Julius Schottländer (geboren am 25. September 1887 in Mainz, Großherzogtum Hessen, Deutsches Reich; gestorben am 16. Oktober 1953 in Luzern, Schweiz) war ein jüdischer Unternehmer und Kunstsammler in Mainz.
Leben Herkunft, Unternehmenstätigkeit und Kunstsammlung Julius Schottländer stammte väterlicherseits aus einer jüdischen Familie in Bleicherode am Nordharz. Sein Vater Moritz Schottländer war kurz vor seiner Geburt mit seiner Frau Bertha, geborene Herbst, von Göppingen nach Mainz gezogen.The Origins of the Families Schottlaender Lars Menk (PDF; 0,5 MB), S. 121 zu den Eltern, S. 125 zu Julius Schottländer, seine Frau und Kinder Julius Schottländer wurde 1919 Gesellschafter und Geschäftsführer der Paul Richter GmbH, einem Großhandel mit Metall- und Eisenwaren, insbesondere Haus- und Küchengeräten.Der Sprechsaal. Amtliche Zeitung des Verbandes der keramischen (...) Industrie, 2. Halbband, 1919, S. 290 (kurzer Auszug), über seinen Beginn als Geschäftsführer Die Hauptkapitalgeberin war die Westbank AG in Frankfurt. Er sammelte auch Gemälde und Grafiken von zeitgenössischen Künstlern wie Alexej von Jawlensky, Emil Nolde, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Otto Meyer-Amden und war mit dem Stuttgarter Kunstsammler Hugo Borst bekannt.Oskar Schlemmer. Oevrekatalog, 1979; Willi Baumeister. Werkkatalog, 2002, erwähnten mehrere Werke, die sich in Besitz von Julius Schottländer befanden 1927 wurden in der städtischen Ausstellung Moderne Malerei in Mainzer Familienbesitz 27 Werke (von über 300) aus seiner Sammlung gezeigt.
Repressionen Im Mai 1938 verkaufte Julius Schottländer seine Geschäftsanteile der Paul Richter GmbH an die Westbank AG und eine Stuttgarter Eisenhandelsgesellschaft, da die Firma wegen seiner jüdischen Herkunft mit Einschränkungen und Problemen zu kämpfen hatte. In der Nacht vom 10. zum 11. November 1938, einen Tag nach der Reichspogromnacht, brachen SS-Mitglieder in seiner Abwesenheit in seine Villa in Gonsenheim in der Kapellenstraße ein. Sämtliche Möbel und der Bechstein-Flügel wurden beschädigt, Lampen, Spiegel und ein großer Teil des Wohnungsinventars zerschlagen oder beschädigt, 25 Gemälde zerschnitten, zerrissen oder zertreten und viele Wertgegenstände wie die Kamera, die Schreibmaschine, Schmuck und Weinflaschen gestohlen.Tillmann Krach, Der jüdische Unternehmer Julius Schottländer, in Wiesbadener Kurier vom 27. Oktober 2018 (PDF), mit einigen Details, nach den Angaben von Julius Schottländer an das Wiedergutmachungsamt in den 1950er Jahren, es gibt leider keine Liste der damals vorhandenen Kunstwerke Julius Schottländer ließ einen Teil der Gemälde restaurieren, wobei Willi Baumeister die Mitwirkung an seinen Werken verweigerte, da er sie für unrettbar verloren hielt.
Julius Schottländer bereitete mit seiner Familie seine Ausreise vor. Im Juli 1939 verkaufte er seine Villa für (niedrige) 25.000 Reichsmark an das Deutsche Reich, das diese der Wehrmacht zur Verfügung stellte. Die Summe wurde auf ein Sperrkonto auf der Dresdner Bank überwiesen, von dem er nur über 2.200 Reichsmark verfügen durfte. Der ehemalige Mainzer Bürgermeister Emil Kraus unterstützte ihn als Rechtsanwalt bei seinen Bemühungen. Außerdem musste die Familie eine Judenvermögensabgabe und eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von über 50.000 Reichsmark bezahlen.
