Gustav Adolf Graf von Gotter und seine Nichte Friederike von Wangenheim in Pilgertracht beziehungsweise Gustav Adolf Graf von Gotter mit Friederike von Wangenheim als Pilger des Ordens der heiteren Einsiedler ist ein Rokoko-Gemälde des französischen königlich-preußischen Hofmalers Antoine Pesne. Es steht in der Tradition der Fête-galante-Bilder Antoine Watteaus. Das Gemälde ist in zwei fast identischen Versionen überliefert, dem Hauptbild im Schloss Sanssouci in Potsdam, sowie einer Kopie im Schloss Molsdorf in Molsdorf/Erfurt, Thüringen.
Beschreibung Den größten Raum des Bildes nehmen zwei Porträts in Hüfthöhe ein. Beide Figuren sind vom Betrachter aus nach links geneigt. Den rechten Bildteil und den Vordergrund nimmt das Porträt eines korpulenten Mannes, Gustav Adolf Graf von Gotters, ein. Er trägt einen qualitativ hochwertigen, schwarzen Pilgerumhang, dessen Kragenränder durch einen dünnen, roten Saum abgesetzt sind. Sein Ausschnitt ist recht tief und leger, man kann noch den Rand des Hemdes erkennen. Die linke Hand hat er in die Hüfte gestützt, die rechte Hand hält einen langen Pilgerstab, an dessen oberen Ende eine Pilgerflasche befestigt ist. Auf dem Kopf trägt er einen Hut mit Krempe. Die Haare sind ordentlich frisiert, Gotter hat seinem Alter entsprechend – er ist zur Zeit der Fertigung des Bildes Mitte bis Ende 50 – graue Locken. Der Blick wendet sich aufmerksam dem Betrachter zu, der Mund ist leicht geöffnet, deutet ein leichtes, spöttisches Lächeln an. Der Mantel ist an den Schultern mit mehreren, der Hut mit einer einzelnen Pilgermuschel verziert.
Hinter Gotter steht in der linken Bildhälfte eine junge Frau. Sie trägt einen rotbraunen, über die Schulter geworfenen Pilgerumhang. Dieser ist ihr jedoch von der rechten Schulter gerutscht, wodurch ihre Brust auf dieser Seite unverdeckt ist. Während Gotters Körper nach rechts ausgerichtet ist, steht sie Frontal zum Betrachter. Den Blick hat sie auf ihren Begleiter gerichtet, fixiert ihn geradezu. Auch sie hat ein, allerdings eher freundliches, leichtes Lächeln aufgesetzt. Auf dem Kopf trägt sie einen flachen, mit Blumen geschmückten Strohhut. Auch sie hat am Umhang Jakobsmuschelschalen befestigt.
Das 107 × 87 cm große Bild ist in Erdfarben gehalten. Der Hintergrund ist weitestgehend in Brauntönen gefasst. Daneben kommen Schwarz-, Gelb- und Rottöne vor. Grün und Blau beschränken sich weitestgehend auf kleinere Schmuckelemente an den Hüten.
Hintergründe und Einordnung Gustav Adolf von Gotter ließ sich mehrfach in lebenslustiger Weise und den Sinnesfreuden fröhnend porträtieren. So zeigen ihn beispielsweise Gemälde von Johann Kupetzky und David Matthieu als Nimrod, Anna Dorothea Therbusch malte ihn als Bacchus. Bezug nimmt das Bild wahrscheinlich auch auf die Aufnahme Gotters in den Gothaer Eremitenorden, den „Orden der heiteren Einsiedler“, im Jahr 1743. Dieser der Geselligkeit dienende Orden wurde 1739 auf Anregung seiner Frau Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg durch Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg gestiftet. In der Tracht, die im frühen 18. Jahrhundert in Frankreich entwickelt wurde und über das Theater in Europa verbreitet wurde, wird Bezug zum religiösen Pilgertum genommen, dieses aber im Sinne der Fête galantes in ein sinnliches, lebensfrohes Pilgertum umgedeutet. Diese Form des Pilgertums führte demnach nicht zu einem der religiösen Pilgerzentren, sondern analog zu Watteau „Liebespilgerschaft“ in ein sinnliches Phantasiereich. Neben der Kleidung nehmen auch andere Attribute des Bildes darauf Bezug: die Pilgermuscheln, die Pilgerstäbe und die Pilgerflasche. Hier werden sie jedoch in einem erotischen Sinne umgedeutet. Auch die freizügige Darstellung der Begleiterin spielt auf dieses Aspekt an. Es ist unwahrscheinlich, dass ein solcher Bildaspekt ohne direkte Absprache mit dem Auftraggeber Gotter durch Pesne umgesetzt worden wäre. Wer die Frau an Gotters Seite wirklich ist, ist unklar. Die Deutung und Bezeichnung als seine Nichte Friederike von Wangenheim hat sich erst später eingebürgert. Dennoch ist eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotters Nichte, die ebenfalls von Pesne gemalt worden war, auffällig.
