Silvio Baccalà (* 1911 in Brissago, Kanton Tessin; † 1990 ebenda) war ein Schweizer Gärtner und Widerstandskämpfer, der während des Zweiten Weltkriegs die italienische Resistenza in der Region Ossola unterstützte. Als Ortskundiger lotste er nachts italienische Partisanen über Bergpfade am Ghiridone von der Schweiz nach Italien und schmuggelte gemeinsam mit seinem Bruder Waffen über die Grenze. Seine Geschichte blieb fast vier Jahrzehnte lang unbekannt, bis sie 1982 durch Mathias Knauers Dokumentarfilm Die unterbrochene Spur einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde.

Leben Silvio Baccalà wuchs in Brissago am Lago Maggiore im Kanton Tessin auf. Er arbeitete als Gärtner im Hotel Brenscino in Brissago und sorgte dort tagsüber für die Aussenanlage. Nach aussen führte er ein scheinbar unauffälliges Leben.

Nach dem Waffenstillstand von Cassibile im September 1943 und der anschliessenden deutschen Besetzung Norditaliens bildeten sich in der Region Ossola, die unmittelbar an die Schweizer Grenze grenzt, verschiedene Widerstandsgruppen gegen die faschistische Besatzung. Die Tessiner Bevölkerung unterstützte die Partisanen mit Kleidern, Lebensmitteln und Geld, doch einigen reichte diese passive Hilfe nicht aus.

Baccalà gehörte zu jenen Tessinerinnen und Tessinern, die den Widerstand aktiv unterstützten. Sobald die Dunkelheit hereinbrach, überquerte er die Grenze ins benachbarte Italien und führte in der Region Ossola italienische Partisanen durch die Berge. Viele der Widerstandskämpfer waren ortsunkundig und auf den Schweizer Gärtner angewiesen, der sie sicher durch die Gegend lotste.

Gemeinsam mit seinem Bruder versteckte Baccalà Waffen und schleuste Partisanen auf Saumpfaden über den Grenzgipfel des Ghiridone bei Brissago. Die Flucht- und Nachschubroute über den Ghiridone war ein strategisch wichtiger Pfad für die Resistenza. Unter den Personen, die Baccalà über die Grenze brachte, befanden sich Ärzte, Offiziere und Persönlichkeiten, die nach dem Krieg am Wiederaufbau Italiens beteiligt waren. Regelmässig begleitete er auch Männer, die aus schweizerischen Arbeits- und Internierungslagern entwichen waren, zurück nach Italien, damit sie den Kampf gegen den Faschismus fortsetzen konnten.

Die Region rund um Domodossola war strategisch bedeutsam: Durch den Simplontunnel wurden Kriegsgüter wie Kohle, Stahl und Maschinen zwischen Deutschland und Italien transportiert. Im Herbst 1944 gelang es verschiedenen Partisanengruppen, die Besatzer aus der Region Ossola zu vertreiben und die Partisanenrepublik Ossola auszurufen. Diese bestand vierzig Tage lang, bevor eine massive Gegenoffensive der Wehrmacht das Gebiet zurückeroberte. Bis zu 10'000 flohen daraufhin in die Schweiz.

Besonders die Region um Locarno war für den Waffenschmuggel wichtig. Die Schweizer Behörden wussten häufig davon und drückten nicht selten beide Augen zu. Manches Material wurde sogar mit der Centovallibahn von Locarno nach Domodossola geschmuggelt. Die Insel Brissago diente dabei als relativ sicherer und kaum kontrollierter Umschlagplatz.

Bekanntwerden und Erinnerungskultur Baccalàs Geschichte blieb nach dem Krieg fast vier Jahrzehnte lang im Verborgenen. Erst 1982 porträtierte der Schweizer Regisseur Mathias Knauer ihn in seinem Dokumentarfilm Die unterbrochene Spur, in dem Baccalà als er selbst auftrat und von seinen Erlebnissen berichtete. Der Film dokumentierte die Geschichten von Schweizerinnen und Schweizern, die Verfolgte über die Grenze gebracht und versteckt hatten.

