Siri Hustvedt – Dance Around the Self ist ein deutsch-schweizerischer Dokumentarfilm unter der Regie von Sabine Lidl aus dem Jahr 2026. Er zeichnet den persönlichen und literarischen Werdegang der US-amerikanischen Schriftstellerin Siri Hustvedt nach. Der Film feierte im Februar 2026 auf der Berlinale seine Weltpremiere in der Sektion Panorama Dokumente. Er wurde als bester Dokumentarfilm bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2026 ausgezeichnet.
Handlung Der Film dokumentiert über mehrere Jahre Siri Hustvedts Leben und Schreiben. Dafür kombiniert er Szenen aus der Gegenwart mit nachgespielten Szenen, die mit Super-8 gefilmt wurden, mit Ausschnitten aus privaten Filmen und mit historischen Aufnahmen von offiziellen Anlässen, etwa der Verleihung einer Ehrendoktorwürde in Spanien. Wiederholt liest die Autorin im Film Passagen aus ihren Werken vor. Neben Hustvedt selbst kommen in Interviews auch ihre drei Schwestern, ihr Ehemann Paul Auster, ihre Tochter Sophie Auster und deren Ehemann sowie Freundinnen und Freunde zu Wort. Die Filmemacherin hat auf jeglichen Off-Kommentar verzichtet. Immer wieder werden in dem Dokumentarfilm Hustvedts frühe Zeichnungen gezeigt, vor allem „zarte, energiegeladene Frauenfiguren“. Sie wurden für den Film zu animierten Cartoons verarbeitet.
Der Film ist weitgehend chronologisch aufgebaut und beginnt im Jahr 1978. Damals kam Siri Hustvedt mit minimalem Gepäck aus ihrer Herkunftsprovinz Minnesota nach Manhattan, um einen Helden für ihren ersten Roman zu finden. Die Buchhandlungen versetzten sie in Euphorie, sie kaufte und las sehr viele aktuelle Bücher. Den Anfang der Arbeit an einem Roman beschreibt Hustvedt mit Jonglieren – sie werfe Bälle in die Luft und versuche, sie dort zu halten („to make it work“). Dabei verfasst sie ihre Texte in der Ich-Form – die dritte Person sei eine List, um Autorität und Objektivität vorzutäuschen, und das lehne sie ab.
mini|links|Siri Hustvedt, 2019Ausführlich beschäftigt sich der Film mit der Entstehung von Hustvedts Buch Die unsichtbare Frau (englisch: The Blindfold, 1993). Dieser stehe zum einen mit ihrer Beschäftigung mit Freuds Arbeit über das Unheimliche in Verbindung, zum anderen mit einem realen Vorfall, der sie sehr erschreckt habe: einer Vergewaltigung im Aufzug ihres Wohngebäudes. Kurz danach habe sie begonnen, nachts in Anzug und mit Hut durch die Stadt zu wandern. Zwar sei die Romanhandlung erfunden, die Orte aber seien real.
Ein Zeitsprung führt zu Hustvedts Roman Damals (englisch: Memories of the Future, 2019), in dem sich die Autorin mit Djuna Barnes, Man Ray und Elsa von Freytag-Loringhoven beschäftigt. Hustvedt äußert im Film die Ansicht, Marcel Duchamp habe sich die Kunst von Frauen angeeignet, sie gleichsam aus der Geschichte „herausgeschrieben“.
Während sie in der frühen Schulzeit viel gezeichnet habe, sei sie mit 13 Jahren in Island zu dem Entschluss gekommen, Schriftstellerin werden zu wollen. Sie habe intellektuelle Einsamkeit empfunden und sich zwischen verschiedenen Welten gefühlt. Hustvedt spricht auch über ihren Mann Paul Auster, den sie 1981 kennenlernte und mit dem sie ein großes Bewusstsein für Sprache und Identität verbunden habe. Auster ist im Film immer wieder präsent und äußert sich auch über die Familie seiner Frau. So ist er der Meinung, die vier Schwestern würden sich so gut verstehen, weil es bei ihnen nie zu Rollenkonflikten gekommen sei: Siri sei die Frau, Liv der Mann, Asti die Tochter und Ingy der Sohn. Als Auster an Krebs erkrankte, machte das Ehepaar dies öffentlich.
Hustvedt wurde auf ihrer Highschool gemobbt. Ihre jüngere Schwester Liv Hustvedt verteidigte sie, doch es wurde so schlimm, dass Hustvedt ihr zwölftes Schuljahr an einer norwegischen Waldorfschule verbrachte und dort ihren Schulabschluss machte. Dort erlebte sie nach eigenen Worten einen ganz anderen Umgangston als in der Schule in den USA.
