Miles at the Fillmore (Miles Davis 1970: The Bootleg Series Vol. 3) ist ein Musikalbum von Miles Davis. Die vom 17. bis 20. Juni 1970 im Fillmore East, New York City, entstandenen Aufnahmen erschienen am 21. März 2014 auf Columbia Records. Aufnahmen aus den Konzerten waren bereits 1970 als Doppel-LP Miles Davis at Fillmore erschienen; die Konzerte erfuhren aber erst auf der 4-CD-Box ihre vollständige und ungeschnittene Veröffentlichung.
Hintergrund Zur Jahreswende 1969/70 arbeitete Miles Davis mit verschiedenen Besetzungen, darunter Bennie Maupin, Steve Grossman, Larry Young, Chick Corea, Herbie Hancock, Joe Zawinul, John McLaughlin, Dave Holland, Jack DeJohnette, Billy Cobham und Airto Moreira. Das aufgenommene Material erschien u. a. auf Big Fun (1974); außerdem entstand das Studioalbum A Tribute to Jack Johnson (1971).
Am 10. und 11. April 1970 trat Davis mit Grossman, Corea, Holland, DeJohnette und Moreira im Fillmore West in San Francisco auf; die Aufnahmen vom ersten Abend erschienen 1973 auf Black Beauty. Bei weiteren Studioaufnahmen im Mai (Honky Tonk) und dem am 3. Juni entstandenen Livealbum Live/Evil kam der Keyboarder Keith Jarrett hinzu. In Septett-Besetzung gastierte Miles Davis vier Abende im New Yorker Theater The Fillmore.Tom Lord: The Jazz Discography (online, abgerufen am 2. Februar 2026). Im Fillmore, das von Bill Graham geleitet wurde, hatte Miles Davis etwa eine Stunde Zeit zu spielen. Im Anschluss trat an diesen Abenden die Sängerin Laura Nyro auf, eine Künstlerin desselben Labels, die Miles ebenfalls verehrte und mit der er ein gutes Verhältnis pflegte. Aufgrund von Grahams Zeitdruck musste die Darbietung von Davis’ Septett etwas komprimiert werden. „Für Miles und seine Band war das ein recht einfacher Prozess, da sie in Clubs üblicherweise zwei Sets à 45–50 Minuten pro Abend spielten“, schrieb Maurizio Comandini. Sie mussten also nur alles in einem Set zusammenfassen. mini|Das Gebäude des ehem. Fillmore East: der rote Backsteinbau in der Mitte
Problematik der Fassung von 1970 Teile dieser Mitschnitte von Miles Davis wurden zuvor von Columbia Records veröffentlicht (Miles Davis at Fillmore); allerdings wurden die vier Konzerte für diese Version stark gekürzt, um jeden Abend auf eine LP-Seite zu quetschen. Die anfänglichen 50/60 Minuten wurden auf etwa 20 Minuten pro Abend reduziert, und die daraus entstandenen Medleys wurden einfach Wednesday Miles, Thursday Miles, Friday Miles und Saturday Miles genannt, ohne die Stücke und Themen auf den beiden LP-Seiten zu kennzeichnen. Die Doppel-LP vereinte Auszüge von jedem Abend, ohne Rücksicht auf Wiederholungen. Das Problem bei dieser Produktion von Teo Macero war nur, „dass die Musik zwar fesselnd ist, aber durch die stark gekürzten Versionen der finalen Fassung etwas uneinheitlich wirkt“, so Thom Jurek. „Anstelle der langen Jams, die Fans und Kritiker von Davis gewohnt waren, gibt es hier nur kurze Ausschnitte aus den Konzerten, wie etwa zweieinhalb Minuten aus Directions oder acht Minuten aus dem Mittelteil von It’s About That Time.“ mini|Teo Macero Der Schnitt wurde persönlich von Teo Macero überwacht, der versucht habe, die außergewöhnlichen kreativen Leistungen, für die er mit In a Silent Way und Bitches Brew (entstanden 1969) zweifellos Anerkennung verdient habe, zu wiederholen, merkte Maurizio Comandini an. Doch in diesem Fall sei der Unterschied erheblich gewesen:
