mini|Der hl. Sebastian von Andrea Mantegna Der hl. Sebastian wurde in der Kunst der italienischen Renaissance sehr häufig dargestellt. Kunsthistoriker führen dies darauf zurück, dass er sich bereits in früheren Jahrhunderten als Pestheiliger etabliert hatte; seine Fürbitte wurde aufgrund der ab 1347 erneut ausgebrochenen Pest mit Inbrunst erfleht. Mit dem allmählichen Abebben der Pest wandelte sich seine Rolle hin zu einem Ideal jugendlich-männlicher Schönheit.

Typen von Darstellungen des hl. Sebastian Die Passio des hl. Sebastian wurde zuerst im 5. Jahrhundert vermutlich von Arnobius dem Jüngeren in den Acta Sebastiani martyris aufgezeichnet. Zusammen mit der Geschichte der Langobarden (Historia Langobardorum) von Paulus Diaconus vom Ende des 8. Jahrhunderts wurden diese Aufzeichnungen in der Goldenen Legende (Legenda aurea) von Jacobus de Voragine Mitte des 13. Jahrhunderts rezipiert.

In der künstlerischen Rezeption entwickelten sich im Laufe der Zeit mehrere Typen, die sich in Anlehnung an die Untersuchungen des Kunsthistorikers Detlev von Hadeln als (1) Wiedergabe der Passio, (2) Darstellung des Martyriums und (3) Abbildung des Heiligen außerhalb des Martyriums bezeichnen lassen.

Die Passio Auf die Legenda aurea stützen sich eine Anzahl von Gemäldezyklen, von denen aber etliche verloren oder verschollen sind. Von einigen der verlorenen Zyklen existieren Beschreibungen, nach denen sie teilweise rekonstruiert werden können. Heute noch liegen vor:

Ein dem Giovanni del Biondo (* 1356, † 1399) zugeschriebenes Triptychon des hl. Sebastian aus dem Dom in Florenz, das von von Hadeln auf den Zeitraum 1358–1361 datiert wird, Teile eines auseinandergenommenen Altarbildes für die Kathedrale von Padua, datiert auf 1367 und geschaffen von Nicoletto Semitecolo, über dessen Biographie nur wenig bekannt ist, sowie ein dem hl. Sebastian geweihter Tabernakel (Aufbewahrungsort geweihter Hostien) von Francesco Botticini (* 1446, † 1497) in der Kollegiatkirche Sant’Andrea in Empoli.

Nach der Legende war Sebastian um das Jahr 300 n. Chr. Anführer der Leibgarde des römischen Kaisers Diokletian und dessen Mitregenten Maximian, unter denen eine erbitterte Christenverfolgung einsetzte. Er war in Rom zum Christentum übergetreten, hielt dies jedoch zunächst geheim, um aus seiner einflussreichen Stellung heraus Mitgläubigen helfen und ihnen Mut zusprechen zu können. Die Legende schreibt ihm Wunderheilungen zu.

Die folgende Darstellung der Stationen der Passio orientiert sich an der Synopse (vergleichende Übersicht) der Gemäldezyklen von von Hadeln. Soweit möglich, werden die einzelnen Stationen mit den Bildern am Ende des Abschnitts illustriert.