Das Buch Die zitternde Frau (2010) habe, so Hustvedt, nicht nur mit ihrer eigenen Zitterattacke zu tun. Es habe auch einen Bezug zu ihrem 1922 geborenen Vater, der Flashbacks aus seiner Zeit im Zweiten Weltkrieg erleben musste; diese äußerten sich in Zittern.
Die französische Künstlerin Louise Bourgeois, die sich intensiv mit ihrer Rolle als Frau und mit ihrer Familie auseinandersetzte, spielt für Hustvedt eine große Rolle. Elemente von Bourgeois flossen in die Protagonistin von Hustvedts Roman Die gleißende Welt (2014) ein. Dieses Buch erzähle aus verschiedenen Perspektiven den Versuch der Künstlerin Harriet Burden, die männliche Dominanz in der Kunstwelt sichtbar zu machen: Burden beauftragt über einen Zeitraum von fünf Jahren drei Männer, ihr Werk als ihre eigenen Arbeiten auszugeben, um die Frauenfeindlichkeit der Szene zu entlarven.
Der Film spart die Zeit nach dem Tod von Auster am 30. April 2024 nicht aus. Hustvedt bezeichnet ihren Ehemann wiederholt mit dem deutschen Wort Lebensmensch. Sie berichtete, dass sie die Erzählungen von Ghost Stories geschrieben habe, um etwas über das Leben mit ihm festzuhalten. Auster habe 2023 im Roman Baumgartner ihre Situation als Überlebende von zwei Eheleuten schriftstellerisch vorweggenommen.
Nach Paul Austers Tod traf die Filmemacherin Lidl Hustvedt in Vardø, der östlichsten Kommune Norwegen. Dort befindet sich ein Mahnmal, das an die Hexenverfolgungen und -verbrennungen im 17. Jahrhundert erinnert. Das Mahnmal wurde nach Plänen des Schweizer Architekten Peter Zumthor errichtet. Louise Bourgeois hat eine Skulptur in Form eines symbolischen Scheiterhaufens beigetragen. Angesichts dieser Skulptur erzählt Hustvedt von ihrem Essay Nicht hier, nicht dort (englisch: Yonder. 1998), das dem Raum gewidmet sei, der nicht hier, aber auch nicht dort sei. Hustvedt, die vielfach über die Kunst von Louise Bourgeois geschrieben hat, war nach Norwegen gereist, um dort Wim Wenders zu treffen, der einen Film über Zumthor machte. Wenders und Hustvedt werden gefilmt, während sie sich in einem Pub unterhalten. Man spürt ihre Verbundenheit sofort.
Produktion
Filmstab mini|hochkant|Paul Auster, 2010mini|hochkant|Sophie Auster, 2016 Regie führte Sabine Lidl, auch das Drehbuch stammt von ihr. Für die Musik war Balz Bachmann und für den Filmschnitt Maxine Goedicke verantwortlich. Für das Sound Design war Noemi Hampel zuständig, für die Animation Lena Dickmann und Jana Richtmeyer, für den Ton Matthias Lempert.
In wichtigen Rollen sind Siri Hustvedt, ihr Ehemann Paul Auster und ihre Tochter Sophie Auster sowie ihre Schwestern Liv, Asti und Ingy Hustvedt zu sehen. Ebenfalls zu sehen sind ihre Freundin Katerina Fotopoulou, Hustvedts Schwiegersohn Spencer Ostrander und Wim Wenders.
In den Spielszenen, die Hustvedt in ihrer Jugend in New York zeigen, stellte Jules* Elting Siri Hustvedt dar.
Produktion und Förderungen Produziert wurde der Film von Medea Film Factory in Koproduktion mit Dschoint Ventschr Filmproduktion und NDR und in Zusammenarbeit mit Arte.
Dreharbeiten und Veröffentlichung Sabine Lidl hat das Ehepaar Hustvedt-Auster durch einen einfachen Telefonanruf kennengelernt. 2019 entstand daraufhin unter ihrer Regie ein Filmporträt Paul Austers (Paul Auster – Was wäre wenn). Danach begleitete Lidl vier Jahre Hustvedt für ein Porträt über sie.
Der Film feierte im Februar 2026 auf der Berlinale seine Weltpremiere in der Sektion Panorama Dokumente.