Neuausgabe von 2014 In der von Michael Cuscuna und Richard Seidel produzierten Edition Miles at the Fillmore erschienen weitere 100 Minuten bisher unveröffentlichter Musik aus dem Fillmore East, womit alle vier Abende in voller Länge präsentiert wurden, sowie einige Bonus-Tracks aus dem Konzert der Band im Fillmore West in San Francisco vom April 1970. Die Setlist variiert kaum; der Ablauf war im Grunde folgender: Die Band legte mit einem mitreißenden Opener wie Directions los, angeführt von Schlagzeuger Jack DeJohnette mit einem funkigen Street-Beat, gefolgt von den subtilen Variationen von The Mask, dem funkigen It’s About That Time und schließlich dem strukturell anspruchsvolleren Titeltrack Bitches Brew. Den Abschluss bildete stets das kurze The Theme. Es gab kleine Abweichungen von diesem Grundformat, die die vier Sets unterschieden. Der erste Abend folgte dem beschriebenen Schema, und am zweiten Abend gab es eine besondere Zugabe, die dem Publikum eine der wenigen bekannten Live-Versionen von Spanish Key präsentierte. Am dritten und vierten Abend entstand zwischen It’s About That Time und Bitches Brew eine sehr entspannte und lyrische Passage mit zwei kurzen Stücken wie I Fall in Love Too Easily und Sanctuary, die hauptsächlich von Trompete, Perkussion und Keyboards geprägt waren. Am letzten Abend wurde neben dieser zentralen Variation auch Willie Nelson am Ende eingefügt, bevor wie immer das obligatorische The Theme erklang.
Columbia/Legacy fügte der ersten und dritten CD dieser Box drei Konzertaufnahmen aus dem Fillmore West in San Francisco hinzu, das in gewisser Weise das Pendant zum New Yorker Fillmore war. Die Aufnahmen entstanden einige Monate vor den vier Sets, die das Herzstück dieser Box bilden. Die Besetzung ist nahezu identisch, nur mit dem Keyboarder Chick Corea. Auch diese Konzerte umfassten vier Abende und markierten das Live-Debüt von Steve Grossman am Saxophon, der Wayne Shorter ersetzt hatte. Der zweite Abend, der 10. April 1970, wurde 1973 in Japan als Doppelalbum Black Beauty veröffentlicht. Viele Jahre später erschien dieses extrem seltene Album weltweit auf CD. Die drei hier hinzugefügten Bonustracks stammen vom 11. April 1970 und waren bisher unveröffentlicht. Zwei der Stücke stammen aus dem Repertoire von Davis’ Quintett aus den späten 1960er Jahren (Paraphernalia und Footprints), während das dritte ein Track von Bitches Brew ist, Miles Runs the Voodoo Down.
Titelliste Miles Davis: At the Fillmore (Miles Davis 1970: The Bootleg Series Vol. 3) (Columbia 88765433812)
CD 1: Fillmore East, June 17, 1970 Introduction 0:04 Directions (Joe Zawinul) 10:24 The Mask 11:04 It’s About That Time 10:45 Bitches Brew 13:41 The Theme 0:36 Bonus Tracks – Fillmore West, April 11, 1970 Paraphernalia (Wayne Shorter) 11:02 Footprints (Wayne Shorter) 11:13
CD 2: Fillmore East, June 18, 1970 Directions (Joe Zawinul) 10:10 The Mask 11:30 It’s About That Time 11:04 Bitches Brew 11:57 The Theme 1:30 Spanish Key (Encore) 10:20 The Theme 0:28
CD 3: Fillmore East, June 19, 1970 Directions (Joe Zawinul) 12:50 The Mask 10:00 It’s About That Time 11:28 I Fall in Love Too Easily (Sammy Cahn, Jule Styne) 1:48 Sanctuary (Wayne Shorter) 3:25 Bitches Brew 12:38 The Theme 0:38 Bonus Track – Fillmore West, April 11, 1970 Miles Runs the Voodoo Down 13:20
CD 4: Fillmore East, June 20, 1970 Directions (Joe Zawinul) 10:48 The Mask 11:15 It’s About That Time 11:04 I Fall in Love Too Easily (Sammy Cahn, Jule Styne) 1:21 Sanctuary (Wayne Shorter) 3:21 Bitches Brew 9:39 Willie Nelson 9:29 The Theme 0:37
Wenn nicht anders vermerkt, stammen die Kompositionen von Miles Davis.
