mini|Dorothee Elmiger (2025) Die Holländerinnen ist der Titel eines 2025 publizierten und mit mehreren Buchpreisen (s. u.) ausgezeichneten Romans von Dorothee Elmiger. Erzählt wird von einem experimentellen Theaterprojekt in Panama, das die Todessituation von zwei 2014 unter nicht geklärten Umständen in Panama ums Leben gekommenen TouristinnenDas Theaterexperiment basiert auf den realen Todesfällen von Kris Kremers und Lisanne Froon, s. engl. Wikipedia-Artikel Deaths of Kris Kremers and Lisanne Froon. nacherlebbar machen will.

Inhalt Überblick Die Schriftstellerin bezweifelt in der Rahmenhandlung, dass ihre bisherige „kohärente poetische Theorie“ weiterhin die Grundlage ihres literarischen Schaffens sein könne und trägt deshalb dem Auditorium ihrer Poetikvorlesung Aufzeichnungen von einem drei Jahre zurückliegenden Theaterexperiment in Panama vor. Der Leiter des Projekts, der Theatermacher, will sich mit Laiendarstellerinnen in einen Fall aus dem Jahr 2014 einfühlen: in die Geschichte zweier im Urwald verschollener Holländerinnen. Als Einstimmung erzählen sich die an der Aktion Beteiligten Geschichten von bedrohlichen Lebenssituationen und Existenz-Brüchen. Am siebten Tag beginnt die zweitägige Expedition in den Urwald auf den Spuren der beiden Rucksack-Touristinnen. Die Schriftstellerin sucht sich, von der Gruppe getrennt, allein ihren Weg durch den nächtlichen Wald und fühlt sich als Holländerin. Nach der Rückkehr ins Camp bricht sie das Experiment ab.

Motto und Vorwort Als Motto ist dem Roman ein Zitat aus Herzogs „Eroberung des Nutzlosen“ vorangestellt: „und ich, wie in der stanza eines Gedichts in einer fremden Sprache, die ich nicht verstehe, befinde mich zutiefst erschrocken dabei“.

Die Erzählerin ist sich in ihrem Vorwort nicht sicher, ob ihre Schilderung „eine Indiskretion, eine Zudringlichkeit“ ist, ob sie damit „ihre Benennung der Dinge, die sie aus der Luft gesehen hat“ und damit ein „unausgesprochenes Gebot“ verletze. Eingehend setzt sie sich am fünften Tag ihres Panama-Aufenthalts am Beispiel der fiktiven Autorin Marilyn Trapenard mit der sogenannten Bekenntnisliteratur auseinander.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Hanser Verlag München, 2025, S. 69–81.

Theater-Experiment Die im Feuilleton als „eine bedeutende Erzählerin“ und „als eine der wichtigen Stimmen der Zeit“ gelobte, namenlos bleibende Schriftstellerin spricht in ihrer Vorlesung, der Rahmenhandlung des Romans, nicht, wie eigentlich vom Auditorium erwartet, über ihre Arbeiten und ihre Poetik. Ihr eigenes Schreiben, erklärt sie, erscheine ihr fragwürdig. Jahrelang habe sie ihre literarische Arbeit als „Ausdruck einer irren, gellenden Lebendigkeit gedacht, einer Gegenwart […] als Notiz aus dem Chaos, dem Mahlstrom des Lebens – jahrelang […] habe sie sich für das Enzyklopädische, das Karnevaleske, die Gleichzeitigkeit der Dinge interessiert“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Hanser Verlag München, 2025, S. 10 ff. Nun sei „ihr Schaffen in einem Prozess der Auflösung“ und habe sich fragmentiert.

