Die Erstürmung von Schweidnitz war eine militärische Konfrontation während des Siebenjährigen Krieges. Sie dauerte vom 30. September bis zum 1. Oktober 1761. Die von einer preußischen Garnison verteidigte Festung Schweidnitz im Herzogtum Schweidnitz wurde dabei von der Kaiserlichen Armee eingeschlossen und bereits in der folgenden Nacht ohne vorhergehende Belagerung oder Bombardierung erstürmt.

Hintergrund Die Auseinandersetzungen auf dem östlichen Kriegsschauplatz des Siebenjährigen Krieges hatten mit der blutigen Schlacht bei Torgau (3. November 1760) ihren Höhepunkt erreicht. Die Verluste an Personal in diesem Kriegsjahr konnte keine Kriegspartei einfach ersetzen. Die Operationen des Jahres 1761 wurden daher lange als weitgehend unblutiger Manöverkrieg geführt. Als es dem preußischen König Friedrich II. nicht gelang, die Vereinigung der österreichischen Armee von 72.000 Mann unter Feldzeugmeister Gideon Ernst von Laudon und der Kaiserlich Russischen Armee von 58.000 Mann unter Feldmarschall Alexander Buturlin zu verhindern, bezog er mit seinen 55.000 Mann ab dem 20. August das befestigte Lager von Bunzelwitz. Das Lager wurde umfangreich verschanzt und lag nahe an der Festung Schweidnitz, deren Magazine zur Versorgung der Armee herangezogen wurden. Bis zum 14. September lagen sich die Armeen gegenüber und schließlich zog sich die russische Hauptstreitmacht am 14. September wegen Versorgungsschwierigkeiten nach Polen zurück. Loudon, bei dem ein russisches Korps unter Generalleutnant Sachar G. Tschernyschow zurückgeblieben war, verfügte mit 80.000 Mann noch immer über weitaus mehr Soldaten als der preußische König, aber Friedrich II. war zuversichtlich, weiter erfolgreich manövrieren zu können. Da die Magazine von Schweidnitz zur Neige gingen, beschloss er, die Preußische Armee in die Nähe der Festung Neisse zu verlegen. Sicher, dass Laudon ihm folgen würde, marschierte er am 26. September aus Bunzelwitz ab.Christopher Duffy: Friedrich der Große – Ein Soldatenleben, Augsburg 1994, S. 318–323. An seinen Bruder Prinz Heinrich schrieb er zuversichtlich: „Was uns betrifft, so glaube ich, dass Sie unbesorgt sein können hinsichtlich der uns angehenden Dinge und dass im Grunde die Kampagne bereits beendet ist, weil weder die Österreicher noch wir etwas unternehmen können.“Christopher Duffy: Friedrich der Große - Ein Soldatenleben, Augsburg 1994, S. 323.

Loudon folgte dem Preußischen Heer nicht, sondern verblieb in seinen Stellungen nahe Schweidnitz. Am 28. September erhielt er von einem Überläufer aus Schweidnitz die Information, dass die Garnison der Festung gerade nur aus vier Bataillonen bestand. Die Österreicher holten weitere Nachrichten ein und als diese den schlechten Zustand der Festungsverteidigung bestätigten, beschloss Loudon, einen direkten Handstreich zu versuchen, solange die Preußische Hauptarmee zwei Tagesmärsche entfernt stand. Zur Tarnung seiner Absichten ließ er den Abmarsch der Armee nach Reichenbach vorbereiten und ließ dazu auch einen Teil der Kavallerie abrücken.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 259 f.

