Fritz Wüllenweber (* 4. Oktober 1906 in Groß-Lichterfelde bei Berlin; † 5. Juni 1966) war ein deutscher Pädagoge. Während der Zeit des Nationalsozialismus wirkte er unter anderem als Dozent an der Bauernhochschule Goslar, war Mitarbeiter des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS und veröffentlichte Schriften zur völkisch geprägten Erziehung. Nach 1945 war er an verschiedenen Einrichtungen der Erwachsenen- und Jugendbildung tätig.
Leben Herkunft und Jugend Fritz Wüllenweber wurde am 4. Oktober 1906 in Groß-Lichterfelde bei Berlin geboren. Er war der Sohn der Johanna Maria Elisabeth Wüllenweber, geborene Fritsch und des Gymnasiallehrers Walther Wüllenweber (1860–1941), der ab 1908 Direktor der Krahmerschen Höheren Mädchenschule in Groß-Lichterfelde war.Helge Dvorak: Walther Wüllenweber. In: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 6: T–Z. Winter-Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 978-3-8253-5063-5, S. 383f. Sein älterer Bruder war der spätere Chefarzt und Professor für Innere Medizin Gerhard Wüllenweber (1894–1942).
Da sein Vater im Jahr 1910 zum Provinzialschulrat der Rheinprovinz ernannt worden war, verbrachte Fritz Wüllenweber seine Jugend fortan in der Provinzhauptstadt Koblenz, wo er das Realgymnasium besuchte. Während der alliierten Rheinlandbesetzung in Folge des Ersten Weltkriegs wurden Wüllenwebers Eltern im Juni 1923 wegen Widerstandes gegen die französische Besatzungsmacht aus der Rheinprovinz ausgewiesen, woraufhin sich die Familie wieder im inzwischen zu Berlin gehörenden Berlin-Lichterfelde niederließ. Dort legte Wüllenweber zu Ostern 1925 das Abitur am Realgymnasium Lichterfelde ab.Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs: Bio-bibliographisches Handbuch, Akademie Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-05-004094-3. Fritz Wüllenweber: Lebenslauf. In: Dessau und Ifferten. Eine Struktur-Studie zur Theorie der pädagogischen Internate. Inaugural-Dissertation, Langensalza 1931.
Studium und Promotion Im Anschluss studierte Wüllenweber Philologie sowie Psychologie. Die ersten beiden Semester studierte er in Berlin, das dritte Semester in Bonn, das vierte und fünfte Semester wieder in Berlin und ab dem sechsten Semester, d. h. ab Herbst 1927, an der Georg-August-Universität Göttingen. Dort promovierte er im Jahr 1931 bei Herman Nohl mit einer erziehungswissenschaftlichen Dissertation mit dem Titel Dessau und Ifferten. Eine Struktur-Studie zur Theorie der pädagogischen Internate. Nach Abschluss seines Studiums erhielt er eine Stelle als Assistent bei Erich Weniger an der Pädagogischen Akademie Altona. Ende 1932 arbeitete Wüllenweber als Lehrer an einer Bauernvolkshochschule in Westpreußen.
Zeit des Nationalsozialismus Im Jahr 1933 trat Wüllenweber der Sturmabteilung bei. Bereits 1932 kam Wüllenweber mit dem Volkstumskampf im Elsass in Kontakt und gehörte wohl zeitweise einem Sabotagetrupp an. Ab Mitte der 1930er-Jahre veröffentlichte er mehrere Schriften zu Fragen einer völkisch geprägten Erziehung, darunter die rund 170-seitige Monografie Altgermanische Erziehung, dargestellt auf Grund der Islandsagas und anderer Quellen zum Frühgermanentum (1935) sowie die dreibändige Reihe Germanische Jungmannschaftszucht (1937–1939), die er im Auftrag des Reichsbauernführers und Reichsernährungsministers Walther Darré herausgab. Die Veröffentlichungen erschienen im Umfeld des Reichsnährstandes und waren Teil der dort betriebenen Bildungs- und Schulungsarbeit.