Als Alternative trägt sie dem Auditorium einen „nie zu Ende gebrachten Text“ vor: „ein Wust an Notizen, Fragmenten, die Relikte einer Reise“, zu der sie vor drei Jahren von einem „Theatermacher“ als Protokollantin seines Experiments zum „hypnotischen Realismus“, wo sich „Wirklichkeit und Fiktion“ treffen und in einer „heiligen Kollision“ ihre Fassung verlieren, engagiert worden sei.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Hanser Verlag München, 2025, S. 11, 12. In seinem Projekt, das er sich in Referenz auf den Regisseur Werner HerzogDer Theatermacher arbeitet sich seit seinen Anfängen an Werner Herzog und seinen Filmen „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ ab. Schriefl, der Tontechniker und „Mädchen für alles“ erzählt der Schriftstellerin von den Spurensuchen des Theatermachers in den Anden (Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Hanser Verlag München, 2025, S. 53 ff.). als „tropische Passion“ vorstelle, versuche er einen Fall zu rekonstruieren, ihn nachzubilden, ihn am „eigenen Leib zu erfahren“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Hanser Verlag München, 2025, S. 12. Als Beispiel für die Intention des Theatermachers erzählt der Dramaturg später der Erzählerin von einem Projekt auf einer griechischen Insel, die „Griechische Passion“ von Bohuslav Martinů mit einheimischen Laiendarstellern zu inszenieren und dabei auf deren Verschmelzung mit ihren Rollen hinzuarbeiten.

Einstimmung Im ersten Teil des Romans berichtet die Schriftstellerin von ihrer Anreise mit Flugzeug, Bus, Taxi, Schiff und, auf der letzten Etappe, zu Fuß durch den Urwald zum Camp in Strandnähe, wo sich die Teilnehmer treffen: Der Theatermacher, sein internationales Team – der Dramaturg, die Produktionsassistentin, der Amerikaner Tepper (Kameramann), Johannes Schriefl (Tontechniker), die Flämin Lisbeth de Fries (Kostümbildnerin) – und die Laiendarstellerinnen – die Schweizerin (erste „Holländerin“), die Dänin Ida Holmboe (zweite „Holländerin“), Orfelina Quiros, eine Bäuerin aus einem nahen territorio.

Zur atmosphärischen und thematischen Vorbereitung fordert der Theatermacher sein Team auf, etwas von sich zu erzählen. Als Anregung liest er z. B. Teststellen aus Schriften Adornos und Horkheimers vor: über die Zweideutigkeit der Aufklärung: „Seit jeher habe Aufklärung das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren – Herren – einzusetzen, aber die vollends aufgeklärte Erde strahle im Zeichen triumphalen Unheils“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 56. Solche Zitate sind Impulsgeber für spontane Erzählungen, Erlebnisse oder ihnen mitgeteilte Geschichten. Unter dem Eindruck der Atmosphäre, der Gespräche über die im Urwald verschwundenen jungen Frauen und des Theaterprojekts bildet sich nicht nur in den Gruppengesprächen, sondern auch in privaten Unterhaltungen ein thematisches Assoziationsgeflecht: überraschende Grenz-Erfahrungen, unvorhersehbare Erlebnisse und Gefahren, zufällige Ereignisse oder Omen für weitere Entwicklungen, Zeichenhaftigkeit des Unbehagens, Ungewissheit, Gefühl der Bedrohung und Angst, Psychosen, Stimmen, Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Realitätsverlust, Erschütterungen der rätselhaften Existenz, Todeserfahrungen, Mensch-Natur-Beziehungen, kosmologische Fragen, Nachtseite des Fortschritts. Die Schweizerin war als Ferien-Hirtin mit einer Vielzahl von Totgeburten in einer Ziegenherde konfrontiert. Die Produktionsassistentin erzählt von der Geburtstagsfeier ihres Freundes Hannes in einem Charlottenburger gutbürgerlichen Lokal, bei der die Gäste in Selbstbedienung eine fettige Ibérico-Schweinekeule zerteilten, dann mit fettbeschmierten, glänzenden Händen herumstanden und über russische Drohnenangriffe, Quant Trading, die Volksbühne, Sexarbeit und das Lumpenproletariat usw. plauderten. Tepper dokumentierte eine Domestizierung von amerikanischen Wildpferden nach dem Parelli-System durch einen Schweizer „Pferdeflüsterer“ und erlebte bei dessen Freundlichkeitsspiel eine erotische Wirkung. Die Erzählerin erinnert sich an die Suche nach einem im Gebirge abgestürzten Zahnarzt bzw. an andere Verunglückte mit Hinweisen, die „ins Leere“ führten. Ein nachts im Camp plötzlich aufgetauchter desorientierten „gringo“, ein kanadischer Hilfslehrer, erzählt von seinem New-York-Besuch: von seinem, nach einer missglückten Hotelbuchung, planlosen Gang durch die nächtliche Stadt, seiner Begegnung mit als Mickimaus Kostümierten, von riesigen Werbebildschirmen, übernächtigten Kindern, Kriegsveteranen und einem „Poolreiniger“ des 9/11 Memorials, der ihm bei der Schilderung seiner Arbeit als fast mythische Figur vorgekommen sei, mit Assoziationen an Beklemmungen eines Albtraums. Lisbeth de Fries denkt an ihre Beziehung zu einem Maler zurück, an seine „unheimlichen Verwandlungen, seine Identitätswechsel, das Hervorbrechen seines Schattens“ im Stroboskoblicht einer Tanzfläche. Diese Bilder seien für sie mit einer „Präsenz des Tiers, des Tierischen einhergegangen“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 57. Ein anderes Mal hätten Tiere bei ihr Halluzinationen hervorgerufen, die sie als Mitteilungen verstanden habe, Tiere könnten sie lesen. Sie habe sich von ihnen „erkannt geglaubt“ und sei „aus der Fassung“ gebracht, „aus der Bahn geworfen“ worden.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 57, 58. Ausführlich berichtet die Kostümbildnerin vom Selbstmord eines Ehepaares – Leonard, Philosoph, und Jean, Soziologin – in Flatbush, New York, nach einem als existentiell bedrohlich empfundenen Eingriff in ihr Leben bei einer durch einen betrügerischen Kundendienst vorgetäuschten Reparatur ihres Kühlschranks.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 144–155.

