mini|Der Mainzer Krater nach seiner Restauration 1980/81. Der Mainzer Krater (Archäologische Denkmalpflege Mainz FM-Nr. 83–101) ist ein 1976 in Mainz entdecktes zweihenkliges Gefäß aus dem Mithräum am Ballplatz aus dem 2. Jahrhundert. Das Gefäß besitzt einen ausbiegenden Rand, einen konischen Hals und einen gerundeten Körper. Im Inneren sind deutliche Drehrillen erhalten. Bei der Auffindung waren der Standring, die Mündung sowie einer der Henkel abgebrochen. Aufgrund des Zustands des Bodens mit zahlreichen Rillen und des glatten Innenbereichs wird ein ursprünglicher Kelchfuß angenommen. Für die Mithrasforschung ist der Krater vor allem wegen der in Barbotine-Technik ausgeführten Darstellung von sieben Figuren in der Bauchzone von Bedeutung, die überwiegend als Szene kultischer Handlungen gedeutet wird.
Fundsituation 1976 wurde im Mainzer Stadtkern zwischen Ballplatz und der heutigen Weißliliengasse eine weitläufige Baugrube ausgehoben, ohne dass archäologische Begleitmaßnahmen vorgesehen waren. Zwar traten bei den Erdarbeiten niedrige Bruchsteinmauerzüge aus vermörteltem Kalkstein zutage, doch blieb dies zunächst ungemeldet – erst der Fund eines Marmoraltars mit vollständiger Weihinschrift an MithrasNach HD008176 und EDCS-08901062; übers. der Inschrift in: Jürgen Blänsdorf: Siste Viator et lege, Mainz 2009, S. 208. führte zur Einschaltung der Denkmalbehörde. Deren Dokumentation beschränkte sich angesichts des bereits erheblichen Substanzverlustes auf eine hastige Einmessung und fotografische Erfassung der noch vorhandenen Baureste; eine systematische Freilegung des Mithrasheiligtums angesichts des bereits erheblichen Substanzverlustes. Die erhaltenen Befunde erlauben daher nur eine ungefähre Verortung des Heiligtums, nicht aber eine tragfähige Rekonstruktion seiner Architektur. Während eines mehrwöchigen Baustopps war es außerdem zu umfangreichen, unkontrollierten Fundbergungen durch Privatpersonen gekommen. Die daraus resultierende Fundüberlieferung ist entsprechend heterogen: Ein Teil der Objekte wurde ordnungsgemäß gemeldet und abgegeben, anderes verblieb in Privatbesitz oder gelangte in den Antikenhandel und ist der Wissenschaft damit dauerhaft entzogen. Die abgegebenen Kleinfunde wurden zunächst nur summarisch inventarisiert. Eine Ausnahme bildete ein großformatiger, figürlich verzierter Tonkrater, den die privaten Finder nach Einschaltung des Amtes meldeten und der 1980/81 im Römisch-Germanischen Zentralmuseum restauriert und anschließend publiziert wurde.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29, hier: S. 213.
Das Gefäß wird der Wetterauer WareFür das Thema der Wetterauer Ware im Allgemeinen vgl. Vera Rupp: Wetterauer Ware. Eine römische Keramik im Rhein-Main-Gebiet, Bonn 1988; sowie Ingeborg Huld-Zetsche: Die Lampen aus den römischen Töpfereien von Frankfurt am Main-Nied, Regensburg 2014. zugeordnet, also einer Gattung der Feinkeramik, die in Brennöfen in Nied bei Frankfurt hergestellt wurde. Der vergleichsweise gute Erhaltungszustand des Kraters wird allgemein darauf zurückgeführt, dass sich das Gefäß zum Zeitpunkt der Bergung noch in situ befand. Hinsichtlich der konkreten Fundsituation bestehen jedoch unterschiedliche Deutungen. Heinz Günter HornHeinz Günter Horn: Das Mainzer Mithrasgefäß. In: Mainzer Archäologische Zeitschrift 1 (1994), S. 21–66, hier: S. 22. geht davon aus, dass der Krater nahe der Altarbasis am westlichen Ende der cella auf dem Estrich stand und erst im Zuge der Ausschachtungsarbeiten zerbrochen wurde. Demgegenüber interpretiert Ingeborg Huld-ZetscheIngeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29, hier: S. 213, 215; dies.: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 99. Auch dies., in: Cornelius Ulbert [u. a.]: Ritual Deposits of Mithraic Cult-Vessels. New Evidence from Sechtem and Mainz. In: Journal of Roman Archaeology 17 (2004), S. 354–70, hier: S. 364ff. den Befund als Ergebnis einer bewussten Deponierung im Bereich des Mittelganges zwischen den Podien. Nach ihrer Auffassung wurde das bewusst beschädigte Gefäß im Zuge eines Umbaus in der cella zurückgelassen, anschließend von jüngeren Laufhorizonten überdeckt und nicht durch moderne Baumaschinen zerstört.Zu den unterschiedlichen Deutungen Andreas Hensen: Mithras. Der Kult des Unbesiegten und sein Tempel in Mainz. In: Beten in Mainz. Religion als Herausforderung in der Geschichte der Stadt, hrsg. v. Nina Gallion/Johannes Lipps, Oppenheim am Rhein 2023, S. 73–100, hier: S. 82f.
