Das Sant’Agostino-Polyptychon war ein mehrteiliges Altarbild in Tempera auf Holz mit den ungefähren Mindestmaßen 162 cm × 240 cm von Piermatteo d’Amelia (* zwischen 1442 und 1448, † nach 1508), entstanden zwischen 1478 und 1481. Die einzelnen Tafeln befinden sich in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (Maria mit Kind), im Lindenau-Museum in Altenburg (Maria Magdalena und Johannes der Täufer) und im Philadelphia Museum of Art (Nicolaus von Tolentino). Eine fünfte Tafel, die den hl. Augustinus darstellt und die Maße 117 cm × 40,5 cm hat, ist nach der Versteigerung durch das Auktionshaus Christie’s am 23. Juni 1967 an einem unbekannten Standort vermutlich in Privatbesitz.

Historie 1255 erwarb eine Gruppe ehemaliger Eremiten gemeinschaftlich die Kirche Santa Lucia in Orvieto im Süden Umbriens. Sie beabsichtigten, eine neue Kirche zu errichten und Santa Lucia dann abzureißen. 1263 wurden sie offiziell Mitglieder des Augustinerordens, im nächsten Jahr begannen sie das geplante Projekt. Es erwies sich aber als zu ehrgeizig und wurde Mitte des 14. Jahrhunderts wieder aufgegeben. Stattdessen passten sie nun ihre alte Kirche an ihre Bedürfnisse an.

Piermatteo war um 1480 gleichzeitig mit Arbeiten an der Sixtinischen Kapelle in Rom und der Baustelle am Dom von Orvieto beschäftigt. Die Dombauhütte konnte ihm aber nur kleinere Aufträge anbieten; diese Situation nutzten die Mönche von Sant’Agostino und beauftragten ihn mit der Fertigung eines „großen und schönen“ (grande e bella) Altarbildes für ihren Hauptaltar. Im Zuge archivarischer Forschungen Laura Andreanis wurden 1992 Dokumente gefunden, die die wesentlichen Informationen zur Fertigung des Polyptychons enthalten. Zwar fehlt der ursprüngliche Werkvertrag, doch sind die vorliegenden Informationen ausreichend, um Piermatteos Urheberschaft zuverlässig zu bestätigen. Aus den Unterlagen wird deutlich, dass es für die Augustiner eine enorme wirtschaftliche Anstrengung bedeutete, das Werk zu finanzieren. So wurden zwei Stück Land für 22 bzw. 17 Florin und der Drittteil eines Hauses für 21 Florin verkauft; dennoch musste noch Geld geliehen werden. Am 17. August 1481 wurde das Polyptychon zur beiderseitigen Zufriedenheit übergeben: Piermatteo erklärte, das vereinbarte Honorar von 245 Florin sowie nicht näher spezifiziertes „Tuch, Korn und andere Dinge“ (panno, grano e altre cose) erhalten zu haben, und die Mönche erkannten das Werk als „nach den Regeln der Kunst“ (a regola d’arte) geschaffen an.

Beschreibung der einzelnen Tafeln Thronende Maria mit dem Kind Auf der Grundlage des Konzils von Ephesos im Jahre 431, wo Maria zur Theotokos („Gottesgebärerin“) erhoben wurde, entwickelten sich in der christlichen Kunst etliche Typen ihrer Darstellung, die vor allem die Ikonenmalerei beeinflussten, aber auch in die westeuropäische Kunst gelangten. Seit dem 5. Jahrhundert wurde Maria auch auf einem Thron sitzend dargestellt, wobei dieser den Thron König Salomos symbolisiert, ein Verweis auf dessen Weisheit. Das Jesuskind auf ihrem Schoß wurde bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts stets bekleidet dargestellt. Ab diesem Zeitpunkt wurde die bisherige eher zeremonielle „kultbildhafte[…] Strenge“ in den Mariendarstellungen durch eine zunehmende Vermenschlichung abgelöst – Maria wendet sich mehr und mehr ihrem Kind in einem „menschlichen Verhältnis“ zu und der Typus des unbekleideten Jesuskindes setzte sich durch. Dadurch wandelte sich auch das Verhältnis Mariens zum Betrachter, aus der strengen „thronenden M[aria] der Romantik“ wurde die „lächelnde, schöne Himmelskönigin“.

