Michael May (* 31. Juli 1956 in Limburg an der Lahn) ist ein deutscher Sozialpädagoge und Vertreter einer an Marx und Praxisphilosophie anschließenden Kritischen Sozialen Arbeit. Seine Forschungsthemen sind: Theorien Sozialer Arbeit, Professionalität Sozialer Arbeit, Gemeinwesenarbeit, Subalternität und Intersektionalität.

Leben Michael May wurde als Kind einer aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammenden Flüchtlingsfamilie geboren, die durch die Flucht verproletarisiert wurde. Er war der erste Akademiker in seiner Familie und Verwandtschaft. In Frankfurt studierte er von 1976 bis 1981 an der Goethe-Universität im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaften die Studienrichtungen Sozialpädagogik/Sozialarbeit sowie Erwachsenenbildung/außerschulische Jugendbildung mit dem Fach Philosophie. Aufgrund seiner als Diplomarbeit an der Goethe-Universität ausgezeichneten ethnografischen Studie zu Jugendlichen eines Dorfes, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft ein Kernkraftwerk geplant wurde, bekam er die Gelegenheit, an einem Forschungsantrag im DFG-Schwerpunktprogramm „Pädagogische Jugendforschung“ mitzuwirken. Da diesem Erfolg beschieden war, arbeitete er von 1981 bis 1984 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in diesem Forschungsprojekt mit dem Titel „Zum Handlungsraum von Jugendlichen als Teil ihrer Lebenswelt“. 1986 wurde er an der Goethe-Universität mit seiner Dissertation zum Thema „Provokation Punk – Versuch einer Neufassung des Stilbegriffes in der Jugendforschung“ zum Dr. phil. promoviert.

Die historisch günstige Gelegenheit der ersten rot-grünen Koalition in Hessen nutzte Michael May, um über das „Institut für Jugendforschung und Jugendkultur“ das Modellprojekt „Jugendarbeit in der Großstadt – Jugendarbeit als integrierte Stadtteilarbeit“ zu beantragen, in dem er handlungsforschend Möglichkeiten der Stützung von Selbstorganisation marginalisierter Jugendlicher explorierte. Im Rahmen dieses Projektes gründete er mit anderen Aktivistinnen zusammen die „Frankfurter-Arbeitslosen-Kooperativen (FAK)“. Zudem engagierte er sich im Beirat der von dieser rot-grünen Landesregierung gegründeten „Stiftung nachbarschaftliche Träger“, durch die auch ein von ihm im Rahmen der Modellprojektes initiiertes und begleitetes Wohn- und Arbeitsprojektes junger Erwachsener gefördert werden sollte. Allerdings beendete ein Regierungswechsel sowohl die Stiftung, wie damit zugleich das geplante Wohn- und Arbeitsprojekt, als auch das Modellprojekt.

Von 1989 bis 1994 arbeitete Michael May dann als Assistent an der Universität Koblenz/Landau, Abteilung Koblenz, Seminar Pädagogik. In dieser Zeit führte er mit Kollegen der Universität Mainz und Trier zusammen die erste Evaluation des Diplomstudiengangs Erziehungswissenschaft in Rheinland-Pfalz durch. Er engagierte sich in seiner Assistenzzeit in der Geschlechterforschung – zum Beispiel in der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojektes „Förderung von Jungen und Mädchen in der Schule“ mit Vergleichsstudien in einem Jungen- und einem Mädchen-Gymnasium. Zudem arbeitete er an seiner Habilitationsschrift „Prolegomena zu einer materialistischen Theorie der Geschlechtlichkeit – Versuch einer Grundlegung für die Pädagogik“.

1994 wurde Michael May zum Professor für „Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Theorie und Methoden der Jugendarbeit, der Randgruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit“ am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Wiesbaden berufen, wo er sich vor allem im Rahmen des Projektstudiums in der Gemeinwesenarbeit engagierte. 1997 habilitierte er sich an der Goethe-Universität Frankfurt für das Fach Erziehungswissenschaft und wurde zum Privatdozenten am dortigen Fachbereich Erziehungswissenschaften ernannt.