1936 erhielt Wüllenweber einen Ruf an die Hochschule für Lehrerbildung in Lauenburg/Elbe. Auf Vorschlag von Walther Darré folgte er jedoch dem Angebot, als Dozent an der Bauernhochschule Goslar zu lehren. Auf Empfehlung von Henning von Lepel wurde er zum Oberlandwirtschaftsrat ernannt.
Wüllenweber beantragte am 2. November 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.157.761).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/49780793 Im gleichen Jahr trat er auch der SS bei. Zudem war er ehrenamtlich für das Rassenpolitische Amt in Hannover tätig und wirkte als Mitarbeiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS (RuSHA) in Berlin. Mitgliedschaften bestanden auch beim Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) sowie dem Reichsluftschutzbund (RLB). Während des Zweiten Weltkrieges geriet Wüllenweber in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Jahr 1949 entlassen wurde.Paul Ciupke: Eine bizarre Laufbahn in der außerschulischen politischen Bildung. Auf den Spuren von Fritz Wüllenweber. In: Außerschulische Bildung. Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (Hrsg.), Heft 1/2025.
Wirken nach 1945 Nach seiner Entlassung war Wüllenweber wieder als Pädagoge tätig. Ab 1950 war er zunächst als Lehrer an der Heimvolkshochschule Jägerei Hustedt bei Celle beschäftigt. Bereits im Jahr 1952 geriet Wüllenweber in Hamburg in eine politische Kontroverse, nachdem der Verband deutscher Soldaten öffentlich gemacht hatte, dass er während seiner sowjetischen Kriegsgefangenschaft in leitender Funktion in einem „antifaschistischen Komitee für Offiziere“ tätig gewesen sein soll. In der Folge wurde ihm vorgeworfen, sich dem kommunistischen Lager angenähert und zudem Mitgefangene belastet zu haben. Eine Untersuchungskommission ging diesen Vorwürfen nach. Im Verlauf des Verfahrens wurden verschiedene entlastende Stellungnahmen vorgelegt, unter anderem von Helmut Gollwitzer und Werner Kindt. Wüllenweber habe sich lediglich aus taktischen Gründen der kommunistischen Ausdrucksweise angepasst, um innerhalb des Lagers Einfluss zu behalten und Schlimmeres zu verhindern, ohne tatsächlich mit sowjetischen Stellen kooperiert zu haben. Die Kommission kam schließlich zu dem Ergebnis, dass die Anschuldigungen nicht nachweisbar seien, sodass er als entlastet galt. Nach Darstellung von Paul Ciupke könnte die Kontroverse auch Wüllenwebers weitere berufliche Entwicklung beeinflusst haben; so wurde er nach der Schließung des Jugendhofs Barsbüttel nicht in die Nachfolgeeinrichtung in Reinbek übernommen.
Von 1952 bis zu ihrer Schließung im Jahr 1958 war er Leiter der sozialpädagogischen Bildungsstätte Jugendhof Barsbüttel bei Hamburg und dort für die pädagogische und organisatorische Ausgestaltung der Einrichtung verantwortlich. Der mit Unterstützung der britischen Besatzungsmacht gegründete Jugendhof Barsbüttel gehörte zu den frühen Einrichtungen der politischen Jugendbildung in der Bundesrepublik und diente insbesondere der Ausbildung von Jugendleitern. Wüllenweber prägte dort über viele Jahre die pädagogische Arbeit der Einrichtung. Zu dem Freundeskreis des Jugendhofs gehörten unter anderem Herbert Giffei, Gertrud Seydelmann und Rudolf Sieverts, die in einer 1959 erschienenen Denkschrift die Arbeit der Einrichtung rückblickend darstellten. In ihren Beiträgen wird Wüllenweber als prägende Figur hervorgehoben, die den Jugendhof über Jahre hinweg bestimmte und dessen pädagogisches Profil wesentlich mitgestaltete. Dabei wird insbesondere seine Rolle für die inhaltliche Ausrichtung der Bildungsarbeit sowie für die Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens am Jugendhof betont.Der Jugendhof Barsbüttel. 1947–1958. Denkschrift herausgegeben im Auftrag der Freunde des ehemaligen Jugendhofs Barsbüttel von Herbert Giffei, Gertrud Seydelmann und Rudolf Sieverts, Hamburg 1959.