In der Bildtafel sitzt Maria mit leicht nach (aus Betrachtersicht) rechts gewandtem Körper auf einer nicht näher definierten Sitzfläche, die allerdings landläufigen Vorstellungen eines Thrones nicht entsprechen mag; das über den Sitz gebreitete mit Goldornamenten reichverzierte Tuch mag aber ausreichend gewesen sein, ihn als Kostbarkeit zu charakterisieren. Sie hat den Kopf in Richtung des auf ihrem linken Oberschenkels seitlich sitzenden Jesuskindes gewendet und lächelt ihm zu. Ihre Linke hält seinen Rücken und das Gängelband, das sein einziges Kleidungsstück darstellt. Ihre Rechte hält dem Kind einen Granatapfel hin, der in der Antike ein Symbol der Unsterblichkeit war und in der christlichen Kunst als Auferstehungssymbol verwendet wird.

Gekleidet ist Maria in ein rotes Kleid, das unterhalb ihrer Brust gegürtet ist; der untere Teil des Kleides ist fein gefältelt. Die engansitzenden Ärmel sind reich verziert. Darüber trägt sie einen dunkelblauen Umhang, der ihre Schultern und ihre Beine bedeckt; er wird oberhalb der Brust durch eine Brosche zusammengehalten. Sein Saum ist mit Goldstickereien verbrämt. Die Brosche selbst ist mit Perlen und roten Steinen besetzt, wobei die Perlen ein Symbol der jungfräulichen Gottesmutter sind, während die roten Steine möglicherweise die himmlische Liebe symbolisieren. Mariens Haar ist unter einem Schleier und einem Kopftuch mit sorgfältig modellierten Falten verborgen.

Das Jesuskind auf Mariens linkem Oberschenkel hat den Oberkörper nach links gewendet, so dass seine Füße auf Mariens Schoß und ihrem rechten Oberschenkel ruhen. Seine Linke greift nach dem Granatapfel vor seinem Bauch, während seine Rechte in einer kindlichen Geste erhoben ist. Es scheint den Blick seiner Mutter zu erwidern.

Auf dem niedrigen Podest, auf dem der Thron steht, ist links eine kleine Votivkerze dargestellt, rechts vor dem Mantelsaum Mariens liegen ein paar rote Kirschen. Die Kerze kennzeichnet Maria als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen, während die Kirschen gute Werke symbolisieren.

Hinter Mariens Kopf ist ein nahezu kreisrunder Heiligenschein in den Goldhintergrund hineingearbeit, während der Kreuznimbus Jesu in perspektivischer Verkürzung dargestellt wird. Das Zeigen des Kreuznimbus ist auf die drei göttlichen Personen beschränkt; im Zusammenhang mit Jesus verweist er auf seine zukünftige Passion.

Die Bildfläche mit Maria ist in der Form eines Kleeblattbogens eingerahmt. Um diesen inneren Rahmen herum ist ein rechteckiger Außenrahmen gezogen, der die Bildmaße bestimmt. Auf ihm hat der Künstler folgende Inschrift hinterlassen:

Eine plausible Auflösung ist

PRIORIS MAGISTRI dürfte eine Ehrung für die Auftraggeber des Bildes gewesen sein, während GRE jedenfalls für Januar steht. Eine präzise Auflösung ist ohne Kenntnis des vielleicht individuellen Sprachgebrauchs des Malers nicht möglich; es wird eine dialektale Kontamination aus lateinischem iannuarius und italienischem gennaio vorliegen.

Heilige Maria Magdalena Maria Magdalena ist als biblische Person nicht eindeutig zu identifizieren, da verschiedene Berichte des Neuen Testaments in einer Figur verschmolzen wurden. So wird eine Maria von Magdala erwähnt, der Jesus sieben Teufel austrieb und die allen vier kanonischen Evangelien zufolge Zeugin der Auferstehung war; nach war sie auch Jüngerin. Ebenfalls als Maria Magdalena wird eine Sünderin gedeutet, die mit ihren Tränen die Füße Jesu benetzte, sie daraufhin mit ihren Haaren trocknete und salbte . Sie war Zeugin der Kreuzigung (etwa oder ). In wird berichtet, dass sie nach der Grablegung zusammen mit anderen Frauen „wohlriechende Öle“ kaufte, um den Leichnam Jesu zu salben, woraus sich das Salbgefäß als Teil ihrer Ikonografie ableitet.

