Die Nivaĉle (Eigenbezeichnung; früher als Chulupi, aber auch als Ashluslay, Sotegaraik, Sociagay, Suhin bekannt) sind ein indigenes Volk des Gran Chaco mit über 19.150 Angehörigen, davon 18.280 Personen (Zensus 2022) in Paraguay (Verwaltungsbezirke/Departamente Präsidente Hayes, Boqueron) sowie 878 (Zensus 2022)Poblacion Indigena. In: Nacional de Población, Hogares y Viviendas 2022 - Resultados definitivos (spanisch). Abgerufen am 17. Februar 2026 in Argentinien (Provinz Salta). Für Bolivien (Departament Tarija) gab Müller (1984) als Ortbeschreibung „östlich Villa Montes am Rio Pilcomayo“Wolfgang Müller: Die Indianer Lateinamerikas. Berlin 1984. an. Riester (1976) nennt eine Schätzzahl von 100?,J. Riester: Ostboliviens versklavte Indianervölker. In: pogrom Nr. 46, Hamburg 1976. die auch im InternetNivaclé - Orientation. In: World Culture Encyclopedia noch publik ist. Er vermerkte dazu „Sowohl in Bolivien als auch in Paraguay werden die Chulupis von den Ranchern wie wilde Tiere mit Schusswaffen verfolgt. Die Chulupis, die zwischen Bolivien und Paraguay hin- und herwandern, wobei sie versuchen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne irgendwem Schaden zuzufügen, werden durch die Bolivianer und Paraguayer in wenigen Jahren ausgerottet sein.“ Boliviens Zensus 2024 enthält bei den indigenen Ethnien/Sprachen keine NivaĉleCenso Indigenas pueblos 2024. In: Censo Bolivia 2024: Datos y Estadísticas Clave - Censo 2024.
Sozial-räumliche Hauptgruppen Die Nivaĉle gliedern sich in zwei sozial-räumliche Hauptgruppen:Tierra Libre: Fortschritte der Initiative zur “Wiederherstellung der Territorialen Erinnerung Nivaĉle” Aktivitäten der Nivaĉle-Gemeinden mit Unterstützung von Tierra Libre. In: Naturvölker Nr. 67, Ludwigslust 2013. Tovôquinĵus („Menschen des Flusses“), die sich aus denjenigen Gruppen zusammensetzten, die direkten und kontinuierlichen Zugang zum Pilcomayo-Fluss hatten Fach´ee Lhavos („Menschen von außerhalb“), die sich aus den weiter vom Fluss entfernten Gruppen zusammensetzten. Diese hatten generell ebenfalls einen temporären Zugang zum Río Pilcomayo.
Sprache Die Nivaĉle-Sprache (mehrere Dialekte) gehört zur Unterfamilie Mataco-Mataguayo der Mataco-Guaicurú-Sprachen.
Traditionelle Lebensart mini|Ein Nivaĉle, der Fisch isst (1908)
Die Nivaĉle waren semi-nomadische Sammler, Jäger und Fischer. Der Chaco gab ihnen alles, was zum Leben nötig war. Das Land, auf dem sie lebten, hat neben der Bereitstellung der Ressourcen für die Subsistenz (Selbstversorgung), vor allem eine tiefe spirituelle Bedeutung. Daneben legten sie kleine Felder an und besaßen Vieh, insbesondere Schafe und Ziegen, aber auch Rinder und Pferde. Durch Zwischenhandel und Raub waren sie seit dem 17./18. Jahrhundert in den Besitz dieser Tierarten gelangt.
Das Volk der Nivaĉle ist historisch ein Flussufervolk, es war an beiden Ufern des Rio Pilcomayo ansässig, sowohl auf der argentinischen als auch auf der paraguayischen Seite. Als die Nivaĉle ihr Territorium auf der argentinischen Seite noch kontrollierten, hatten sie auch Zugang zum Río Bermejo. Sie beherrschten und bewirtschafteten den Pilcomayo-Fluss, der das Lebenszentrum des ehemaligen Nivaĉle-Territoriums bildet und auch ihre unverzichtbare Ernährungsgrundlage darstellt.
Während des 20. Jahrhunderts verloren die Nivaĉle den direkten Zugang zu diesem Fluss. Auf Grund der Interventionen nicht indigener Gruppen im oberen Einzugsgebiet des Rio Pilcomayo hat sich dessen Wasserführung beträchtlich verringert (Tierra Libre 2023).
