Die FIM-92 Stinger (zu ) ist eine schultergestützte Flugabwehrrakete (englisch Man Portable Air Defense System (MANPADS)) aus den Vereinigten Staaten. Ursprünglich von General Dynamics entwickelt, wird sie heute von der RTX Corporation produziert.
Geschichte Entwicklung Die FIM-92 Stinger wurde als Nachfolger der MANPADS FIM-43 Redeye entwickelt. Aufgrund der unbefriedigenden Leistungen der Redeye entstand noch zum Zeitpunkt ihrer Einführung eine Studie zur Weiterentwicklung dieses Lenkflugkörpers. Die Studie der United States Army und von General Dynamics startete im Jahr 1967 und mündete in das Advanced Seeker Development Programme (ASDP) welches später in Redeye 2 umbenannt wurde. Im März 1972 wurde mit der eigentlichen Entwicklung der XFIM-92 Stinger bei General Dynamics begonnen. Der erste Teststart eines jetzt FIM-92A bezeichneten Lenkflugkörpers erfolgte im November 1973. Bei den weiteren Tests wurden Mängel und Probleme an der Stinger festgestellt. Insbesondere konnte der Zielsuchkopf keine frontal anfliegenden Ziele erfassen. Überhaupt zeigte der Zielsuchkopf nur geringfügig bessere Leistungen als der vom Vorgängermodell. Daher musste die Stinger mehrfach nachgebessert werden. Nachdem sich keine Lösung mit dem problembehafteten Zielsuchkopf abzeichnete, erteilte 1974 das US Army Missile Command (MICOM) der Ford Aerospace den Auftrag zur Entwicklung einer MANPADS mit Laserlenkung. Dieser Lenkflugkörper sollte mit geringem Entwicklungsrisiko als Alternative zur Stinger entwickelt werden. Der erste Teststart dieses Saber bezeichneten Lenkflugkörpers erfolgte im November 1975. Zwischen 1975 und 1976 konnten die Probleme mit der Stinger behoben werden. Weiter wurde die Anzahl der elektronischen Bauteile um 15 % verringert, was die Kosten der Stinger deutlich reduzierte. Daraufhin wurde der Entwurf vom Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten akzeptiert. Nach einer weiteren Testkampagne, bei der 130 Stinger gestartet wurden, bekam General Dynamics im April 1978 den Auftrag zur Serienfertigung der FIM-92A Stinger. Im Jahr 1981 wurde die operationelle Reife der FIM-92A Stinger erreicht. Nach der Einführung bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten wurde die Stinger in mehreren Baulosen weiterentwickelt und modernisiert. Im Jahr 1992 wurde die Lenkwaffensparte von General Dynamics an Hughes Electronics veräußert, welche mit Raytheon fusionierte. Seit 1997 erfolgt die Produktion und Weiterentwicklung der Stinger dort. Bis 2022 wurden rund 70.000 FIM-92 Stinger in den USA sowie unter Lizenz in anderen Ländern gefertigt.Tony Cullen & Christopher F. Foss: Jane’s Land-based Air-Defence, Edition 2002–2003. 2002, S. 38–42.Steven J. Zaloga: Infantry Antiaircraft Missiles, Man-Portable Air Defense Systems. 2023, S. 27–32 & 61–69.Christopher Chant: Air Defense Systems and Weapons: World AAA and Sam Systems in the 1990s. 1989, S. 128–133.Forecastinternational.com: FIM-92 Stinger (PDF; 0,1 MB)Designation-systems.net: Raytheon (General Dynamics) FIM-92
Lizenzbau Ab den späten 1980er-Jahren erfolgte in verschiedenen Ländern ein Lizenzbau der FIM-92 Stinger. So zum Beispiel in Deutschland bei Dornier GmbH (heute Airbus Defence and Space), in der Schweiz bei der RUAG, in der Türkei bei Roketsan sowie in Japan bei Kawasaki Heavy Industries und Toshiba.
Spionage Die Sowjetunion gelangte Anfang der 1980er-Jahre durch einen Mitarbeiter von ITT Inc. in Griechenland an sensible technische Daten der Stinger. Weiter wurden im Krieg in Afghanistan (1979–1989) von sowjetischen Truppen Stinger erbeutet und später in der Sowjetunion analysiert. Dabei wurde der Zielsuchkopf und die Elektronik mittels Reverse Engineering nachgebaut, was in die Entwicklung der 9K38 Igla-N mündete. Daneben gelangten auch technische Daten der Stinger in die Volksrepublik China und Nordkorea, wo entsprechende Nachbauten entstanden.