Am Eingang seines ehemaligen Wohnhauses in Brissago wurde eine Gedenktafel angebracht, die an sein Engagement erinnert. Brissago ist zudem eine der Stationen des Percorso della Speranza (Pfad der Hoffnung), eines grenzüberschreitenden Erinnerungspfads am Lago Maggiore, der von der Fondazione Monte Verità und Insubrica Historica initiiert wurde.

Rehabilitierung Seit 1927 verbietet die Schweiz die Teilnahme an einem fremden Militärdienst. Tessinerinnen und Tessiner, die die Resistenza unterstützten, wurden von der Schweizer Militärjustiz wegen Vergehen wie illegalem Grenzübertritt, Verletzung der Neutralität oder «Schwächung der Wehrkraft» verurteilt und galten lange als Landesverräter.

Am 21. Juni 2026 beschlossen die beiden Kammern der Bundesversammlung das Bundesgesetz über die Rehabilitierung der Freiwilligen in der französischen Résistance und im italienischen Widerstand. Gemäss dem Bericht der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats, die den Gesetzesentwurf ausgearbeitet hat, soll das Gesetz «jenen Personen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die wegen ihres Einsatzes für Freiheit und Demokratie in der französischen Résistance oder im italienischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs rechtlich zur Verantwortung gezogen wurden. [...] Die aus heutiger Perspektive unangebrachten Verurteilungen und Sanktionen werden durch das Instrument der Rehabilitierung aufgehoben, womit den betroffenen Personen nachträglich Ehre erwiesen wird.»

Weitere Tessiner Widerstandskämpfer Baccalà war Teil einer Gruppe von etwa 100 Tessinerinnen und Tessinern, die die Resistenza aktiv unterstützten. Zu den bekanntesten gehörten:

Vincenzo Martinetti (1908–1992): Chauffeur des US-Vizekonsulats in Lugano, organisierte den Schmuggel von Material und Waffen über die Grenze und kämpfte bei der Partisanengruppe Divisione Piave. Er wurde in Italien für seinen Einsatz ausgezeichnet und in der Schweiz wegen Verletzung der Neutralität zu einer Busse und vier Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Er war der Vater der Schlagersängerin Nella Martinetti. Gabriella Antognini (1910–1988): Krankenschwester und Kommunistin aus Locarno, die gemeinsam mit ihrer Schwester Maria Partisanen versteckte und Nachrichten zwischen Italien und der Schweiz überbrachte. Sie wurde 1945 zu einer einwöchigen Haftstrafe verurteilt. 1971 wurde die mamma dei partigiani als erste Frau in die Stadtregierung von Locarno gewählt. Florindo Meraldi (1913–2000): Aus Ascona stammender Kämpfer, der mit den Garibaldi-Partisanen in der Region Ossola in die Schlacht zog. Er brachte militärische Erfahrung aus dem Spanischen Bürgerkrieg mit und wurde 1944 von den Deutschen gefangen genommen und mehrere Monate eingekerkert.

Rezeption Der Schweizer Botschafter und Politologe Simon Geissbühler ordnete in seinem 2026 erschienenen Buch Der eigenen Stimme folgen Baccalàs Handeln als Akt innerer Freiheit gegen den Konformitätsdruck der offiziellen Neutralitätspolitik ein. Er betonte, dass es einen Dokumentarfilm gebraucht habe, um Baccalàs Geschichte sichtbar zu machen, und dass dies zeige, wie sehr der offizielle Diskurs diese Menschen marginalisiert habe.

Die Historiker Raphael Rues und Andrej Abplanalp dokumentierten Baccalàs Rolle und den Austausch zwischen der Schweiz und der Partisanenrepublik Ossola umfassend in ihrer 2026 erschienenen Publikation Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945.

Literatur Die unterbrochene Spur – Antifaschisten in der Schweiz 1933–1945. Dokumentarfilm. Regie: Mathias Knauer. Filmkollektiv Zürich, 1982, 144 Min. – Baccalà tritt als er selbst auf. Raphael Rues, Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945. Hier und Jetzt-Verlag, 2026, 184 Seiten. ISBN 978-3-03919-666-1 Simon Geissbühler: Der eigenen Stimme folgen – Gegen den Strom: Renegaten, Outlaws, Einzelgänger der Freiheit. LIT-Verlag, 2026. ISBN 978-3-643-80435-8

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