Hans Hubert Wax (geboren 30. Juni 1927 in Beaumarais; gestorben am 11. November 1984 in Ost-Berlin) war ein West-Berliner Kfz-Mechaniker, der ab 1955 als Geheimer Mitarbeiter (GM) „Donner“ im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) an mehreren spektakulären Aktionen und Entführungen beteiligt war. Kurz vor dem Mauerbau setzte Wax sich in die DDR ab.
Abgesehen von den Aufträgen, die Wax für das MfS ausführte, zieht sich die Aktivität in kriminellen Netzwerken (mit einem Schwerpunkt auf Schwarzmarktgeschäften und Raub) durch seine ganze Biografie. Die eigene Autowerkstatt (Auto-Wax) in Berlin-Charlottenburg war aber nicht nur Tarnung; Wax war zeitlebens ein Tüftler und Erfinder im Bereich Kraftfahrzeugtechnik, Bootsbau und Kunststoffverarbeitung. Er meldete auch einige Patente an.
Biografie Anfänge Hans Wax verbrachte seine Kindheit in Beaumarais bei Saarlouis, nahe der französischen Grenze. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie evakuiert und zog nach Berlin. Wax besuchte dort die Volksschule und wurde Mitglied der HJ. Seine Kenntnisse über Automobile erwarb er in der Motorenschule der Reichsjugendführung. In der Berliner Instandsetzungsabteilung handelte der 15-jährige HJ-Gefolgschaftsführer mit gestohlenen Sende- und Abhörgeräten. Er wurde deshalb, wie es in einem späteren DDR-Lebenslauf hieß, „von einem faschistischen Gericht“ zu einer Strafe „von unbestimmter Zeit und Dauer“ verurteilt. Dass die ebenfalls mögliche Todesstrafe nicht verhängt wurde, deutet darauf hin, dass Wax als Krimineller ohne politische Motivation eingeschätzt wurde. In einer Strafkompanie des Reichsarbeitsdienstes sollte er sich bewähren. Ob freiwillig oder nicht, in den letzten Kriegsmonaten war Wax Mitglied der Waffen-SS. In einem Panzerjagdkommando wurde er im Umgang mit Sprengstoffen ausgebildet. Vor Kriegsende erlitt er eine schwere Verwundung.Gedenkstätte Amthordurchgang Gera: Biografie Hans Wax; Bernd Stöver: Zuflucht DDR, München 2009, S. 241 f.
mini|Kant-Garagen in den 1930er Jahren
Wax geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1946 arbeitete er als Kfz-Mechaniker auf verschiedenen amerikanischen Stützpunkten und war Mitglied einer Bande, die Eigentum der Besatzungsmacht stahl. Ein amerikanisches Bezirksgericht in München verurteilte ihn 1947 wegen schweren Raubes. Er zog um nach West-Berlin. Im August 1951 folgte er einem Kaffeeschieber von dessen Schmuggellager in Weißensee über die Sektorengrenze und nahm ihm am Bahnhof Zoo 150 Pfund Kaffee ab. Einen Monat später erbeutete er fünf Kisten Zigaretten, nachdem er an der Sektorengrenze einen Schmuggler durch Schüsse in die Luft verjagt hatte. In der Nacht auf den 16. Oktober 1951 leitete Wax eine siebenköpfige, mit Pistolen bewaffnete West-Berliner Bande bei einem Angriff auf ein großes Ostberliner Schmugglerlager in Weißensee. Nach Überwältigung der Wächter wurden drei Tonnen Tee, Stoffballen, Wäsche und Wurstwaren auf einen Laster geladen und in die Kant-Garagen in Charlottenburg gebracht. Ein anonymer Hinweis ermöglichte der West-Berliner Kriminalpolizei die Verhaftung der Bande und die Sicherstellung der Beute. Gut eine Woche lang fuhr Wax daraufhin mit Kriminal- und Zollbeamten durch West-Berlin und zeigte ihnen die Verstecke der Kaffee- und Zigarettenschieber. Im August 1952 verkündete die III. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin-Moabit das Urteil über Hans Wax und seine Bande. Der Staatsanwalt hatte für Wax acht Jahre Haft gefordert; Landgerichtsdirektor Lothar Münn verurteilte ihn zu dreieinhalb Jahren. Auch seine Komplizen erhielten milde Urteile. Zu ihren Gunsten wurde geltend gemacht, dass der von ihnen begangene schwere Raub sich gegen jene Ostberliner Schmuggler gerichtet hatte, die in West-Berlin großen wirtschaftlichen Schaden verursachten.