Traditionell lebten die Nivaĉle als Halbnomaden in großen Familienverbänden, die ihre Grashütten, immer in Nähe der wichtigsten Nahrungsquellen errichteten. Der schwedische Anthropologe/Ethnograf Erland Nordenskiöld, der ab 1908 unter den Chaco-Völkern im Pilcomayo-Gebiet forschte, berichtet dazu: – Eine derart große Konzentration von Menschen hatte keine andere Ethnie des paraguayischen Chaco aufzuweisen. Nordenskiöld zufolge waren die Nivaĉle wohlhabend. In einem ihrer Flussdörfer hatten deren Bewohner W. Regehr: Die lebensräumliche Situation der Indianer im paraguayischen Chaco – Humangeographisch-ethnologische Studie zu Subsistenzgrundlage und Siedlungsform akkulturierter Chacovölker. Basler Beiträge zur Geographie, Heft 25, 1979.Erland Nordenskiöld: Indianerleben – El Gran Chaco. Leipzig 1912.
Lebensraumverlust, Akkulturation mini|Dorf der viehzüchtenden Nivaĉle im Gran Chaco, Rio Pilcomayo (Region); Foto: E. Nordenskiöld, 1908 Eine Änderung dieser Situation für die dort seit tausenden von Jahren lebenden Nivaĉle, einhergehend mit Parzellierung in Privatbesitz und Verdrängung aus dem „Stammesland“ trat mit der kolonialen Besitznahme durch Weiße ein. Massive Kriegsereignisse spielten hierbei eine bedeutende Rolle. Bei diesen handelt es sich um den Krieg Paraguays gegen die drei Verbündeten Argentinien, Brasilien und Uruguay von 1864–1870 – der zwar nicht im Chaco stattfand –, ihn aber massiv in der Folge betraf, sowie den Chacokrieg von 1932–1935.
Mit der Niederlage Paraguays im „Dreibundkrieg“ verschob Argentinien seine Grenze vom ca. 200 km südlich gelegene Rio Bermejo nordwärts an den Rio Pilcomayo, der für die Nivaĉle Lebensquell und Zentrum ist. Im Zuge der zu leistenden Kriegsschulden erließ Paraguay Landprivatisierungsgesetze (1883/85). Bis 1900 wurden riesige Flächen öffentlicher Ländereien an Großgrundbesitzer übereignet.
Bapurenda nannten die im Chaco Südost-Boliviens im ausgehenden 19. Jahrhundert lebenden indigenen Ethnien das Land Argentinien.Bernd Wegener: Der Lebensraumverlust der NIVACLÉ - eine historische Betrachtung. In: Naturvölker, Heft Nr. 64, Ludwigslust 2013. Bapurenda bedeutet `dort findet man Arbeit`. Jährlich machten sich deshalb tausende Angehörige verschiedener indigener Ethnien auf den Weg, um die am Andenrand gelegenen Plantagen in der argentinischen Provinz Jujuy zu erreichen. Diese waren nach der militärischen Eroberung, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts erfolgte, entstanden.
Unter diesen Wanderarbeitern befanden sich auch etliche Gruppen der Nivaĉle. Diese saisonale Wanderbewegung war friedlich, ohne Druck seitens kolonisierender Einflüsse entstanden. Sie beruhte auf dem drängenden Verlangen nach Gütern der „Weißen“, wie (alte) Gewehre, Pulver, Messer, Zucker, Kleidungsstücke bis hin zu Zündhölzern. Massive Ausbeutung und Misshandlungen der Indigenen bestimmten den Tageslauf in den Plantagen. Im Umfeld der Arbeitslager herrschten Aggressivität gepaart mit sinkendem Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit, Alkoholismus, Prostitution und Krankheiten der Zivilisation. Diese Arbeitssuche öffnete die bis dahin nur von den Indigenen genutzten Gebiete ungewollt der späteren Landbesetzung durch die kolonisierende Zivilisation.
Mit der Gründung von Villamontes (1905) am Austritt des Rio Pilcomayo aus den Anden, begann Boliviens Siedlungsexpansion in die Ebene des Chaco. Das Jahr 1909 wurde für Nivaĉle zur Zäsur, als bolivianisches Militär zum mittleren Rio Pilcomayo vorstieß und Forts errichtete. Im Schlepptau folgten Rinderviehzüchter, die den Nivaĉle Stammesgebiete streitig machten, und schließlich katholische Missionare der Oblaten von Maria Immakulata. Im Zuge der Etablierung des Apostolischen Vikariats Pilcomayo (1925) errichteten diese am Rio Pilcomayo ab 1926 Missionsstationen. Die bolivianische Militärverwaltung beeinflusste, dass die Missionsstation beim Fort Esteros etabliert wurde, der am weitesten nach Osten befindlichen bolivianischen Präsenz, bevor der Pilcomayo in der ca. 100 km langen Sumpfzone seines Mittellaufes „versickert“, welches zum Gebiet der Nivaĉle gehört. Hauptauftrag der Regierung an die Missionare war die „Befriedung“ der in Aufruhr befindlichen Indianer am Pilcomayo. Gewaltsame Konflikte wegen der Landbesetzung durch bolivianische Viehzüchter waren in der Region immer wieder aufgeflammt.
