mini|Schauseite des Kelchkraters Als New Yorker Gänsevase beziehungsweise New York Goose Vase oder auch New York Phlyax Vase wird eine antike griechische Vase bezeichnet. Der rotfigurige Kelchkrater aus Unteritalien, heute im Metropolitan Museum of Art in New York City, ist vor allem wegen seiner Darstellung aus dem antiken griechischen Theater von größerer wissenschaftlicher Bedeutung. Sie stammt gemäß neueren Untersuchungen vom Dolon-Maler und aus Metapont.

Beschreibung und Zuordnung mini|links|Blick auf die drei männlichen Figuren Das Gefäß ist aus Ton gefertigt und mit Tonschlicker überzogen. Es ist im Dreiphasenbrand gebrannt worden und hat dabei seine Farbgebung bekommen. Die Vase hat eine Höhe von 30,6 cm und einen maximalen Durchmesser von 31,8 cm.

Die Schauseite zeigt vier Figuren und eine Theatermaske. Links erhöht und damit im Hintergrund steht ein junger nackter Mann, der sich einen Mantel über die Schulter geworfen hat. Wellen unter seinen Füßen deuten eine erhöhte Stellung im Gelände an. Davor steht ein älterer nackter Mann, in der rechten Hand einen Stab haltend. Die linke Hand ist in die Hüfte gestützt. Es folgt in der Mitte des Bildes ein nackter Greis, der seinen Kopf nach hinten gedreht hat und in Richtung des hinter ihm stehenden Mannes schaut. Beide Arme hat er über den Kopf erhoben, wo sich die Hände treffen. Die drei männlichen Figuren sind alle zum rechten Bildrand hin ausgerichtet. Am rechten Bildrand befindet sich eine ältere Frau auf einem Podest. Vor ihren Füßen steht ein Korb, aus dem die Köpfe zweier Zicklein schauen. Am Ende des vorderen Randes des Podests liegt eine tote Gans, deren langer Hals hinunter hängt. Nach dieser Figur wurde die Vase benannt. Während die Alte mit ihrer linken Hand ihre Kleidung vor der Brust zusammen hält, hat sie den anderen Arm in Richtung der beiden Männer ausgestreckt, die offene Hand nach oben gedreht.

mini|Blick auf die weibliche Figur und die Theaterbühne Mehrere Dinge weisen die Szene als Theaterdarstellung aus. Besonders augenfällig ist die Darstellung der beiden nackten Männer. Die übertriebene Zurschaustellung der Nacktheit mit den übergroßen Genitalien ist für die griechische Komödie üblich. Auch die runden Bäuche und dicken Hinterteile entsprechen der gängigen Theaterform. Bei genauerer Betrachtung fällt auch auf, dass die vermeintlich nackten Figuren gar nicht wirklich nackt sind, sondern Kostüme tragen, die Nacktheit symbolisieren. Der Aufbau auf der rechten Seite wird als Theaterbühne interpretiert. Dementsprechend stehen die beiden männlichen Figuren in der Orchestra. Auch der Kopf, der am oberen Bildrand zwischen den beiden Männern gezeigt wird, ist als Theatermaske zu sehen. Hinzu kommen mehrere Inschriften, die aus den Mündern zu kommen scheinen und somit als gesprochener Theatertext zu verstehen sind. Einschließlich der Mimik und Gestik der Figuren entsteht somit ein lebhaftes Bild einer griechischen Komödie. Gezeigt wird wahrscheinlich die Bestrafung eines Diebes, des Alten, durch eine Amtsperson, den Mann mit dem Stab. Die Geschädigte ist demnach wohl die alte Frau, worauf auch die anklagende Geste deutet. Als Vase, die ein Bild der griechischen Komödie zeigt, gehört sie zur Klasse der sogenannten Phlyakenvasen.

Die Rückseite zeigt drei Manteljünglinge, ein Standardelement, das auf den Rückseiten sehr vieler unteritalischer Vasen zur Anwendung kommt. Die Bedeutung ist in der Forschung umstritten, möglich ist ein Zusammenhang zu Jenseitsvorstellungen, immerhin war ein großer Teil der Vasen für eine Nutzung in Gräbern und damit für ein Leben nach dem Tod bestimmt. Der linke steht nach rechts, die beiden anderen nach links. Die beiden äußeren Figuren halten jeweils einen langen Stab. Für die Unterscheidung der Vasenmaler sind sie wie auch bei dieser Vase von besonderer Bedeutung.

Provenienz und Zuschreibung Die Vase wurde am 19. November 1924 von Pietro Affaitati in Neapel durch das Metropolitan Museum of Art in New York City erworben und erhielt die Inventarnummer 24.97.104. Die Besitzverhältnisse bis zu diesem Zeitpunkt sind unbekannt. Aus einem Brief von Baron Antonio Palumbo aus dem Dezember des Jahres geht der angenommene Fundort, Tarent, hervor. Tarent war einer der wichtigsten Produktionsorte apulischer Keramik in der griechischen Antike. Mittlerweile geht man in der Forschung jedoch davon aus, dass die Vase in Ruvo di Puglia gefunden wurde. Arthur D. Trendall hat die Vase in seinem grundlegenden Werk The red-figured vases of Apulia dem Tarporley-Maler zugeschrieben und sie als eines seiner frühesten Werke um das Jahr 400 v. Chr. oder wenig danach datiert. Der Tarporley-Maler war der führende apulische Vasenmaler seiner Zeit und gab der Vasenmalerei der Region zu dieser Zeit und den Nachfolgern wesentliche Anstöße. Auch in der Motivwahl war er kreativ und innovativ. Darstellungen von Theaterszenen kommen bei ihm häufiger vor. Diese Vase wäre die früheste Theaterdarstellung in der apulischen und möglicherweise ganzen unteritalischen Vasenmalerei.