In seiner Zeit als Prodekan und Dekan des Fachbereichs Sozialwesen der FH-Wiesbaden trieb er die Etablierung berufsbegleitender Studiengänge voran. In diesem Zusammenhang beantragte er mit anderen zusammen ein Bund-Länder-Kommissions Projekt zur Etablierung eines berufsbegleitenden, konstitutiven, blended-learning Masterstudienganges of Advanced Professional Studies, aus dem heraus sich der maps-Hochschulverbund entwickelte. In dessen Rahmen übernahm er 2005 die Leitung des Studienganges „Sozialraumentwicklung / Sozialraumorganisation“ in Wiesbaden, die er bis zum Ausscheiden aus dem Dienst innehatte. Mit Monika Alisch, der Studiengangsleitung in Fulda, begann er mit der Herausgabe der Reihe „Beiträge zur Sozialraumforschung“, in deren Bänden Masterstudierende Ergebnisse und Erfahrungen aus ihren Handlungsforschungsprojekten gemeinsam mit prominenten Forschenden publizieren. Mit den Studierenden des Masterstudienganges experimentierte er in dem Modul „Handlungsforschung“ mit Ansätzen, Partizipationsmethoden der Gemeinwesenarbeit und solche einer Kritischen Politischen Bildung im Kontext Sozialer Arbeit als Erhebungsmethoden zu nutzen, um diese dann mit gegenstandsangemessenen Methoden rekostruktiver Sozialforschung auszuwerten.

Von 1997 bis 2001 absolvierte Michael May eine Ausbildung in Integrativer Körperpsychotherapie. Diese beinhaltete auch Elemente der Gestalttherapie in Gruppen, mit denen er im Rahmen des Gendermoduls des BA Soziale Arbeit experimentierte. Zudem suchte er nach Ansätzen einer Weiterentwicklung von Lorenzers Programm einer „Hermeneutik des Leibes“ vor dem Hintergrund körperpsychotherapeutischer Modelle, um dies auf den Kontext Sozialer Arbeit zu beziehen.

Nachdem die ersten Masterstudierenden ihr Studium beendet hatten und einige Interesse an einer Promotion entwickelten, begann sich Michael May verstärkt der Drittmittel-Forschung zu widmen, um den Promotionsinteressierten Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiter zu verschaffen. Von 2008 bis 2011 fungierte er als 1. Vorsitzender des Forschungsförderzentrums der FH-Wiesbaden, von 2011 bis 2018 als der für Forschung zuständige Vorstand des „Institutes Sozialer Arbeit für Praxisforschung und Praxisentwicklung (ISAPP)“ am Fachbereich Sozialwesen der dann zu „Hochschule RheinMain“ umbenannten FH-Wiesbaden. Seine Denomination wurde in „Theorie und Methode Sozialer Arbeit unter besonderer Berücksichtigung der Gemeinwesenarbeit“ verändert, was auch Forschungsmethoden beinhaltete.

Nachdem Michael May 2011 als Vertreter der Hochschule RheinMain gemeinsam mit Helga Cremer-Schäfer von der Goethe-Universität Frankfurt das erste kooperative Promotionskolleg in Hessen zum Thema „Raum – Alltag – Produktionsweisen des Sozialen“ gegründet hatte, wurde er 2012 zum außerplanmäßigen Professor für Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität berufen, um damit die universitäre Seite in den kooperativen Promotionsverfahren vertreten zu können. Da immer wieder aus diesem Kolleg hervorgegangene Exposés vom Promotionsausschuss des Fachbereichs Erziehungswissenschaften zurückgewiesen wurden mit der Aufforderung, die erziehungswissenschaftlichen Aspekte stärker zu akzentuieren, begann sich Michael May für ein eigenes Promotionsrecht der HAW in Sozialer Arbeit zu engagieren. Der Antrag auf ein transdisziplinär ausgerichtetes Hessisches Promotionszentrum Soziale Arbeit, der von den Hochschulen RheinMain und Fulda gemeinsam mit der Frankfurt University of Applied Sciences beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst eingereicht wurde, war maßgeblich von ihm verfasst. Von 2017 an war er in der Leitung des zunächst auf fünf Jahre befristet genehmigten Zentrums tätig und fungierte als dessen Sprecher. Nachdem das Zentrum positiv evaluiert wurde mit der Auflage, ein eigenes Forschungsprogramm zu entwickeln, verlängerte er auf Wunsch des Ministeriums seine Dienstzeit um zwei Jahre, um dieses Programm auszuarbeiten und am Promotionszentrum zu etablieren.

