mini|Jan van der Straet: „Kupferstich“ (Werkstatt und Druckerei). In: Nova Reperta, um 1591 Druckgrafikverleger in Rom betrieben von ca. 1520 bis ins 18. Jahrhundert ein Gewerbe, das den künstlerischen Entwurf mit einer handwerklichen Werkstattproduktion und einem kommerziellen Vertrieb verband. Als Unternehmer beauftragten sie zumeist freischaffende Künstler mit der Anfertigung von Zeichnungen, Kupferstichen und Radierungen, sorgten für die Reproduktion und übernahmen den Verkauf der Druckgrafiken.
Den Beginn des lukrativen Geschäfts markiert der „Il Baviera“ genannte, einstige Werkstattmitarbeiter Raffaels; dessen Höhepunkte sind in der Marktführerschaft von Antonio Lafreri und Giovanni Giacomo De Rossi auszumachen. Mit dem Erwerb des durch die Verlegerfamilie De Rossi alla Pace zusammengetragenen Lagerbestands (1738), der Übernahme des prestigeträchtigen Piranesi-Nachlasses (1839) und den zahlreichen neu gravierten Druckformen sicherte sich der Vatikan die Kontrolle über die Produktion und den Verkauf gedruckter Illustrationen. Das heutige Istituto Centrale per la Grafica zählt als Nachfolgeinstitution etwa 24.000 Druckplatten zu seinem Inventar.
Römisches Druckgrafikgewerbe Rom im 16. Jahrhundert mini|G. B. Cavalieri: Öffnung der Porta Santa für das Jubeljahr 1575 Obwohl Rom um 1520 nur etwa 50.000 Einwohner zählte, war es eine kosmopolitische Stadt – mit einem hohen Anteil aus dem Ausland zugezogener Menschen. Zudem strömten zahlreiche Besucher in die Hauptstadt der Katholischen Kirche, um den Petersdom, das antike Erbe und die neu entstehenden Bauten und Kunstschätze zu besichtigen. Waren es normalerweise jährlich etwa 30.000 Pilger, stieg deren Zahl in Jubeljahren eklatant: 1575 kamen rund 400.000, 1600 sogar 536.000. Dass diese große Kundschaft die Läden aufsuchte, begünstigte den Erfolg des römischen Druckgrafikgewerbes.
Die meisten Kupferstecher, Drucker und Druckhändler siedelten sich im ohnehin dichtest besiedelten Rione Parione an, und zwar in unmittelbarer Nähe zur Piazza Navona, einer wichtigen Verkehrsachse und Handelszone, wo Laufkundschaft und internationale Kontakte garantiert waren. Pilger kamen hier an auf ihrem Weg zur Peterskirche vorbei, Händler bei der Suche nach neuen Vertriebswegen, Bildungsreisende auf den Spuren der Rom-Itinerare. Sie fragten nach santini (Heiligenbilder und Andachtsbilder) und Szenen aus der Bibel sowie der Mythologie, nach Darstellungen von Festivitäten und bedeutenden Persönlichkeiten. Besonders begehrt waren Ansichten antiker Monumente und Stadtpläne zur Orientierung.
Berufsstand Druckgrafikverleger „Verleger“ war im 16. Jahrhundert kein etablierter Beruf. Die betreffenden Personen wurden in der Regel als Drucker (stampatore), Druck- bzw. Grafikhändler (mercante di disegni) oder Buchhändler (libraio oder libraro), was einen Händler von Druckwerken jeglicher Art bezeichnete, geführt. Zum „Verleger“ wurden diejenigen unter ihnen, die Zeichnungen bei Künstlern orderten und Kupferstecher bzw. Radierer (incisore) mit der Anfertigung von Druckplatten beauftragten. Die wertvollen Platten gingen in das Eigentum des Auftraggebers über, dafür trug er die Kosten für die künstlerische Arbeit, das Material, den Druck und den Vertrieb der Grafiken. Neue Geschäftsstrategien und Handelsbeziehungen über die Grenzen Roms hinaus hatten die Minimierung des Unternehmerrisikos zum Ziel. Keineswegs selten wurden zeitlich befristete, auf klar definierte Projekte bezogene Verlagspartnerschaften geschlossen.
Andere Auswirkungen des hart umkämpften Geschäfts waren „Neuauflagen“ fremder Druckgrafiken, d. h. Kopien im weiteren Sinne, meist in einem anderen Format, oft gespiegelt oder mit neuem Beiwerk versehen. Spätere Editoren versahen ererbte oder erworbene Platten kurzum mit ihrer eigenen Adresse. Dies verstieß keineswegs gegen ein Urheberrecht, kennzeichnete der Name doch lediglich den Eigentümer der Platten.