Seine Gewinne aus Schwarzmarkt, Autodiebstählen und Einbrüchen ermöglichten Hans Wax 1954 die Eröffnung einer eigenen Autowerkstatt (Auto-Wax)Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 392. im fünften Stock der Kant-Garagen. Hier entwickelte Wax zusammen mit dem Designer Luigi Colani den Prototyp des Abarth-Alfa Romeo 1300 Berlinetta.
Anwerbung durch das MfS Im Frühsommer 1955 beauftragte der West-Berliner Schmuggler Sascha Roder Wax damit, den vor allem im Kaffeegeschäft sehr aktiven Schmuggler Michael Wischnewski von Ost- nach West-Berlin zu entführen. Roder wollte Wischnewski erpressen. Wax nahm den Auftrag an. Er informierte aber seinen Bekannten Oskar Nehring (* 1919), einen gelernten Fleischer, der 1946 wegen Schwarzschlachtung zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden war. Nach seiner Flucht 1948 aus dem Zuchthaus Luckau lebte dieser illegal in West-Berlin und beschlagnahmte dort als angeblicher Kriminalkommissar Schwarzmarktwaren, bis ihn die West-Berliner Polizei verhaftete. Nach zweijähriger Haft in Berlin-Tegel siedelte er wieder nach Ostberlin über, wo er vom MfS als GM „Fred Thurnau“ angeworben wurde. Im September 1954 erhielt er den Status eines hauptamtlichen Mitarbeiters. Sein Auftrag war die Planung und Durchführung „aktiver Maßnahmen“; dazu gehörte auch die Anwerbung und Schulung weiterer Mitarbeiter. Darunter war Hans Wax. Zunächst überzeugte Nehring ihn in Absprache mit Wischnewski, aber ohne das MfS einzubeziehen, den Auftraggeber Roder nach Ostberlin zu entführen. Wax entführte Roder im August 1955 und erhielt als Prämie 2000 D-Mark. Nehring empfahl „Hanne“ Wax dem MfS als „Mann der Tat“; er sei ein „guter Pistolen-Schütze.“ Nach Überprüfung der Personalie warb das MfS Wax als GM „Donner“ an und beauftragte ihn mit der Leitung einer auf Verschleppungen spezialisierten Gruppe im „Operationsgebiet“ (d. h. West-Berlin und BRD).Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 391 f. Dazu gehörten außer Wax zwei weitere, ebenfalls von Nehring ausgewählte Personen: der Ost-Berliner Gemüsehändler Paul Lindner (* 1929, GM „Teddy“) und der Karosseriebauer Bruno Jäger (* 1931, GM „Blitz“); letzterer arbeitete in Wax’ Autowerkstatt. Beide waren polizeibekannt. Lindner war mehrfach unter Alkoholeinfluss gefahren; nachdem er einen tödlichen Unfall verursacht hatte, war ihm der Führerschein dauerhaft entzogen worden. Seine Mitarbeit in der Gruppe „Donner“ wurde dadurch honoriert, dass er seine Fahrerlaubnis zurückerhielt und bei den von Wax geleiteten Aktionen auch in der Regel als Fahrer eingesetzt war. Jäger war dem MfS als notorisch gewaltbereiter West-Berliner Krimineller bekannt, dessen Brauchbarkeit davon abhing, dass Wax ihn beaufsichtigte.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 393 f. Der von Wax nach Ostberlin verschleppte Sascha Roder wurde dort wegen Anstiftung zu einer Entführung zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.Gedenkstätte Amthordurchgang Gera: Biografie Hans Wax.
Die Dreiergruppe „Donner“, „Blitz“ und „Teddy“ wurde vor allem aus finanziellen Gründen für die Staatssicherheit tätig; daneben spielten Geltungsbedürfnis und das Erlebnis von Macht eine Rolle. Zwar bekundete Wax gegenüber seinen Auftraggebern mehrfach seine sozialistische Gesinnung, doch waren das nach Einschätzung von Susanne Muhle nur Lippenbekenntnisse.Susanne Muhle: Mit „Blitz“ und „Donner“ gegen den Klassenfeind, Berlin 2008, S. 161.