Diese und andere Schilderungen dienen dem Theatermacher als Einstimmung zu seinem Projekt. Sein Credo sei, berichtet die Schriftstellerin, „dass immer alles mit reingehöre“, damit man die „Verstrickungen, Verbindungen, das Synchrone und scheinbar Zufällige“ sehe, weil „sie alle […] nichts anderes seien als dies – Beziehung, Verhältnis, Zufall“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 80. In einem Exkurs erläutert er, „[j]eder Tatort, jeder Schauplatz enthalte in sich eine unendliche Zahl potenzieller Geschichten, weise aus sich hinaus in alle möglichen Richtungen“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 86. Auf dieser Grundlage stellt er mit Laiendarstellerinnen den Weg der Holländerinnen durch den Urwald nach, in der Hoffnung, sie eignen sich ihre Rollen an, schlüpfen in eine andere Person und vermischen magisch ihre mit deren Erfahrungen. Auf das Unbehagen der Schweizer „Holländerin“, in ihrem Spiel würden „in einem gewissen Sinne“ die „Frauen auf Neue geopfert“, antwortet der Spielleiter, er verstehe „das Theater als die Totenbeschwörung […] Gehe man ins Theater […] trete man ein in ein Gespräch mit den Toten; man müsse sich die Schauspieler und Schauspielerinnen als Medien vorstellen, als Körper, in die die Toten stiegen oder in denen sie sich zeigten“.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 89.

Expedition in den Urwald mini|Regenwald in der Nähe von Boquete, dem Ort, wo die Touristinnen verschwanden Im zweiten und dritten Romanteil setzen sich die Erzählungen, mit eingestreuten Informationen über die beiden Holländerinnen, fort, bevor am siebten Tag die Expedition auf den Spuren der Verschollenen in den Urwald startet. Nach einer Übernachtung beginnt das eigentliche Abenteuer. Die Theaterleute suchen im Regen ihren Weg über nicht markierte Pfade durchs Dickicht und müssen an Abzweigungen willkürliche Entscheidungen treffen. Während sich seine Mannschaft über glitschige Pfade, durch Schluchten und ein Flussbett quält, schaut der Theatermacher unermüdlich um sich, „als sähe er Zeichen, Hinweise, als könnte er die Landschaft, das Terrain irgendwie lesen […] Mehr oder weniger widerspruchslos seien sie seiner Anweisung gefolgt.“Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 129. Aber bei weiterem ziellosen Irren durch den Wald ist der Erzählerin bewusst geworden, „dass es hier keine Pointe geben, dass die ganze Geschichte auf keine Auflösung, kein Ende zulaufen würde.“Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag München, 2025, S. 127.