Im Folgenden sind die Druckgrafikverleger in Rom für ca. 1520 bis 1738 aufgeführt. Die Daten hinter den Namen kennzeichnen die nachweisliche Aktivität als Druckgrafikverleger – in chronologischer Reihenfolge.
Erste Generation: Ab ca. 1515 mini|Marcantonio Raimondi nach Raffael: Das letzte Abendmahl, 1515/1516 Der „erste wahrhaft kommerzielle Verleger in der Geschichte der Druckgrafikverlage“ war der nicht eindeutig zu identifizierende „Il Baviera“ (evtl. Baviero Carocci). Als Werkstattangehöriger Raffaels oblag ihm das Anmischen der Farben sowie der Druck und Verkauf der Kupferstiche Marcantonio Raimondis nach Gemälden und Fresken des Meisters. Diese hauseigene Organisation war in Italien so neu wie die Verbreitung der künstlerischen Entwürfe und Werke mittels der Druckgrafik. Laut Giorgio Vasari hatten die Blätter Albrecht Dürers den in Rom ansässigen Raffael inspiriert, durch Reproduktionen seine Popularität und Gewinne zu steigern.
Das Testament Raffaels (1520) wies die Werkstatt seinen wichtigsten Gehilfen Giulio Romano sowie Giovanni Francesco Penni und die Druckplatten Baviera zu. Der Druckverwalter wurde auch unter der neuen Leitung mit disegni (Entwürfen) versorgt, musste jedoch neu planen, als die Werkstatt 1524 mit dem Weggang Romanos nach Mantua schloss. Laut Vasari überzeugte Baviera den im Jahr zuvor in Rom angekommenen Maler Rosso Fiorentino, einige seiner Werke von Gian Jacopo Caraglio stechen zu lassen. Weitere Projekte folgten, womit Baviera endgültig zum Druckverleger geworden war. Nach der Plünderung Roms 1527, dem Sacco di Roma, arbeitete er auch mit Perino del Vaga und Agostino Veneziano zusammen. Laut Christopher L. C. E. Witcombe hat Bavieras unabhängige Verlegertätigkeit den Grundstein für die römische Druckindustrie gelegt.
Zweite Generation: Ab ca. 1535 Antonio Salamanca (1538–1562) mini|Juan Valverde de Amusco: Historia de la composicion del cuerpo humano, 1556
Antonio Martinez wurde 1478 in Salamanca geboren und kam 1505 nach Rom, wo er ab 1517 für die spanische Gemeinschaft Bücher in der Heimatsprache verlegte. Nach einer Unterbrechung durch den Sacco di Roma führte er diese Tätigkeit 1531 fort, wechselte aber mehr und mehr auf das Medium der Druckgrafik. Zunächst versah er Kupferplatten aus dem Baviera-Bestand mit seiner Verlegeradresse, ab 1538 folgten selbst in Auftrag gegebene Stiche. Salamanca spezialisierte sich auf antike Monumente, aber auch mythologische und religiöse Motive, Porträts und einige Karten gehörten zu seinem Portfolio. Er verlegte Druckgrafiken von Nicolas Beatrizet, Enea Vico, Girolamo Fagiuoli und Agostino Veneziano. Als 75-Jähriger ging er eine für ihn lebenslange Kooperation mit seinem größten Konkurrenten Antonio Lafreri ein. Viele der an seinen Sohn Francesco vererbten Platten kamen noch Jahrzehnte später – mit Adressen anderer Verleger – auf den Markt.
Tommaso Barlacchi (1541–1550) Die vermutete Herkunft Thessaloniki beruht auf der Verlegeradresse auf einem undatierten Kupferstich Enea Vicos: „Tomasius da Saloniho“ („aus Saloniki“). Ansonsten findet sich der Namenszug „Tomasius Barlachis“ oder die Kurzform „Tom. Barl.“. Die Verlegertätigkeit des Griechen wird auf die 1540er-Jahre eingegrenzt; die ersten Stiche tragen das Datum 1541. Neben Vico arbeiteten für ihn auch Nicolas Beatrizet und Giulio Bonasone. Die Palette reichte von mythologischen und christlichen Figuren über Porträts und Ornamente bis zu Karten.
