Die Festina Lente ist ein Fahrgastschiff, das nach seinem Bau in der westdeutschen Rheinstadt Duisburg knapp 30 Jahre lang in den Niederlanden fuhr, ehe sie zwischen 1996 und 2004 in den norddeutschen Bundesländern Niedersachsen und Bremen auf der Weser im Einsatz war. Seit 2008 hat sie ihren Heimathafen in der nordbelgischen Großstadt Antwerpen. Der seitdem verwendete Name des Schiffes geht zurück auf den lateinischen Ausspruch „Festina lente“ (de.: Eile mit Weile.).
Beschreibung Für die Abmessungen der Festina Lente liegen differierende Angaben vor. So werden beispielsweise für die Länge wahlweise 40,1 Meter, rund 42 MeterSteckbrief der Festina Lente. Abgerufen auf marinetraffic.com (MarineTraffic) am 13. April 2026.Heinz Holtgrefe: „Deichgraf“ soll an die Schlachte. In: Weser-Kurier. № 93, 21. April 2001, Seite 15.Justus Randt: Ein weißer Riese dümpelt im Wieltsee. In: Regionale Rundschau. № 14, 17. Januar 1996, Seite 1. oder 48 MeterSteckbrief der Festina Lente. Abgerufen auf scheepvaartwest.be am 13. April 2026. und für die Breite 8,5 Metern oder neun Meter genannt. Das Gewicht liegt zwischen 427 Tonnen und 500 TonnenJustus Randt: Schuß vor den Bug für Dreyer Gastro-Schiff. In: Weser-Kurier. № 102, 1./2. Mai 1996, Seite 22. und der Tiefgang bei etwa zwei Metern. Bei einer Höhe von etwa neun MeternMichael Rabba: „Deichgraf“ macht bald an Schlachte fest. In: Kurier am Sonntag. № 29, 22. Juli 2001, Seite 14.Monika Felsing: Bei Niedrigwasser kommt die „Deichgraf“ in Fahrt. In: Weser-Kurier. № 174, 28. Juli 2001, Seite 12.Michael Rabba: ‚Deichgraf‘ zieht den Kopf ein. In: Regionale Rundschau. № 169, 23. Juli 2001, Seite 1. hat das Schiff drei über der Wasserlinie liegende Decks, wobei das oberste ausschließlich im vorderen Bereich umschlossen ist und dort die Kommandobrücke trägt, während sich achtern ein Sonnendeck anschließt. Auch das mittlere Deck ist nicht auf ganzer Länge überdacht, kann aber im rückwärtigen Drittel mit Planen umschlossen werden. Die Angaben über die Passagierkapazität variieren ebenfalls: Im April 1996 war davon die Rede, dass das Schiff über 300 Plätze verfügt;Justus Randt: Weißer Dampfer am „schwarzen“ Anleger. In: Regionale Rundschau. № 80, 3. April 1996, Seite 1. fünf Jahre später hieß es im April 2001, dass im Innenraum 50 Personen und an Deck 100 Sitzplätze vorhanden seien.
Geschichte Anfänge in den Niederlanden Das Schiff wurde 1966 auf der Ruhrorter Schiffswerft in der westdeutschen Stadt Duisburg gebaut und alsbald unter dem Namen Oranjeplaat in Dienst gestellt. Es gehörte zur Flotte des niederländischen Fahrgastschifffahrtsunternehmens Spido, das Rundfahrten im Hafen Rotterdam anbietet. Mit der Prinseplaat (1961) und der Stad Rotterdam (1962) existierten zwei nahezu baugleiche Schwesterschiffe. Die Oranjeplaat kam bis 1994 in Rotterdam zum Einsatz. Dann wechselte sie den Eigner und wurde in Tolkamer, einem Dorf der damals selbständigen Gemeinde Rijnwaarden in der Provinz Gelderland, stationiert. Als Graaf van Bijland nutzte man sie fortan für Ausflugsfahrten auf den Armen des Deltarheins.Paul Athmann: Fahrgastschiff „Deichgraf“. Abgerufen auf weyhe-historie.de am 13. April 2026. Im März 1995 wurden die Salons der beiden Innendecks und die zwei Gäste-Außendecks renoviert.
