mini|hochkant=1.4|Abschnitt der Stadtbefestigung am Duisburger Innenhafen (2021) Die ehemalige Duisburger Stadtbefestigung umgab die Altstadt des nordrhein-westfälischen Duisburg in Mittelalter und Früher Neuzeit. Von ihr sind vereinzelte Türme, Mauerabschnitte und Grabenreste erhalten. Die ältesten Teile der Befestigung entstanden bereits im 12. Jahrhundert, umfassten aber zunächst nur den nordöstlichen Teil der Duisburger Altstadt. Erst im Verlauf des 13. Jahrhunderts wurden auch die westlichen Areale mit in die Umwehrung einbezogen.
Die Stadtbefestigung verschwand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der beginnenden Industrialisierung, wobei insbesondere die Mauern oftmals in Neubauten einbezogen wurden. Durch Freilegung der erhaltenen Abschnitte und Rekonstruktionen am Ausgang des 20. Jahrhunderts ist sie heute die letzte großflächig erhaltene Stadtbefestigung im Ruhrgebiet.
Geschichte Pfalzmauer und erste Stadtbefestigung Der eigentliche Siedlungskern der Stadt Duisburg ist um den heutigen Salvatorkirchhof zu vermuten. Bereits Heinrich Averdunk ging am Ausgang des 19. Jahrhunderts davon aus, dass die hier befindliche Pfalz im 10. Jahrhundert mit einer Befestigung umgeben wurde. Sie soll sich vom Burgplatz aus in Richtung des späteren Stapeltores nach Nordwesten erstreckt haben. Joseph Milz, der ehemalige Leiter des Duisburger Stadtarchivs, mutmaßte, dass es sich bei dieser Anlage um eine Wall-Graben-Befestigung handelte, die nur partiell mit Holzpalisaden verstärkt worden war. Lediglich am Salvatorkirchhof und zur späteren Brüderstraße hin, sollen auch Mauern zu finden gewesen sein. Die Pfalzmauer wurde am Springwall zur Fundamentierung der jüngeren Befestigung herangezogen.Joachim Müller: Zur Baugeschichte der Duisburger Stadtmauer am Innenhafen und am Springwall. In: Duisburger Forschungen 38. Bd. (1992), S. 513. mini|Abschnitt der ältesten Stadtmauer am Springwall (2015) Erst in den 1970er Jahren stieß man auf eine urkundliche Ersterwähnung einer Duisburger Befestigung, die sich auch auf die neben der Pfalz befindliche Bürgersiedlung erstreckte und die aus der Chronik des Ambrosius Moer stammte, wo sie als Bauinschrift auftaucht. Diese kann auf die Zeit Kaiser Heinrich V. und damit zwischen 1111 und 1125 datiert werden und lautet: „Incole curtium et mansorum attinentium Husel non dant theoloneum Dispergii per anni circulum preter nundinas celebres, obsequuntur enim ad munimen civitatis in muro et vallo“ (lat. Die Bewohner der zu Hösel gehörenden Höfe und Hofstätten geben im Verlauf des Jahres keinen Zoll zu Duisburg, außer während der Jahrmärkte; sie sind nämlich zur Befestigung der Stadt mit Mauer und Wall verpflichtet.).Joseph Milz: Untersuchungen zur mittelalterlichen Stadtmauer von Duisburg mit einem Beitrag über die archäologischen Funde von Günter Krause. In: Günter Krause (Hrsg.): Vor- und Frühgeschichte des unteren Niederrheins. Rudolf Stampfuß zum Gedächtnis (= Quellenschriften zur westdeutschen Vor- und Frühgeschichte Bd. 10). Bonn 1982, S. 136 f.
Teile der ältesten Stadtmauer haben sich zwischen Stapeltor und Springwall erhalten, wie archäologische Ausgrabungen betonen. Sie besaß zunächst keine Türme und keinen gemauerten Wehrgang, stattdessen war ein hölzerner Wehrgang an die steinerne Mauer angelehnt. Die erste Duisburger Stadtbefestigung war schlecht fundamentiert, sodass sie vielfach ausgebessert werden musste, was auch Abstützungen umfasste. Sie bestand aus Tuffquadern und schloss mit Zinnen ab. Der Verlauf der ältesten Befestigung kann zwischen Koblenzer Turm und Stapeltor als gesichert gelten. Eventuell war der Abschnitt entlang des damaligen Rheinverlaufs unbefestigt. Daneben ist ein Verlauf im Westen des heutigen Alten Marktes zu vermuten. Die südlichen Abschnitte waren womöglich durch eine Wall-Grabenanlage und die hier verlaufenden Rheinzuflüsse Dickelsbach und Pootbach gesichert.