Sebastian predigt vor dem Volk; am Himmel erscheint Jesus in einer Aureole, um ihn zu segnen. In der Legenda aurea wird geschildert, wie Sebastian zwei junge germanische Brüder, Marcellianus und Marcus, ermuntert, ihrem Glauben trotz der drohenden Todesstrafe treu zu bleiben. Auf seine Zurede hin schwören sie nicht ab, was ihnen das Leben gerettet hätte, sondern akzeptieren ihr Martyrium. Das Bild zeigt ihre unmittelbar bevorstehende Enthauptung, während Sebastian ihnen Trost zuspricht. Auf der rechten Bildseite ist zu sehen, wie Sebastian, dessen Glaube nun offenbar geworden ist, abgeführt wird. Sebastian wird vor Diokletian geführt und angeklagt. Er wird zum Tode durch Erschießen mit Pfeilen verurteilt; das Urteil wird sofort vollstreckt. Die Bogenschützen verlassen Sebastian, nachdem sie ihn tot glauben. Die heilige Irene kommt, ihn zu bestatten, und entdeckt, dass er noch am Leben ist. Sie bringt ihn in ihr Haus, entfernt die Pfeile aus seinem Körper und pflegt ihn gesund (ohne Bild; die Entfernung der Pfeile wird erst in der Malerei des Barock ein sehr beliebtes Motiv). Nachdem Sebastian genesen ist, begibt er sich zu den beiden Kaisern, um ihnen ihre Maßnahmen gegen die Christen vorzuhalten. Diokletian lässt ihn erneut gefangennehmen und totschlagen (dieses und das folgende Ereignis werden von Giovanni del Biondo in einem Bild dargestellt). Sebastians Leichnam wird in die Cloaca maxima in Rom geworfen. Sebastian erscheint der Christin Lucina im Traum und teilt ihr den Verbleib seines Leichnams mit. Er fordert sie auf, ihn zu bergen und in den Katakomben beizusetzen (auch diese Szene wird mit der folgenden von Giovanni del Biondo in einem Bild zusammengefasst). Lucina und andere Christen holen Sebastians Leichnam aus der Cloaca maxima. Sebastians Leichnam wird in einen Sarkophag gelegt. In der letzten Szene werden Sterbende und Tote gezeigt, die vor und in den Häusern liegen. Im Bildvordergrund kniet Sebastian zusammen mit anderen im Gebet; am Himmel ist eine Figur in einer Aureole erschienen (sehr schlecht zu erkennen), die ihre Rechte gegen einen Dämon am linken Bildrand ausstreckt, der daraufhin entweicht. Von Hadeln nimmt an, dass sich diese Szene auf einen Ausbruch der Pest in Rom und Pavia im Jahre 680 bezieht. Dort wurden auf göttliche Offenbarung Altäre zu Ehren des Sebastian errichtet, worauf die Seuche zum Stillstand gekommen sei.

Keiner der bekannten Gemäldezyklen enthält alle Szenen. Van Hadeln zufolge scheinen sie niemals sehr zahlreich gewesen zu sein; für die erhaltenen würden sich kaum Gemeinsamkeiten rekonstruieren lassen. Viele der oben geschilderten Szenen wurden motivisch nicht weiterentwickelt.

Das Martyrium Unter dem Begriff „Martyrium“ ist hier die Darstellung Sebastians während der Beschießung mit Pfeilen gemeint, wobei er wie oben erwähnt nicht den Tod fand. Sebastians Tod durch Erschlagenwerden spielt in Gemälden, die nicht Teil eines Zyklus sind, kaum eine Rolle.

Von Hadeln unterscheidet zwei Darstellungsformen, nämlich ob Sebastian ebenerdig oder in erhöhter Position abgebildet wird. Dies hängt vor allem von dem der Bildfläche zur Verfügung stehenden Platz ab. Bei einem querformatigen Bild ist links und rechts von Sebastian noch ausreichend Platz für die Bogenschützen. Bei einem hochformatigen Gemälde ist dies nicht der Fall; dann behalfen sich die Künstler damit, dass sie Sebastian erhöht in der Bildmitte plazierten, so dass die Bogenschützen links und rechts unterhalb von ihm dargestellt werden konnten. Gleichzeitig wurde dadurch die Hauptfigur aus der Menge herausgehoben und auf den ersten Blick kenntlich gemacht.

Eine Variante sind die „abgekürzten Martyriumsdarstellungen“. Hier befindet sich Sebastian noch am Richtplatz, seine Peiniger sind aber bereits abgezogen.

Als weiteres Kriterium einer Kategorisierung identifiziert von Hadeln die Körperhaltung des Heiligen mit den beiden Extremen einer die Vertikale betonenden Darstellung, in der er mit über dem Kopf festgebundenen Armen und den Füßen ohne Bodenkontakt aufgehängt gezeigt wird, und einer gelösteren Haltung mit hinter dem Rücken gefesselten Armen und festem Stand. Die erste Form konnte sich in ihrer extremen Ausprägung nicht recht durchsetzen, kommt aber in abgeschwächter Form insbesondere in Norditalien im ganzen 15. Jahrhundert vor. Die zweite Form erlaubte ungleich größere Variationen, insbesondere konnten die Beine als Stand- und Spielbein im Kontrapost differenziert werden.

Darstellungen des hl. Sebastian außerhalb des Martyriums

In dieser Gruppe von Gemälden wird Sebastian losgelöst von seiner Lebensgeschichte gezeigt, etwa in gemeinsamer Darstellung mit der Jungfrau Maria oder anderen Heiligen, oder auch alleine. Dabei kann er bärtig oder bartlos, nur mit dem Lendentuch oder vollständig bekleidet und in ersterem Fall mit oder ohne in den Körper eingedrungene Pfeile dargestellt werden.

