Ernestine Eschelbacher geb. Benario (geboren 8. Juli 1858 in Wertheim; gestorben 5. Juli 1931 in Berlin) war eine der führenden Personen der jüdischen Frauenbewegung im Deutschen Reich im frühen 20. Jahrhundert.

Familie Eschelbacher war eine Tochter des Kaufmanns Leopold Benario (1822–1906), der ein Manufakturwarengeschäft in Wertheim besaß und dort zeitweilig auch stellvertretender Bürgermeister war. Ihre Mutter Johanna „Hannchen“ Löb (1828–1870) stammte aus Goldbach bei Aschaffenburg. Die Mutter brachte insgesamt 14 Kinder zur Welt und starb, als Ernestine zwölf Jahre alt war.

Unter Ernestines Geschwistern war der Bankier Gustav Benario (1868–1948).

Die Ursprünge der Familie Benario liegen in Obernbreit, wo ein Moses Loew 1817 den Familiennamen Benario (hebräisch ben = Sohn, ari = Löwe, o für Obernbreit) annahm. Alle Namensträger in Bayern gehen auf ihn zurück. Ernestine Benario ist deswegen auch verwandt mit Olga Benario-Prestes (1908–1942), nach der in der DDR Straßen, Schulen und Kindergärten benannt wurden.

Leben Ernestine Benario wuchs ab ihrem 14. Lebensjahr bei Verwandten in Bruchsal auf. Dort lernte sie Josef Eschelbacher kennen, der seit 1876 Bezirksrabbiner in Bruchsal war und den sie am 26. März 1879 heiratete. Der Ehe entstammten sechs Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten.

Rabbiner Eschelbacher machte sich in Bruchsal vor allem auch um die Jugendfürsorge verdient und gründete 1888 den Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden. Um den Jahreswechsel 1899/1900 folgte er einem Ruf als Rabbiner nach Berlin, wohin die gesamte Familie inklusive seiner Frau und der fünf inzwischen meist schon erwachsenen Kinder umzog.

Während Ernestine Eschelbacher sich in Bruchsal noch vorwiegend der Erziehung ihrer Kinder gewidmet hatte und auch die traditionellen Aufgaben einer Rebbetzin erledigte, beteiligte sie sich in der Zeit in Berlin in zunehmendem Maße an gesellschaftlichen und sozialen Anlässen. Gemeinsam mit ihrem Gatten gründete sie den Fürsorgeverein für hilflose jüdische Kinder, in dessen Vorstand sie über ein Vierteljahrhundert wirkte. Sie war 1910 an der Gründung eines jüdischen Wöchnerinnenheims und 1913 an der Gründung eines Mutter- und Kinderheims (Minna-Schwarz-Heim in der Brunnenstraße) beteiligt. Außerdem gehörte sie dem Vorstand des jüdischen Frauenvereins Judas Töchter und später des Frauenbundes Rahel an und stand der von ihr mitbegründeten Chewra Kadischa für Groß-Berlin vor. Gemeinsam mit ihrem Gatten nahm sie an der dritten Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden in Breslau 1909 teil. Darüber hinaus war sie mit den philosophischen Schriften ihres Gatten sowie auch dessen Forschungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Berlin inhaltlich bestens vertraut.

Zu ihrem besonderen Anliegen wurden die Arbeit der Schwesternvereinigungen, die als Frauengruppen analog des rein männlichen Ordens B’nai B’rith (Unabhängiger Orden Bne Briss, U.O.B.B.) entstanden waren. Als sich die Schwesternvereinigungen 1911/12 zum Schwesternverband zusammenschlossen, wurde Ernestine Eschelbacher auch dessen Vorsitzende.

Nach dem Tod ihres Mannes 1916 führte sie zunächst dessen Arbeit in den gemeinsamen wohltätigen Projekten fort, trat dann aber zunehmend auch als Rednerin mit eigenem Profil in Erscheinung. Sie wurde als Vertreterin der von ihrem Gatten gegründeten Religiösen Mittelpartei in die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin gewählt.

