Die Pietà mit den hll. Nikodemus und Joseph von Arimathäa oder Sepulcrum Christi (en. Dead Christ with Joseph of Arimathea and Nicodemus oder Sepulcrum Christi, it. Cristo in Pietà tra i santi Nicodemo e Giuseppe d’Arimatea) ist ein Gemälde in Öl und möglicherweise Tempera auf Leinwand von Pietro Perugino (* um 1450; † 1523). Entstanden ist die Pietà zwischen 1494 und 1498 und befindet sich im Sterling and Francine Clark Art Institute in Williamstown, Massachusetts.
Motiv Der aus dem Ausstellungskatalog von München übernommene Werktitel ist etwas missverständlich, denn eine Pietà zeigt in aller Regel die Gottesmutter Maria, die den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß hält. Möglicherweise bezieht sich Andreas Schumacher hier auf den (italienischsprachigen) Werkkatalog von Pietro Scarpellini, in dem das Gemälde einfach als Pietà bezeichnet wird.
Das Gemälde zeigt eine Variante des Schmerzensmannes (imago pietatis), ein Andachtsbild des leidenden Christus. In diesem Gemäldetypus wird Jesus als Erlöser gezeigt, wobei seine Wundmale darauf hinweisen, dass er bereits gekreuzigt worden ist. Dies stellte den Maler vor die Aufgabe, Jesus als toten Menschen, aber lebenden Gott darzustellen. In der Pietà wird dieses Problem dadurch gelöst, dass „die sorgfältig definierte Anatomie und sinnliche Formgebung“ Jesu Tod und verheißene Auferstehung gegenüberstellen.
Dem Schmerzensmann sind zwei Heilige zur Seite gestellt, der hl. Nikodemus und der hl. Joseph von Arimathäa. Über den hl. Nikodemus wird im Johannesevangelium berichtet. Danach war er als angesehener Pharisäer ein Mitglied des Hohen Rates (Sanhedrin) und (zunächst geheimer) Gefolgsmann Jesu . Im Sanhedrin machte er den Versuch, das Leben Jesu zu retten . Nach der Kreuzigung und Kreuzabnahme Jesu half er bei der Salbung und Grablegung seines Leichnams .
Der hl. Joseph von Arimathäa war ebenfalls Mitglied des Hohen Rates. Er wird in allen vier kanonischen Evangelien erwähnt. In wird er als guter und gerechter Mann beschrieben, nennt ihn einen Jünger Jesu, der seine Gefolgschaft aber geheim hielt . Nach dem Tod Jesu trat er vor Pilatus, um die Freigabe des Leichnams zu erbitten, die ihm gewährt wurde . Mit der Hilfe Nikodemus’ bestattete er ihn in dem ursprünglich für sich selber neuangelegten Grab .
Bildbeschreibung Die drei Figuren im Bild sind sehr nah am Bildvordergrund positioniert. Der tote Jesus ist auf den Rand des Sepulcrums (lateinisch für Grab), eines steinernen Sarkophages, gesetzt, den Oberkörper etwas links von der Bildmitte, die Beine in die rechte Bildhälfte gerichtet. Als einziges Kleidungsstück trägt er ein graues Lendentuch. Seine linke Hand liegt auf dem linken Oberschenkel auf mit der Handfläche nach oben. In ihr ist unauffällig, aber deutlich erkennbar die Nagelwunde dargestellt. Sein rechter Unterarm wird von dem links hinter ihm stehenden Nikodemus angewinkelt hochgehalten, so dass der Handrücken sichtbar ist, der die Nagelwunde der rechten Hand zeigt. An seinem Leib ist auch die Seitenwunde zu erkennen, von der etwas Blut herabläuft. Der Kopf ist leicht nach seiner rechten Seite geneigt, die Augen sind geschlossen.
Sein Gesicht zeigt keine Spuren der durchlittenen Pein, auch sein idealisierter Körper, der fast wie eine klassische Statue wirkt, scheint eher der eines Schlafenden, nicht der eines Toten. Dazu tragen die relative Unauffälligkeit der Wundmale bei, aber auch die Farbgebung, die der Maler gewählt hat – Jesu Haut wird durchgängig in einem goldgelben Farbton gezeigt.
Links im Bild steht hinter Jesus und dem Sepulcrum Nikodemus, der den Körper Jesu von hinten stützt. Sein Kopf ist dicht neben dem Kopf des Gekreuzigten, seine linke Hand liegt auf dessen linker Schulter, mit seiner rechten Hand hält er dessen rechten Unterarm. Seine Gesichtszüge zeigen tiefe Traurigkeit, unterhalb seines linken Auges läuft eine Träne über seine Wange. Gekleidet ist er in eine violette Tunika, darüber trägt er einen grünen Mantel oder Umhang. Auf dem Kopf hat er einen violetten Turban.