Rezeption Patricia Battle betont in einem NDR-Radiobeitrag, dass der Film nicht nur Fragen nach Identität beleuchte, sondern auch Hustvedts feministische Positionen und das kritische Beleuchten von weiblichen Rollenbildern mit einbinde. Hustvedts klarer, analytischer Intellekt sei es auch, wie der Film zeige, der ihr helfe mit der plötzlichen Krebserkrankung ihres Mannes und dessen Tod umzugehen. Den Verlust ihres „Lebensmenschen“ hätte sie mit niedergeschriebenen Erinnerungen in ihrem Buch Ghost stories verarbeitet. Damit zeige sie, das Trauer auch bedeuten könne, Resilienz und neue Kraft zu finden. Und genau das wolle Siri Hustvedt den Zuschauern mit der Dokumentation vermitteln. Der Fernsehbeitrag zu ttt – Titel Thesen Temperamente (ARD) sagte, dass der „großartige“ Dokumentarfilm dem Paar ganz nah komme. Im Deutschlandfunk hieß es zum Filmen in der Privatsphäre des Paars: „Das wirkt total echt und unverstellt.“ Philipp Holstein schreibt in der Rheinischen Post, dass die Stelle besonders schön und traurig sei, in der Hustvedt sage: „I lost my Lebensmensch.“
Cornelia Geissler stellt in der Berliner Zeitung heraus, dass Austers Krebserkrankung und Sterben zeitweilig das eigentliche Thema des Dokumentarfilms zu erdrücken drohe. Doch sei Hustvedt auch eine gute Romanautorin, eine hervorragende Essayistin und eine Intellektuelle. Im Film sehe man ihr beim Denken zu. Er begleite sie so eng, dass man sie bald selbst zu kennen glaube.
Felix Müller schrieb in der Berliner Morgenpost, dass die Dokumentation auch die Geschichte des schmerzlichen Abschieds Hustvedts von ihrem Mann sei. Sie sei aber auch sehr viel mehr: „das Porträt einer Schriftstellerin, die in jungen Jahren den Schritt aus Minnesota nach New York wagte, eine Verneigung vor ihrer klugen Prosa, ein Beitrag zur Sichtbarkeit von Frauen in der Kunst – und nicht zuletzt ein Hinweis auf liberales, menschenfreundliches, weltoffenes Denken, das in diesen Zeiten wichtiger denn je erscheint.“ Müller endet seine Rezension mit: „Es ist schön, mit ihr in diese Abenteuer des Denkens zu gehen, mit ihr Paul Auster zu vermissen und ihre Freude am Dasein zu spüren.“
Sophie Charlotte Rieger schreibt in der Filmlöwin, dass die über 40 Jahre währende Beziehung zwischen Hustvedt und Auster berechtigt viel Raum einnimmt, da sie von großer Bedeutung für Hustvedt und ihr Werk sei. Die privaten und zum Teil intimen Einblicke verliehen ihr als Protagonistin dieses Films darüber hinaus eine persönliche Ebene, zu der das Publikum in Verbindung treten könne. Siri Hustvedt würde so „vom Idol zum menschlichen Gegenüber“. Doch gelänge es der Filmemacherin, Auster, „niemals“ in den Vordergrund treten zu lassen. Er würde stets als eines von vielen Teilen des Mosaiks betrachtet werden, aus dem sich die Person Siri Hustvedt zusammensetzt. Rieger resümiert: „Es ist ganz sie, die hier im Zentrum steht, die wir als Publikum kennen und vielleicht ein wenig verstehen lernen, und sie ist die Künstlerin, deren Schaffen hiermit ein filmisches Denkmal erhält.“
Lida Bach bewertet den Dokumentarfilm in Moviebreak dagegen kritisch: „Ein Hochglanz-Porträt in jeder Hinsicht, visuelle, formal und biographisch, dessen assoziative Chronik von Kreativität, Identität und Liebe Brüche beiläufig ausbügelt und keinen Schatten zulässt. Die vielstimmige Würdigung rahmt Siri Hustvedt als führende Intellektuelle mit engem Bezug zu Kunstschaffenden ihrer Generation und differenziertem Blick auf die Wahrnehmung von Weiblichkeit. Dass ihre Sichtweise indes fest in einer weißen, wohlständigen, akademistischen Tradition verwurzelt ist, wird nie diskutiert. Ebenso diffus bleibt ihre Bedeutung für eine jüngere Generation und alle, die außerhalb des privilegierten Kreises stehen.“
Auszeichnungen Deutscher Filmpreis 2026 in der Kategorie Bester Dokumentarfilm
Weblinks Berlinale-Profil Berlinale Presseheft zum Film
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 2026 Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Schweizer Film