Rezeption mini|Dave Holland (2018) Thom Jurek verlieh dem Album bei Allmusic vier Sterne und schrieb, die Arrangements seien locker, aber fokussiert, und die improvisatorische Dynamik der Gruppe sei atemberaubend und jeden Abend völlig anders. Davis würde außergewöhnlich stark klingen; sein Spiel sei einfallsreich, voller Fragen und kraftvoller Aussagen. Der Klang dieser Edition sei fantastisch: ausgewogen und detailreich. Miles at the Fillmore sei eine unverzichtbare Ergänzung für jeden Miles-Davis-Fan.
Sony Legacy habe nun endlich die vier Konzerte von Miles Davis’ Band im Fillmore East, dem legendären Club an der Ecke East Sixth Street und Second Avenue im New Yorker East Village, in voller Länge veröffentlicht, meint Maurizio Comandini bei All About Jazz. „Es war Mitte Juni 1970, das Meisterwerk Bitches Brew war einige Monate zuvor erschienen, und die Band, allen voran der Frontmann, präsentierte sich in absoluter Höchstform.“ Man habe nun Zugriff auf das gesamte Material dieser vier Abende; daher lohne es sich nicht, sich über Details zu streiten. Die Aufnahmen erfolgten zudem auf acht Spuren mit guter Instrumententrennung, sodass die Toningenieure dieser Box mit exzellentem Material arbeiten und einen hervorragenden Klang bieten konnten: lebendig, präsent, detailreich und dynamisch.
Miles Davis’ Livemusik Ende der 1960er- und frühen 70er-Jahre habe immer eine Körperlichkeit, ein Gewicht besessen, „dass es sich anfühlen könnte, als ob sich etwas auf dich stützte, während du zuhörtest“, schrieb Colin Fleming in der Jazz Times. Dunklere, bluesige Schattierungen würden auf eine Unterströmung von frühem Soul und R&B hindeuten, aber dieses Material würde Bezüge zu Musikern wie Jimi Hendrix, Cream und den von Jimmy Page geführten Yardbirds enthalten. Dies möge der lauteste Jazz sein, der je aufgenommen wurde, und dennoch zähle er zu den brillantesten Werken in Davis’ Karriere. Feinste Klangnuancen würden klar hervortreten, während diese Ausnahmekünstler – mit Keith Jarrett und Chick Corea als treibender Kraft – die Herzen der jungen, unkonventionellen Rockkultur im Fillmore erobert. Die Begeisterung sei spürbar, wenn man den Aufnahmen Glauben schenken dürfe: Die Reaktionen der Fans ähnelten denen der Rolling Stones bei ihren Madison-Square-Garden-Konzerten im Vorjahr.
Ein Vorbild sei die Musik, die Jimi Hendrix ein halbes Jahr zuvor an diesem Ort aufgenommen hatte, so Fleming. Doch während seine Band of Gypsys einen lässigen Funk-Groove bot, würde Davis’ Band über ein breiteres musikalisches Repertoire und damit über größere Vielseitigkeit verfügen. Steve Grossman, der Wayne Shorter ersetzt hatte, erweise sich als idealer Saxophonist für die Formation. Seine Soli würden mehr Raum für DeJohnette schaffen, um eine Reihe von Fills zu entfalten, die sich mitunter zu rollenden Polyrhythmen ausweiten, die Davis’ Trompete immer wieder aufgreife, als wolle sie deren Belastbarkeit testen.
Weblinks Miles at the Fillmore – Miles Davis 1970 The Bootleg Series Vol. 3. In: Miles Davis.com. (englisch).
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Miles-Davis-Album Kategorie:Album 2014 Kategorie:Livealbum