Eine der ältesten Darstellungen ist ein Mosaik aus dem Jahre 680 in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom, das im Zusammenhang mit dem oben erwähnten Pestausbruch entstanden sein dürfte. Sebastian wird dort mit grauem Haar und Bart und in die Uniform eines byzantinischen Offiziers gekleidet abgebildet. In der Apsis der römischen Basilika San Giorgio in Velabro befindet sich ein Fresko vom Ende des 13. Jahrhunderts, das Pietro Cavallini (* zweite Hälfte des 13. Jh., † um 1330) oder seiner Werkstatt zugeschrieben wird. Es zeigt Christus auf der Weltkugel und vier Heilige. Der am weitesten rechts Stehende kann als Sebastian identifiziert werden, gerüstet mit Schwert, Lanze und Schild und auch hier mit grauem Haar und Bart. Von Hadeln bemerkt eine große Ähnlichkeit zu dem älteren Mosaik; er nimmt an, dass dessen Züge absichtlich nachgeahmt wurden.

Die Darstellungsform mit Bart und Uniform ist typisch für die ältesten Werke und tritt bis ins 15. Jahrhundert hinein auf. Von Hadeln zufolge wird Sebastian das ganze Trecento (14. Jahrhundert) hindurch noch bärtig dargestellt, mit Ausnahme der oben gezeigten Bilder von Nicoletto Semitecolo in Padua. Dieser bärtige Typus habe sich besonders lange in der Toskana gehalten, während sich in Umbrien schon früher der bartlose Typus durchgesetzt habe. Ein genauer Zeitpunkt für den Wechsel vom bärtigen zum bartlosen Typus lässt sich nicht bestimmen, denn einzelne Künstler malten ihn zunächst bartlos, in einem späteren Gemälde aber wieder bärtig, was auf die Wünsche bzw. Erwartungen der jeweiligen Auftraggeber zurückzuführen sein dürfte. Erst zum Ende des Quattrocento (15. Jahrhundert) ist der Wechsel durchgängig vollzogen. Übrigens machten auch andere Figuren insbesondere der griechischen Mythologie zu jener Zeit einen vergleichbaren „Verjüngungsprozess“ durch.

Ungefähr gleichzeitig mit dem Verlust des Bartes verliert Sebastian auch seine Kleidung, er wird etwa in einer Sacra Conversazione (Darstellung der Jungfrau mit Kind und Heiligen) nackt bzw. nur im Lendentuch dargestellt (auch hier zeigte sich die Toskana als resistenter gegenüber bildlichen Neuerungen). Ein Beispiel unter vielen ist das Gemälde von Benedetto Bonfigli (* 1420, † 1496) mit einer Madonna della Misericordia (Madonna der Barmherzigkeit) aus Perugia, die ihren Mantel schützend über ihre Gemeinde hält (gemalt 1464). Von Hadeln weist darauf hin, dass hier ein Fall ohne Analogien vorliege: Andere Märtyrer werden in dieser „transzendenten Situation“ mit den Werkzeugen ihres Martyriums in der Hand abgebildet, nur Sebastian tritt gefesselt, nackt und von Pfeilen durchbohrt auf. Für die Kunst bedeutete dies eine wesentliche Bereicherung: Es war eine ganz neue Figur geschaffen worden.

Der wesentliche Grund für diese Entwicklung dürfte die Lebenssituation in Italien ab der Mitte des 14. Jahrhunderts gewesen sein. 1347 war nach Jahrhunderten der Ruhe erneut die Pest in Europa und im Mittelmeerraum ausgebrochen, ab 1348 auch in Italien, mit verheerenden Folgen. Viele Jahrzehnte lang flackerte sie immer wieder auf. Man erinnerte sich jetzt der Wirkungskraft der Fürbitte Sebastians bei früheren Pestausbrüchen (s. oben). Unzählige Darstellungen des Heiligen wurden in Auftrag gegeben. In früheren Martyrologien hatten sich bereits die Pfeile als Attribut Sebastians etabliert, jedoch ohne herausragenden Stellenwert. Durch das Aufflammen der Pest wurde ihnen eine wiedererinnerte Bedeutung beigelegt: Schon in der Bibel galten sie als Symbol plötzlicher Krankheit , ein von Pfeilwunden übersäter Körper gleicht überdies dem Körper eines Pestkranken. Auch in der griechischen Mythologie symbolisiert der Pfeil den Überträger der Pest: Von dem den Griechen feindlich gesinnten Gott Apollon abgeschossen, haben sie in der Ilias verheerende Auswirkungen auf die getroffenen Griechen, die erkranken und sterben.