Die Anämie bei chronischen Erkrankungen (ACD) ist nach der Eisenmangelanämie die zweithäufigste Form der Anämie, die bei chronischen Infektionen, anhaltender Immunaktivierung oder malignen Erkrankungen auftreten kann. Diese Zustände führen zu einem Anstieg von Interleukin-6, was die Produktion und Freisetzung von Hepcidin aus der Leber stimuliert. Hepcidin wiederum hemmt Ferroportin, ein Protein, das für den Transport von Eisen aus dem Darm sowie aus eisenspeichernden Zellen (z. B. Makrophagen) verantwortlich ist. Infolgedessen sinkt die systemische Eisenverfügbarkeit, die für die Synthese des roten Blutfarbstoffs essentiell ist. Weitere Mechanismen spielen ebenfalls eine Rolle, wie beispielsweise eine verminderte Bildung von roten Blutkörperchen.
Krankheitsentstehung Als Reaktion auf inflammatorische Zytokine, insbesondere Interleukin-6 (IL-6), produziert die Leber vermehrt Hepcidin. Hepcidin hemmt Ferroportin, wodurch die Freisetzung von Eisen aus Eisenspeichern verhindert wird. Somit kommt es zu einer verringerten Verfügbarkeit von Eisen im Blut. Inflammatorische Zytokine beeinflussen außerdem weitere wichtige Elemente des Eisenstoffwechsels, darunter hemmen sie vermutlich direkt die Bildung von Erythrozyten (Erythropoese), indem sie die Fähigkeit des Knochenmarks verringern, auf Erythropoetin zu reagieren, ein Hormon, das die Erythropoese fördert.
Zusätzlich zur Reduzierung der Verfügbarkeit von Eisen fördern inflammatorische Zytokine die Produktion von weißen Blutkörperchen. Das Knochenmark produziert sowohl weiße als auch rote Blutkörperchen aus denselben Vorläufer-Stammzellen. Die Hochregulation der weißen Blutkörperchen führt dazu, dass weniger Stammzellen zu roten Blutkörperchen differenzieren. Dieser Effekt kann eine wichtige zusätzliche Ursache für die verminderte Erythropoese bei der Anämie bei chronischen Erkrankungen sein, selbst wenn die Erythropoetin-Spiegel normal sind.
Weitere Mechanismen, die zur Senkung der Hämoglobinwerte bei Entzündungen beitragen, sind:
Inflammatorische Zytokine unterdrücken die Proliferation erythroider Vorläufer-Zellen im Knochenmark. Inflammatorische Zytokine hemmen die Freisetzung von Erythropoetin (EPO) aus der Niere. Die Lebensdauer der zirkulierenden roten Blutkörperchen ist verkürzt. Neben IL-6 beeinträchtigen vor allem der Tumornekrosefaktor-α (TNF-α) und Interleukin-1 (IL-1) die Erythropoese, indem sie die Proliferation erythroider Vorläuferzellen reduzieren, Apoptose fördern und die renale Erythropoetin-Produktion hemmen. Entzündungen könnten zudem die Lebensdauer der Erythrozyten durch oxidative Schäden und verstärkte Phagozytose verkürzen. Diese Effekte wirken zusammen mit der Hepcidin-vermittelten Reduktion der Verfügbarkeit von Eisen und führen zur typischen normozytären (manchmal auch mikrozytären) Anämie bei chronischen Erkrankungen.
Kurzfristig ist die Wirkung dieser Veränderungen wahrscheinlich positiv: Der Körper hält mehr Eisen von bakteriellen Krankheitserregern fern und produziert gleichzeitig mehr Immunzellen zur Bekämpfung von Infektionen. Fast alle Bakterien benötigen Eisen, um zu überleben und sich zu vermehren. Bei anhaltender Inflammation führt die Reduktion der Eisenverfügbarkeit allerdings dazu, dass das Knochenmark weniger rote Blutkörperchen produzieren kann. Der Grund dafür ist, dass für die Hämoglobinsynthese, die essenziell für den Sauerstofftransport ist, eine große Menge an Eisen benötigt wird.
Diagnostik Die Anämie bei chronischen Erkrankungen zeigt sich meist als eine normozytäre Anämie, also weist normal große Erythrozyten auf, kann aber auch mikrozytär sein.
Es gibt keinen einzelnen definitiven Test, der zuverlässig zwischen Eisenmangelanämie und Anämie bei chronischen Erkrankungen unterscheiden kann, aber es gibt mehrere Hinweise:
Bei der Anämie bei chronischen Erkrankungen ohne Eisenmangel ist Ferritin normal oder erhöht, da Ferritin als Akute-Phase-Protein verstärkt gebildet wird. Bei einer Eisenmangelanämie ist Ferritin hingegen niedrig. Ein erhöhter Transferrinwert ist bei der Eisenmangelanämie häufig, während bei der Anämie bei chronischen Erkrankungen der Transferrinwert eher verringert ist. Ein weiterer Hinweis auf eine Anämie bei chronischen Erkrankungen sind erhöhte Entzündungsparameter wie ein erhöhtes CRP oder eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG).
Da die Anämie bei chronischen Erkrankungen häufig in Kombination mit anderen Formen der Anämie einhergeht, kann die endgültige Diagnosestellung erschwert sein.
Therapie Die ideale Behandlung einer Anämie bei chronischen Erkrankungen besteht darin, die Grunderkrankung erfolgreich zu behandeln. Dies ist jedoch nur selten möglich.
Bei einem begleitenden Eisenmangel sollte zuerst dieser therapiert werden. Eine orale Eisensubstitution ist in diesen Fällen unwirksam, da Hepcidin die Aufnahme von Eisen im Darm verhindert. Deshalb muss eine parenterale Substitution, also eine Verabreichung von Eisen direkt über die Vene, angestrebt werden.
Eine Gabe von Erythropoetin, das die Produktion von roten Blutkörperchen stimuliert, wird manchmal zur Behandlung von schwerer oder persistierender Anämie eingesetzt.
Einzelnachweise
Kategorie:Anämie