Exil in der Schweiz Am 8. August 1939 konnte die Familie dann in die Schweiz ausreisen. Seine Söhne zogen weiter nach England bzw. in die USA. Julius Schottländer lebte mit seiner Frau von seinem restlichen Vermögen sowie dem Verkauf von Bildern, die aber durch die Beschädigungen erheblich an Wert verloren hatten. Er erhielt sechs Jahre keine Arbeitserlaubnis, wie es die offiziellen Verordnungen für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland vorsahen. Seine in Mainz gebliebene Schwester Selma Schottländer wurde 1942 in Majdanek ermordet. Sein in Deutschland verbliebenes Vermögen wurde im selben Jahr durch das Finanzamt Mainz beschlagnahmt.
Julius Schottländer stellte nach 1945 Restitutionsansprüche an die französische Besatzungsmacht, die inzwischen seine Villa nutzte. Er wurde dabei wieder von Emil Kraus juristisch unterstützt, der inzwischen Oberbürgermeister von Mainz war. Diese Bemühungen blieben zunächst ohne Erfolg. Erst 1951 wurde ihm die Villa durch das neue Bundesland Rheinland-Pfalz gegen Erstattung des ursprünglichen Kaufpreises zurückgegeben. Dabei waren überraschenderweise die meisten Möbel erhalten geblieben. Julius Schottländer blieb aber in Ebikon bei Luzern und starb dort 1953 im Alter von 66 Jahren.
Weitere Entwicklung Seine Witwe Gertrud Schottländer und die Söhne erhielten 1957 eine Entschädigung in Höhe von 65.000 DM durch die deutschen Wiedergutmachungsbehörden für das zerstörte Wohneigentum von 1938. 1956 verkaufte Gertrud Schottländer das Gemälde Die Seilspringerin von Willi Baumeister. 1971 erwarb es das Kultusministerium Baden-Württemberg und übergab es der Staatsgalerie Stuttgart als Dauerleihgabe. 2017 konnte durch Provenienzforschung die Herkunft aus der Sammlung von Julius Schottländer festgestellt werden, das Gemälde blieb aber im staatlichen Besitz, da die Verkäufe legal abgelaufen waren.Anja Heuß, Ein Gemälde zeigt seine Wunde, in Momente, 4/2017, führte diese Provenienzforschung durch (Ein Schnitt von 1938 ist auf der Rückseite noch zu erkennen.)
2024 wurde die Geschichte einiger Kunstwerke aus seiner Sammlung in der Ausstellung Herkunft ungeklärt im Landesmuseum Mainz dargestellt.Herkunft ungeklärt Landesmuseum Mainz, 2024, Informationsblatt (Flyer), über die Provenienzforschung in Mainz zu verschiedenen Werken, Künstlern und Sammlungen 2025 gab es die Ausstellung Offene Fragen im Kunstmuseum Basel über einige Bilder aus seinem Besitz.Die Sammlungen Julius Schottländer und Julius Freund, mit Sammelband Offene Fragen. Kunstwerke, Erwerbungen, Schicksale. Provenienzforschung am Kunstmuseum Basel, Basel 2025, (Informationen), in dem auch Werke aus anderen Sammlungen dargestellt werden
Der Sohn Bernard Schottlander (1924–1991) wurde ein bekannter Industriedesigner in Leeds in England.
Literatur Anja Heuß: Ein Gemälde zeigt seine Wunde. In: Momente. 4/2017 (Text), mit vielen Informationen
Tillmann Krach: Der jüdische Unternehmer Julius Schottländer. In: Wiesbadener Kurier vom 27. Oktober 2018 (PDF), mit vielen Informationen
Weblinks
Offene Fragen. Julius Schottländer Kunstmuseum Basel, 2025, über die Ausstellung Julius Schottländer Leo BW, Foto, aus dem Nachlass von Willi Baumeister
Einzelnachweise
Kategorie:Kunstsammler Kategorie:Unternehmer (20. Jahrhundert) Kategorie:Person (Mainz) Kategorie:Deutscher Emigrant in der Schweiz Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Ebikon Kategorie:Geboren 1887 Kategorie:Gestorben 1953 Kategorie:Mann