Das Werk Duchampiana: Nude Descending a Staircase wird oftmals als Videoinstallation oder Videoskulptur bezeichnet. Im Deutschen ist das Werk unter dem Namen Duchampiana: Akt, eine Treppe herabsteigend bekannt. Die Videoskulptur wurde von der japanischen Videokünstlerin Shigeko Kubota geschaffen und erstmals im Jahr 1976 in der Galerie René Block in New York City ausgestellt.
Kubota schuf eine skulpturale Form, die integrierte Videomonitore besaß. Somit nutzte sie das klassische Medium Skulptur, um sich dem jüngeren Videomedium anzunähern. Im Jahr 1981 wurde Duchampiana: Nude Descending a Staircase als erste Videoskulptur in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York City durch die Kuratorin Barbara London aufgenommen.
Beschreibung Die Videoskulptur besteht aus einer freistehenden Treppe mit vier Stufen, die aus Sperrholz hergestellt wurde. Sie nutzt vier Monitore, die in die Basis der einzelnen Stufen eingelassen sind. Diese Treppenkonstruktion hat die Maße 168,3 × 78,6 × 170,2 cm. Auf allen vier Monitoren wird das gleiche Video synchron abgespielt, welches sich in einem dreiminütigen Rhythmus wiederholt.
Das Videomaterial zeigt eine nackte Frau beim Herab- sowie Hinaufsteigen einer Treppe. Das Aktmodell wird aus unterschiedlichen Perspektiven mit Überblendungen von synthetisierten Video-Color-Aufnahmen dargestellt. Dies generiert ein Bild, das den Anschein vermittelt, dass die weibliche Person sich in einer Masse von pulsierendem Schaum bewegt. Das Aktmodell ist von Farbschwaden umhüllt und überlappt mit sich selbst zu verschiedenen Geraden. Ihr körperlicher Rahmen variiert regelmäßig zwischen harten Umrissen und weich auslaufenden Geraden. Im Hintergrund des Videos ist ein Text zu erkennen, der von Kubota selbst verfasst wurde: "Video is Vacant Apartment./Video is Vacation of Art./Viva Video...". Dies kann übersetzt werden mit: "Video ist freies Apartment./Video ist Ferien von Kunst./Es lebe Video...".
Entstehung und Konstruktion Das im Video zu sehende Aktmodell wurde von der Filmemacherin Sheila McClaughlin verkörpert. Die Videoaufnahmen wurden auf Super-8-mm-Film und Video in den Anthology Film Archives, wo Kubota als Filmkuratorin tätig war, angefertigt. Danach wurden sie farbsynthetisiert.
Kubota nutzte in der Iteration von 1976, die heute in der Sammlung des Museum of Modern Art aufzufinden ist, vier Kathodenstrahlröhrenbildschirme innerhalb der Videoskulptur. Das Treppenmodell für diese Version wurde von dem Künstler Al Robbins geschaffen sowie einige spätere Iterationen ebenfalls. Um die Bildaufnahmen zu manipulieren, nahm sie den Einsatz von elektronisch generierten Effekten sowie das Mischen und Synthetisieren von verschiedenen Bildraten in Anspruch, was den gezeigten Bewegungen eine flüssige und ätherische Qualität verleiht.
Künstlerische Referenzen Eine Hommage an Marcel Duchamp Der Titel der Videoinstallation Kubotas verweist bereits auf ein Werk des Künstlers Marcel Duchamp aus dem Jahr 1912 namens Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2. Duchamp nutzt in diesem Bild die abstrahierende Aufsplitterung der Umrisse einer weiblichen Figur als optische Entsprechung für Bewegung. Er versucht, Bewegung auf einer flachen Oberfläche zu verbildlichen durch den Einsatz von Elementen aus der Kubistischen und Futuristischen Bewegung sowie der formalen Sprache der Chronofotografie.
Shigeko Kubota zitiert und paraphrasiert in Duchampiana: Nude Descending a Staircase, das Werk von Marcel Duchamp. Dies gelingt, indem sie die zweidimensionale gemalte Ursprungsversion in eine dreidimensionale raumeinnehmende Form überträgt und durch den ergänzenden Einsatz von Video um eine vierte Dimension erweitert. Vor allem durch ihren Gebrauch von sich farblich ändernden Videobildern gelingt ihr eine stärkere Verknüpfung zwischen Zeit und Raum. Somit vollendet sie die künstlerische Vision von Duchamp, dem Bild Bewegung als eine visuell erlebbare Eigenschaft zuzuschreiben. Sie verleiht durch den Gebrauch des Videomediums der Idee Duchamps neue formale Möglichkeiten.
Dieses Werk ist Teil einer Reihe von Videoskulpturen, die unter dem Namen Duchampiana eine Hommage zu Marcel Duchamp darstellen. Zu ihnen gehören unter anderem Duchampiana: Nude Descending a Staircase (1976), Duchampiana: Door (1976–1977) und Meta-Marcel: Window (1976–1991).
Wenn die Frau die Treppe hinaufsteigt von Mikio Naruse Des Weiteren stellt diese Videoskulptur eine Referenz zu dem Film Onna ga kaidan o noboru toki oder auf Deutsch Wenn eine Frau die Treppe hinaufsteigt von Mikio Naruse aus dem Jahr 1960 dar. In diesem Film wird eine Barbesitzerin oder Kellnerin mittleren Alters gezeigt, die von Mineko Takamine dargestellt wurde. Sie muss jeden Tag die Treppen, die zu ihrem Arbeitsplatz führen, hinaufsteigen und jeder tägliche Aufstieg bringt in ihr Zweifel hervor, da sie mit Ängsten und Spannungen vor dem Arbeitsbeginn zu kämpfen hat. Diese Stimmung entsteht vor allem aufgrund der Klientel, die aus lüsternen Geschäftsmännern besteht.