Nach der Schließung des Jugendhofs arbeitete Wüllenweber schließlich für ein Jahr bei der Stätte der Begegnung in Vlotho. Bis Ende Januar 1965 war er für die Bildungsstätte Haus Schwalbach bei Wiesbaden tätig, die bis 1963 von Magda Kelber geleitet wurde. Zuletzt übernahm er die Außenarbeit an der Heimvolkshochschule Falkenstein.Dr. Fritz Wüllenweber (1906–1966). Nachruf in Hessische Blätter für Volksbildung. Zeitschrift für Erwachsenenbildung in Deutschland. Jahrgang 16 (1966), Heft 2, S. 180 f. Mit Porträtfoto.
Fritz Wüllenweber war mit Hildegard Wüllenweber, geborene Pechstein, verheiratet, einer Bibliothekarin und Nichte des Malers Max Pechstein.Die kleine, große Rahel von Lichterfelde. Zeitlos modern: Hildegard Wüllenweber führt noch heute einen Berliner Salon. In: Tagesspiegel, 17. Februar 1991. Er verstarb am 5. Juni 1966, kurz nach Beendigung einer von ihm geleiteten Tagung eines Studienkreises für politische und gesellschaftliche Bildung in Rotenburg an der Fulda, an einem Herzinfarkt und wurde fünf Tage später auf dem Friedhof in seinem letzten Wohnort Wiesbaden-Biebrich beigesetzt. Bei seiner Beisetzung waren neben zahlreichen Wegbegleitern auch die extra aus der DDR angereisten Schriftsteller Hermann Kant und Stephan Hermlin anwesend.
Werke Monografien Dessau und Ifferten. Eine Struktur-Studie zur Theorie der pädagogischen Internate. Inaugural-Dissertation, Langensalza 1931. Altgermanische Erziehung. Dargestellt auf Grund der Islandsagas und anderer Quellen zum Frühgermanentum. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1935, 174 S., 2. Auflage 1939. Quellen-Reihe zur volkspolitischen Erziehung. Im Auftrag des Reichsbauernführers Walther Darré herausgegeben von Dr. Fritz Wüllenweber. Germanische Jungmannschaftszucht. 1. Die Sippengefolgschaft. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1937. Germanische Jungmannschaftszucht. 2. Der Wikingbund. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1938. Germanische Jungmannschaftszucht. 3. Die Fürstengefolgschaft. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1939. Urlaub in Opatija. Beobachtungen eines Pädagogen-Ehepaares an der jugoslawischen Adria. Mit Hildegard Wüllenweber, Studienkreis für Tourismus, München 1964.
Aufsätze (Auswahl) Germanische Erziehungsordnungen. In: Die Deutsche Schule, 40 (1936), Heft 5, S. 193–201. Die deutsche Hanse als Erbin germanischen Freibauerntums. In: Odal. Monatsschrift für Blut und Boden. 6. Jahrgang, Heft 2 (August 1937), S. 66–73. Das Kind im Weltbild und Lebensraum germanischen Freibauerntums. In: Kindergarten. Organ der Reichsfachschaft 7. Sozial-pädagogische Berufe im NS.-Lehrerbund. Zeitschrift für die Erziehungsarbeit der Kindergärtnerin u. Jugendleiterin. Jahrgang 80 (1939), Heft 4, S. 65–77. Die „Flüchtlingsbegegnung“, eine Jugendtagung neuen Stils. In: deutsche jugend, Ausgabe Juli 1960, Juventa-Verlag, München, S. 296–298
Literatur Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt: Wüllenweber, Fritz In: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs: Bio-bibliographisches Handbuch, Akademie Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-05-004094-3, S. 495.
Weblinks Wüllenweber, Fritz in der Datenbank Niedersächsische Personen der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek
Einzelnachweise
Kategorie:Pädagoge Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:SS-Mitglied Kategorie:Absolvent der Georg-August-Universität Göttingen Kategorie:Deutscher Kriegsgefangener der Sowjetunion Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1906 Kategorie:Gestorben 1966 Kategorie:Mann