Kampf um die Festung Vorbereitungen Die Festung Schweidnitz bildete als Grenzfestung zwischen Böhmen und Schlesien zugleich ein Bollwerk und einen Stützpunkt. Sie war damit eine der wichtigsten Festungen auf diesem Kriegsschauplatz. Sie war bereits im November 1757 von den Österreichern erobert (→ Belagerung von Schweidnitz) und dann im April 1758 von den Preußen zurückerobert (→ Belagerung von Schweidnitz) worden. Seitdem waren die Festungswerke ausgebessert worden, u. a. indem man zwischen den Außenwerken Verbindungslinien mit Wällen aufgeworfen hatte, um sie besser abzusichern. Insgesamt war die Festung mit 240 Geschützen, davon 68 Kanonen und 5 Mörser, bestückt. Allerdings hatte die 160 Mann starke Artillerie-Kompanie der Festung fast die Hälfte ihrer Mannschaften in andere Stützpunkte Schlesiens abkommandieren müssen und als Ersatz nur 100 Infanteristen erhalten. Überhaupt war die Besatzung mit vier Bataillonen (2 Btl./Rgt. Tresckow, 1 Btl./Rgt. Zastrow, 1 Btl./Rgt. Münchow) von ca. 2.450 Mann sehr schwach (die Besatzungen hatte 1757/58 ca. 8.000 Mann gezählt), auch wenn sie von 400 bis 500 Genesenen anderer Regimenter verstärkt wurden. Zudem befanden sich unter den Soldaten viele Überläufer und angeworbene Kriegsgefangene.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 261. Dass die Besatzung zu schwach war, um die Werke halten zu können „lag auf der Hand“, denn zu einem wirksamen Widerstand hätte es mindestens 9.000 Mann bedurft.Die Erstürmung von Schweidnitz durch den Feldzeugmeister Freiherrn v. Loudon am 1. October 1761, in: Österreichische Militärzeitschrift 1 (1860), S. 269 f.

Der Kommandant Generalmajor Leopold von Zastrow erkannte zwar merkwürdige Vorbereitungen bei den Österreichern und meldete dies noch am 30. September dem König. An einen Angriff auf die Festung glaubte er jedoch nicht. Als Vorsichtsmaßnahme sollten die Truppen dennoch ab 17 Uhr ihre Kampfabschnitte beziehen und dort auch während der Nacht bleiben: 400 Mann auf den Hauptwall und in die Forts I (»Galgenfort«), II (»Jauernicker Fort«), III (»Gartenfort«) und IV (»Bögenfort«). In die vier Redouten kamen je 30 Mann und 80 Mann besetzten die sechs Stadttore. Der Rest der Soldaten wurde auf weitere taktisch wichtige Punkte verteilt. Da die erwähnten Linien zwischen den Werken ebenfalls besetzt werden mussten, befanden sich in jedem Fort nur ca. 270 Mann. Der Stab des Kommandanten befand sich auf dem Hauptwall, während die Verteidigung je im nördlichen und südlichen Abschnitt von einem Major geleitet wurde. Das „Wasserfort“, wo sich etwa 200 österreichische Kriegsgefangene aufhielten, wurde nur durch eine doppelte Wache gesichert. Die wenigen Kavalleristen wurden im Vorfeld der Festung eingesetzt, um rechtzeitig Alarm schlagen zu können. Nachdem Generalmajor Zastrow zwischen 20 und 21 Uhr weitere Nachrichten erhielt, die auf einen Angriff hindeuteten, begab er sich gegen 22 Uhr selbst auf den Hauptwall nahe dem „Bögentor“.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 262 f.

Auf österreichischer Seite entwarf Loudons Generalquartiermeister Ernst von Gianini den Angriffsplan. Alle vier Außenforts der Festung sollten von je einer Sturmkolonne mit Leitern angegriffen werden. Jede Kolonne bestand aus 5 Bataillonen und 2 Kompanien Infanterie, 1 Kolonne Arbeiter, 1 Eskadron Dragoner und mehreren Geschützen; vier der beteiligten Grenadier-Kompanien stellte das russische Korps. Aus Kunzendort sollten die Kolonnen um 21 Uhr in die Bereitstellungsräume abrücken und dann nach abgestimmten Uhren um 2:30 Uhr nachts den Angriff zeitgleich beginnen. Dies schien wichtig, damit sich die Außenwerke nicht gegenseitig unterstützen konnten. Zum Leiter der Operation wurde Generalfeldwachtmeister Karl von Amadei bestimmt, der bereits den Sturm auf die Festung im Jahr 1757 geleitet hatte. Bereits am Vormittag des 30. September hatten Panduren unter Generalfeldwachtmeister Franz Maximilian Jahnus von Eberstädt die Festung eingeschlossen, damit niemand hineingelangen und die Garnison warnen konnte.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 260 f. Insgesamt bot Loudon nicht weniger als vier Grenadier- und 16 Füsilierbataillone, sechs Grenadierkompanien und vier Schwadronen auf, die von Artilleristen, Sappeuren, Pionieren, 160 Zimmerleuten, 400 Arbeitern und 560 Leiterträgern unterstützt wurden. Von diesen 15.000 Mann bildeten etwa 7.000 Mann die ersten Sturmkolonnen, die damit fast doppelt so stark waren wie die Festungsbesatzung.Die Erstürmung von Schweidnitz durch den Feldzeugmeister Freiherrn v. Loudon am 1. October 1761, in: Österreichische Militärzeitschrift 1 (1860), S. 266 f.

