miniatur|Kinder fertigen Zigarrenkisten Das Berliner Arbeitshaus war eine Erziehungs- und Unterbringungsanstalt für Obdachlose, Bettler, Kranke und weitere Personen am Alexanderplatz von 1758 bis 1885.

Lage miniatur|Alexanderplatz 1804, mit Arbeitshaus Das Arbeitshaus lag südlich des Alexanderplatzes an der Alexanderstraße 3–4.E. Winckler, Adress-Buch für Berlin mit Einschluss der näheren Umgebung und Charlottenburg, Teil IV, Berlin 1836, S. 2 , eines der ersten Straßenverzeichnisse im Berliner Adressbuch In der Gegenwart steht dort der südliche Teil des Einkaufszentrums Alexa.

Geschichte 1758 wurde das Arbeitshaus An der Contre-Escarpe (später Alexanderstraße) in einem neu gebauten Gebäude vor dem Königstor eröffnet, als Nachfolger des bisherigen Arbeitshauses am Belle-Alliance-Platz am Kottbusser Tor, das zu klein geworden war.Friedrich Nicolai, Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, Berlin 1779, S. 459–462: ähnlich 1786, mit (etwas idealisierter) Beschreibung der Zustände in den ersten Jahrzehnten; auch Ring, 1857, S. 464, mit kurzen Angaben über die Anfänge, erstes Berliner Adressbuch; (Auf der Contre-Escarpe = Alexanderplatz; Königsbrücke = Brücke am Bahnhof Alexanderplatz ) Es war für etwa 600 Personen eingerichtet, in den folgenden Jahrzehnten waren dort aber zeitweise zwischen 800 und 1200 Personen untergebracht. Es lebten dort Bettler, Obdachlose, Landstreicher, Kleinkriminelle, Prostituierte, geistig und psychisch eingeschränkte Personen, ansteckende Kranke, Waisen und mittellose Alte, einige waren zwangsweise dort, andere notgedrungen freiwillig.Leopold von Zedlitz, Neustes Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam, Berlin 1834, S. 33–34; mit einer Beschreibung der verschiedenen Bewohnergruppen; 1833 gab es im Durchschnitt täglich 828 Bewohner; in den 1840er Jahren waren es bis zu 1100 Personen, in den 1860er und frühen 1870er Jahren wieder weniger als 700; die Belegungszahlen wechselten täglichJohannes Rigler, Das Medicinische Berlin, 1871, S. 225; mit kurzen offiziellen Angaben; 1871 gab es durchschnittlich 518 Bewohner Alle Bewohner mussten Arbeiten entsprechend ihren Fähigkeiten verrichten, es gab eine Schuster- und eine Tischlerwerkstatt, eine Bäckerei, die Kinder mussten Zigarrenkisten anfertigen, Alte und Kranke zupften oder spannen Wolle oder verrichteten andere leichte Tätigkeiten.Johann Wilhelm David Korth, Johann Georg Krünitz’s ökonomisch-tefhnologische Encyklopädie, 1853, S. 598–600; mit detaillierter Aufzählung der Tätigkeiten; kürzer bei Ring, 1857, S. 466–467 Die Einkünfte des Arbeitshauses deckten nur einen Teil der Unterhaltungskosten, die von der Armendirektion der Stadt Berlin bezahlt wurden.Ring, 1857, S. 467, mit einigen Zahlen

Seit 1846 gab es mehrere Beschreibungen über das Arbeitshauses, die die dortigen Zustände scharf kritisierten.Bielefeld, 12021, S. 18, 22, siehe auch nächsten Abschnitt unten Bemängelt wurde vor allem, dass unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen auf engem Raum zusammenlebten. So müssten Gesunde mit Kranken und anständige Notleidende mit straffällig gewordenen Personen dort sein, auch der Charakter der Zwangsunterbringung wurde kritisiert. Die hygienischen Bedingungen seien schlecht und Kriminalität würde sich durch die gegenseitige Beeinflussung vermehren.

miniatur|Kranke und Wahnsinnige, 1857 Im März 1848 wurde das Arbeitshaus während der Berliner Unruhen von Aufständischen gestürmt und einige Insassen befreit.Hachtmann, 1992, S. 63–82; auch kurz in Bielefeld, 2021, S. 19 In den folgenden Jahren änderte sich an den grundsätzlichen strukturellen Problemen wenig, die hygienischen Bedingungen verbesserten sich etwas, aber die allgemeinen Bedingungen blieben sehr dürftig.Max Ring, Das Berliner Arbeitshaus, in Die Gartenlaube, 1857, S. 464–467, mit detaillierter Beschreibung einer Besichtigung 1857 (und wahrscheinlich auch schon früher) gab es getrennte Bereiche für die unterschiedlichen Gruppen, die psychisch und geistig eingeschränkten lebten in einem großen Kellerraum, Frauen mit ihren Kindern und Säuglingen wohnten in einem großen Saal mit 80 Betten, es gab einen Speisesaal, eine reinliche Krankenabteilung, einen Leichenraum in der Nähe, dessen Geruch bis dorthin drang, eine Kapelle und ein Holzgebäude, wo Delinquenten die gefürchteten Prügelstrafen mit verschiedenen Arten von Ochsenziemern und Holzstöcken erhielten.

In den 1860er und 1870er Jahren nahm die Anzahl von Familien, vor allem mit vielen Kindern, zu, die die steigenden Mieten in ihren Wohnungen nicht mehr bezahlen konnten, keine neue Unterkunft fanden und deshalb zeitweise im Ochsenkopf unterkommen mussten, darunter auch von Arbeitern, Handwerkern und anderen Erwerbstätigen (deshalb gab es auch Proteste).Ring, 1857, S. 466–467, detailliert

1885 wurde das Gebäude für den Bau des neuen Polizeipräsidiums umgebaut (oder abgerissen?), die meisten Bewohner wurden in das Arbeitshaus nach Rummelsburg am Rande der Stadt gebracht.

Historische Beschreibungen Der französische Philanthrop Benjamin Appert beschrieb seine Eindrücke 1846 von dem Arbeitshaus

Der Schriftsteller Max Ring besuchte 1857 das Arbeitshaus und berichtete erschüttert

Ein wohnungsloser Berliner Arbeiter berichtete 1871 über die Unterbringung seiner Frau und seiner Kinder im Ochsenkopf

Literatur C. F. Schütze: Das Arbeitshaus in Berlin (= Nachtseiten der Berliner Gesellschaft, 3). Berlin 1845, 79 Seiten (Digitalisat) Max Ring: Das Berliner Arbeitshaus. In: Die Gartenlaube. 1857. S. 464–467 (Digitalisat) Bernhard Beßlein: Berlins berühmte und berüchtigte Häuser. 3. Auflage. Band 2. S. 405–414

Florian Bielefeld: Am Rande Berlins. Bebra, Berlin 2021. S. 18–24 (Text), mit Geschichte und weiteren Literaturangaben Rüdiger Hachtmann: … mißverstandene politische Freiheit. Das Berliner Arbeitshaus im Jahre 1848. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs. 11. 1992. S. 63–82 (PDF)

Weblinks

Arbeitshaus Stadtmuseum Berlin, mit Zeichnung des Gebäudes

Einzelnachweise

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