Raffaele Cantoni (* 29. Februar 1896 in Venedig; † 24. Juni 1971 in Rom) war ein italienischer Antifaschist jüdischer Herkunft. Er war vor und während der deutschen Besatzungszeit führend in der DELASEM tätig und wurde nach dem Krieg Präsident der Unione delle comunità ebraiche italiane.
Leben Als Sozialist gehörte er zu den Juden, die 1919–1920 unter der Führung von Gabriele D’Annunzio am Feldzug von Fiume teilnahmen.
Da er den sozialistischen Idealen treu blieb, nahm er eine kritische Haltung gegenüber dem faschistischen Regime ein und wurde sogar vor dem Sondergericht angeklagt. In den frühen 1930er Jahren leitete er in Mailand die Aktivitäten des Komitees zur Unterstützung jüdischer Flüchtlinge, das sich für die vielen vor der nationalsozialistischen Verfolgung Geflüchteten einsetzte. 1931 gehörte er zu den Angeklagten im Rahmen des ersten Urteils des Sondergerichts gegen die Widerstandsbewegung „Giustizia e Libertà“. Im Jahr 1935 wurde er zum nationalen Leiter des Komitees zur Unterstützung jüdischer Flüchtlinge ernannt. Doch bereits im September 1936 forderte das Innenministerium seine Entlassung, da er sein Amt angeblich für eine antifaschistische Kampagne gegen das Regime missbraucht habe. Auch nachdem die Leitung an andere übergegangen war, blieb er die treibende Kraft des Komitees.
Die Rassengesetze von 1938 führten zu einer Annäherung zwischen der neuen Führung der UCEI (Dante Almansi und Lelio Vittorio Valobra) und den antifaschistischen jüdischen Kreisen. Cantoni engagierte sich persönlich für die Aktivitäten der neu gegründeten DELASEM, der nationalen Vereinigung zur Unterstützung jüdischer Flüchtlinge, die nun direkt von der UCEI getragen wurde und unter dem Vorsitz von Valobra stand.
Als überzeugter Zionist versuchte Cantoni Anfang 1939 vergeblich, den britischen Botschafter in Rom davon zu überzeugen, seinen Plan zur Einberufung jüdischer Freiwilliger in die alliierte Armee zu akzeptieren. Dieser Plan wurde schließlich im letzten Kriegsjahr mit der Gründung der Jüdischen Brigade umgesetzt.
Mit dem Kriegseintritt Italiens im Juni 1940 wurde Cantoni im Internierungslager Urbisaglia in den Marken inhaftiert und nach dem Sturz des Faschismus im August 1943 freigelassen. Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 nahm er wieder Kontakt zur Genueser Zentrale der DELASEM auf. Er wurde als Kurier in der Toskana eingesetzt, um Gelder zu verteilen und Untergrundkomitees zu gründen. Dabei arbeitete er unter anderem mit Don Leto Casini und Giorgio Nissim zusammen.
Cantoni wurde am 29. November 1943 von einem Kollaborateur der SS verraten und zusammen mit dem gesamten Vorstand der DELASEM in Florenz, darunter auch Rabbiner Nathan Cassuto, verhaftet. Er wurde am 6. Dezember mit dem Transport nach Auschwitz-Birkenau deportiert, konnte jedoch auf abenteuerliche Weise fliehen, indem er sich in der Nähe von Padua aus dem fahrenden Zug stürzte. Anschließend kehrte er nach Mailand zurück, um die Gemeinden im Norden vor den Deportationen zu warnen. Ende Dezember 1943 floh er, von der Polizei verfolgt, in die Schweiz, wo er weiterhin in der Leitung der DELASEM an der Seite von Lelio Vittorio Valobra tätig war.
Zusammen mit dem Partisanen Luigi Gorini, Vertreter der Sozialistischen Partei im CLN, war er 1945 Initiator der Flüchtlingssiedlung Sciesopoli (1945–1948) in Selvino (Bergamo). Die Alliierte Militärregierung übergab sie an etwa 800 jüdische Waisenkinder, die den nationalsozialistischen Vernichtungslagern und dem Krieg entkommen waren, von der Jüdischen Brigade aufgenommen worden waren und „Kinder von Selvino“ genannt wurden.
In einem am 2. Mai 1945 verfassten Schreiben, das im Namen der verfolgten italienischen Juden an den Erzbischof von Mailand, Kardinal Alfredo Ildefonso Schuster, gerichtet war, brachten sie „ihre tiefste Dankbarkeit für das zum Ausdruck, was die katholische Kirche zu ihren Gunsten getan hat“.
Nach dem Krieg setzte er sein Engagement in der Italienischen Sozialistischen Partei und in jüdischen Organisationen Mailands fort. Im März 1946 wurde er zum Präsidenten der UCEI gewählt. Er setzte sich für eine Entschädigung der Juden für die durch die rassistischen Verfolgungen erlittenen Schäden ein. Mit etwas mehr Erfolg setzte er sich ein, dass die neue italienische Verfassung einen klaren Rahmen für Gleichberechtigung und Religionsfreiheit für die Juden festlegte.
Das Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem verfügt über einen von Sergio Minerbi zusammengestellten und gestifteten Dokumentenbestand zum Leben von Raffaele Cantoni.
Die Stiftung für jüdische Jugend Raffaele Cantoni ist seit 35 Jahren in Israel tätig und vergibt jedes Jahr Stipendien an junge jüdische Einwanderer aus Italien, die sich an Universitäten, Talmutschulen oder anderen spezialisierten Hochschulen einschreiben möchten.
Einzelnachweise
Literatur
Kategorie:Person im Zweiten Weltkrieg (Italien) Kategorie:Person des Judentums (Italien) Kategorie:Italiener Kategorie:Geboren 1896 Kategorie:Gestorben 1971 Kategorie:Mann