Ettore Carlo Giacinto Brissa (* 16. Januar 1932 in Domodossola; † 19. Juli 2023 in Heidelberg) war ein italienischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer.
Leben und Wirken
Brissa wuchs in Mailand auf. Sein Vater Antonio Brissa war Kommissar der öffentlichen Sicherheit (commissario di pubblica sicurezza) in Domodossola und später Regierungskommissar (commissario prefettizio) in mehreren italienischen Gemeinden, darunter Cannobio und Cortina d’Ampezzo. Während des Zweiten Weltkriegs schloss er sich der Resistenza an und wurde Vorsitzender des örtlichen Comitato di Liberazione Nazionale; 1944 wurde er verhaftet und inhaftiert. Nach der Befreiung wurde er zum Polizeipräsidenten (questore) von Mailand ernannt.
Ettore Brissas Mutter Giovanna „Gianna“ Giovanola (1900–1985) stammte aus einer Familie aus Cannobio, aus der auch der Senator des Königreichs Italien Antonio Giovanola hervorging.
Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich die Familie in Cannobio auf, wo Brissa die Ereignisse der Resistenza unmittelbar erlebte, was sein späteres Denken nachhaltig prägte.
1950 legte Brissa am Liceo Classico „Giovanni Berchet“ in Mailand die Reifeprüfung ab. Anschließend studierte er Philosophie an der Universität Pavia als Stipendiat des Collegio Ghislieri und schloss sein Studium 1954 ab.
Nach einem Studienaufenthalt in Zürich begann er 1956 seine akademische Laufbahn an der Universität Heidelberg als Lektor für italienische Sprache. Im Laufe seiner Karriere war er unter anderem als Akademischer Rat, Akademischer Oberrat und schließlich als Akademischer Direktor tätig, bis er 1997 in den Ruhestand trat.
Er war zudem Mitglied des Senats sowie des Verwaltungsrates der Universität Heidelberg.
Brissa arbeitete über viele Jahre als Mitarbeiter der Kulturseite der Rhein-Neckar-Zeitung. Von 2009 bis 2014 war er Präsident der Società dei Verbanisti, anschließend deren Ehrenpräsident sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Zeitschrift Verbanus.
Er lebte überwiegend in Heidelberg, blieb jedoch eng mit Cannobio verbunden.
Brissa starb 2023 in Heidelberg; seine Asche wurde in Cannobio beigesetzt.
Der Autor und Bundesbeamte Enrico Brissa ist sein Sohn.»Ich bin Europäer, Deutscher und Italiener«. In: uni-heidelberg.de. Abgerufen am 4. April 2026.
Wissenschaftliche Tätigkeit
Brissa ist Autor zahlreicher in italienischen und internationalen Fachzeitschriften veröffentlichter Arbeiten.
Sein Denken wurde maßgeblich von der sogenannten Scuola di Milano geprägt, insbesondere von Antonio Banfi, Giulio Preti und Enzo Paci. Seine Philosophie verstand sich als kritische Praxis zur Reflexion des Verhältnisses von Denken und Realität und entwickelte insbesondere eine Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Philosophie und Erinnerung, die er als eine „Ästhetik der Erinnerung“ interpretierte.
Seine wissenschaftliche Arbeit konzentrierte sich zudem auf den deutsch-italienischen Kulturtransfer, Literaturwissenschaft sowie Fragen der Übersetzung und kulturellen Rezeption. Er beschäftigte sich unter anderem mit Karl Marx, Antonio Gramsci, Pier Paolo Pasolini, Johann Wolfgang von Goethe und Alessandro Manzoni.
Sein wissenschaftliches Arbeiten war dabei eng mit einem praktischen Verständnis von Philosophie verbunden, die nicht in abstraktem Formalismus verharren, sondern zur Orientierung in gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen beitragen sollte.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Brissa auch aktiv in das kulturelle Leben eingebunden und stand in Verbindung mit dem Theatermilieu um das Piccolo Teatro di Milano sowie Persönlichkeiten wie Giorgio Strehler und Paolo Grassi.
Sein Wirken war insgesamt geprägt von dem Bestreben, kulturelle Vermittlung nicht nur als akademische Aufgabe, sondern als Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zur Verständigung zwischen Italien und Deutschland zu verstehen.
Werke (Auswahl)
Monografien und Herausgeberschaften
Per un alfabeto della memoria: aprile 1945 – 2020 (Cannobio, Comune di Cannobio, 2020) Un dopoguerra milanese: serate in via Mascheroni 5 con Dino Formaggio (Mailand, Mimesis Edizioni, 2018)
Beiträge in Sammelbänden
Le patrie di Leonardo Olschki. In: Daniela Giovanardi, Harro Stammerjohann (Hrsg.), I Lettori d’Italiano in Germania, Tübingen, 1996 Garibaldi e l'opinione pubblica tedesca. In: Il lago Maggiore e Garibaldi, Laveno Mombello, 2009 Il caso Moro: rassegna della stampa estera (16 marzo–9 maggio 1978). In: Cultura e politica nell’esperienza di Aldo Moro, Mailand, Giuffrè, 1982 Il lago-specchio e il giardino sul lago. In: Horti Verbani, Verbania, 2002 Beitrag in Per la storia dei trasporti nell'area verbanese, Verbania, 1995
Aufsätze
J.G. Keyssler scrittore di viaggi enciclopedista. In: Verbanus, Nr. 15, 1994 A Stresa il vecchio Adamo del professor Kraus. In: Verbanus, Nr. 12, 1991 Goethe e la Alexis-Legende. In: Leggere e rileggere i classici, Quodlibet, 2004 Stolpersteine: iniziativa per restituire visibilità a un passato che non passa. In: Il Protagora, 2014 Anch'io: tradurre nella nostalgia. In: Il Protagora, 2019 Beiträge in der Zeitschrift Verbanus
Übersetzungen
Johann Wolfgang von Goethe: Il trionfo del sentimentalismo. Un capriccio drammatico (Rom, Semar, 1998) Johann Wolfgang von Goethe: I segreti e la massoneria (Rom, Semar, 1999) Martin Heidegger: Lettere a Julius Stenzel (1928–1932). In: Il Protagora, 2013
Auszeichnungen
2012: Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg 2013: Komtur des Ordens des Sterns von Italien
Einzelnachweise
Kategorie:Philosoph (20. Jahrhundert) Kategorie:Philosoph (21. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) Kategorie:Italianist Kategorie:Träger des Ordens des Sterns von Italien (Komtur) Kategorie:Träger der Staufermedaille Kategorie:Cannobio Kategorie:Italienischer Emigrant in Deutschland Kategorie:Italiener Kategorie:Geboren 1932 Kategorie:Gestorben 2023 Kategorie:Mann