mini|Wilder Mann, spätes 14. Jahrhundert, Museum Schnütgen, Inv. A 47 Der Wilde Mann ist eine Holzskulptur eines sogenannten Wilden Manns, die sich heute in der Sammlung des Museums Schnütgen in Köln befindet (Inv. A 47). Sie wurde zum Ende des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich als Teil eines Chorgestühls geschaffen, der Künstler ist unbekannt. Die Figur wurde aus dem Gestühl gesägt, dort befand sie sich im Kampf mit einem Wesen, dessen Kralle sich noch auf dem rechten Bein des wilden Mannes erhalten hat.
Beschreibung Die Statuette des Wilden Manns ist aus Eichenholz. Sie hat eine Höhe von 30 Zentimetern und eine maximale Länge vom Rücken bis zum gestreckten Fuß von 26 Zentimetern, die Tiefe der Figur beträgt 9 Zentimeter. Die Skulptur ist nicht vollständig; sowohl die Unterarme wie auch das linke Bein und die Zehen des rechten Fußes wurden abgesägt und fehlen. Zudem gibt es einzelne Fehlstellen im Gesicht. Die Figur ist in naturbelassenem Eichenholz gehalten und war nie farbig gefasst.
Der Körper und der Kopf des Mannes sind vollständig mit lockigen, tief eingeschnitzten Haaren bedeckt, nur die Füße und das Gesicht sind kahl und er trägt einen spitzen Vollbart. Die großen mandelförmigen Augen liegen tief in den Augenhöhlen, die lange Nase geht in eine breite und mit Falten bedeckte Stirn über. Die Gesichtszüge werden als „von Angst, aber auch von Resignation eindrücklich gezeichnet“ beschrieben, was „im Kontrast zu seinem wild anmutenden […] Körper stehe“. Zugleich wirkt der Gesichtsausdruck „ruhig, nachdenklich, melancholisch“.
Er befindet sich in einer abwehrenden, gebogenen Haltung mit gekrümmtem Rücken, erhobenen Armen und ausgestreckten Beinen. Dabei sitzt er auf einem sekundär hinzugefügten, kleinen würfelförmigen Sockel, die Arme sind erhoben, als würde er sich gegen einen Angreifer stemmen. Von diesem ist nur die krallenbewehrte Hand erhalten, die sein rechtes Bein ergriffen hat; denkbar wäre ein dämonenhaftes Wesen oder ein Greif.
Hintergrund und Deutung
mini|hochkant|Paulus Vischer: Wilder Mann, um 1521/22, Bronze. Skulpturensammlung, Berlin Die Figur greift die insbesondere im Mittelalter beliebte Vorstellung eines Wilden Mannes als einzelgängerischen und stark behaarten Wildmann auf, der außerhalb der Gesellschaft lebt. Der Wilde Mann ist nur an Gesicht, Händen und Füßen unbehaart und sonst mit zotteligem Fell bewachsen, was der üblichen Darstellung der Zeit entsprach. Dabei kann er entweder als Repräsentant für eine unzivilisierte Menschheit stehen, die dem Triebhaften, dem Tierischen, nahe steht und damit „konsequenterweise von Dämonen besetzt und besiegt wird“, oder er steht für den Menschen an sich, der verzweifelt und erlösungsbedürftig ist.
Die Lebensweise der wilden Menschen ist nicht durch die Sitten und Gebräuche und vor allem nicht durch den Glauben an Gott geprägt. Gerade im 14. Jahrhundert wurde der wilde Mann im Rahmen der wachsenden Naturverehrung zunehmend positiv als Naturmensch betrachtet und sein raues Leben als einfaches, ursprüngliches und leidenschaftliches Leben in der Natur idealisiert. Wilde Männer galten entsprechend „als Symbol für den Urzustand der Menschen ohne gesellschaftliche Zwänge und im Einklang mit der Natur.“ Aus dieser Zeit gibt es zahlreiche Darstellungen des wilden Mannes etwa auf Textilien, Bildern und als Skulpturen, die ihn als kraftvolle Gestalt im Kampf mit wilden Tieren oder teilweise auch gezähmt mit Frau und Kindern zeigen. Der Typus des verwirrten und verwilderten Menschen wurde ferner durch Sagen und Legenden gestärkt.