Das Original des Gemäldes ist seit 1773 als Wandschmuck des ersten Gästezimmers im Schloss Sanssouci nachweisbar. Hier wird es zunächst noch unter der Beschreibung Das Bild des Grafen Gotter, wie ein Pilgrim angekleidet, mit einer Pilgerin an seiner Seite geführt. Eine zweite Fassung hat sich bis heute in Gotters früherem Besitz, dem Schloss Molsdorf, erhalten. Es gehört heute zum Bestand des Angermuseums Erfurt, verblieb aber als Leihgabe im Schloss.Flyer des Schlossmuseums Molsdorf mit dem Gemälde als Titelbild, 2009 Dort befindet sich in Raum 79 ebenfalls ein Fresko, welches das Motiv in stark veränderter Form aufnimmt, Gotter etwa nicht als Pilger, sondern als Eremit zeigt. Vom Kupferstecher Johann Georg Schleuen ist ein Stich des Bildes aus dem Jahr 1759 bekannt.Gustav Adolf Graf von Gotter mit Friederike von Wangenheim als Pilger des Ordens der heiteren Einsiedler (1692–1767) in der Datenbank Gemälde in Museen – Deutschland, Österreich, Schweiz Online. Von Pesne selbst gibt es noch eine zweite, dezentere Version des Motivs, das wahrscheinlich den Maler Adolf Friedrich Harper und dessen Frau zeigt. Dieses Bild befand sich zunächst im Besitz der Königin Sophie Dorothea, danach gehörte es deren Tochter Amalie von Preußen. Im Nachlassverzeichnis der Königin wurde es als ein Pillgrim un Pellerine von Pesne geführt und auf 102 Taler und 12 Groschen taxiert.Eckhart Berckenhagen, Pierre du Colombier, Margarete Kühn, Georg Poensgen: Antoine Pesne. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin 1958, Nummer 140 a. Das Bild gilt heute als verschollen.
Sowohl das originale Gemälde, wie auch die entschärfte Fassung haben klare Bezüge zu Watteaus Darstellungen der Liebespilgerschaft, wofür nicht zuletzt die Mehrfigurigkeit der Bilder sprechen. Pesne hatte Paris jedoch schon vor Watteaus Erfolgen verlassen und musste somit auf anderen Wegen Watteaus Anregungen erhalten haben. Die Charlottenburger Version der Einschiffung nach Kythera wurde erst 1763, also nach dem Tod Pesnes, erworben. Beeinflusst haben könnten ihn indes Nachahmungen Watteaus, etwa Nicolas Lancrets Gemälde Das Moulinet, das erstmals 1750, also gegen Ende der möglichen Entstehungszeit der Bilder, als Teil der Sammlung in Sanssouci erwähnt wurde, oder Bilder Charles-Amédée-Philippe van Loos im Schloss Charlottenburg. Zudem kursierten graphische Adaptionen der Werke Watteaus, die Pesne gekannt haben dürfte. In der Form unterschieden sich Pesnes Doppelporträts in Pilgerkleidung deutlich von den Einzelporträts in dieser Bekleidung. Ein ehemals Pesne, mittlerweile eher Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff zugeschriebenes Porträt zeigt Gotter in der gängigen Form.Eckhart Berckenhagen, Pierre du Colombier, Margarete Kühn, Georg Poensgen: Antoine Pesne. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin 1958, Nummer 132 d. Das Bild gilt seit 1945 als verschollen. Pesne hat aber auch beispielsweise Wilhelmine von Preußen in den 1740er Jahren für das Neue Palais in der Weise dargestellt. Ein ähnliches Bild besinfet sich heute als Raubkunst im Puschkin-Museum in Moskau.
Literatur Antoine Pesne 1883–1757. Ausstellung zum 300. Geburtstag. Generaldirektion der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, Potsdam 1983, Seiten 97–100.
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