Sturm der Außenwerke mini|Zeitgenössische Karte zur Erstürmung von Schweidnitz; kolorierter Kupferstich mini|Darstellung der Erstürmung der Außenwerke von Schweidnitz (gut erkennbar sind die österreichischen Sturmkolonnen mit Leitern sowie die Explosion des »Bögenforts« gegen 4 Uhr); zeitgenössischer Kupferstich von Johann Martin Will

Um 2:30 Uhr begannen die Sturmkolonnen von dem Dörfchen Kunzendorf aus ihren möglichst lautlosen Angriff. Da das Gelände unterschiedlich beschaffen war, gelang es nicht alle Angriffsziele gleichzeitig zu erreichen. Allerdings konnten die preußischen Vorposten fast überall überwältigt zu werden. Zuerst erreichte die Sturmkolonne unter Oberstleutnant Josef de Vins am „Bögenfort“ ihr Ziel und wurde von den Preußen erst bemerkt, als sie bereits das Glacis erreicht hatte. Die Verteidiger unter Major von Ripp feuerten Leuchtkugeln ab und warnten so die anderen Werke. Es entspann sich ein kurzer Kampf gegen die 130 Verteidiger in der Envelope, aber durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit gelangten die Österreicher bald in den gedeckten Weg und kamen so an die Rückseite des Forts.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 263f. Die Fortbesatzung konnte zwei Sturmangriffe abwehren, bevor der dritte zur Eroberung des Werkes führte. Mit Leitern wurde das Werk erstiegen und bis 4:00 Uhr vollständig erobert. Zu diesem Zeitpunkt explodierte das Pulvermagazin des Forts und riss zahlreiche Angreifer in den Tod. Etwa 400 Mann der Angreifer und Teile der gefangenen preußischen Besatzung wurden dadurch getötet.Die Erstürmung von Schweidnitz durch den Feldzeugmeister Freiherrn v. Loudon am 1. October 1761, in: Österreichische Militärzeitschrift 1 (1860), S. 274. Die Ursache blieb ungeklärt und vielfach wurde Unvorsichtigkeit vermutet.Johann Gottlieb Tielke: Die drey Belagerungen und Loudonsche Ersteigung der Festung Schweidnitz in den Feldzügen von 1757 bis 1762, Freiberg 1781, S. 149f. Aber auf preußischer Seite erzählte man sich später, dass ein preußischer Artillerist sich absichtlich mit dem Magazin in die Luft gesprengt habe, weil die Angreifer dabei gewesen seien, die Preußen niederzumachen, ohne Gefangene zu nehmen.Johann Wilhelm von Archenholz: Geschichte des Siebenjährigen Krieges in Deutschland, Leipzig 1904, S. 405.

Auch der Wall nördlich des „Bögenforts“ wurde schnell von den Österreichern durchbrochen. Die Verteidiger des „Gartenforts“ waren bereits alarmiert und konnten unter dem Major von Siegroth die Envelope einige Zeit lang halten. Die Stellung fiel erst, als die Angreifer unter Oberstleutnant von Caldwell, welche den Wall links und rechts des Forts überwunden hatten, von rückwärts in die Envelope eindrangen. Die Preußen zogen sich hier in das Fort zurück, das bald darauf von den Österreichern mit Leitern erstiegen und erobert wurde.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 264. Der Kampf hatte hier kaum 15–30 Minuten gedauert.

Die Verteidiger des „Jauernicker Forts“ unter Major von Berrenhauer konnte rechtzeitig Leuchtkugeln abschießen und die Angreifer vom Fort und vom Wall aus unter Feuer nehmen. Zwar konnten sich die 150 Verteidiger der Envelope hier nur etwa 15 Minuten behaupten, aber der Hauptwall des Forts leistete zähen Widerstand.Eberhard Kessel: Das Ende des Siebenjährigen Krieges, Paderborn/München 2007, S. 264 f. Die Eroberung gelang den Österreichern unter Major von Link hier erst gegen 5 Uhr, nachdem es gelungen war, das Sperrgatter und die Zugbrücke an der Kehle des Forts zu überwinden.Die Erstürmung von Schweidnitz durch den Feldzeugmeister Freiherrn v. Loudon am 1. October 1761, in: Österreichische Militärzeitschrift 1 (1860), S. 275.