Der Wilde Mann des Chorgestühls ist sich jedoch – anders als die „wilden“ Naturmenschen – seiner Ausgeschlossenheit aus der Gesellschaft und damit auch vom christlichen Schutz durchaus bewusst und befindet sich im Kampf mit einem dämonischen Wesen, dem er machtlos ausgeliefert ist. Als „tragischer“ Wilder Mann verkörpert er das „Bild für das Ausgeliefertsein an dämonische Kräfte, denen sie mit hilfloser Panik oder Resignation gegenüber standen.“ Er wehrt sich mit erhobenen Armen und mit angstgeweitetem Blick „gegen ein Untier, das seine Klauen schon in Arm und Bein des Kauernden geschlagen hat“. Dabei kann es sich „um den Satan persönlich [handeln], der oft in Gestalt eines Greifen dargestellt wurde.“ „Der wilde Mann wurde […] Opfer von etwas noch deutlich Wilderem“.
Damit wird die Figur auch als Symbol für den Kampf zwischen der himmlischen und der niederen Welt interpretiert. Der verzweifelte Ausdruck im Gesicht des Mannes und der behaarte Körper sollen ihn mit haarigen bußfertigen Heiligen verbinden und die Figur sei eine mitfühlende Darstellung eines Wesens, das körperlich tierähnlich, geistig jedoch eindeutig menschlich ist und unwiderruflich außerhalb der göttlichen Ordnung geboren wurde.
Datierung alternativtext=historischer Stich mit organischen Ornamenten|mini|Wilder Mann, der Frau und Kind verteidigt, Meister der Nürnberger Passion, Staatliche Graphische Sammlung München Zeitlich wird der Wilde Mann auf das Ende des 14. Jahrhunderts datiert und damit in eine Zeit, in der die Bildhauerfamilie Parler in Köln aktiv war und vor allem Heinrich Parler die Skulpturen des Petersportals am Kölner Dom schuf. Eine stilistische Nähe wird zu der Hofkunst unter Wenzel IV. in Prag attestiert, dessen Emblem ein wilder Mann war, darunter vor allem zu einer Figur eines wilden Mannes in der Teynkirche, die die Büste Wenzels trägt. Dort arbeitete zu der Zeit Peter Parler als Prager Hofbildhauer. Formal wurde auch eine Verwandtschaft mit einem Druck des Meisters der Nürnberger Passion, heute in der Staatlichen Graphischen Sammlung München, erkannt.
Herkunft Der Wilde Mann wurde von dem Kölner Sammler Alexander Schnütgen in Köln im Kunsthandel erworben und ging als Teil seines Nachlasses in die Sammlung des Museums Schnütgen über. Die Figur stammt wahrscheinlich von einer Abschlusswange und Bekrönung eines Chorgestühls, wie die Verzapfungen und Sägespuren aufzeigen.
Woher die Schnitzerei tatsächlich stammt, war nicht zu rekonstruieren. Da sie im Kölner Kunsthandel angeboten und von Schnütgen erworben wurde, wird eine Herkunft aus Köln vermutet.
Ausstellungen (Auswahl) 1980/1981 – The Wild Man. Medieval Myth and Symbolism. The Cloisters, Metropolitan Museum of Art, New York
Belege Wilder Mann In: Moritz Woelk, Manuela Beer (Hrsg.): Museum Schnütgen – Handbuch zur Sammlung. Hirmer, München 2018, ISBN 978-3-7774-2893-2, S. 224–225 Nr. 146. C. Schumacher: Wilde Männer und dämonische Kräfte, Bild der 18. Woche - 5. bis 12. Mai 2003 auf museenkoeln.de, 5. bis 12. Mai 2003; abgerufen am 29. März 2026.
Der Wilde Mann In: Thomas Ruster, Simone Horstmann, Gregor Taxacher: Krallen, Federn, Drachenblut – Tiere in der Kunst des Mittelalters. Greven Verlag, Köln 2025, ISBN 978-3-7743-0964-7, S. 45–47 Nr. 146.
Literatur
Ulrike Bergmann (Bearb.): Schnütgen Museum Die Holzskulpturen des Mittelalters (1000–1400). Museum Schnütgen, Köln 1989, S. 368–370 Nr. 116. Wilder Mann. In: Moritz Woelk, Manuela Beer (Hrsg.): Museum Schnütgen – Handbuch zur Sammlung. Hirmer, München 2018, ISBN 978-3-7774-2893-2, S. 224–225 Nr. 146.
Weblinks
Der Wilde Mann in der digitalen Sammlung des Museums Schnütgen Der Wilde Mann digital: im 360 Grad Rundgang durch das Museum Schnütgen C. Schumacher: Wilde Männer und dämonische Kräfte, Bild der 18. Woche - 5. bis 12. Mai 2003 auf museenkoeln.de
Kategorie:Holzskulptur Kategorie:Skulptur (14. Jahrhundert) Kategorie:Skulptur (Museum Schnütgen) Kategorie:Werk der Bildschnitzerei (Deutschland)