Im Bild wird sie mit leicht geneigtem Kopf und Blick auf den Betrachter gezeigt. Mit der linken Hand hält sie das rote Salbgefäß vor ihrem Körper, während ihre Rechte dessen Deckel anhebt. Sie wird als jung und schön dargestellt mit bis zu ihren Knien reichendem unbedecktem blondem Haar, gekleidet in ein grünes Kleid mit rechteckigem Halsausschnitt und lilafarbenen angesetzten Ärmeln und darüber einem orangen Umhang mit goldfarbenem Muster und hellblauem Innenfutter. Die Schönheit und kostbare Kleidung sind ein ihr häufig beigegebenes Attribut; ein anderer Bildtypus zeigt sie als (oft abgehärmte) Büßerin, deren Körper nur von einem Fell oder ihrem sehr langen Haar bedeckt wird.

Maria Magdalena steht auf einem marmornen Boden, der sich so auch bei Johannes dem Täufer wiederfindet; wie im Bild der Maria ist ihr Heiligenschein in den Goldhintergrund eingearbeitet, der die Form eines (gotischen) Spitzbogens annimmt.

Die Webseite des Lindenau-Museums zeigt das Bild in höherer Auflösung; vermutlich sind auch die dort gezeigten Farben dem Originalzustand näher.

Johannes der Täufer Johannes wird in der Bibel als Vorläufer Jesu dargestellt. Ab seinem dreißigsten Lebensjahr trat er in der Wüste Judäas und am Jordan als Bußprediger und Täufer auf. Nach den Berichten aller vier Evangelien taufte er auch Jesus (z. B. ), erkannte ihn als Messias und gab ihm die Bezeichnung „Lamm Gottes“ . Jesus seinerseits verglich Johannes mit dem Propheten Elias und bezeichnete ihn als Größten der Propheten . Dargestellt wird er im Hinblick auf sein Leben in der Wüste oft in ein einfaches Tierfell gekleidet; auch der Kreuzstab ist ein sehr häufiges Attribut.

Johannes wird im Bild gezeigt, wie er mit seiner Rechten nach der (aus Betrachtersicht) rechten Seite weist. In der linken Hand hält er ein Schriftband mit der Inschrift . Der Text tritt wörtlich beispielsweise in der Vulgata Clementina (eine lateinischsprachige Bibelübersetzung) auf und hat die Bedeutung „Siehe, das Lamm Gottes“ . Seine Linke hält auch den Kreuzstab eingeklemmt zwischen Unterarm und Hüfte. Sein Blick ist nach vorne am Betrachter vorbei gerichtet.

Johannes’ Aussehen ist gezeichnet durch sein Leben in der Wüste, sein braunes Haar ist lang und ungepflegt, er hat einen kurzen Bart. Zu seinem Erscheinungsbild passt das primitiv zusammengenähte Tierfell und seine nackten Füße, nicht jedoch der schimmernde violette Umhang, der seine linke Schulter bedeckt und um die Hüfte herumgeführt ist.

Der Marmorboden nimmt das in der Maria Magdalena gezeigte Motiv wieder auf, auch der Heiligenschein mit deutlich herausgearbeiteten radialen Strahlen und der spitzbogenförmige Hintergrund entsprechen dem anderen Bild.

Auch hier sei für eine Abbildung in besserer Auflösung auf die Webseite des Lindenau-Museums verwiesen.

Heiliger Nicolaus von Tolentino Nicolaus von Tolentino († 1306) war Mönch und Prediger der Augustiner-Eremiten. Er wirkte als zahlreiche Almosen spendender Missionar des Volkes und war später lange Zeit ein sehr populärer Heiliger. Demzufolge wird er – neben dem hl. Augustinus selber – in Kirchen der Augustiner sehr häufig dargestellt. Gezeigt wird er gewöhnlich im schwarzen Habit der Augustiner mit einem Kruzifix, einem Evangeliar, einer Lilie und einem Stern auf der Brust. Die Lilie als Attribut eines Heiligen verweist häufig auf eine besondere Marienverehrung, mit der er assoziiert wird; ihm soll ein Stern geleuchtet haben, der ihn nach Tolentino geleitet habe.

Auf dem Bild wird Nicolaus mit gegenüber der Bildebene leicht abgewandtem Körper dargestellt, den Blick auf den Betrachter gerichtet. Er wird mit Tonsur gezeigt. Geradezu „idealtypisch“ werden seine Attributen dargestellt: Schwarzer Mönchshabit mit Stern auf seiner Brust, das Kruzifix in seiner Rechten und die Lilie und das offene Evangeliar in seiner Linken.

Der Heiligenschein und der Goldhintergrund entsprechen der Darstellung in den oben beschriebenen Bildtafeln. Auch das Motiv des Marmorbodens wird wiederholt; auffällig ist aber die deutlich dunklere Färbung, die der Maler dem Stein hier verliehen hat.