mini|Rekonstruktion des Mithräums von Ingeborg Huld-Zetsche. Das Mithräum am Ballplatz war ein römisches Heiligtum im Bereich der heutigen Mainzer Innenstadt. Es befand sich im Areal zwischen Ballplatz und Hinterer Präsenzgasse, im Umfeld der heutigen Weißliliengasse. Seine Existenz ist durch bauliche Reste, Kleinfunde und mehrere Weihdenkmäler, darunter ein großer Marmoraltar mit vollständiger Mithras-Weihung, belegt. Die Anlage wurde 1976 bei Bauarbeiten entdeckt, aber im Zuge der fortschreitenden Arbeiten zerstört, ohne dass eine systematische Ausgrabung oder Dokumentation erfolgte. In der Forschung wurde verschiedentlich für eine ungewöhnlich frühe Entstehung des Tempels bereits zu Beginn des letzten Drittels des 1. Jahrhunderts argumentiert. Das Heiligtum gilt als wichtiger Beleg für die Präsenz des Mithraskultes im römischen Mogontiacum.
Entdeckung und spätere Untersuchungen Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Mainz Objekte aus dem Boden geborgen, die zur charakteristischen Ausstattung eines Mithras-Heiligtums gehörten. Die Funde boten jedoch für sich genommen keinen Anhaltspunkt für die exakte Lokalisierung des zugehörigen Tempels.Andreas Hensen: Kult des Unbesiegten, 2023, S. 73, auch S. 95, Anm. 2. Im Sommer 1976 kam es im Zuge eines Neubaus eines Bürogebäudes für die Nordstern-Versicherung zwischen Ballplatz und Hinterer Präsenzgasse, im Umfeld der heutigen Weißliliengasse, schließlich zur Entdeckung umfangreicher römischer Gebäudereste und Fundstücke. Partiell war das vermörtelte Bruchsteinmauerwerk bis zu einer Höhe von 92 cm erhalten; abschnittsweise wiesen die Mauerzüge farbigen Wandputz auf. Seitens des Staatlichen Amtes für Vor- und Frühgeschichte war weder eine archäologische Begleitung des Bodeneingriffs vorgesehen noch bestand die Möglichkeit, einen Baustopp zu veranlassen. Ursache hierfür war im Wesentlichen die erhebliche personelle Überlastung der Behörde, die angesichts der Vielzahl gleichzeitiger Bauvorhaben in Mainz und Rheinhessen außerstande war, sämtliche Eingriffe fachlich zu überwachen oder die Befunde im Rahmen einer Flächengrabung sachgerecht zu dokumentieren und zu bergen. Erschwerend kam hinzu, dass der Behörde mangels einer gesetzlichen Grundlage keine wirksamen rechtlichen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen, da das Denkmalschutzgesetz des Landes Rheinland-Pfalz 1976 noch nicht in Kraft war.Ingeborg Huld-Zetsche: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 1; Andreas Hensen: Kult des Unbesiegten, 2023, S. 73f.
Verschärfend wirkte zudem, dass sich rasch zahlreiche, sich als „Freunde der Geschichte“ verstehende Privatpersonen in der Baugrube einfanden, um gezielt nach Funden aus der Römerzeit zu suchen. Da die Erdarbeiten der Kölner Baufirma zeitweise unterbrochen waren, konnten diese eigenmächtigen Grabungen über mehrere Wochen hinweg weitgehend ungestört und mit beträchtlichem Fundaufkommen durchgeführt werden. Die Aktivitäten dieser Privatpersonen reichten dabei von dilettantischem Vorgehen bis hin zu kriminellen Raubgrabungen. Viele aus der Grube geborgene Funde wurden später veräußert und damit der Forschung dauerhaft entzogen. Rückblickend stellt die Freilegung aus wissenschaftlicher und denkmalpflegerischer Sicht eine gravierende archäologische Fehlleistung sowie einen erheblichen und irreversiblen Verlust dar. Dass das Heiligtum dennoch nicht gänzlich der Vergessenheit anheimfiel, bleibt allein einer Verkettung glücklicher Umstände zu verdanken.Ingeborg Huld-Zetsche: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 1; Andreas Hensen: Kult des Unbesiegten, 2023, S. 74.
