Die Polizeihubschrauberstaffel BW mit Standorten an den Flughäfen Stuttgart und Baden-Airpark ist die Luftunterstützungseinheit der Polizei Baden-Württemberg. Sie ist dem Polizeipräsidium Einsatz unterstellt und besteht im Jahr 2026 aus sechs Polizeihubschraubern des Typs Airbus Helicopters H145 D3.
Geschichte
1960er Jahre Die Planungen für die Errichtung einer Polizeihubschrauberstaffel wurden früh aufgenommen. Am 1. März 1965 wurde die Staffel mit einem Personalbestand von sechs Beamten unter der Leitung von Polizeihauptkommissar Schmidler aufgestellt. Die Einheit wurde in die Organisationsgliederung der Landespolizeidirektion I in Stuttgart integriert.
Die Zuständigkeit der Polizeihubschrauberstaffel BW erstreckte sich auf alle vier Regierungsbezirke (Karlsruhe: 6.905 km², Freiburg: 9.363 km², Stuttgart: 10.570 km² und Tübingen: 8.912 km²). Die Einsätze der Dienststellen wurden über das Polizeilagezentrum des Innenministeriums koordiniert.
Der eigentliche Flugbetrieb konnte erst am 8. Juni 1965 aufgenommen werden. In der Zwischenzeit absolvierten zwei Beamte der Grenzschutzfliegertruppe eine Ausbildung zum Hubschrauberführer und überführten die ersten beiden Hubschrauber des Typs SA 318 Alouette II vom Herstellerwerk in Marignane bei Marseille nach Stuttgart. Die Eintragung dieser Hubschrauber beim Luftfahrt-Bundesamt erfolgte am 5. Mai 1965 mit den Kennzeichen D-HIFE und D-HIFO. mini|299x299px|Alouette II mit Kennzeichen D-HlFE Im Rahmen einer Feierstunde wurden die Hubschrauber vom damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, übergeben.
Um die Effektivität der Staffel möglichst hoch zu halten, hatten die Besatzungen die Möglichkeit, ihre Flugstreifen selbst einzuteilen und bestimmte Einsatzschwerpunkte selbst festzulegen. Somit waren sie nicht auf die Anforderungen von Polizeidienststellen angewiesen.
Am 3. Juli 1969 wurde die Staffel durch eine dritte Alouette II mit dem Kennzeichen D-HAPU verstärkt. Bei diesen Maschinen handelte es sich um ein lang erprobtes Muster mit Wellenturbinenantrieb, das bereits ab 1964 bei den Polizeihubschrauberstaffeln des Bundesgrenzschutzes und anderer Bundesländer (PFlSt NRW, PFlSt Hessen) im Einsatz war. Diese Hubschrauber wurden nach den allgemeinen Sichtflugregeln geflogen. Doch schon sehr bald zeigten sich die ersten Grenzen der einmotorigen Hubschrauber.
1970er Jahre Die technische Entwicklung schritt voran und ab 1973 traf man die ersten Vorbereitungen, die Staffel mit moderneren und leistungsfähigeren Maschinen auszustatten. mini|231x231px|Polizeihubschrauber beim Schauinslandrennen 1967 Inzwischen entwickelte die deutsche Unternehmensgruppe Messerschmitt-Bölkow-Blohm in Ottobrunn ein neues Hubschraubermodell zur Serienreife. Dieses Modell mit dem Namen Bo 105 schien besonders für die Arbeit bei der Polizei geeignet zu sein.
Die erste MBB Bo 105 mit dem Kennzeichen D-HBOA wurde am 24. April 1974 ausgeliefert, bis Ende 1978 folgten weitere Maschinen mit den Kennzeichen D-HBOB, D-HBOC und D-HBOE. Gleichzeitig erfolgte die sukzessive Außerdienststellung der Alouette II.
Im Juli 1974 stürzte eine Alouette II in Mannheim ab, wobei drei Beamte ums Leben kamen. Die Maschine befand sich auf einem Einsatz zur Verkehrsbeobachtung rund um den Hockenheimring, als sie plötzlich und unkontrolliert abstürzte und direkt neben einem Öltank eines Großkraftwerks aufschlug. mini|MBB Bo 105 der Staffel Am 14. April 1975 entschied sich das Staatsministerium des Innern für den Kauf eines zweimotorigen Transporthubschraubers der mittleren Klasse mit etwa 12 Sitzplätzen, der vorwiegend für polizeitaktische Transportaufgaben eingesetzt werden sollte. Die Wahl fiel auf die Bell 212 der Firma Bell Helicopter die zum Textron-Konzern gehört. Die Maschine erhielt das Kennzeichen D-HBWP und wurde in der Folgezeit häufig von Sondereinsatzgruppen der beiden Landespolizeidirektionen genutzt. Die Piloten dieser Maschine wurden entgegen der üblichen Regelungen bei der Herstellerfirma in Fort Worth (Texas) eingewiesen.