Nachfolgemodell Die älteren Stinger-Modelle, insbesondere die weit verbreiteten FIM-92E Stinger-RMP Block I haben 2023 das Ende ihrer Nutzungsdauer erreicht. Mit dem Nachrüsten dieser Modelle kann die Nutzungsdauer um 10 Jahre verlängert werden. Im Jahr 2020 wurde Raytheon und Lockheed Martin beauftragt ein Stinger-Nachfolgemodell zu entwickeln. Dieses soll über mindestens dieselbe Einsatzleistung sowie Flugenveloppe wie die FIM-92J Stinger PROX verfügen. Hinzu soll das Nachfolgemodell in einer sekundären Rolle auch gegen Bodenziele eingesetzt werden können. Zwischen 2026 und 2030 sollen 8.000 neue Lenkflugkörper an die Streitkräfte der Vereinigten Staaten ausgeliefert werden.Taskandpurpose.com: The Army is hunting for a replacement for its man-portable Stinger missileAviationweek.com: U.S. Army Opens 5-Year Search For Stinger Missile ReplacementTwz.com: The FIM-92 Stinger Surface-To-Air Missile May Finally Get A Replacement
Technik Das Stinger-System besteht aus einem Transport- und Startrohr (Abschussrohr) aus GFK mit dem Lenkflugkörper sowie dem Start- und Visiergerät (Griffstück). Das gesamte System wiegt schussbereit 15,8 kg.
Start- und Visiergerät An das Startrohr wird das Start- und Visiergerät (Griffstück) montiert. Dieses enthält unter anderem eine monokulare Tageslicht-Zieloptik mit Strichplatte, eine Steuerungskarte sowie weitere Bedienelemente und den Abzug. Das Start- und Visiergerät hat ein Gewicht von 2,1 kg. Unten in das Start- und Visiergerät wird der BCU-Behälter (Battery Coolant Unit) eingesetzt. Diese Einwegkartusche enthält eine Thermalbatterie, die das Stinger-System vor dem Lenkflugkörperstart während rund 45 Sekunden mit 20 Volt elektrischer Spannung versorgt und eine Gasflasche. Sie enthält Argon unter einem Nenndruck von knapp 414 bar. Das Gas wird verwendet, um durch den Joule-Thomson-Effekt die Infrarotdetektoren des Zielsuchkopfes zu kühlen. Die BCU wiegt 0,4 kg. Optional kann mit dem Stinger-System ein Gerät zur Freund-Feind-Erkennung (IFF) vom Typ AN/PPX-3 verwendet werden. Dafür wird auf das Start- und Visiergerät eine faltbare Antenne mit einem Gewicht von rund 2 kg aufgesetzt. Das zugehörige IFF-Antwortgerät wiegt rund 2,6 kg und wird im Bandelier des Schützen untergebracht. Antenne und Antwortgerät sind mit einem Datenkabel verbunden. Als weitere Option stehen für das Stinger-System die Nachtsichtgeräte F4960 oder AN/PAS-18 WASP (Wide Angle Stinger Pointer) mit einem Sichtfeld von 12×20° zur Verfügung.Publicintelligence.net: FM 3-01.11 – Air Defense Artillery Reference Handbook (PDF; 3,9 MB)Fas.org: Stinger Weapon System (PDF; 0,1 MB)
Lenkflugkörper mini|Ein von Roketsan unter Lizenz produzierter Stinger-Lenkflugkörper; zwei vordere Flügel sind schwenkbare Steuerflächen Der Lenkflugkörper ist in einem Transport- und Startrohr (Abschussrohr) untergebracht. Dieser Behälter wiegt beladen 13,3 kg. Der Lenkflugkörper wiegt 10,1 kg und hat einen schlanken, zylinderförmigen Rumpf. Dieser ist inklusive der Ausstoßladung am Heck 1,52 m lang. Im Flug hat der Lenkflugkörper eine Länge von 1,37 m. Der Lenkflugkörper ist in sechs Sektionen aufgeteilt: Hinter der transparenten Lenkflugkörperspitze befindet sich der bewegliche Zielsuchkopf. Dieser ist ein passiver Infrarot-Zielsuchkopf und sendet keine elektromagnetischen Wellen aus. Da der Lenkflugkörper während des Fluges um die Längsachse rollt, ist der Zielsuchkopf mit einer kardanischen Aufhängung im Rumpf verbaut. Bei der ersten Ausführung FIM-92A werden im Zielsuchkopf Detektoren mit Indiumantimonid für Mittleres Infrarot verwendet. Dieser Zielsuchkopf arbeitet auf einer Wellenlänge von 3,5–5,0 µm. Vor dem Start werden die Detektoren durch Argon aus dem BCU-Behälter gekühlt. Ab der Ausführung FIM-92B wird als Zielsuchkopf das Dual