mini|Manteljünglinge auf der Rückseite des Kraters Ein Aufsatz von Martine Denoyelle und Francesca Silvestrelli kam 2013 indes zum Schluss, dass es sich beim Maler der Vase nicht um den Tarporley-Maler, sondern um den von diesem stark beeinflussten Dolon-Maler handelt. Während der Tarporley-Maler in Tarent verortet wird, wird der Wirkungsort des Dolon-Malers im weniger als 50 Kilometer entfernten Metapont angenommen. Demnach gehört er in den Kreis der Lukanischen Vasenmalerei, die der Apulischen jedoch sehr nahe steht. Sowohl im Stil wie auch in der Originalität ihrer Arbeiten sind sich die beiden sehr ähnlich. Es wird angenommen, dass der Dolon-Maler beim Tarporley-Maler in Tarent ausgebildet wurde, später aber in Metapont arbeitete. Konrad Schauenburg konnte bei einer Vase in einer deutschen Privatsammlung nachweisen, dass beide Maler gemeinsam an diesem Stück gearbeitet hatten.Konrad Schauenburg: Studien zur unteritalischen Vasenmalerei. Band 11/12. Ludwig, Kiel 2008, ISBN 978-3-937719-71-9, S. 64–67, 190–191. Für Werke, die nicht eindeutig zugeordnet werden können, wurde die Tardol-Gruppe geschaffen.

Denoyelle und Silvestrelli untersuchten in ihrer Studie vor allem die Rückseite des Kraters mit den drei Manteljünglingen, da die Schauseite mit der comichaften Darstellung des Theaters und der damit verbundenen Überzeichnung wenig Wert für eine handschriftliche Zuordnung hat. Trendalls Erstzuschreibung in die Frühphase des Tarporley-Malers blieb lange unwidersprochen, obwohl sie dessen eigener Definition für diese Phase in nicht einem der maßgeblichen Punkte entsprach. Demnach wären eigentlich typische Merkmale nackte stehende Jünglinge, die einen Vogel oder einen Gegenstand halten, kleine Köpfe mit präzise gezeichneten Details sowie das „umgekehrte geschwungene Y“ für die schwarzen Ränder der Draperien, die auf der Vorderseite, die zudem manchmal zusätzlich mit Punkten verziert sind. Einzig die Haltung und die Drapierung der Jünglinge auf der Rückseite erinnerte stark an den Stil des Vasenmalers. Nachdem Denoyelle und Silvestrelli sich diese Einzelheiten erstmals im Detail angeschaut hatten, entschieden sie sich für die Neuzuweisung. Es gibt zudem zwei weitere. Da die Fundumstände nicht bekannt sind, ist auch eine Fertigung in Metapont möglich. Damit wird eine der frühesten Abbildungen des Theaters auf einer unteritalischen Vase nun dem Dolon-Maler, der lukanischen Vasenmalerei und Metapont zugeschrieben. Eine zeitlich veränderte Zuschreibung ergibt sich durch die Neuinterpretation nicht.

Während der Dolon-Maler auch danach weiter ikonographisch interessante Vasen schuf, konnte sich das Theater-Thema in Metapont nicht behaupten und wurde danach kaum noch weiter verfolgt. Gemeinsam mit der Namenvase im British Museum, die die Gefangennahme des Dolon durch Odysseus und Diomedes zeigt, sowie einer weiteren Vase im Pariser Cabinet des Médailles, auf der Odysseus den Schatten des Teiresias befragt, bezeugt die New Yorker Gänsevase die literarische Sachkenntnis des unbekannten Vasenmalers.

Literatur Arthur D. Trendall: The red-figured vases of Apulia. Band 1: Early and Middle Apulian. Oxford University Press, Oxford 1978, S. 45–47. Arthur D. Trendall: Rotfigurige Vasen aus Unteritalien und Sizilien. Ein Handbuch (= Kulturgeschichte der antiken Welt. Band 47). Philipp von Zabern, Mainz 1991, ISBN 3-8053-1111-7, besonders S. 86–88, Martine Denoyelle, Francesca Silvestrelli: From Tarporley to Dolon: The Reattribution of the Early South Italian “New York Goose Vase”. In: Metropolitan Museum Journal. Band 48, 2013, S. 59–71 (Digitalisat).

Weblinks

Anmerkungen

Kategorie:Antike Vasenmalerei (Werk) Kategorie:Archäologischer Fund (Italien) Kategorie:Archäologischer Fund (Klassische Antike) Kategorie:Metropolitan Museum of Art Kategorie:Antike Komödie Kategorie:Vogel (Bildende Kunst) Kategorie:Theater der griechischen Antike Kategorie:Magna Graecia Kategorie:Gans in der Kultur Kategorie:Männlicher Akt