Das Arbeiten an der Null-Fehler-Grenze ist ein Konzept aus der Lerntherapie und der Lernpsychologie, insbesondere in Bezug auf Lese-Rechtschreib-Schwächen. Zur Übung werden dabei nur solche Aufgaben verwendet, bei denen prinzipiell zu erwarten ist, dass der Lernende sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Strategien fehlerlos bearbeitet. Auf diese Weise soll einerseits der Lerneffekt erhöht, in erster Linie aber das Verhältnis des Lernenden zum Übungsstoff positiv geprägt werden; Erfolgserlebnisse sollen nicht die Ausnahme, sondern die (fast) absolute Regel sein.

Die Null-Fehler-Grenze ist dabei entweder die höchste Schwierigkeitsstufe der Aufgaben, deren Bearbeitung man vom Lernenden anhand der bestehenden bzw. neu erlernten Kompetenzen völlig fehlerlos erwartet (etwa bei Zweitklässlern, deren Lernniveau vergleichbar mit dem typischen Niveau ähnlicher Kinder sein wird), oder das individuell im Vorhinein ermittelte höchstmögliche Niveau, an dem noch keine Fehler gemacht werden.

Erfinder war Ernst Meumann, der 1907 im Rahmen seiner „Methode der störenden Nebenreize oder der Behinderungen“ die Nullfehlergrenze anwendete.

Die Wirksamkeit des Konzeptes ist umstritten, weil einerseits die implizite Nullfehlertoleranz die Förderung eines gesunden und konstruktiven Umgangs mit den eigenen Fehlern versäumt und andererseits in der Lernpsychologie die Annahme, das Produzieren von Fehlern verringere den Lerneffekt, im Allgemeinen als überholt gilt.

Ermittlung für Lesen und Schreiben Die Nullfehlergrenze ergibt sich, nachdem man zunächst festgestellt hat, wie viel zusammenhanglose Buchstaben die Versuchsperson höchstens nach einmaligem Vorsagen sofort wiedergeben kann.

Nach Meumanns Methode spricht der Experimentator der Person eine Anzahl Buchstaben vor, drei, dann vier oder fünf usw. bis die Person zum ersten Mal Fehler macht. Diejenige Zahl, die noch fehlerlos vom Individuum behalten wird, ist die Nullfehlergrenze in der Norm. Ist die Nullfehlergrenze des unmittelbaren Behaltens festgestellt, so legt man sukzessiv weitere Buchstaben dazu und baut visuelle und akustische Störungen ein. Nach jedem Versuch fragt man die Person nach ihren eigenen Beobachtungen und fördert damit, dass sie sich selbst als „Vorstellungstypus“ (Akustiker oder Visueller) einschätzen lernen. Die Versuche dehnt man weiter aus auf Silben bis auf das Wiederholen ganzer Sätze. Wirksame Abänderungen der Methode gibt es durch Vorlesenlassen.

Hintergrund Hintergrund des Ansatzes ist die Annahme, dass der Lerneffekt für das Individuum dann am größten ist, wenn das Anforderungsniveau gerade maximal unter den fehlerfrei beherrschten Niveaus ist. Das Auftreten von Fehlern wird also als Einschnitt in den Lernprozess gesehen, der (im Vergleich zu einer vollständig korrekten Bearbeitung) so gravierend ist, dass eine Nullfehlertoleranz gerechtfertigt wird. Entsprechend sollen die Lernenden zwar nicht unterfordert, aber vor allem nicht überfordert werden.

Anhänger der Null-Fehler-Grenze führen zudem die Erkenntnis an, dass eine neu erworbene Kompetenz, die verstanden wurde, ausreichend oft geübt werden muss, „und zwar möglichst ohne Fehler“, damit sie der übenden Person schließlich automatisiert, also mühelos und rasch, zur Verfügung steht.

Anwendung Ein Beispiel für die Null-Fehler-Grenze entwickelte die Pädagogin Carola Reuter-Liehr 1989 mit der lautgetreuen Lese-Rechtschreibförderung. Sie trainierte mit rechtschreibschwachen Kindern und Jugendlichen die exakte Laut-Buchstaben-Zuordnung und erreichte damit, dass diese mit der Zeit lautgetreue Wörter und Texte immer erfolgreicher und weitgehend fehlerfrei schreiben und lesen konnten. Damit verschaffte sie ihnen (endlich) Erfolgserlebnisse, die das Selbstwertgefühl stärkten und sehr für das weitere Training motivierten. Das Neue an diesem Ansatz war die Erkenntnis, dass man mit dem Fokus auf die Laut-Buchstaben-Zuordnung die Komplexität des Rechtschreibtrainings zunächst um ein Vielfaches reduzieren und auf ein einziges zu trainierendes Prinzip reduzieren kann, womit die grundlegende Strategie der Rechtschreibung trainiert wird. Die Effektivität der lautgetreuen Lese-Rechtschreibförderung konnte in mehreren unabhängigen Studien belegt werden.

Auch einzelne Lerntherapiestellen orientieren sich an der Null-Fehler-Grenze, wobei insbesondere der Effekt einer angenehmen Lernumgebung hervorgehoben wird.

Einzelnachweise

Kategorie:Didaktik der Mathematik Kategorie:Lernpsychologie