Präfigurative Politik beschreibt eine Form des politischen Handelns, in der Gruppen einen angestrebten gesellschaftlichen Wandel im Rahmen der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse bereits vorleben. Das Vorleben des gewünschten zukünftigen Zustands in der Gegenwart wird so selbst zum Mittel politischer Transformation.

Definition Der Begriff wurde erstmals 1965 durch Daniel Guérin genutzt. Im Englischen ist der Begriff prefigurative politics seit Langem etabliert, im deutschen Sprachraum wurden Texte, die sich mit ihm beschäftigten historisch auch als "prophetische Intervention", "antizipatorische Politik" oder "vorwegnehmende Politik" übersetzt. Als prägende Autoren zum Thema präfigurativer Politik gelten André Gorz, Sheila Rowbotham, Winni Breines und Carl Boggs. Boggs veröffentlichte 1977 in der Zeitschrift Radical America den Artikel Marxism, Prefigurative Communism, and the Problem of Workers Control, in welchem er die präfigurative Politik als Alternative linker Bewegungen zu den klassischen Methoden zur Herbeiführung von Systemwandel - Revolution oder Reformismus - aufzeigt. Rowbotham kritisiert in ihrem 1979 erschienene Essay The woman's movement and organizing for socialism die Ignoranz der damaligen leninistischen Linken gegenüber feministischen Themen und zeigt auf, dass die feministische Bewegung Methoden erarbeitet hat, die neue Ideen zur Organisation von Reproduktionsarbeit hervorbringen und präfigurativ vorleben. Der Politikwissenschaftler Paul Sörensen nennt drei Charakteristika, die präfigurative Politik beschreiben. Sie sei "intentional, kollektiv und erfolg[e] in transformativer Absicht".

Beispiele Beispiele für präfigurative Politik finden sich in diversen Bereichen. Das wohl meistzitierte Beispiel sind Protest-Camps wie etwa die der Occupy-Bewegung. Aber auch in lokaler beschränkten Kontexten kann von präfigurativer Politik gesprochen werden. So schlossen sich in der spanischen Extremadura Anwohner zusammen, um gegen den Lithiumabbau in ihrer Region vorzugehen, indem sie Informationsveranstaltungen zu den geplanten Bergbaubestrebungen veranstalteten und zu dem Thema publizierten, da sie die öffentliche Berichterstattung als nicht unabhängig genug wahrnahmen. Auch Bewegungen wie die Transitions-Towns oder Foodsharing lassen sich als präfigurative Politik verstehen.

Einzelnachweise

Kategorie:Politik