Gemeinsam mit Ella Seligmann unternahm sie 1920 einen Vorstoß vor dem Forum der Großlogentagung des U.O.B.B., der die volle Gleichberechtigung der Schwestern zum Inhalt hatte. Eschelbachers Anliegen war es, die jüdischen Frauen nicht nur auf Mitarbeit in den Wohltätigkeitsorganisationen zu beschränken, sondern ihnen auch gleichberechtigte Positionen innerhalb der chauvinistisch geprägten jüdischen Organisationen zu eröffnen, zumal die Schwesternschaften unter der Aufsicht des U.O.B.B. standen. Eschelbacher scheiterte zwar mit diesem Anliegen, setzte sich in der Folgezeit umso energischer für die Mitbestimmung jüdischer Frauen innerhalb des U.O.B.B. und die Rechtsstellung der jüdischen Frauen im Allgemeinen ein, wofür sie unermüdlich im gesamten Deutschen Reich reiste, um Vorträge zu halten.

Ab 1928 gab sie das Mitteilungsblatt des Schwesternverbandes der U.O.B.B.-Logen Die Logenschwester heraus, in dem sie zahlreiche Aufsätze zur Stellung der jüdischen Frauen veröffentlichte. Im Lauf der Zeit galt ihr Interesse insbesondere Witwen und geschiedenen Frauen.

Schließlich stand sie mehrmals der Hamburger Konferenz des Weltbundes jüdischer Frauen vor, wo sie Einfluss auf die Diskussionen zu Fragen der Agunot (verlassene Frauen ohne Scheidebrief), der Ehescheidung im Allgemeinen und der Chalitza (Verweigerung der Leviratsehe) nahm.

Sie war Mitglied im Kulturverband für Palästina und des engeren Vorstandes der Abteilung Deutschland des Verbandes zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden, wo sie sich für die Mitwirkung von Frauen bei der Aufbauarbeit in Palästina einsetzte.

Zu ihrem 70. Geburtstag 1928 wurde Ernestine Eschelbacher vielfach gewürdigt. In einer Festnummer der Logenschwester schrieb Leo Baeck eine Laudatio. Der Oberrat der Israeliten in Karlsruhe verlieh ihr den Tugendpreis. Aus einer anlässlich dieses Geburtstages überreichten Ehrengabe verschiedener Organisationen errichtete Ernestine Eschelbacher die Ernestine-Eschelbacher-Stiftung zur Bildung und Weiterbildung jüdischer Frauen mit einem Stiftungskapital von 10.000 RM, aus dessen Erträgen erstmals 1929 mehrere jüdische Frauen gefördert wurden.Unter den Begünstigten wird eine Religionslehrerin genannt, bei der es sich wahrscheinlich um Regina Jonas handelt, die damals noch in Ausbildung war.

mini|Grab von Josef und Ernestine Eschelbacher auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee Im September 1929 leitete Ernestine Eschelbacher die erste Großkundgebung jüdischer Frauen im Jüdischen Friedensbund. Sie vollzog außerdem den Beitritt des Friedensbundes zum von der Vereinigung des Weltbundes für Internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen und Friedensbund Deutscher Katholiken vorgeschlagenen Allgemeinen Friedenswerk.

Sie starb nach kurzer schwerer Krankheit am 5. Juli 1931 und wurde an ihrem Geburtstag (8. Juli) im Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee zu Grabe getragen. Grabreden hielten Rabbiner Moritz Freier von der Alten Synagoge, ihr Sohn Max Eschelbacher, die stellvertretende Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes Anna Lewy, sowie Leo Baeck als Vertreter der Großloge, des Schwesternverbandes und der Chewra Kaddischa.

Ernestine Eschelbacher hat sich selbst nicht als Frauenrechtlerin betrachtet, sondern als RabbinerinWeiss 1996, S. 207. mit einem Aufgabenfeld, das weit über das der Rebbetzin (Frau des Rabbiners) hinausgeht. Die erste förmlich zur Rabbinerin ordinierte Frau war schließlich Regina Jonas aus der Berliner jüdischen Gemeinde, die Ernestine Eschenbacher in den 1930er Jahren als Rednerin vor dem Jüdischen Frauenbund und den U.O.B.B.-Schwesternschaften nachfolgte.

Literatur Elmar Weiss: Der Gerechte lebt durch seine Treue. Löb Eschelbach (1804–1881), Dr. Josef Eschelbacher (1848–1916), Ernestine Eschelbacher, geb. Benario (1858–1931): Anmerkungen und biographische Notizen zu zwei jüdischen Generationen in Deutschland, Veröffentlichungen des Vereins zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum, Band 3, 1996, hier speziell S. 199–217.

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