Six Degrees of Separation bezeichnet die Hypothese, dass zwei beliebige Menschen auf der Welt über eine kurze Kette sozialer Beziehungen – maximal sechs Personen – miteinander verbunden sind.

Begrifflichkeit Das Konzept zählt zu den grundlegenden Ideen der Netzwerkforschung und wird oft im Kontext des Kleine-Welt-Phänomens (engl. small-world experiment) betrachtet.

Das Phänomen „Six Degrees of Separation“ wird im Englischen auch als „Six Handshakes Rule“ bezeichnet und beschreibt bildlich die Idee, dass man theoretisch nur sechs Handschläge – also sechs soziale Verbindungen – von jeder beliebigen Person auf der Welt entfernt ist (also Ich-Person ist über sechs Menschen mit Zielperson bekannt). Eine feste deutsche Entsprechung wie „Sechs‑Handschläge‑Regel“ gibt es zwar nicht, doch die Redewendung „jemanden über drei Ecken kennen“ vermittelt einen ähnlichen Gedanken im kleineren, persönlichen Rahmen. Seltener findet sich auch „jemanden über sechs Ecken kennen“, das den globalen Aspekt aufgreift.

Geschichte Die Hypothese wurde erstmals 1929 vom ungarischen Schriftsteller Frigyes Karinthy formuliert. In seiner Kurzgeschichte Láncszemek beschreibt er ein Spiel, bei dem versucht wird, zwei beliebige Personen über maximal fünf Zwischenpersonen zu verbinden.Frigyes Karinthy: Chains (Láncszemek). https://www.cs.cornell.edu/home/kleinber/networks-book/networks-book-ch20.pdf (Cornell University), abgerufen am 14. März 2026. Karinthy begründete seine Überlegungen mit der zunehmenden Globalisierung und den technischen Fortschritten in Transport und Kommunikation, die die Welt „kleiner“ erscheinen ließen.Karinthy, F. (1929): Minden másképpen van. Budapest.

Internationale Bekanntheit erlangte die Hypothese 1967 durch das „Small-World-Experiment“ des US-Psychologen Stanley Milgram. Versuchspersonen in US-Städten in Nebraska und Kansas erhielten die Aufgabe, einen Brief über persönliche Bekannte an eine Zielperson in Massachusetts weiterzuleiten. Von den erfolgreich zugestellten Sendungen lag die durchschnittliche Zahl der Vermittlungsstationen bei rund fünf bis sechs, was populär als „sechs Grade der Trennung“ rezipiert wurde.Milgram, S. (1967): The Small World Problem. In: Psychology Today, Vol. 2, S. 60–67.Travers, J.; Milgram, S. (1969): An Experimental Study of the Small World Problem. In: Sociometry, Vol. 32, Nr. 4, S. 425–443. Das Experiment galt als Meilenstein der Sozialpsychologie, wurde jedoch später kritisiert, da viele Sendungen ihr Ziel nicht erreichten und die Stichprobe nicht repräsentativ war. Spätere Analysen wiesen darauf hin, dass nur ein Bruchteil der Ketten tatsächlich abgeschlossen wurde, was die Verallgemeinerbarkeit einschränkt.Judith Kleinfeld: The Small World Problem, in: Society, Vol. 39, 2002. https://link.springer.com/article/10.1007/BF02717530, abgerufen am 14. März 2026.

Der Soziologe Duncan Watts und der Mathematiker Steven Strogatz entwickelten 1998 ein Modell zur Beschreibung von Small-World-Netzwerken. Es zeigt, dass bereits wenige „Fernverbindungen“ ausreichen, um die durchschnittliche Pfadlänge in großen Netzwerken drastisch zu reduzieren, während lokale Clusterstrukturen erhalten bleiben.Watts, D. J.; Strogatz, S. H. (1998): Collective dynamics of “small-world” networks. In: Nature, Vol. 393, S. 440–442. https://www.nature.com/articles/30918, abgerufen am 14. März 2026.

Anfang der 2000er Jahre führten die Wissenschaftler Duncan Watts, Peter S. Dodds und Roby Muhamad eine internetbasierte Replikationsstudie durch. Über 60.000 Personen nahmen an einem E-Mail-Experiment teil, in dem Nachrichten an insgesamt 18 Zielpersonen in 13 Ländern weitergeleitet wurden. Die Studie ergab typische Kettenlängen von fünf bis sieben Schritten und stützte damit die Grundannahme kurzer Pfade in globalen Netzwerken.Dodds, P. S.; Muhamad, R.; Watts, D. J. (2003): An experimental study of search in global social networks. In: Science, Vol. 301, S. 827–829. https://www.science.org/doi/10.1126/science.1081058, abgerufen am 14. März 2026.Watts, D. J. (2003): Six Degrees: The Science of a Connected Age. W. W. Norton & Company.

Soziale Netzwerke Mit dem Aufkommen sozialer Online-Netzwerke wurde die Hypothese empirisch überprüfbar: Microsoft Messenger (2008): Eine Analyse von Kommunikationsdaten des Messengers über rund 30 Milliarden Konversationen ergab eine durchschnittliche Pfadlänge von etwa 6,6 Schritten. Facebook-Studien (2011/2016): Interne Analysen von Facebook zeigten, dass Nutzer 2011 im Durchschnitt über 3,74 Schritte miteinander verbunden waren. Im Jahr 2016 lag dieser Wert bei 3,57 Schritten.Backstrom, L. et al. (2011): Four degrees of separation. Facebook Data Team.Edunov, S. et al. (2016): Three and a half degrees of separation. https://research.facebook.com/blog/2016/2/three-and-a-half-degrees-of-separation/, abgerufen am 14. März 2026. Twitter (2011): Auch auf der Plattform Twitter (heute X) wurde die Vernetzung untersucht; hier lag die durchschnittliche Distanz zwischen den Nutzern bei 3,43 Schritten. Weitere Online-Netzwerke: Untersuchungen anderer großer Online- und Social-Media-Netzwerke berichten ebenfalls sehr kurze durchschnittliche Pfadlängen und bestätigen damit die Small-World-Eigenschaften solcher Systeme.

Bedeutung in der Netzwerkforschung Die Hypothese von „Six Degrees of Separation“ ist ein wichtiger Bezugspunkt der modernen Netzwerk- und Sozialforschung. Sie zeigt, dass globale soziale Netzwerke hochgradig vernetzt sind, Informationen und Trends sich schnell verbreiten können und reale Netzwerke häufig Small-World-Eigenschaften aufweisen (kurze Pfadlängen bei zugleich hoher Clusterbildung).Watts, D. J. (2003): Six Degrees: The Science of a Connected Age. W. W. Norton & Company.Barabási, A.-L. (2002): Linked: The New Science of Networks. Perseus Publishing.

Kulturelle Rezeption 1990: Theaterstück Six Degrees of Separation von John GuareGuare, J. (1990): Six Degrees of Separation. New York: Vintage Books. 1993: Film Six Degrees of Separation (dt.: Das Leben – Ein Sechserpack), basierend auf dem Theaterstück von John Guare 1994: Gesellschaftsspiel und später Internetphänomen Six Degrees of Kevin BaconSix Degrees of Kevin Bacon. In: Encyclopædia Britannica. https://www.britannica.com/topic/Six-Degrees-of-Kevin-Bacon, abgerufen am 14. März 2026.

Einzelnachweise

Kategorie:Netzwerktheorie Kategorie:Soziologie Kategorie:Kommunikationswissenschaft