Zunächst verlief die Fundbergung in der Baugrube stillschweigend unter den Beteiligten; einen Wendepunkt markierte jedoch der 4. August 1976, als ein großer Marmoraltar mit vollständiger Mithras-Weihung freigelegt wurde.Vgl. Ingeborg Huld-Zetsche: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 82, Kat. 565. Nach Bekanntwerden dieses außergewöhnlichen Fundes wurde das Amt informiert; der Altar sowie weitere von Privatpersonen ergrabene Stücke fanden zeitweise öffentliche Aufmerksamkeit und wurden in einem ersten BerichtBernhard Stümpel: Bericht des Staatlichen Amts für Vor- und Frühgeschichte Mainz für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1976. In: Mainzer Zeitschrift 73–74 (1978/79), S. 311–63, dort: S. 343; auch Taf. 58d–f. publiziert. Zudem konnte ein bedeutendes Fundstück, ein Schlangengefäß,Erstmals veröffentlicht von Heinz Günter Horn: Das Mainzer Mithrasgefäß. In: Mainzer Archäologische Zeitschrift 1 (1994), S. 21–66. Seither ist eine große Zahl weiterer Arbeiten zu dem Krater erschienen, siehe unten. mit figürlicher Dekoration und aufgepinselter Inschrift, in den Bestand des Römisch-Germanischen Zentralmuseums überführt werden, wo das Kultgefäß 1980/81 restauriert wurde.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29, hier: S. 213. Ein erheblicher Teil der damals geborgenen Objekte wurde jedoch den Findern zurückgegeben und ist heute nicht mehr im Original nachweisbar.Ingeborg Huld-Zetsche: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 1.
Die nun durchgeführte amtliche Dokumentation beschränkte sich auf eine hastige Einmessung und fotografische Erfassung der noch verbliebenen römischen Mauerreste. Eine vollständige Freilegung unterblieb, da wesentliche Teile des Befundes bereits zerstört waren. Entsprechend war die Deutung der Anlage als Mithräum zunächst unsicher.Ingeborg Huld-Zetsche: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 1; vgl. auch Andreas Hensen: Kult des Unbesiegten, 2023, S. 77f. Erst die große Resonanz, die eine erneute Untersuchung des bereits erwähnten Schlangengefäßes durch die Archäologin Ingeborg Huld-Zetsche auf einer internationalen Fachtagung in Belgien im November 2001 erfahren hatte,Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29. führte dazu, dass beschlossen wurde, eine umfassende Gesamtbearbeitung des Tempelbefundes in Angriff zu nehmen. Für dieses Vorhaben brachte Huld-Zetsche besondere fachliche Voraussetzungen mit. Als langjährige Kustodin der römischen Abteilung des Archäologischen Museums Frankfurt am Main hatte sie sich bereits intensiv mit den materiellen Zeugnissen des Mithraskultes auseinandergesetzt, insbesondere im Rahmen der Auswertung der Fundkomplexe aus den vier Mithräen des römischen Nida im heutigen Frankfurter Stadtteil Heddernheim.Ingeborg Huld-Zetsche: Mithras in Nida-Heddernheim, Frankfurt 1986; sowie dies.: Der Mithraskult im römischen Germanien. In: Religion in den germanischen Provinzen Roms, hrsg. v. Wolfgang Spickermann u. a., Tübingen 2001, S. 339–59. Ergänzend verfügte sie über eine Spezialisierung auf römische Keramik. Nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Museumsdienst nahm Huld-Zetsche, unterstützt durch die Mainzer Archäologin Marion Witteyer, Leiterin der Außenstelle der Direktion Landesarchäologie der GDKE Rheinland-Pfalz, die wissenschaftlich anspruchsvolle Sichtung und Auswertung des überlieferten Fundmaterials in Angriff. Dabei wurden die Bestände aus insgesamt 13 privaten Sammlungen systematisch erfasst und in die Untersuchung einbezogen.Ingeborg Huld-Zetsche: Ein Mithräum in Mainz. In: Archäologie in Rheinland-Pfalz 2002 (2003), S. 75–78; dies.: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 1f.; Andreas Hensen: Kult des Unbesiegten, 2023, S. 74f. Die Untersuchung durch Huld-Zetsche hat in Fachkreisen große Anerkennung erfahren; so von Rainer Wiegels in: Germania 87 (2009), S. 641–44; und Richard L. Gordon in: Klio 92/1 (2010), S. 253–56.