Die fachliche Weiterbildung der Piloten und Bordwarte wurde intensiv betrieben, sodass im Frühjahr 1977 die ersten beiden Piloten für Flüge nach Instrumentenflugregeln (IFR) zugelassen waren.
Ende der 70er Jahre verfügte die Staffel über einen Flottenbestand von fünf Bo 105 und einer Bell 212.
Für den Flugbetrieb standen der Dienststellenleitung elf Hubschrauberpiloten im gehobenen Dienst zur Verfügung, von denen fünf eine Berechtigung für Flüge nach Instrumentenflugregeln hatten. Hinzu kamen 16 Bordwarte im mittleren Polizeivollzugsdienst, von denen sechs die Prüflizenz der Luftfahrtgeräteklasse II besaßen.
1980er und 1990er Jahre Von der Gründung der Staffel bis Ende 1983 wurden 31.131 Flugstunden verzeichnet. Im Jahr 1984 wies die Statistik 612 Einsatzflüge und 275 Sondereinsätze mit insgesamt 2.500 Flugstunden aus. Ein Jahr später wurden 799 Einsatzflüge und rund 314 Sondereinsätze mit etwa 3.392 Flugstunden geflogen. Dabei wurden auch Schulungs- und Werkstattflüge mitgezählt. mini|D-HBWH am Flughafen Stuttgart Die Entwicklung im polizeilichen Bereich verlief ähnlich wie in den anderen Bundesländern. In den Anfangsjahren machte die Verkehrsüberwachung den überwiegenden Teil der Flugzeiten aus. In den 1990er Jahren reduzierte sich dieser Anteil auf 50 Prozent, während die Eignung als Führungs- und Einsatzmittel im polizeilichen Alltag zunehmend in den Vordergrund trat.
Im Jahr 1992 wurde mit der Firma MBB über den Kauf des Modells BK 117 verhandelt. Dieser zweimotorige Hubschrauber mit einem Platzangebot von maximal neun Fluggästen würde das Leistungsportfolio steigern.
Die erste BK 117 wurde am 31. März 1993 an die Polizei Baden-Württemberg ausgeliefert und unter dem Kennzeichen D-HBWG registriert. Die Polizei verwendete für die Maschine das Rufzeichen „Bussard 807“.
Am 7. Dezember 1998 machte die Bell 212 auf dem Stuttgarter Flughafen eine Bruchlandung. Der damalige FDP-Wirtschaftsminister Walter Döring und die beiden Besatzungsmitglieder an Bord wurden schwer verletzt. Der Pilot hatte im aufwirbelnden Schneegestöber die Kontrolle über das Flugzeug verloren. Später stellten Experten außerdem fest, dass das Hallenvorfeld als Landeplatz eine unzulässige Neigung aufwies. Die Zahl der Flüge mit Landespolitikern ging nach 1999 von 91 auf 54 zurück. Als Ersatz für die Bell 212 wurde 1999 bis 2000 eine Bell 412 als Transporthubschrauber verwendet.
2000er Jahre Im Jahr 2001 wurde die BK 117 (D-HBWG) an die ADAC Luftrettung übergeben und unter dem Kennzeichen D-HBRB registriert. Der Hubschrauber mit dem Rufnamen Christoph 6 war daraufhin in Bremen stationiert.mini|EC 155 der StaffelDie Hubschrauberflotte wurde zwischen 2001 und 2004 erneuert. Mit den zwei Transporthubschraubern des Typs EC 155 wurden Transport- und Verlastungsaufgaben erfüllt. Zu den Einsatzschwerpunkten dieser Hubschrauber zählten der Transport des Spezialeinsatzkommandos der Polizei (SEK), die Beförderung von Mitgliedern der Landesregierung sowie die Aus- und Fortbildung des fliegenden Personals und der Einsatzkräfte der Polizei.
Für den schnellen Transport der Spezialkräfte wurde eine Maschine auf dem Heliport in Göppingen für das SEK bereitgestellt. In den Jahren 2001 bis 2003 wurde die gesamte Bo-105-/BK-117-Flotte durch insgesamt sechs MD 902 Explorer ersetzt. Diese Maschinen zeichnete ein leiseres Flugverhalten durch den fehlenden Heckrotor (NOTAR-System) aus. Zudem waren die Maschinen mit einem Wärmebildkamera-System des Typs FLIR Leo 400 ausgestattet.