Datierung In der Erstpublikation des Gefäßes datierte HornHeinz Günter Horn: Das Mainzer Mithrasgefäß. In: Mainzer Archäologische Zeitschrift 1 (1994), S. 21–66, hier: S. 31–33. das Stück sehr früh noch in das erste Jahrhundert und leitete daraus Rückschlüsse auf die Datierung des Mithräums ab. Diese Frühdatierung erwies sich jedoch als nicht haltbar. Huld-Zetsche setzt die Entstehung zwischen 120 und 140/150 n. Chr. an.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29, hier: S. 226; dies.: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 79.
Beschreibung Beim Mainzer Krater handelt es sich um ein großes, zweihenkliges Gefäß mit ausladendem Rand, konischem Hals und gerundetem Gefäßkörper. Das Gefäß besteht aus rötlichem Ton und weist einen dunkelweißroten Überzug auf. Der Randdurchmesser beträgt 27 cm; die erhaltene Höhe ohne den nicht mehr vorhandenen Kelchfuß beläuft sich auf 39 cm. Im Inneren weist es ausgeprägte Drehrillen auf. Bei der Auffindung waren der Standring, Teile der Mündung sowie ein Henkel vollständig abgebrochen. Der stark gerillte Boden in Verbindung mit einem glatten Innenprofil deutet mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen ursprünglich vorhandenen Kelchfuß hin; bei der Rekonstruktion diente der erhaltene Fuß eines zu Beginn des 19. Jh. entdeckten Kraters der Wetterauer Ware als Vergleich.Gustav Behrens: Ausgrabungen im Legionskastell zu Mainz während des Jahres 1910. In: Mainzer Zeitschrift 6 (1911), S. 53–120, hier: S. 94, Abb. 20 B, 27. Auf den fragmentarisch erhaltenen Partien der Mündung und in zwei Hälften zwischen den Henkeln angeordnet befindet sich eine weiß aufgemalte Weihinschrift. Die eine Seite nannte den Stifter, die andere enthält die ausgeschriebene Widmungsformel für die Gottheit, beginnend mit D.D. und wohl um drei weitere Buchstaben ergänzt.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 77, 79.
Zu den zu dem Krater gehörigen Einzelfunden zählte ein plastisch ausgearbeiteter Rabe auf einem Randfragment, der aufgrund von Tonbeschaffenheit, Überzug und Randprofil eindeutig diesem Krater zuzuweisen ist. Neben der Vogeldarstellung haben sich Reste eines weißen Buchstabens sowie ein Trennpunkt erhalten. Diese Befunde ermöglichten sowohl eine präzise Bestimmung der Position der Figur auf dem Rand als auch die Rekonstruktion der zugehörigen Weihinschrift.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 77f. Die Inschrift ist demnach zu rekonstruieren als:Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 78.