Interpretation Vor allem durch die Integration von Video in das klassische Medium der Skulptur schafft Kubota ein Werk, mit dem die Betrachter aktiv interagieren können, und wirkt der oft passiven Rezeption klassischer Kunstformen entgegen. Ihre Fusion von Video und Skulptur erweiterte den kulturellen Diskurs über die Möglichkeiten, Kunst und Technologie zu verbinden.„In dem ursprünglichen Ölgemälde zeigte Duchamp eine abstrakte "Nackte" in Bewegung. Aber er musste sich auf eine quasi-futuristische Darstellung der Zeit beschränken...d.h. auf eine multilineare Beschreibung der Bewegung. Das vierdimensionale Medium Video kennt keine derartige Beschränkung. […] Das Bild scheint in der Skulptur zu leben.[…]“
- Shigeko Kubota
Durch die Vereinigung dieser stilistischen Mittel und in variierenden Tempi abgespielte Montagen wird dem Aktmodell innerhalb der Skulptur Lebendigkeit verliehen. Verschiedene Zeiten und Räume werden verknüpft, der Raum, in welchem die Besucher das Video wahrnehmen, und der elektronische Raum, in dem das Aktmodell die Treppe hinuntergeht. Zum einen die Zeit, die auf dem Video festgehalten wurde, und zum anderen die Zeit, die aufgebracht wurde, um das Video zu schauen. Das Video fungiert wie eine Zeitspirale ohne Anfang und Ende. Das Treppenmotiv wiederholt sich in der Arbeit Kubotas immer wieder, es dient als Metapher für die Bewegung durch Raum und Zeit, eine weitere ihrer Installationen, welche dieses Motiv nutzt, ist Green Installation.
Die Bilder wandeln sich in einer schnellen Geschwindigkeit und erhöhen somit die Spannung zwischen dem Video und der Holztreppe, vor allem der horizontale Verlauf der Holzmaserung wurde von Kubota gewählt, um die Rotationssymmetrie der Treppe zu unterstreichen. Dies hebt vor allem die Fusion von Subjekt und Objekt hervor.
Repliken und weitere Iterationen Im Jahr 1991 sollen bereits fünf Iterationen von der Videoskulptur existiert haben. Die Iterationen sind weltweit verteilt in verschiedenen Sammlungen aufzufinden. Die genaue Zahl ist jedoch unklar ebenso wie die Quellenlage bezüglich der ersten Version der Videoskulptur.
Im Buch Viva video! Kubota Shigeko =: Viva video! the art and life of Shigeko Kubota wird Kubota selbst zitiert, die über die ihr zur Verfügung stehenden Monitore und deren variierende Größe lachte, bei der ersten Konzeption standen ihr nur drei 13-inch Monitore und ein 9-inch Monitor zur Verfügung. Ebenso geht aus dieser Quelle hervor, dass ein Modell der Holztreppe, jedoch unklar welches, von George Maciunas geschaffen wurde. Andere Quellen legen hingegen nahe, dass die erste Version eben die ist die heute Teil der Sammlung des Museum of Modern Art ist. Diese hat vier gleichgroße Monitore.
Die Replik, die im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe aufzufinden ist, stammt aus dem Jahr 1991, jedoch ist sie mit den Maßen 53 × 22 × 36 cm deutlich kleiner als die Version, welche zum Beispiel im Museum of Modern Art zu finden ist.
In späteren Iterationen soll Al Robbins ein Design der Videoskulptur angewandt haben, das das Auseinanderbauen und damit auch den Transport vereinfachen sollte. Des Weiteren hatte Kubota die Vision, ein interaktives Kunstwerk zu schaffen, basierend auf Duchampiana: Nude Descending a Staircase, mit bis zu zwölf Treppenstufen, die Besucher hätten erklimmen können. Diese Version ist jedoch nie entstanden.
Literatur (Auswahl) Heinrich Klotz, Horst Bredekamp, Ursula Frohne: Kunst der Gegenwart. Museum für Neue Kunst, ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie: [anlässlich der Eröffnung des Museums für Neue Kunst ...am 18. Oktober 1997]. Prestel, München/New York 1997, ISBN 3-7913-1835-7. Midori Yoshimoto: Into performance: Japanese women artists in New York. Rutgers University Press, New Brunswick, N.J 2005, ISBN 1-282-13442-6. Ludger Brümmer, Anne-Marie Duguet, Anett Holzheid, Daniel Irrgang, Anita Jóri, Gregorio Karman, Anthony Moore, Miklós Peternák, Margit Rosen, Marianne Schädler, Elena Ungeheuer, Oliver Wiener, Hannah-Maria Winters: Art in motion: 100 masterpieces with and through media: an operative canon. ZKM Center for Art and Media Karlsruhe, Karlsruhe 2025, ISBN 978-3-96098-368-2.
Weblinks moma.org zkm.de Ein Video der Version aus dem ZKM - Youtube shigekokubotavideoartfoundation.org
Einzelnachweise
Kategorie:Installationskunst