2020 wurde Michael May von der Danish School of Education der Titel eines „Honorary Professor of Social Exclusion and Pedagogy in the Welfare State“ verliehen. Er koordinierte in diesem Rahmen die Forschungen zu Subalternität an den Universitäten Aarhus und Kopenhagen. Für das von ihm entwickelte online-Modul zu Theorien Sozialer Arbeit des maps-Hochschulverbundes erhielt er den Hessischen Preis für Exzellenz in der Lehre. Der von ihm koordinierte, vom BMBF geförderte Praxisforschungsverbund mit der Hochschule Fulda „AMIQUS: Ältere Migrantinnen im Quartier – Stützung und Initierung von Selbsthilfe und Selbstorganisation“ (BMBF Fkz.: 17S13A09) wurde sowohl mit dem Hessischen Forschungs- wie auch Integrationspreis ausgezeichnet.

Michael May engagiert sich seit Beginn der 1990er Jahre in der Redaktion der „Widersprüche – Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich“ und hat die Redaktion jahrelang im Arbeitsausschuss des Sozialistischen Büros vertreten. Als Vertrauensdozent ist er sowohl für die Hans-Böckler- wie auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung tätig. Er ist Mitglied der Kommission Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften, wie auch der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit, in der er in mehreren Sektionen (Theorie und Wissenschaftsentwicklung; Forschung; Gemeinwesenarbeit) und Fachgruppen (Adressaten, Nutzern und (Nicht)Nutzung Sozialer Arbeit; Promotionsförderung) aktiv ist.

Werk

Jugendforschung Schon im DFG-Projekt „Zum Handlungsraum von Jugendlichen“ entwickelte Michael May anhand der Kategorien von Vergemeinschaftungsformen, Kristallisationspunkten und sozialräumlicher Struktur der bevorzugten Orte eine Typologie Jugendlicher Milieus, die er mit den Begriffen Subkultur, Gegenkultur, manieristische Strömungen und institutionell Integrierte fasste. Diese versteht er als Idealtypen im Weberschen Sinne.

Seinem Postulat zufolge, dass historisch neues sich an den Bruchstellen und zwischen diesen Milieus entwickelt, hat er im Zuge seiner Dissertation eine Studie über Punks durchgeführt, die er zwischen Sub- und Gegenkultur verortete. In seiner Dissertation hat er diese im Zusammenhang mit seinem Versuch einer Neufassung des Stilbegriffes in der Jugendforschung kritisch reflektiert. Stil hat er dabei materialistisch in vier Facetten gefasst:

als bedeutungsvolle Abweichung, selbstbewusst subversive Bricollage und symbolischer Widerstand (im Anschluss an die New Cultural Studies des CCCS)

als einheitlicher Gesamtkomplex von Geschmackspräferenzen (im Anschluss an Bourdieu)

als Versuch in einer Metamorphose des Alltäglichen die Bruchstücke der Kultur zu vereinen (im Anschluss an Lefebvre) und

als Ausdruck eines kollektiv selbstorganisierten Produktionsprozesses, dessen Gegenstand zusammenhängenden menschliche Sinnlichkeit ist (im Anschluss an Negt/Kluge).

Hatte Michael May schon in diesem Zusammenhang die von ihm idealtypisch unterschiedenen Milieus von Jugendlichen versucht in Beziehung zu setzen zu deren spezifischen gesellschaftlichen Verortungen – sowohl was ihre soziokulturelle Herkunft, als auch ihr Verhältnis zum Gesamtzusammenhang der Gesellschaft selbst betrifft –, lernte er im Zuge einer internationalen Tagung Phil Cohen kennen, der dort seine Theorie der Reproduktionskodes vorstellte. Diese Theorie erlaubte May nicht nur sowohl jene gesellschaftliche Verortung sehr viel präziser zu fassen, wie auch die generativen Logiken, nach denen sich Interessensorientierungen entwickeln und Ausdruck verleihen. Sie erwies sich in nahezu allen seinen empirischen Forschungen zu Orientierungen verschiedenster durch die Soziale Arbeit adressierter Gruppen als fruchtbar, um deren Genese zu erklären.

Vor dem Hintergrund dieser Theorie kaum verwunderlich, konnten in verschiedenen, über drei Jahrzehnte hinweg von May wissenschaftlich geleiteten qualitativen und quantitativen Studien zur Bedarfsermittlung im Rahmen von Jugendhilfeplanung in städtischen und ländlichen Kontexten immer wieder auch diese vier Milieus identifiziert werden. Sein Interesse galt jedoch stets den Sozialitäten und den sich in ihnen Ausdruck verleihenden Interessensorientierungen, die sich nicht diesen Idealtypen zuordnen ließen.