QVINTVS CA[– - – - – - –] [DEO I] NV [IC] T. (O) [MITHRAE D(onum.)] D(edit). [L(ibens) L(aetus) M(erito)]
Der handmodellierte Rabe ist in einer überaus schlichten Formgebung ausgeführt.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213-29, hier: S. 218; hält es für möglich, dass der Rabe und die Figuren auf dem Gefäßbauch von unterschiedlichen Töpfern gefertigt wurden, da die überaus primitive Ausführung des Raben nicht mit der nahezu perfekten Darstellung der sieben Personen in der Bauchzone in Einklang zu bringen scheint. Er sitzt leicht schräg auf dem Gefäßrand; eine Ausarbeitung der Beine fehlt. Das Erscheinungsbild des Tieres wird durch den leicht angehobenen, nach außen vorspringenden Schwanz, den verlängerten Hals sowie den einfach gestalteten Kopf mit flach modellierten Flügeln geprägt. Die eingetieften Augen sind von einem flach ausgebildeten Ring eingefasst. Der Schnabel ist durch seitlich verlaufende, waagerechte Riefen sowie durch zwei kleine, an der Spitze eingetiefte Ovale akzentuiert. Gefieder und Flügel sind mittels unregelmäßiger halbkreis- bzw. wellenförmiger Riefen lediglich angedeutet.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 78. Auf einem Henkel des Gefäßes ist eine Schlange zu ergänzen; ihr oberer Körperteil und der Kopf waren abgeschlagen. Ein erhabener Tonrest links neben der Inschrift QVINTVS CA[—] ist als Ansatz für den Schlangenkopf zu deuten.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29, hier: S. 215f.; dies.: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 78. Der zweite Henkel wurde vermutlich von einer Löwenfigur bekrönt.Ingeborg Huld-Zetsche: Der Mithraskult in Mainz und das Mithräum am Ballplatz, Mainz 2008, S. 78; ders.: Der Mainzer Krater mit den Sieben Figuren. In: Roman Mithraism. The Evidence of the Small Finds, hrsg. v. Marleen Martens/Guy De Boe, Brüssel 2004, S. 213–29, hier: S. 219–21; vgl. auch Joanna Bird: Incense in Mithraic Ritual. The Evidence of the Finds. In: ebd., S. 191–99.
Das herausragende Merkmal des Kraters bildet die Darstellung von sieben Figuren in der Bauchzone, gemeinhin als Mysten gedeutet. Sie sind in Barbotine-Technik ausgeführt und belegen das hohe technische Niveau des Töpfers. Die Anordnung in eine Dreier- und eine Vierergruppe zwischen den Henkeln verweist auf kultisch relevante Szenen:
Die Dreiergruppe zeigt deutlich eine hierarchisierte Konstellation. Im Zentrum steht ein nach rechts gewandter, sitzender, bärtiger Mann in gefranstem Gewand, knöchelhohem Schuhwerk sowie einer phrygischen Mütze mit Ohrenklappen. Er hält einen gespannten Bogen, dessen Pfeil auf die vor ihm befindliche zweite Figur gerichtet ist; ein längliches Objekt an seiner Seite ist wohl als Köcher anzusprechen, zwei hervorstehende Enden dürften als Schemel zu deuten sein. Aufgrund der Sitzhaltung ist reales Bogenschießen ausgeschlossen, wodurch die Handlung als bewusste Inszenierung erscheint. In der Forschung wird diese Figur einhellig als Pater (Vater), dem höchsten Weihegrad des Kulte, identifiziert. Vor ihm steht ein nackter, im Vergleich zu den übrigen Figuren deutlich kleiner dargestellter junger Mann mit erhobenen und gekreuzten Armen, ohne erkennbare Fesselung. Seine Körperhaltung lässt offen, ob er bereits dem Sitzenden gegenübersteht oder sich noch auf ihn zubewegt. Links der Szene befindet sich die dritte Figur, ein bärtiger Mann mit kurzem Haar. Er ist barfuß wiedergegeben und trägt eine kurzärmlige Tunika mit verziertem Saum sowie einen über die linke Schulter gelegten Mantel. In der linken Hand hält er einen kleinen runden Gegenstand, während die rechte im Zweifingergestus erhoben ist.Dazu: Thomas Richter: Der Zweifingergestus in der römischen Kunst, Möhnesee 2003, S. 115f. Der geöffnete Mund und der erhobene Kopf kennzeichnen die Figur als sprechend.