Nutzung in Deutschland Bald darauf erwarb die deutsche Gastronomin Anita Dörgeloh (1953–2010) das Schiff. Sie war in Tolkamer darauf aufmerksam geworden, nachdem sie zuvor bereits erfolglos in Leer, Hamburg, Amsterdam und anderen Städten nach einem Fahrgastschiff gesucht hatte. Dörgeloh ließ es renovieren und auf den Namen Deichgraf umtaufen. Anschließend erfolgte Mitte November 1995 über das Ijsselmeer, die Nordsee sowie die Außen- und Unterweser in 38 Stunden die Überführung nach Bremen. Im dortigen Europahafen wurden temporär die Aufbauten entfernt, um die niedrige Dreyer Eisenbahnbrücke, die über eine Durchfahrtshöhe von 6,8 Metern verfügt, passieren zu können. Ziel war Dreye, ein Ortsteil der Gemeinde Weyhe, wenige Kilometer südlich von Bremen. Im alten Dreyer Hafen (auch „Zollhafen“ genannt) wurde das Schiff wieder komplettiert, ehe es schließlich etwa einen Kilometer flussaufwärts seinen vorläufigen Liegeplatz am Ostufer des Wieltsees () erreichte. Dörgelohs Ehemann leitete zu dieser Zeit ein auch an diesem Gewässer tätiges Kieswerk.
Weil für das Wieltseeufer allerdings keine Bau- und Betriebsgenehmigungen vorlagen, wurde der Betrieb der Deichgraf seitens des Weyher Ordnungsamtes untersagt. Innerhalb der Region gingen die Meinungen zu Dörgelohs Vorhaben damals auseinander. So sprach ein Kommentar in der Kreiszeitung wegen der illegalen Restauration und illegaler Bauten von „Wild-West-Zuständen“, während der Autor eines Leserbriefes eine Lanze für das Schiff und die Unternehmerin brach und meinte, dass solch ein Schiff von vielen Seglern und Ausflüglern am Wieltsee begrüßt würde. Im Weyher Gemeinderat schlug die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen eine Änderung des Flächennutzungsplans vor, der feste Bauten und Parkplätze am Wieltsee vorsah, bemängelte dann aber Anfang April 1996, dass der Schiffsanleger, der Steg, 40 neue Parkplätze für Gäste des Gastronomieprojektes und ein neu betoniertes Fahrbahnstück des Wieltdammes „lupenreine Schwarzbauten“ seien. Im Verwaltungsausschuss wurde ohne einen vorliegenden Bauantrag über die Maßnahmen beraten, die bereits fast abgeschlossen waren, und auch die Mitglieder des Bau- und Planungsausschusses fühlten sich hintergangen. Zudem war im Flächennutzungsplan ein Landschaftsschutzgebiet für die Weseraue vorgesehen. Dennoch erteilte der Verwaltungsausschuss Mitte April seine Erlaubnis für den Bau eines Versorgungssteges am Südufer des Sees, da Anleger und Parkplätze nur auf ausgewiesenen Sonderbauflächen für wassergebundene Freizeiteinrichtungen errichtet werden durften. Genehmigungspflichtig in diesem Fall war nicht das Schiff, sondern der Steg. Am 29. April 1996 unternahm die Deichgraf ihre erste Ausflugsfahrt auf der Weser. Sie war dabei und bei allen folgenden Fahrten aufgrund ihrer Höhe auf die rund 16 Kilometer lange Strecke zwischen der Uesener Weserbrücke und der Dreyer Eisenbahnbrücke beschränkt. Damit die Gemeinde die beantragte Gaststättenkonzession bewilligen konnte, musste zunächst der Landkreis Diepholz die Baugenehmigung für das Ufer des Wieltsees erteilen.Justus Randt: Am Süd-See ist Land in Sicht. In: Regionale Rundschau. № 92, 19. April 1996, Seite 3. Dies wurde jedoch Ende Mai verwehrt, da der Flächennutzungsplan das Südufer als „wassergebundene Freizeitfläche“ auswies. Daraufhin entschied der Weyher Verwaltungsausschuss, dass das Schiff – bis auf Weiteres – im alten Dreyer Hafen festmachen solle. Die Gemeinde wollte den Flächennutzungsplan jedoch ändern, um dem Schiff als Fernziel eine Rückkehr in den Wieltsee zu ermöglichen.Justus Randt: „Deichgraf“ muß zum alten Hafen verholen. In: Regionale Rundschau. № 122, 28. Mai 1996, Seite 1. Ende Juni 1996 wies die FDP-Fraktion im Gemeinderat darauf hin, dass das Schiff trotz nicht vorliegender Konzession bereits als „schwimmende Speisegaststätte“ betrieben worden sei.Justus Randt: Kommando lautet: „Anker lichten“. In: Regionale Rundschau. № 143, 21. Juni 1996, Seite 2.
