Biola (malaiisch, von viola für eine größere Violine) bezeichnet in Malaysia und Indonesien die viersaitige europäische Violine, der Violine ähnliche dreisaitige Kastenhalslauten oder historisch und seltener allgemein Streichinstrumente. Ebenfalls von viola abgeleitet sind sundanesisch piul sowie biyolin und biyula für die Violine in den Philippinen. Von einigen indonesischen Inseln sind einfache Streichinstrumente mit dem verwandten historischen Namen vihola bekannt.
Die heute auf der Malaiischen Halbinsel als asli („original, einheimisch“) verstandene europäische Violine wird unter anderem zur melodischen Gesangsbegleitung im Ensemble des Musiktheaters bangsawan, der ronggeng-Paartänze, der Volksliedgattung dondang sayang und des orkes Melayu sowie in einigen indonesischen Volksmusikstilen wie kroncong gespielt. Ihre Verbreitung in der malaiischen Volksmusik geht auf die Portugiesen zurück, die im 16. Jahrhundert im Malaiischen Archipel Handelsniederlassungen einrichteten. Ende des 18. Jahrhunderts war die Violine in der gesamten Region bis zu den Philippinen bekannt, dort vermutlich durch den Einfluss der spanischen Kolonialgesellschaft. Aus dem javanischen höfischen Gamelan konnte die Violine die ältere Spießgeige rebab nicht verdrängen. Die Violine wird selten solistisch gespielt. Ihr Einsatz in kleinen Ensembles ist ein Charakteristikum bestimmter Unterhaltungsveranstaltungen, Familienfeiern, jahreszeitlicher Zeremonien oder offizieller Programme. mini|Biola von Wage Rudolf Soepratman (1903–1938), dem Komponisten der indonesischen Nationalhymne, im Museum zur Unabhängigkeit Indonesiens, Museum Sumpah Pemuda, in Jakarta
Herkunft und Verbreitung malaiischer Streichinstrumente mini|hochkant|Zweisaitige javanische Spießgeige rebab arabisch-persischer Herkunft mini|hochkant|Westjavanische tarawangsa aus dem 19. Jahrhundert im Metropolitan Museum of Art Bevor die ersten Portugiesen im 16. Jahrhundert europäische Formen von gestrichenen und gezupften Kastenhalslauten mitbrachten, gab es auf den südostasiatischen Inseln Saiteninstrumente, die sich nach ihrer Herkunft drei Kulturregionen zuordnen lassen. Die ältesten, bis heute vorhandenen Saiteninstrumente sind die aus der (neolithischen) proto-malaiischen Zeit stammenden Bambusröhrenzithern (wie guntang und kolitong), deren Verbreitungsgebiet sich von Südostasien bis in den Süden Chinas und bis Nordostindien erstreckt. Zusammen mit Musikbögen sind dies die am einfachsten herzustellenden Saiteninstrumente. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends gelangten sie auf dem Seeweg bis nach Madagaskar (valiha).
Ab dem Beginn des 1. Jahrtausends standen die Inseln unter Kultureinflüssen aus China und Indien. Aus China stammen die seit dem 10. Jahrhundert archäologisch nachweisbaren Buckelgongs (vgl. Reyong), die für die Musikkultur der Malaien prägend sind und zum kulturellen Erbbesitz (pusaka) gehören. Die zweisaitige Spießgeige rebab geht wegen ihrer anderen Spielweise jedoch nicht auf einen direkten Einfluss dieses in China weit verbreiteten Instrumententyps (erhu, erxian) zurück, sondern gehört zu der nach ihrer Herkunft dritten Instrumentengruppe, die ab dem 1. Jahrtausend aus Indien oder über Indien aus dem arabisch-persischen Raum nach Südostasien eingeführt wurde. Durch die indische Kolonisierung blühten über ein Jahrtausend lang mehrere indische Reiche bis zum Niedergang von Majapahit Anfang des 16. Jahrhunderts. Reliefs aus dem 9. Jahrhundert am buddhistischen Borobudur in Zentraljava zeigen heute in Indonesien verschwundene Stabzithern und Bogenharfen sowie mehrere Arten von gezupften Lauteninstrumenten indischer Herkunft.Artur Simon: Southeast Asia: Musical Syncretism and Cultural Identity. In: Fontes Artis Musicae, Band 57, Nr. 1, Januar–März 2010, S. 23–34, hier S. 25f