Minoriten, Johanniter und zweite Befestigung Große Teile der heutigen Altstadt waren in diese erste Stadtbefestigung nicht einbezogen worden. Dabei ist von einiger Bedeutung, dass sich auf dem nördlich vom Alten Markt gelegenen Areal des ehemaligen Minoritenklosters eine separat zur Stadtbefestigung errichtete Burganlage befand, die wohl vom königlichen Vogt bewohnt war. Noch 1272 ist die Burganlage, die von Herzog Walram V. von Limburg an die Minoriten geschenkt wurde, als „bei“ (lat. apud) Duisburg bezeichnet worden und lag damit wahrscheinlich außerhalb der Ummauerung. Auch die Nachfolger des Herzogs mussten den Stadtbewohnern zusichern, kein befestigtes Haus in der Stadt zu errichten.
Die im westlichen Teil der späteren Altstadt gelegene Johanniterkommende wurde um 1150 besiedelt und erhielt 1154/1155 eine erste urkundliche Bestätigung. Die Johanniter umgaben ihren Besitz wohl bereits im 12. Jahrhundert mit einer, von der ersten Stadtbefestigung unabhängigen, Mauer. Hier entwickelte sich, wohl entlang der heutigen Beekstraße, eine Ansiedlung von Handwerkern und Fischern. Als die Johanniterkirche, die Marienkirche, im Jahr 1187 zur Pfarrkirche erhoben wurde, bezeichnete man dieses Gotteshaus als „extra muros“ (lat. außerhalb der Mauern). mini|Stadtbefestigung auf dem Corputius-Plan von 1566 Der Ausbau der Stadtmauer auf ihren bis zum 19. Jahrhundert maßgeblichen Umfang erfolgte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dabei bezog man die älteren Teile der Ringmauer, etwa am heutigen Springwall, in den Neubau mit ein. Joseph Milz geht davon aus, dass die zweite Stadtbefestigung im Laufe des 13. Jahrhunderts entstand. So wurden die im Jahr 1896 freigelegten, romanischen Fenster an einem Haus in der Schwanentorstraße wohl bei der Einbeziehung eines älteren Baus in die Stadtmauer zugemauert. Wohl zu dieser Zeit erfolgte auch die Ummauerung der weiter westlich gelegenen Vorstädte in der Nähe der Marienkirche. Die ehemalige Burganlage beim Minoritenkloster wurde wohl erst am Ausgang des 13. Jahrhunderts zu einem Teil der zweiten Stadtbefestigung umgewandelt, sodass nun auch die Rheinseite der Stadt eine durchgehende Ummauerung besaß.Joseph Milz, Günter von Roden: Duisburg im Jahre 1566. Der Stadtplan des Johannes Corputius (= Duisburg Forschungen 40. Bd.). Walter Braun Verlag, 2. Auflage, Duisburg 1993, ISBN 3-87096-051-5, S. 23 f.
Die neue Befestigung wurde wiederum aus Tuffsteinen errichtet. Daneben spielte aber auch Basalt eine wachsende Rolle. Die Wehranlagen erfuhren auch in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Veränderungen. So erhielt die Mauer im Bereich des heutigen Innenhafens im Verlauf des 14. Jahrhunderts Strebepfeiler. Ein Backsteinwehrgang wurde angebaut. Außerdem stattete man auch die älteren Bauteile im Zuge der Stadterweiterung mit Türmen aus, die in unregelmäßigen Abständen in die bestehenden Befestigungen eingefügt wurden.
Niedergang, Abriss und Rekonstruktion Die Stadtbefestigung verlor ihre Bedeutung für die militärische Verteidigung Duisburgs bereits im 14. Jahrhundert, mit dem Aufkommen von Feuerwaffen. Die durchschnittlich zweieinhalb Steine dicken Mauern konnten den neuartigen Waffen keinen ausreichenden Widerstand entgegensetzen. Die Folge war, dass man die Mauern von nun an nicht mehr verstärkte oder ausbaute. Milz mutmaßt, dass sie fortan vor allem für die Abwehr von „marodierenden Scharen“ bestand. Viel bedeutsamer sollte allerdings ihre rechtliche Bedeutung als Zollstätte bis ins 19. Jahrhundert werden. Daneben spielte die Mauer als optische Abgrenzung der Stadt von ihrem ländlichen Umland eine große Rolle.