Detector Assembly (DDA) verwendet. Bei diesem sind neben den Indiumantimonid-Detektoren zusätzlich Cadmiumsulfid-Halbleiter für den UV-Bereich verbaut. Diese arbeiten auf einer Wellenlänge von 0,3–0,4 µm. Dieser Zielsuchkopf verwendet eine Rosettenabtastung und arbeitet nach dem Prinzip der digitalen Signalverarbeitung mit Frequenzmodulation. Hinter dem Zielsuchkopf ist die Lenkeinheit untergebracht. Diese besteht aus der Elektronik sowie dem Trägheitsnavigationssystem. Weiter sind hier ein Gasgenerator und Nickel-Cadmium-Akkumulatoren für die Energieversorgung verbaut. Ebenso sind hier die Aktoren sowie vier ausklappbaren Flügel untergebracht. Davon sind zwei starre Stabilisierungsflächen und zwei sind bewegliche Steuerflächen. Dahinter folgt der 1,02 kg wiegende Gefechtskopf. Dieser besteht aus einem Hohlzylinder aus einer pyrophoren Titanlegierung, der mit 320 g HTA-Sprengstoff befüllt ist. Hinten auf dem Hohlzylinder ist der M934E6-Aufschlagzünder mit dem Hard Target Sensor (HTS) montiert. Dahinter ist das Mk 12-Feststoffraketentriebwerk von Atlantic Research Corporation (heute Aerojet) verbaut. Dieses verwendet als Raketentreibstoff Ammoniumperchlorat-Verbundtreibstoff mit Hydroxyl-terminiertem Polybutadien als Träger. Das Raketentriebwerk arbeitet mit zwei Schubstufen. Die erste Schubstufe verwendet einen schnellabbrennenden Treibsatz, der den Lenkflugkörper nach dem Start innerhalb kurzer Zeit auf die Maximalgeschwindigkeit beschleunigt. Nach dem Ausbrennen der ersten Stufe brennt verzugslos die zweite Schubstufe ab, die für das Aufrechterhalten der Geschwindigkeit sorgt. Zuhinterst im Heck befindet sich die Düse. Weiter sind dort vier Faltleitwerke angebracht. Am Lenkflugkörperheck ist die Ausstoßladung angebracht. Diese stößt den Lenkflugkörper aus dem Transport- und Startrohr und fällt danach zu Boden. Verwendet wird ein schnellabrennendes Feststoffraketentriebwerk mit demselben Raketentreibstoff wie der des Lenkflugkörpers.Edward L. Korb: The World's Missile Systems. Seventh Edition. 1982. S. 297–298.Ndupress.ndu.edu: Critical Technology Events in the Development of the Stinger and Javelin Missile Systems (PDF; 0,6 MB)Ethz.ch: MANPADS A Terrorist Threat to Civilian Aviation? (PDF; 6,7 MB)Threat Support Directorate: OPFOR Worldwide Equipment Guide Vol. 2 – Air and Air Defenses Systems. TRADOC DCSINT, Fort Leavenworth, 2016.Combustion Products of Propellants and Ammunition in Occupational Health in Textbook of Military Medicine series [Part III. Disease and the Environment], Januar 1993Aviation-assets.info: Field Manual FM 1-140 Helicopter Gunnery (FM 3-04.140) (PDF; 2,3 MB)
Startplattformen mini|Litauische Schützen mit Stinger-Systemen mini|4 Stinger-Raketen auf einem Spähwagen Fennek mini|Air-to-Air-Stinger (ATAS) an einer Außenlaststation eines Eurocopter Tiger Die FIM-92 Stinger wurde zur Verwendung als schultergestützte Flugabwehrrakete (MANPADS) entwickelt. Daneben kann sie von verschiedenen weiteren Startplattformen aus gestartet werden. So existieren verschiedene Startanlagen, bestehend aus einem Dreibein mit Sitzfläche und optionalem Wetterschutzdach für den Schützen. Auf beiden Seiten des Schützen können zwei bis vier Stinger-Abschussrohre montiert werden. Dem Schützen steht eine Visiereinrichtung mit optionalem Nachtsichtgerät zur Verfügung. Solche Startanlagen werden in den USA, Deutschland, der Türkei, in Dänemark und anderen Staaten produziert. An diese Startanlagen kann das C2-System Stinger Alerting and Cueing System (MACS) montiert werden. Dieses empfängt über ein Funkgerät Daten von der Luftraumüberwachung. Dem Schützen werden dabei auf einem Anzeigetablett die Flugrouten (Azimut und Elevation) von Luftzielen dargestellt. Damit wird eine Frühwarnung für den Schützen sichergestellt.