Antonio Lafreri (1544–1577) mini|Speculum Romanae Magnificentiae, ab ca. 1575
Der 1512 als Antoine Lafréry geborene und wahrscheinlich bald nach 1540 in Rom lebende Franzose verlegte dort 1544 seine ersten Druckgrafiken. Wie zu dieser Zeit üblich, ließ er im Handel erhältliche Darstellungen (gemäß den Regeln der Privilegien) neu stechen und bestellte parallel dazu neue Motive. Dafür engagierte er ebenfalls Giulio Bonasone, Enea Vico sowie seinen Landsmann Nicolas Beatrizet, später unter anderem auch Jacobus Bos, Cornelis Cort und Étienne Dupérac. 1553 schloss Lafreri einen 12-jährigen Kooperationsvertrag mit Salamanca ab, der jedoch vorzeitig von dessen Sohn Francesco aufgelöst wurde. Ein 1573 angelegter Verkaufskatalog weist etwa 500 Einträge auf; im Laufe seines Lebens muss der Verleger insgesamt zwischen 800 und 1200 Kupferplatten zusammengetragen haben (so Birte Rubach). Um sie thematisch zu gruppieren, ließ er vier Frontispize stechen. Den größten Erfolg konnte Lafreri mit dem Antiken-Konvolut Speculum Romanae Magnificentiae erreichen. Da er ohne eigene Nachkommen starb, fiel sein Erbe an Verwandte zweiten Grades, Stefano und Claudio Duchetti.
Francesco Tramezzino (1552–min. 1563) mini|Pirro Ligorio: Delle antichità di Roma, 1553 Die Buchhändler Michele († 1579) und Francesco († 1576) Tramezzino flüchteten während des Sacco di Roma nach Venedig, wo Michele eine Druckerei und einen Verlag einrichtete. Francesco kehrte 1528 nach Rom zurück und verkaufte dort zunächst die Bücher seines Bruders und einiger anderer Verleger. Der 1551 beim venezianischen Senat gestellte Antrag Micheles auf ein Privileg für zwei Stiche markiert einen Wendepunkt: Beginnend mit dem ersten Stadtplan des modernen Rom erschienen ab dem folgenden Jahr bei Tramezzino Blätter mit „Rekonstruktionen“ antiker Monumente und die erfolgreiche Abhandlung Delle antichità di Roma von Pirro Ligorio. Außerdem konnte der Kupferstecher Beatrizet gewonnen werden. Möglicherweise waren diese Erfolge ausschlaggebend für die Kooperation von Lafreri und Salamanca.
Kleinere Druckgrafikverlage Vincenzo Luchino (1552–1566): Der aus Bologna stammende Buchhändler und -verleger erlangte 1559 ein päpstliches Privileg, in Rom eine Papiermühle zu betreiben. Nach dem Umzug seines Geschäfts in die Via del Pellegrino, Rione Parione, in den späten 1550er-Jahren begann er mit der Publikation von Karten, gefolgt von einigen Stichen nach Werken Michelangelos. Bartolomeo Faletti (ca. 1560–1570): Faletti (oder „Faleti“) wird oft im Zusammenhang mit Luchino genannt. Sein Geschäft lag in der Pfarre Sant’Agostino in Campo Marzio, wo er Bücher und Druckgrafiken verlegte und verkaufte. 1560 begann er mit dem Publizieren von Karten wie dem großen Romplan von Giovanni Antonio Dosio (1561). Weitere Genres waren Papstporträts und zeitgenössische Architekturprojekte. Pietro Paulo Palumbo (1562–1586?): Der um 1529 in Novara geborene Verleger trat in die Fußstapfen seines Vaters Francesco. Die Herausgabe eines Stichs von Cornelis Cort aus dem Jahr 1563 war der Auftakt zu einer mindestens 15-jährigen Zusammenarbeit. Seine Adresse tragen zudem eine Karte von Malta (1565) sowie Reproduktionen von Gemälden nach Raffael, Federico Zuccari und anderen. Nach seinem Tod 1599 fiel das Erbe an Gaspare Alberti, der die Kupferplatten für Neudrucke nutzte. Francesco und Antonio D. Salamanca (1563–1585?): Über die Erben des 1562 gestorbenen Antonio Salamanca ist wenig bekannt. Der Sohn Francesco führte die Partnerschaft mit Lafreri noch 15 Monate fort, bevor beide zur Aufteilung der Platten schritten. Für den Ausgleich durfte Lafreri zehn Jahre lang Abzüge von Salamancas Platten machen. Francesco stieg nach der Trennung im Oktober 1563 nicht in die aktive Druckgrafikproduktion ein, verkaufte aber sehr wohl Abzüge der vorhandenen Platten. Für einige Jahre nach 1566 erscheint die Adresse eines gewissen Antonio D. Salamanca, wahrscheinlich ein weiterer Verwandter des Stammvaters, auf einigen Drucken, so von Cornelis Cort und Philippe Soye. Später gelangte ein Teil der Druckplatten in den Besitz von Nicolas van Aelst.
Dritte Generation: Ab ca. 1575 Lorenzo Vaccari (1574–1600) mini|Antiquarum statuarum urbis Romae … Icones, 1584