Weitere Missionsstationen kamen bei Doctor Pedro P. Peña und Fortin General Diaz hinzu – auch sie gelegen im Territorium der Nivaĉle. Doch die Missionare hatten ein Problem, die Nivaĉle zu sesshaften Christen umzuerziehen und die alte Lebensart zu brechen. Gab es 1895 z. B. nur 100 ha Baumwollpflanzungen an Argentiniens Andenrand, stiegen diese durch die internationale Preisentwicklung bis 1923 auf 50.000 ha. Die kontinuierliche Abwanderung der Indigenen in die neu entstandenen Wirtschaftszentren wurde von der durch Bolivien eingesetzten Mission der Hünfelder Oblaten am Pilcomayo (1926 gegr.) sehr beklagt. Für acht Monate im Jahr entzogen sich die Indigenen regelmäßig dem Missionseinfluss.
Die zweite große Zäsur kam mit dem Chaco-Krieg zwischen Bolivien und Paraguay. Ihn bekamen auch die Nivaĉle mit voller Wucht zu spüren. Ihr Stammesgebiet geriet verstärkt 1933 in die Todeszonen der Frontlinien mit einer für sie unbekannten, gigantischen Militärmacht.
Auch wenn der Druck durch die Viehzüchter infolge des Krieges gegenüber den Nivaĉle kaum noch eine Rolle spielte, hatte der Krieg das Ende ihres Widerstandes endgültig besiegelt. Eine gewaltige Militärexpansion mit Panzern, Lastkraftwagen, Flammenwerfern, Mörsern und Maschinengewehren hatte bewiesen, wer der Mächtige ist. Die Nivaĉle wurden „Verbündete“ der paraguayischen Soldaten, da diese nicht auf sie schossen. Sie dienten als Fährtenleser, führten die Militärtrupps durch unwegsames Gelände und versorgten sie mit Nahrung.
Letztendlich hat jedoch der Chaco-Krieg die Landbesetzung durch Weiße vorangetrieben, und eine massive Abwanderung in die Mennonitenkolonien durch die Nivaĉle begann. Ihr Land war verloren und das, obwohl mehr als nur Nahrungsgeber, sondern „mythischer Urgrund“ seiner Menschen, Es war erfüllt von den „Stimmen der Getöteten“, und die neuen Propheten riefen deshalb auch auf zu der neuen Welt, die das Christentum verkündet und bei den Mennoniten zu finden sei. Dort gäbe es Essen und Arbeit. Doch die Realität für die Auswanderer sah in den Kolonien der Mennoniten bitter aus: Es handelte sich um Saisonarbeit und monatelang ohne Einkünfte fürs Überleben!
Im Ergebnis des Chaco-Krieges wurde der größte Teil der Gebiete nördlich des Rio Pilcomayo paraguayisches Staatsterritorium. Damit gerieten die Nivaĉle größtenteils unter Paraguays Hoheit, welches erneut eine Zäsur für sie bedeutete. Der staatlich gestützte beginnende Landraub ihrer Stammesgebiete durch Kolonisten wurde mit den folgenden Jahrzehnten zunehmend forciert. Nicht ohne Einfluss blieb in diesem Zusammenhang das Agieren von Tofaai – der ein überaus anerkannter Führer der Nivaĉle seit den 1920ern im Widerstand gegen die Bolivianer gewesen war – sich der Zivilisation nicht mehr zu erwehren und keine „Weißen“ mehr zu töten. Besonders mit den 1950er Jahren gingen so immer mehr Stammesgebiete in Großgrundbesitz, die überwiegend Rinderzucht betreiben, über. Die indigenen Sammel- und Jagdgebiete schrumpften und trieben etliche Nivaĉle-Gruppen in die Abwanderung.
Die Nachfrage nach billigsten Arbeitskräften – mit der Arbeitsspitze in der Baumwollernte – in den Mennonitenkolonien hatte immer mehr indigene Gruppen angezogen. Hatten die Mennoniten die hiesigen Enlhit als billige Lohnarbeiter benutzt, kam 1936 die erste Lokalgruppe der Nivaĉle hinzu. 1937 fanden weitere ihrer „Stammesgenossen“ sich ein. Sie hatten sich vom 200 km entfernten Rio Pilcomayo aufgemacht, wo der indigene Widerstand gegen die Durchdringung ihrer Wohngebiete seit dem Chaco-Krieg gebrochen war. 1938 folgten weitere Lokalgruppen, so dass schon bald für die meiste Zeit des Jahres ein Überangebot an Arbeitskräften – mit all seinen negativen Folgen – eintrat. Denn auch Angehörige anderer indigener Völker, wie Toba, Guarani und Angaite, lebten bereits im Umfeld der Kolonien.