Die Spießgeige rebab ist nicht nur dem Namen nach (von arabisch rabāb) vorderasiatischer Herkunft. Dieser Instrumententyp gelangte vermutlich mit muslimischen Händlern ab dem 12. Jahrhundert über Indien nach Südostasien (in Myanmar früher tayaw, in Thailand so u, in Kambodscha tro u).Robert Garfias: The Development of the Modern Burmese Hsaing Ensemble. In: Asian Music, Band 16, Nr. 1, 1985, S. 1–28, hier S. 3 Die Spießgeige in Myanmar wurde im 19. Jahrhundert während der britischen Kolonialherrschaft durch die ebenfalls tayaw genannte Violine ersetzt. Die überwiegend christlichen Batak in Nordsumatra haben den arabischen Namen arbab für ihre zweisaitige Spießgeige mit einem Kokosnussresonator übernommen.Arbab. Musical Instrument Museums Online Die muslimischen Acehnesen an der Nordspitze Sumatras haben ihre bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gespielte dreisaitige Spießgeige hareubab mit einem großen kreisrunden Korpus durch die europäische Violine (biola Aceh) ersetzt.Margaret Kartomi: On Metaphor and Analogy in the Concepts and Classification of Musical Instruments in Aceh. In: Yearbook for Traditional Music, Band 37, 2005, S. 25–57, hier S. 46
Ein sehr alter Instrumententyp mit einer indischen Namensherkunft ist die von den Batak gespielte bootsförmige Zupflaute hasapi, die mit der Kastenzither kacapi in Westjava namensverwandt ist. Der aus dem Sanskrit stammende Name dürfte Ende des 1. Jahrtausends auf mehrere Saiteninstrumente im Malaiischen Archipel übergegangen sein.Curt Sachs, 1923, S. 125 Beide Instrumente, eine dreisaitige Laute und eine Brettzither, sind auf Reliefs am buddhistischen Candi Sari aus der Mitte des 8. Jahrhunderts (im zentraljavanischen Regierungsbezirk Sleman) abgebildet.Jaap Kunst: Music in Java. Its History, its Theory and its Technique. 3. Auflage herausgegeben von Ernst L. Heins. Martinus Nijhoff, Den Haag 1973, Band 1, S. 107; Band 2, S. 415, Abb. 6, 7
Die zur Liedbegleitung von Muslimen in Malaysia gespielte Schalenhalslaute gambus wurde wahrscheinlich von arabischen Händlern spätestens während der Islamisierung von Malakka im 15. Jahrhundert eingeführt. Die beiden Varianten gehen auf unterschiedliche Vorbilder zurück: die gambus Melayu mit einem birnenförmigen Korpus auf die jemenitische qanbus und die rundbauchige gambus Hadramaut auf den persischen barbat.Larry Francis Hilarian: The migration of lute-type instruments to the Malay Muslim world. In: Conference on Music in the world of Islam, Assilah, 8.–13. August 2007, S. 1–24, hier S. 5
Eine mit dem Bogen gestrichene Kastenhalslaute mit zwei oder drei Saiten ist die tarawangsa, die nur in Westjava (Kulturregion Sunda) vorkommt und vermutlich dort entstand, deren Namensherkunft und Alter aber unklar sind. Curt Sachs (1923) beschreibt ihre ungewöhnliche, für Südostasien einzigartige Form als möglicherweise nach Ankunft der Portugiesen entstandene Umgestaltung der Kastenzither kacapi zu einem Lauteninstrument.Curt Sachs, 1923, S. 135, 137 Gewisse Details sollen auf einen europäischen Einfluss verweisen. Jaap Kunst (1949) vermutet, die tarawangsa werde bald durch die rebab und die Violine ersetzt werden.Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 512, s. v. „Taravangsa“ Zur tarawangsa als einer besonderen Gruppe von Halslauten stellt Curt Sachs ein Streichinstrument von der zu den Molukken gehörenden Insel Buru, für das Ende des 19. Jahrhunderts der portugiesische Name vihóla aufgezeichnet wurde.Karl Martin: Reisen in den Molukken, in Ambon, den Uliassern, Seran (Ceram) und Buru. Eine Schilderung von Land und Leuten. E.J. Brill, Leiden 1894, S. 325f und Tafel 30, Abb. 9, 10 Wie bei der tarawangsa ist der Hals dieser dreisaitigen vihóla nicht bündig mit der Decke, sondern