Einsätze des GM „Donner“ in der Bundesrepublik Deutschland Am 17. November 1955Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 124. war Werner Rieker, ein offizieller Mitarbeiter der Organisation Gehlen,Hanna Labrenz-Weiß: Die Hauptabteilung II: Spionageabwehr (Handbuch), hrsg. vom BStU. Berlin 1998, S. 37 und Anm. 134. (PDF) mit dem Auto nahe Kassel unterwegs, als er von einem Mercedes von der Fahrbahn gedrängt wurde. Zwei Männer zerrten ihn aus dem Wagen. Sie schlugen ihn mit Holzknüppeln nieder und verfrachteten das stark blutende Opfer in den Kofferraum des Mercedes. Die Fahrt endete in der Ost-Berliner Magdalenenstraße, wo sich eine Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit befand. Rieker wurde in der DDR zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt.Susanne Muhle: Mit „Blitz“ und „Donner“ gegen den Klassenfeind, Berlin 2008, S. 159. Muhle änderte in diesem Beitrag den Namen des Opfers und bezeichnete ihn als „Werner Reimer“. Vgl. auch Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 122 ff. Das Opfer wird hier als „Manfred Richter“ und Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes bezeichnet. Es war der erste größere Auftrag der Gruppe „Donner“; Wax hatte das Tatfahrzeug (einen Mercedes 220Christiane Kohl: Donner, Blitz und Teddy. In: Der Spiegel, 10/1996.) eigens für diesen Einsatz umgerüstet: erhöhte Spitzengeschwindigkeit, schusssichere Reifen, schalldichter Kofferraum.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 125.
mini|Mercedes 190 SL mini|Grenzkontrollpunkt Helmstedt (1967)
Am Pfingstsonntag 1956 passierte Hans Wax mit seinem Mercedes 190 SL den Grenzübergang Helmstedt/Marienborn. Sein Beifahrer war Horst Hesse. Wax und Hesse transportierten im Kofferraum die Agentenkartei der amerikanischen Military Intelligence Division (MID), die sie aus deren stark gesichertem Büro in Würzburg gestohlen hatten. Über ihre Vorgehensweise gibt es unterschiedliche Versionen. Am nächsten Tag wurden über 150 US-Agenten in der DDR festgenommen. Hesse wurde für diese Aktion als „Kundschafter des Friedens“ ausgezeichnet. Bei Wax unterblieb eine staatliche Ehrung, da sie weitere Einsätze unmöglich gemacht hätte.Christiane Kohl: Donner, Blitz und Teddy. In: Der Spiegel, 10/1996.
Wax, der sich den Hauptanteil an der „Aktion Schlag“ zuschrieb, betrachtete die fortgesetzten Ehrungen Hesses als persönliche Kränkung. Doch seine Frustration wurde in den nächsten Jahren aufgewogen durch neue, brisante Aufträge, mit denen er betraut wurde. Wax selbst schlug seinen Vorgesetzten immer wieder neue Projekte vor, die nicht bewilligt wurden: beispielsweise Anschläge auf den militärischen Teil des Flughafens München-Riem oder auf die Eisenbahnstrecke Bremerhaven-Hannover.Bernd Stöver: Zuflucht DDR, München 2009, S. 255.
Am 26. Juni 1958 sprengte Wax den Funkturm und das angrenzende Gebäude mit der Funkapparatur des vom NTS – Bund der russischen Solidaristen betriebenen Radiosenders „Freies Russland“ in Sprendlingen (Offenbacher Straße 31). Wax, der aus zwei Uhren selbst einen Zündsatz gebaut hatte, führte diese „Aktion Sender“ allein durch. Er wurde von seinen Auftraggebern mit einer Prämie von 15.000 D-Mark belohnt.Gedenkstätte Amthordurchgang Gera: Biografie Hans Wax; Hanna Labrenz-Weiß: Die Hauptabteilung II: Spionageabwehr (Handbuch), hrsg. vom BStU. Berlin 1998, S. 37; Christiane Kohl: Donner, Blitz und Teddy. In: Der Spiegel, 10/1996; Bernd Stöver: Zuflucht DDR, München 2009, S. 256.
Aus den erhaltenen Dokumenten ist nicht mehr zu belegen, ob Wax für das MfS auch Morde beging. Eindeutig ist aber, dass Wax in seinen Planungen stets die einfache Lösung favorisierte – die Zielperson (wie er es formulierte) „an Ort und Stelle unschädlich zu machen“.Bernd Stöver: Zuflucht DDR, München 2009, S. 257 f.
Bis 1961 hatte das MfS Hans Wax für seine Einsätze mit 165.000 D-Mark entlohnt. Aber das reichte nicht. Seine West-Berliner Autowerkstatt, die perfekte Tarnung über mehrere Jahre, war im Sommer 1961 nicht mehr zu retten – neben rund 250.000 D-Mark Steuerschulden summierten sich unbeglichene Öl- und Benzinrechnungen auf rund 150.000 D-Mark. Daher beschloss das MfS, Wax abzuziehen. Im Juli 1961 fuhr „Donner“ mit seinem Lancia nach Ost-Berlin. Seine Ehefrau Margot, mit der er seit 1955 verheiratet war, ließ er in West-Berlin zurück.Christiane Kohl: Donner, Blitz und Teddy. In: Der Spiegel, 10/1996.
Als Unternehmer in der DDR