, das Geschoss und die Treibladungen werden nacheinander geladen. Verwendet werden können z. B. NATO-Standard-Treibladungen M3 (Zonen 3, 4 und 5), M4 (Zonen 3, 4, 5, 6 und 7), M119 (Zone 8) oder M203 (Zone 9). Die letzten beiden kommen bei Geschützen ab 39 Kaliberlängen (L/39) zur Anwendung. Daneben kann auch das Modular Charge Systems (MCS) mit Zonenladungen verwendet werden.

Funktion links|mini|8er-Paletten mit M549 beim Verladen Die Lagerung und der Transport der M549-Geschosse geschehen ohne Zünder, palettiert mit acht Geschossen auf einer Holz-Transportpalette. Dabei sind die Führungsbänder sowie der Geschossboden mit der Raketendüse abgedeckt und gegen Beschädigung geschützt. In der Zünderbuchse ist eine Ringschraube eingesetzt.

Nachdem ein Zünder eingeschraubt und an den Führungsbändern sowie am Geschossboden die Schutzabdeckungen entfernt wurden, kann das M549 wie ein herkömmliches Artilleriegeschoss geladen werden. Dazu wird es in das Geschützrohr geschoben. Danach werden die erforderlichen Treibladungsbeutel geladen und die Ladungskammer geschlossen. Beim Abschuss entzünden die heißen Verbrennungsgase in der Ladungskammer den Verzögerungssatz am Geschossboden. Etwa 7 Sekunden später zündet dieser das Anzündhütchen, welches das Raketentriebwerk aktiviert. Dieses arbeitet für 2,68 Sekunden und sorgt mit seinem Schub für einen Geschwindigkeitszuwachs. Danach folgt das M549 wie ein herkömmliches Artilleriegeschoss einer ballistischen Flugbahn (Wurfparabel). Bei der Detonation im Ziel zerlegt sich der Geschossmantel in rund 2000 scharfkantige Splitter, die auf kurze Distanz gegen lebende Ziele tödlich wirken und die Panzerung leicht gepanzerter Fahrzeuge durchschlagen.

Zum Zeitpunkt der Einführung des M549 erreichte dieses gegenüber herkömmlichen 155-mm-Artilleriegeschossen eine um 25 bis 40 % vergrößerte Schussdistanz. Dies aber unter Inkaufnahme verschiedener Nachteile. Durch das im Geschossende verbaute Raketentriebwerk musste die Sprengstoffmenge im Geschoss um rund 30 % verringert werden, wodurch die endballistische Wirkung nicht über dem aus den 1940er-Jahren stammenden M107-Artilleriegeschoss liegt. Weiter ist der Preis eines M549 rund drei Mal höher als der von einem herkömmlichen, zeitgenössischen Artilleriegeschoss. Ein großer Nachteil des M549 ist die große Streuung bei großen Schussdistanzen. Dies aufgrund von Zeitschwankungen beim Zünden des Raketentriebwerks sowie infolge von dessen unregelmäßigem Abbrand. Dadurch hat das M549 bei einer Schussdistanz von 30 km einen Streukreisradius von rund 280 m. Begrenzt durch den beim Abschuss maximal zulässigen Gasdruck von 3100 bar in der Ladungskammer, bleibt die maximale Schussdistanz auch mit modernen Geschützen mit größeren Kaliberlängen und größeren Ladungskammen auf rund 30 km begrenzt. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der empfohlenen maximalen Lagerdauer von ca. 20 Jahren. Während der Sprengstoff chemisch sehr stabil ist, verändern sich die Eigenschaften des Raketentreibstoffs mit der Zeit. Dadurch wird der Abbrand ungleichmäßig und verändert damit die außenballistischen Eigenschaften.

Status und Verbreitung Nach der Einführung in den 1970er-Jahren wurde das M549 von verschiedenen NATO-Staaten sowie weiteren Streitkräften übernommen. Weiter wurde und wird das Geschoss in Frankreich, Südkorea, Singapur und anderen Staaten in Lizenz gefertigt. Ein bedeutender Teil der NATO-Restbestände wurde im Zuge der Auslandshilfen für die Ukraine ab 2022 an die Ukraine abgegeben.

Ab den späten 1980er-Jahren wurde das M549 zusehends von reichweitegesteigerten Base-Bleed-Geschossen (BB) und Extended-Range-Full-Bore-Geschossen (ERFB) verdrängt. Mittlerweile werden mit Geschützen mit Kaliberlängen L/45 und L/52 und entsprechenden HEER-Geschossen größere Schussdistanzen als mit dem M549 erzielt. Diese Geschosse haben eine geringere Streuung, eine größere Sprengstofffüllung, eine bessere endballistische Wirkung, sind günstiger in der Produktion, und können länger gelagert werden, wodurch das M549 obsolet wurde. Bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten wird das M549 seit 2024 durch das M1128-Geschoss mit Base-Bleed ersetzt. Weiter wird für die U.S.-Streitkräfte mit dem XM1113 ein neues Geschoss mit Raketenantrieb entwickelt.

Literatur Terry Gander & Ian Hogg: Jane’s Ammunition Handbook 2004–2005, Thirteenth Edition. Jane’s Information Group, Vereinigtes Königreich, 2004, ISBN 0-7106-2615-0.

Weblinks

M549A1 Rocket Assisted Projectile bei fas.org (englisch) 155mm M549 Projectile bei cat-uxo.com (englisch) Projectile M549, M549A1 HERA bei bk155.com.ua (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Geschützmunition Kategorie:Granate