am Boden angesetzt, von wo er sich in einem Bogen der von der Decke verlängerten Linie annähert. Der Geologe Karl Martin bildet in seiner Expeditionsbeschreibung von 1894 noch ein weiteres, vihóla genanntes Streichinstrument von der Insel Buru ab, das eindeutig als Rückbildung einer europäischen Violine erkennbar ist. Sein Korpus bildet in der Draufsicht eine langgestreckte Acht mit zwei sich überkreuzenden f-förmigen Schallschlitzen in der Mitte. Das obere Ende des Halses imitiert einen Wirbelkasten mit einer nach hinten gerollten Schnecke. Auch wenn beide auf Buru entdeckten Streichinstrumente vihóla genannt wurden, sind sie typologisch verschieden. Dies gilt auch für den Vergleich der sundanesischen tarawangsa mit einem dort in Westjava erworbenen und in Curt Sachs (1923) abgebildeten zweisaitigen Streichinstrument mit einem nachempfundenen Violinenkorpus, das ebenfalls tarawangsa genannt wurde. Der altjavanische Name für eine Laute, (wina-)rawanahasta, war vor 907 in Zentraljava in Gebrauch und ist indischen Ursprungs, abgeleitet von Sanskrit vina („Saiteninstrument“) und verbunden mit der indischen Spießgeige ravanahattha. Da aus damaliger Zeit keine Abbildungen von Streichinstrumenten auf Java bekannt sind, vermutet Jaap Kunst (1927), dass rawanahasta zunächst eine Zupflaute bezeichnete.Jaap Kunst, Roelof Goris: Hindoe-Javaansche muziekinstrumenten. Batavia, 1927; 2. durchgesehene, englische Auflage: Hindu-Javanese Musical Instruments. Martinus Nijhoff, Den Haag 1968, S. 17 Ein Instrumentenname bezieht sich häufig nicht auf einen bestimmten Typus.
Spießgeigen vom Typ der javanischen rebab sind im Malaiischen Archipel weit verbreitet. Darüber hinaus wird der chinesische erhu-Typ, bei dem der Bogen nicht über die Saiten, sondern zwischen beiden Saiten geführt wird, von der chinesischen Minderheit auf der Malaiischen Halbinsel und von der sundanesisch-chinesischen Bevölkerung um Jakarta als tehyan bezeichnet im gambang kromong-Ensemble gespielt. Eine tehyan oder alternativ eine Violine kann auch das hauptsächlich aus europäischen Blasinstrumenten bestehende Ensemble tanjidor ergänzen, das während der niederländischen Kolonialzeit um Jakarta entstand.Ernst Heins, Andrew C. McGraw: Tanjidor. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015
Zu den alten Streichinstrumenten mit eigenen Namen, die im Malaiischen Archipel in regionalen Volksmusikstilen verwendet werden, gehören ferner die einsaitige Spießgeige merebab mit einem Kokosnussresonator und die zweisaitige engkerabab der Iban auf Borneo.Enkerabab. In: Grove Music Online, 22. September 2015 Die Saite einer 65 Zentimeter langen merebab vom Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts ist mit Pflanzenfasern am geraden Ende des Saitenträgers festgebunden.Enkerabab. Metropolitan Museum of Art (Name vertauscht, abgebildet ist eine einsaitige merebab) Eine weitere zweisaitige Spießgeige der Iban war die über ein Meter lange enserunai (oder ensuranai) mit einem Kokosnussresonator.Ensuranai. Metropolitan Museum of Art
Auf der ostindonesischen Insel Sumba wird die einsaitige Spießgeige dungga roro gespielt (dungga, in der Lokalsprache „Saiteninstrument“, roro bedeutet „mit dem Bogen streichen“), außerdem eine ungewöhnliche, aus einem Block geschnitzte Laute dungga watika („gezupfte dungga“), mit vier leer gezupften Saiten.Palmer Keen: Sumba Strings, Pt. 5: Lukas Piropondi and his Dungga. Aural Archipelago, 31. Mai 2017 Zur Gesangsbegleitung werden auf Sulawesi unterschiedliche Saiteninstrumente verwendet, darunter mehrere ein- oder zweisaitige Spießgeigen (arababu, geso-geso, kesok-kesok, tabolok und weitere), auch für rituelle Musik.R. Anderson Sutton: Indonesia. VII. Outer Islands. 4. Sulawesi. (ii) Instruments. In: Grove Music Online, 2001