Nachdem Dörgeloh schließlich doch eine Ausschankgenehmigung für die Deichgraf am alten Dreyer Hafen erhalten hatte, zog das Schiff auf Anweisung der Kreisbehörde am 12. Juli 1996 dorthin um (). Innerhalb von zwei Wochen wurden daraufhin über 2000 Unterschriften für einen Verbleib im Wieltsee gesammelt. Im Zollhafen ergaben sich zunächst Probleme mit der Trinkwasserversorgung und der technisch aufwendigen AbwasserentsorgungJustus Randt: „Deichgraf“: 2000 fordern einen Liegeplatz im Wieltsee. In: Regionale Rundschau. № 164, 16. Juli 1996, Seite 3. und außerdem wegen des Tiefgangs, sobald ein größeres Binnenschiff die Weser befuhr. Anfang August 1996 erteilte die Kreisverwaltung der Eignerin die offizielle Genehmigung für den Liegeplatz sowie für die Parkplätze und die notwendigen Anlagen. Gleichzeitig erteilte die Gemeinde Weyhe die Gaststättenkonzession für den Liegeplatz sowie alle Fahrten auf der Weser.Justus Randt: Lokalschiff nun legalisiert. In: Regionale Rundschau. № 179, 2. August 1996, Seite 1. In der Folge konnte die Deichgraf, die zeitweise von einem neunköpfigen Team betreut wurde, über mehrere Jahre für Gesellschaftsfahrten auf der Weser gebucht oder zum Sonntagsnachmittags-Kaffee besucht werden. Am 11. Januar 1998 wurde eine Folge der NDR-Spiel- und Lotteriegewinnshow Bingo! auf dem Schiff aufgezeichnet.Bingo-Fernsehteam auf der „Deichgraf“. In: Syker Kurier. № 1, 2. Januar 1998, Seite 3. In Hinblick auf eine mögliche Rückkehr der Deichgraf in den Wieltsee machte der Landkreis im gleichen Jahr Einwände geltend, da dort ein Überschwemmungsgebiet ausgewiesen sei und der Abfluss potenzieller Hochwasser gestört werden könnte. Entweder müsse der Deich verlegt werden, oder die Gebäude müssten auf neun Meter hohen Stelzen errichtet werden. In der Folge lehnte der Weyher Gemeinderat eine Änderung des Flächennutzungsplans ab. Mitte April 1999 nahm Dörgeloh dann auch selbst von den ursprünglichen Plänen einer Rückkehr in den Wieltsee Abstand, um dort nicht noch weitere Anlagen bauen zu müssen und die Belange des Hafens nicht durch den Tages- und Abendbetrieb zu stören.Hans-Friedrich Bremer: Überall Frühjahrsaktivität. In: Regionale Rundschau. № 84, 12. April 1999, Seite 1.
Nach der baulichen Neugestaltung der historischen Weseruferpromenade Schlachte in der Bremer Altstadt äußerte Anita Dörgeloh im April 2001 die Hoffnung, dort für die Deichgraf einen Liegeplatz zu erhalten. Man sei bereits seit Jahren mit den städtischen Behörden zu dem Thema im Gespräch.„Deichgraf“ will an die Schlachte. Auf ahgz.de (Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung) am 20. Oktober 2001. Abgerufen am 13. April 2026 (Artikel hinter Bezahlschranke). Wenige Monate später lag die Genehmigung vor und am 22. Juli 2001 unternahm das Schiff seine letzte Ausflugsfahrt von Dreye aus. Direkt anschließend wurden die Kommandobrücke entfernt und auf das niedrigere Achterdeck gelegt, die ehemaligen Mannschaftsunterkünfte mit 150 Tonnen Wasser geflutet und 15,6 Tonnen Sandballast aufgeladen, um eine Unterquerung der Dreyer Eisenbahnbrücke zu ermöglichen. Die Deichgraf wurde auf einer Elsflether Werft überholt und für die Zone 2-See (= „Seewasser bis hinter Bremerhaven“) der Verordnung über die Schiffssicherheit in der Binnenschifffahrt (= Binnenschiffsuntersuchungsordnung; BinSchUO) umgerüstet. Am 27. Juli 2001 machte sie im hinteren, nordwestlichen Bereich der Schlachte am Ponton 11 fest – nahe einer Marina und unterhalb der Jugendherberge Bremen. Die Anlegestelle war frei geworden, da die Schnellfähre Speedy an die Tiefer verlegt worden war. In Bremen waren zeitweise 30 Festangestellte und Aushilfen auf der Deichgraf beschäftigt. Fahrten konnten nun nur noch weserabwärts durchgeführt werden und fanden auch nur bei Niedrigwasser statt, da das Schiff ansonsten nicht die Stephanibrücke hätte passieren können. Es ergaben sich bald einige Probleme: So war zwar das Schiff rollstuhlgerecht gestaltet und verfügte sogar über einen Treppenlift, doch die gerade bei Niedrigwasser sehr steile Gangway war nicht barrierefrei. Darüber hinaus war die Eignerin hinsichtlich der Parksituation vor Ort unzufrieden, da das nächstgelegene Parkhaus um 21 Uhr schloss, die Gastronomie auf dem Schiff jedoch bis 23 Uhr geöffnet sein sollte.
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