Rechts im Bild steht Joseph von Arimathäa, sein Blick ist mit kontemplativem, etwas melancholischem Ausdruck auf das Gesicht Jesu gerichtet. Seine Hände hat er vor der Hüfte gefaltet, sein Kopf ist etwas nach vorne geneigt. Er hat einen langen zweigeteilten Bart. Gekleidet ist er in ein braunes Untergewand, dessen Vorderseite in einem vertikalen Streifen von oben bis ungefähr zur Höhe des Bauchnabels reich verziert ist. Darüber trägt er einen vorne offenen roten Mantel mit blauen Säumen. Seine Haube ist möglicherweise der Phantasie des Malers entsprungen; Perugino zeigt bei seinen Figuren oft ähnliche Kopfbedeckungen.
Alle drei Figuren werden mit einem Heiligenschein dargestellt, der bei Nikodemus und Joseph die Form eines sehr dünnen goldenen Kreisrings annimmt, während Jesus mit einem ganz fein gezeichneten Strahlenkranz seitlich und oberhalb des Kopfes mit wenigen horizontalen und vertikalen Strahlen dargestellt wird.
Das Sepulcrum ist geschlossen. Auf der Vorderseite trägt es links von den Beinen Jesu die Inschrift („Grab Christi“), rechts die Inschrift , „Pietro Perugino hat [dies] gemalt“. Durch eine intensive Reinigung der Bildoberfläche ist eine in der fotografischen Wiedergabe kaum erkennbare weitere Inschrift links von Jesus zum Vorschein gekommen, die nur sehr schlecht lesbar ist.
Der Bildhintergrund ist einfarbig dunkel gehalten, womit Perugino auf die Darstellung eines landschaftlichen Bildhintergrundes verzichtet, den er in fast allen seinen Bildern zeigt. Der dunkle Hintergrund betont noch das dargestellte menschliche Drama.
Interpretation Der unbekannte Auftraggeber des Gemäldes beabsichtigte möglicherweise, es über dem Altar einer privaten Kapelle anzubringen. Die Annahme liegt nahe, dass es sich dabei um einen Grabalter handelte, denn das geschlossene Sepulcrum ähnelt einem Altartisch. Die Darbietung Jesu auf einem Altar stellt die Verbindung zur Eucharistie (Abendmahl) her.
Durch die Platzierung Jesu vorne am Bildrand in unmittelbarer Nähe des Betrachters und den nach außen gerichteten Blick des Nikodemus wird „die Intimität des Augenblicks, den die Männer mit Christus teilen“, auf ergreifende Weise auf den Betrachter erweitert. Die Stimmung, die das Gemälde zeigt, ermutigt dessen individuelle Hingabe.
Zustand des Bildes Nach zwei Reinigungen befindet sich das Gemälde in einem guten Zustand der Lesbarkeit. Fehlstellen, in der Kunstwissenschaft auch als Lakune bezeichnet (von lat. lacuna, „Loch“ oder „Lücke“), finden sich vor allem rechts unten, kleinere Fehlstellen gibt es daneben an der Tunika des Nikodemus. Unterleib und Arme Jesu sind zerkratzt.
Provenienz und Zuschreibung In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand sich die Pietà in der Gemäldegalerie des Grafen Bernadino degli Algarotti in Venedig, wo sie von G. Defendi 1838 beschrieben wurde. Er schrieb die Figur des Nikodemus sowie Gesicht, Hals und Brust Christi Raffael (* 1483; † 1520) zu, den Rest des Bildes Perugino und fügte hinzu, dass die Darstellung des hl. Joseph von Arimathäa „charakteristisch“ für Perugino sei. Das Gemälde gelangte anschließend nach England zu Henry Labouchère, dem späteren Lord Taunton, wo es 1854 von dem Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen beschrieben wurde, der auch die stilistische Nähe zur Beweinung Christi von 1495 in der Galleria Palatina in Florenz feststellte (s. den Abschnitt „Die Pietà im Œuvre Peruginos“). Es befand sich zunächst in London, wo Giovanni Battista Cavalcaselle es 1866 als eines der schönsten Werke Peruginos beurteilte, danach in Bridgwater in der Grafschaft Somerset. Dort gelangte es (1914?) in die Sammlung von Mrs. Edward James Stanley und schließlich 1914 über die Kunsthandlung Colnaghi in die Sammlung Clark, aus der es 1955 in den Bestand des Sterling and Francine Clark Art Institute überging. 1957 wurde es von A. Frankfurter publiziert und damit Teil des kunsthistorischen Diskurses.