Besondere Bedeutung für die Rezeption der zweiten Stadtbefestigung hatte der im Jahr 1566 fertiggestellte Corputius-Plan des Ingenieurs und Kartographen Johannes Corputius. Seine Projektion bietet einen Überblick über die damals ausgeführten Anlagen der zweiten Stadtbefestigung. Die Mauern betrugen im 16. Jahrhundert eine durchschnittliche Höhe von ca. zehn Metern und wurden durch Pfeiler und Bögen gestützte Wehrgänge erschlossen. Auf dem Corputius-Plan sind die Leitern zu erkennen, mit denen die Wehrgänge erreicht wurden. Die starken Verteidigungsanlagen mussten regelmäßig gewartet werden, weshalb die Ausgaben für die Umwehrung oftmals einer der größten jährlichen Ausgabeposten darstellten.Joseph Milz, Günter von Roden: Duisburg im Jahre 1566. Der Stadtplan des Johannes Corputius (= Duisburg Forschungen 40. Bd.). Walter Braun Verlag, 2. Auflage, Duisburg 1993, ISBN 3-87096-051-5, S. 23–31. mini|Rekonstruierter Abschnitt der Stadtmauer am Kuhlenwall (2015) Während des Siebenjährigen Krieges debattierten verschiedene französische Ingenieure darüber, die Städte Duisburg und Ruhrort mit einer Festungsmauer zu umgeben. Insgesamt sieben Gutachten aus der zweiten Hälfte des Jahres 1758 haben sich erhalten. Nach Abwägung des Für und Wider wurde am 8. Oktober der Ingenieur Jean de Blacas mit der Anfertigung eines größeren Baugutachtens beauftragt. Es entstanden Karten und Pläne, die den Ausbauzustand der Befestigungen zeigten. Dabei wurde deutlich, dass große Teile der Anlage bereits in schlechtem baulichen Zustand waren. Wehrgänge waren entfernt, vielerorts waren kleine Häuser an die Stadtmauer angebaut. Am 1. November 1758 erteilte Marschall Louis-Georges-Erasme de Contades die Erlaubnis, die Pläne in die Tat umzusetzen. Es ist unklar, ob und in welchem Ausmaß der Ausbau anschließend tatsächlich erfolgte.Reinhold Kaiser: Französische Festungspläne für Duisburg und Ruhrort von 1758. In: Duisburger Forschungen 37. Bd. 1990, S. 27–78.
Die Stadtmauer wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit erheblichem Aufwand noch einmal repariert. In den 1820er und 1830er Jahren entfernte man dann jedoch die Stadttore, die als Verkehrshindernisse galten. Um die Geschlossenheit der städtischen Siedlung dennoch zu bewahren, wurden sie durch eiserne Schranken ersetzt. Im Zuge des Aushubs des Innenhafens verschwanden dann in den 1840er Jahren große Abschnitte im Nordwesten der Anlage. Die Gräben wurden mit dem Aushub verfüllt. Mit dem rapiden Stadtwachstum Duisburgs im Zuge der Industrialisierung verschwand die Mauer aus dem Stadtbild. Allerdings blieben die baulichen Überreste durch ihre Einbeziehung als Häuserrückwände weiter unsichtbar bestehen. Zuletzt wurde 1940 der Aachener Turm eingelegt.
Der größte Eingriff in die historischen Strukturen der Stadt erfolgte nicht durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Vielmehr fielen große Teile der Befestigungen der Umgestaltung Duisburgs zur autogerechten Stadt in den 1950er Jahren zum Opfer. Erst nach 1985 begann sich die Stadtpolitik zu verändern. Im Zuge der Stahlkrise rückte die städtische Geschichte als Zeichen von Kultur in den Mittelpunkt. Ein besonderer Fokus wurde dabei auf die eingebauten Teile der Stadtmauer gelegt. So legte man die Abschnitte entlang der Untermauerstraße frei und rekonstruierte den Verlauf. Entlang des Springwalls und am Innenhafen wurde ein Mauerabschnitt mit Türmen wiederhergestellt und in Zusammenhang mit neuen Wohngebieten gebracht.Angela Pfotenhauer, Joachim Müller: Die Duisburger Stadtmauer – Rekonstruierte Geschichte als Denkmal der Gegenwart. In: Duisburger Forschungen 38. Bd., 1992, S. 520–537.
Tore mini|Stapeltor als Doppeltor auf dem Corputius-Plan Schwanentor
Das Schwanentor gehörte zu einem der Haupttore innerhalb der Duisburger Stadtmauer. Es befand sich in der heutigen Schwanenstraße und führte auf den Rheinarm zu. Bereits auf dem Corputius-Plan wurde das Tor mit diesem Namen bezeichnet. Johannes Corputius leitet diesen „von den Schwänen – quasi a cygnis“ ab. Als ältere Namensformen tauchen aber auch die Namen „Svalvenport“ (porta Yrundinis) – Schwalbentor oder „Walenport“ auf. Der zweite Name leitet sich von den wallonischen Kaufleuten ab, die sich angesiedelt hatten.