Die genaue Beobachtung der stratigraphischen Situation durch private Ausgräber ermöglichte wichtige Rückschlüsse auf Bau- und Nutzungsphasen. Zusammengenommen erlaubten diese nachträglichen Rekonstruktionen erstmals eine plausible Vorstellung vom Aussehen des Tempels und seiner unmittelbaren Umgebung.Ingeborg Huld-Zetsche: Ein Mithräum in Mainz. In: Archäologie in Rheinland-Pfalz 2002 (2003), S. 75–78; dies.: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 1f. Das Mithras-Heiligtum stellt neben dem 1999 entdeckten Tempel der Magna Mater und der IsisZu diesem Heiligtum vgl. Svenja Nagel: Isis im Römischen Reich, Tbd. 2: Adaption(en) des Kultes im Westen, Wiesbaden 2019, S. 1192–97; Marion Witteyer: Rogo te domina. Bitten um göttlichen Beistand im Heiligtum für Isis und Mater Magna in Mainz. In: Beten in Mainz. Religion als Herausforderung in der Geschichte der Stadt, hrsg. v. Nina Gallion/Johannes Lipps, Oppenheim am Rhein 2023, S. 101–23. – bei dem die Fehler von 1976 nicht wiederholt wurdenMarion Witteyer: Göttlicher Baugrund, Mainz 2003, S. 7. – den einzigen Tempel in Mainz dar, dessen Standort bekannt ist, obgleich für die Stadt von einer deutlich größeren Zahl römischer Kultbauten ausgegangen werden muss.Marion Witteyer: Rogo te domina. Bitten um göttlichen Beistand im Heiligtum für Isis und Mater Magna in Mainz. In: Beten in Mainz. Religion als Herausforderung in der Geschichte der Stadt, hrsg. v. Nina Gallion/Johannes Lipps, Oppenheim am Rhein 2023, S. 101–23, hier: S. 101.
Rekonstruktion Ingeborg Huld-Zetsche stützt ihre Rekonstruktion des Heiligtums einerseits auf die amtlichen Einmessungen, andererseits auf die Befragung von privaten Ausgräbern, die sich 1976 in der Baugrube eingefunden hatten. Ungeachtet der lückenhaften Befunddokumentation können für den Mainzer Bau drei der vier charakteristischen Ausstattungsmerkmale eines Mithräums als gesichert gelten. So ist zunächst die klare funktionale Gliederung der Anlage in einen etwa 22 m langen und damit außergewöhnlich großen Kultraum (cella) sowie in einen vorgelagerten, möglicherweise auch zweigeteilten Vorraum eindeutig belegt. Darüber hinaus konnten beiderseits des rund 3 m breiten, axial geführten Ganges abschnittsweise Mauerzüge nachgewiesen werden, die als innere Begrenzungen der Liegebänke für die Kultmähler zu interpretieren sind, denen innerhalb des Kultgeschehens eine zentrale performative Funktion zukam. Die Rückwand des Kultraumes selbst lag außerhalb der erfassten Baugrube und entzieht sich daher einer näheren Untersuchung, sodass Aussagen zur konkreten Ausgestaltung der Tauroktonie nicht möglich sind; in unmittelbarer Nähe dieses Bereichs fand sich jedoch eine Altarbasis. Schließlich markieren freigelegte Treppenstufen am südöstlichen Ende des Bauwerks den baulichen Übergang zwischen Vorraum und eigentlichem Kultraum. Die Wandputzreste sind spärlich, sodass keine Rekonstruktion von Wand- oder Deckenmalerei möglich ist. Sterne auf blauem Grund, wie sie als Ausstattungsmotiv in Mithräen häufig begegnen, konnten nicht nachgewiesen werden. Die erhaltenen Reste zeigen Muster auf weißem Grund, die ebenfalls zu den in Mithräen nicht ungewöhnlichen Dekorationsformen zählen. Ein nördlich gelegener Eingangsbereich ist hypothetisch, stützt sich aber auf Parallelen aus Martigny, wo ein Kultschacht und Münzfunde den Zugang markieren. Zudem wird eine Einfriedung in etwa 6 m Abstand vermutet, wie sie für freistehende Mithräen typisch war, für die es jedoch keinerlei Belege gibt. Die Einfriedung ist im Zusammenhang mit der Interpretation von Gruben mit Wetterauer Ware als Kultabfallgruben zu sehen; ein direkter Beleg dafür, dass diese Gruben tatsächlich zum Heiligtum gehörten, liegt jedoch nicht vor. Für den überlieferten Steinbau nimmt Huld-Zetsche einen hölzernen Vorgängerbau an.Ingeborg Huld-Zetsche: Mithräum am Ballplatz, 2008, S. 6f.; Andreas Hensen: Kult des Unbesiegten, 2023, S. 78, 80, 91.