mini|Die Kirche im Plan des Jacopo de’ Barbari, um 1500, halb verdeckt von der Kirche San Rocco (Ausschnitt, San Nicoletto farblich hervorgehoben) San Nicolò della Lattuga, in älteren Texten häufig Latuca, auch San Nicoletto oder San Nicoleto dei Frari genannt, war eine Kirche im venezianischen Sestiere San Polo, westlich anschließend an die Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari. Das Bauwerk, das bis ins frühe 14. Jahrhundert zurückreichte, befand sich an der Calle di San Nicoleto. Das Patrozinium verweist auf Nikolaus von Myra, den Schutzheiligen der Seefahrer. San Nicoletto war bis 1810 eine reich ausgestattete Kirche nebst Bibliothek. Sie wurde um 1830 abgerissen. Der Name San Nicolò dei Frari leitet sich von der für Venedig typischen Verkürzung ab, nämlich Frari für Francescani, also Franziskaner.

Geschichte Die 1322 errichteteCesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, n. 139, S. 87. Kirche war Teil des Klosterkomplexes der Franziskaner, von dem heute noch Überreste in der Calle drio l’Archivio zu sehen sind, benannt nach dem heutigen Staatsarchiv.

Der Name San Nicolò della Lattuga geht auf den Adligen Nicolò Lion zurück, von dem berichtet wird, er habe die Kirche zum Dank für die Erlösung von einer schweren Krankheit gegründet, nachdem er Salat (lattuga) aus dem Garten des benachbarten Klosters gegessen hatte. Der Stifter wurde später Prokurator von San Marco und hatte in dieser Funktion das Recht, den Guardian des Klosters, in dem zwölf verdienstvolle Franziskaner untergebracht und versorgt wurden, zu bestimmen. Dieses Vorrecht bestand in Venedig bis 1797.

Die eher unbedeutende Kirche wurde den Franziskanern überantwortet, die ein Kloster einrichteten. Die Franziskaner brachten dort eine wachsende Bibliothek unter, doch bis 1594 konnte man die Kirche nur durch den Konvent betreten. Auch wurden in der öffentlich zugänglichen Institution Lesungen gehalten, so dass sie Funktionen einer Akademie übernahm. Als die Franziskaner 1594 die Klausur einführten, wurde ein separater Eingang für die Kirche notwendig. Dies führte zusammen mit der päpstlichen Ablassgewährung am Altar der Pietà zu einer Vervielfachung der Besuche, darunter nunmehr auch Frauen, die bis dahin ausgeschlossen waren. Der Guardian Andrea Michieli und der Stifter Fra’ Perin Michieli arbeiteten ein gewaltiges Programm zur Ausstattung der Kirche aus, zudem folgte letzterer ersterem im Amt des Guardians. mini|Paolo Veronese: Taufe und Versuchungen Christi, 248 × 450 cm, um 1582, Pinacoteca di Brera, Mailand mini|Tizian: Madonna di San Nicolò dei Frari, Pala des Hauptaltars, 1520–1522, Vatikanische Museen, Pinacoteca, Saal X (Madonna mit Kind und die Heiligen Katharina von Alexandrien, Nikolaus von Bari, Petrus, Antonius von Padua, Franz von Assisi und Sebastian) Daher wurde San Nicoletto, bereits mit einer Pala von Tizian ausgestattet, von Paolo Veronese und seiner Werkstatt mit einem Gemäldezyklus ausgestattet. Von Tizian stammt die Madonna mit Kind und Heiligen (bekannt als Madonna dei Frari, heute in Rom); von Veronese stammten elf Gemälde (überwiegend in den Gallerie dell’Accademia untergebracht). Jacopo Palma der Jüngere trug gleichfalls zur Ausschmückung bei, ebenso wie Jacopo Tintoretto, der einen Abstieg Jesu in die Unterwelt hinterließ.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Februar 1746 zerstörte ein verheerender Brand einen Großteil des Klosters. Das alte Archiv, die Bibliothek und der Speisesaal mit seinen Gemälden fielen den Flammen zum Opfer. Immerhin blieben die Kirche mit der Sakristei und eine separate Kapelle, die dem Heiligen Franziskus geweiht war, verschont.Peter Humfrey, Allison Sherman: The Lost Church of San Niccolò ai Frari (San Nicoletto) in Venice and its Painted Decoration, in: Artibus et historiae, 36 (2015) 247–281, hier: S. 252. 1777 ersetzte eine Orgel von Francesco Merlini die Orgel des 16. Jahrhunderts. mini|links|Blick durch den „Ramo San Nicoleto“ Richtung San Rocco Mit dem Dekret Napoleons von 1806 ging der Ordensbesitz an den Staat. Nach der Auflösung des Ordens ab 1810 – die Mönche kehrten in ihre Heimatdiözesen zurück – wurde die Kirche, deren reiche Bibliothek konfisziert wurde, nach und nach ihrer Kunstschätze beraubt und um 1830 abgerissen. Es entstand eine Schmiede, später einfache Wohnhäuser. Calle und Ramo San Nicoleto erinnern an die einstige Kirche.

Literatur Peter Humfrey, Allison Sherman: The Lost Church of San Niccolò ai Frari (San Nicoletto) in Venice and its Painted Decoration, in: Artibus et historiae, 72 (XXXVI) (2015) 247–281. Andrea Erboso: Veronese e la sua bottega a San Nicolò della Lattuga, in: Venezia Cinquecento, XXIII, n. 46, Rom 2013, S. 71–141. Maria Bergamo: La prova e il perdono. Il sacramento della Riconciliazione nel ciclo veronesiano per San Nicolò dei Frari: una lettura iconologica, engramma. la tradizione classica nella memoria occidentale, November 2021 (zum Battesimo e Tentazioni di Cristo, Paolo Veronese, um 1582, ikonologische Deutung im Zusammenhang mit dem Konzil von Trient). Marco Boschini: Le ricche miniere della pittura veneziana, Francesco Nicolini, Venedig 1674, Sestier di S. Polo, S. 54–57 („Chiesa di S. Nicolò de’Frari, detta della Latuca, Frari“). (Digitalisat) Antonio Maria Zanetti: Descrizione di tutte le pubbliche pitture della citta’ di Venezia e isole circonvicine: o sia Rinnovazione delle Ricche minere di Marco Boschini, colla aggiunta di tutte le opere, che uscirono dal 1674. sino al presente 1733, Pietro Bassaglia al segno della Salamandra, Venedig 1733, S. 307–310. (Digitalisat) Flaminio Corner: Notizie storiche delle chiese e monasteri di Venezia, e di Torcello, tratte dalle chiese veneziane, e torcellane, Giovanni Manfrè, Padua 1758, S. 368 (Digitalisat) Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 381–385, n. E („S. Nicoletto Dei Frari“). (Digitalisat)

Weblinks

Anmerkungen

Nicolò Nicolò Kategorie:Kirchengebäude im Patriarchat von Venedig Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Venetien Kategorie:Nikolaikirche Kategorie:Erbaut im 14. Jahrhundert Kategorie:Zerstört in den 1830er Jahren Kategorie:Ehemalige Franziskanerkirche