Die Pietà im Œuvre Peruginos mini|hochkant=0.7|Lünette des Fano-Altarbildes, Perugino 1497 mini|hochkant=0.7|Beweinung Christi, Giovanni Bellini, um 1475 mini|hochkant=0.7|Beweinung Christi, Perugino 1495
Vor allem in Venedig entstanden seit dem 14. Jahrhundert zahlreiche Pietà-Darstellungen, die Maria und Johannes den Evangelisten zeigen, wie sie den Leichnam Jesu stützen und betrauern. In den Jahren 1494 und 1495 hatte Perugino sich in dieser Stadt aufgehalten, wo er die Werke Giovanni Bellinis (* um 1437; † 1516) studieren konnte, der dieses Motiv vielfach umgesetzt hatte. Auch die Farbigkeit des Gemäldes wird auf Peruginos Venedigaufenthalte zurückgeführt, da die dortigen Maler zu jener Zeit eine besondere Qualität der Farbgebung zeigten.
Nikodemus und Joseph um den Leichnam des Gekreuzigten treten üblicherweise nur zusammen mit Maria und Johannes auf, wie etwa in der Lünette des Fano-Altarbildes von Perugino aus dem Jahr 1497. Möglicherweise wurde Perugino zu der seltenen Figurenkonstellation in seiner Pietà von einer Beweinung Christi angeregt, die Bellini um das Jahr 1475 als Teil eines Altarbildes gemalt hatte (heute in der Pinakothek des Vatikans) und die die Hll. Nikodemus, Joseph von Arimathäa und Maria Magdalena um den Leichnam Jesu versammelt zeigt.
Allgemein wird davon ausgegangen, dass die Pietà in zeitlicher Nähe zur Beweinung Christi von 1495, einem der Hauptwerke Peruginos, entstanden ist. Die thematische Verwandtschaft liegt auf der Hand, auch wenn in der Beweinung wesentlich mehr Figuren auftreten. Insbesondere lassen sich in ihr die drei Figuren der Pietà wiederfinden. Körper und Gesichtszüge Jesu sind in beiden Gemälden sehr ähnlich. Joseph von Arimathäa in der Pietà lässt sich schlüssig der bärtigen Figur links in der Beweinung, die den Oberkörper Jesu stützt, zuordnen, während Nikodemus in der dritten stehenden Figur von rechts wiedererkannt wird. Manche Kunstwissenschaftler meinen den Nikodemus hingegen in der zu Füßen des Gekreuzigten knienden Figur zu erkennen. Die Ähnlichkeiten zwischen den Figuren beider Bilder sind so groß, dass sie unmittelbar aus individuellen Modellstudien entwickelt sein dürften. Die Details in den Gesichtern zeigen das Können Peruginos als Porträtist, die er vielleicht am eindrucksvollsten in zweien seiner Meisterwerke, den kleinen Bildnissen des Don Baldassare di Antonio di Angelo und des Don Biagio Milanesi, demonstrierte.
Einzelnachweise Joseph Antenucci Becherer: Catalogue of the Exhibition. Color Plates and Commentary. In: Joseph Antenucci Becherer (Hrsg.): Pietro Perugino. Master of the Italian Renaissance. Rizzoli, New York 1997, ISBN 0-942159-20-9. Marilyn Bradshaw: Pietro Perugino: An Annotated Chronicle. In: Joseph Antenucci Becherer (Hrsg.): Pietro Perugino. Master of the Italian Renaissance. Rizzoli, New York 1997, ISBN 0-942159-20-9. S. 272, 274. Webseite des Sterling and Francine Clark Art Institute, abgerufen am 23. März 2026. Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann: Wörterbuch der christlichen Ikonographie. 8., veränderte Auflage. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2004, ISBN 3-7954-1653-1. Franz von Sales Doyé: Heilige und Selige der römisch-katholischen Kirche. Erster Band Aaron – Martyres. Vier Quellen Verlag, Leipzig 1929. S. 614. Franz von Sales Doyé: Heilige und Selige der römisch-katholischen Kirche. Zweiter Band Martyres – Zwölf Brüder. Vier Quellen Verlag, Leipzig 1929. S. 71. Pietro Scarpellini: Perugino. L’opera completa. Electa Editrice, Mailand 1984, ISBN 88-435-1090-8. Andreas Schumacher: 13 Pietà mit den hll. Nikodemus und Joseph von Arimathäa (Sepulcrum Christi). In: Andreas Schumacher (Hrsg.): Perugino – Raffaels Meister. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Alten Pinakothek München vom 13. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-9814578-1-0. S. 222.
Kategorie:Gemälde (15. Jahrhundert) Kategorie:Pietà Kategorie:Italienische Renaissance (Malerei) Kategorie:Kunstwerk der Renaissance Kategorie:Gemälde von Perugino