Die Basisausbildung zum Berufshubschrauberführer kostete 2009 etwa 158.000 Euro. Im Anschluss wurden dem Piloten in sechs Ausbildungsblöcken die Anforderungen eines Kommandanten im Nachteinsatz mit Bildverstärkerbrille vermittelt. Bis dahin summierten sich die Ausbildungskosten auf 182.000 Euro. Für den Hubschrauber EC 155 kamen zu diesen Ausbildungskosten noch weitere Kosten für die Sichtflug- und Instrumentenflugberechtigung hinzu. Insgesamt lagen die Ausbildungskosten für die EC 155 somit zwischen 204.000 und 245.000 Euro. mini|MD 902 der Polizei BW Im Jahr 2009 waren eine oder beide EC 155 an 150 Tagen im Einsatz, an 215 Tagen waren sie nicht in der Luft. Selbst während der SEK-Bereitschaft waren die EC 155 nur an etwas mehr als der Hälfte der Tage in der Luft. Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2009 hatte ein Transporthubschrauber eine jährliche Flugzeit von 210 Stunden. Die Auslastung ist damit sehr gering. In der Flugzeit sind auch sehr viele Ausbildungsflüge enthalten. Insgesamt wurden 2009 mehr Flugstunden für Aus- und Fortbildung sowie für Werftflüge als für den polizeilichen Einsatz durchgeführt. Die beiden Transporthubschrauber standen überwiegend ungenutzt flugbereit im Hangar.
Zum 31. Dezember 2009 gehörten 50 Personen zum fliegenden Personal der Staffel: 29 Piloten, vier Copiloten, zehn Flugtechniker und sieben Operator.
Beim Amoklauf von Winnenden und Wendlingen 11. März 2009 waren alle Hubschrauber der Staffel im Einsatz.
Die MD-902 mit dem Kennzeichen D-HIBC hatte eine andere Farbgebung und weniger polizeispezifische Ausstattung. Der Hubschrauber war auf das Regierungspräsidium Stuttgart zugelassen, wurde aber durch die Polizei betrieben und primär für VIP-Flüge eingesetzt.
2010er Jahre Nach der umfangreichen Renovierung des Einsatzhangars und dem Neubau des Verwaltungsgebäudes wurde die Außenstelle am Baden-Airpark gestärkt. Bei der feierlichen Einweihung am 30. November 2010 war Innenminister Heribert Rech dabei. Mit der Fertigstellung wurde ein zweiter MD 902 Hubschrauber vom Flughafen Stuttgart nach Rheinmünster in den Baden-Airpark umgezogen. Polizeidirektor Klaus Trautmann begründete die Erweiterung mit einem wachsenden Sicherheitsbedürfnis und steigenden Einsatzzahlen. Die Zahl von zwölf Beamten der Staffel am Baden-Airpark blieb unverändert. Von Rheinmünster aus sollte jeder Einsatzort von Lörrach bis Mannheim in spätestens einer halben Stunde erreichbar sein. Bei schlechtem Wetter stellte der Schwarzwald mit tief hängenden Wolken von Stuttgart aus gesehen allzu oft ein unüberwindbares Hindernis dar. Hier ging viel Einsatzzeit verloren. Mit der Standortstärkung änderte sich dies. Baden-Württemberg hatte rund 600.000 Euro in die sanierten und neugebauten Räume investiert. mini|MD 902 Kennzeichen D-HBWD 2010 kostete im Polizeieinsatz die Flugstunde mit dem Transporthubschrauber EC 155 etwa 5.950 Euro und mit dem Einsatzhubschrauber MD 902 etwa 2.730 Euro.
Am 11. Mai 2011 ist die MD 902 (D-HBWG) über einem Waldgebiet bei Engelsbrand verunglückt. Die Feuerwehr musste die Insassen aus dem Wrack befreien. Die beiden Männer und die Frau wurden in ein Krankenhaus gebracht. Nach einer Notoperation waren die Piloten nicht mehr in Lebensgefahr. Die Polizisten hatten aus dem Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera nach einer aus einem Pflegeheim verschwundenen 77-Jährigen gesucht. Ein Jahr später teilte der Pforzheimer Leitende Oberstaatsanwalt mit, dass es sich in diesem Zusammenhang um einem leichten Flugfehler gehandelt hatte.
In der am 7. Juli 2011 veröffentlichten Denkschrift zur Haushaltsrechnung 2009 wurde die Neuausrichtung der Hubschrauberstaffel beschrieben. Demnach sollte das Land künftig nur noch ein Hubschraubermuster verwenden. Nach einer kritischen Aufgabenanalyse sollte die Zahl der Hubschrauber und die der Besatzungsmitglieder dem Bedarf angepasst und entsprechend reduziert werden.
Im Dezember 2013 entschied das Land, die vorhandene Flotte der Polizeihubschrauber – bestehend aus zwei EC 155 und fünf MD 902 (bis 2011: sechs) – in den Jahren 2015 und 2016 zu ersetzen. Bestellt wurden insgesamt sechs H 145, das damals neueste und modernste Modell dieser Klasse vom deutschen Zweig des Herstellers Airbus Helicopters. Die Kosten für die Beschaffung der modernen Flotte durch das Land beliefen sich auf etwa 60 Millionen Euro.