Das Doppelleben der Sister George (Originaltitel: The Killing of Sister George) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Robert Aldrich aus dem Jahr 1968. Der Film basiert auf dem Theaterstück The Killing of Sister George (Schwester George muss sterben) des britischen Dramatikers Frank Marcus. Im Zentrum steht eine lesbische Schauspielerin June, genannt George (gespielt von Beryl Reid), deren berufliche Existenz und private Beziehung in eine Krise geraten, als sie erfährt, dass ihre populäre Fernsehrolle gestrichen werden soll.

Handlung June Buckridge, eine Schauspielerin mittleren Alters, spielt in der langjährigen BBC-Serie "Applehurst" die Figur „Sister George“ – eine warmherzige, Motorroller fahrende Gemeindeschwester und Ratgeberin. Seit Jahren prägt sie die Sendung so sehr, dass man sie auch außerhalb des Studios George nennt.

Privat lebt sie mit der deutlich jüngeren Alice zusammen. Hier zeigt sich George als das Gegenteil ihrer TV-Rolle: laut, grob, Zigarren rauchend und oft betrunken. Alice wirkt kindlich und verträumt, schreibt Gedichte und arbeitet in der Modebranche, ist aber finanziell von George abhängig. Die dominante George nennt sie „Childie“ und schwankt zwischen Zärtlichkeit und Grausamkeit. Aus Eifersucht zwingt sie Alice zu einem demütigenden Spiel: Auf Knien soll sie herumrutschen und Georges Zigarrenstummel essen.

George, einst beim Publikum beliebt, fürchtet um ihre Rolle, da zuletzt mehrere Figuren aus der Serie gestrichen wurden. Als ein Kollege bei einer Leseprobe witzelt, Sister George werde wohl bald an der neu ins Drehbuch geschriebenen Krankheit sterben, verlässt George wütend das Studio, betrinkt sich und bedrängt zwei junge Nonnen in einem Taxi. Die BBC erhält Beschwerden von der Kirche, und die Produzentin Mrs. Croft sucht George zu Hause auf. Alice, die gekocht hat, bemüht sich, Mrs. Croft milde zu stimmen. Diese erklärt, Georges Zukunft beim Sender hänge von einer Entschuldigung und Verhaltensänderung ab. Sie lobt Alices Essen, bewundert ihre Gedichte und macht ihr Komplimente. Als George Mrs. Croft scherzhaft zu einer Party im lesbischen Nachtclub Gateways einlädt, erscheint diese tatsächlich. Dort teilt sie George mit, dass Sister George endgültig sterben wird – überfahren von einem Zehn-Tonnen-Laster. George stürmt wütend davon. Mrs. Croft nutzt die Gelegenheit, um Alice zu einem Treffen einzuladen und über ihre Gedichte zu sprechen. Am Tag von Georges letzter Aufnahme für "Applehurst" trifft sich Alice heimlich mit Mrs. Croft.

Auf Georges Abschiedsfeier eskaliert die Lage: Sie beleidigt einen BBC-Manager, überschüttet einen Kollegen mit Getränken und explodiert, als Mrs. Croft ihr eine neue Rolle anbietet – die Stimme einer sprechenden Kuh in einer Kindersendung. Mrs. Croft und Alice verlassen die Feier. Mrs. Croft verführt Alice, indem sie ihr verspricht, ihre schriftstellerischen Ambitionen zu fördern. Es kommt zu einer legendären Sexszene, die George tobend unterbricht. Alice verlässt George und geht mit Mrs. Croft. Allein irrt George durch das leere "Applehurst"-Set, zerstört Requisiten, beschädigt Technik und stößt schließlich „Muh“-Laute aus – wie die Kuh, die sie künftig sprechen soll.

Produktion und Drehorte Für die Clubszene wurde in London am damaligen Standort des Gateways Club gedreht, eines historischen Treffpunkts der lesbischen Szene in Chelsea. Die lesbischen Bar-/Clubräume und ihre Inszenierung im Film "The Killing of Sister George" wurde von der Filmwissenschaftlerin Kelly Hankin untersucht. Sie schreibt: "Die Lesbenbar gilt seit langem als geheimnisvoller Ort, umgeben von Mythen über heimliche Treffen und Sexualität, die gerade wegen ihrer Unberechenbarkeit und Sündhaftigkeit so verlockend ist."

Als Drehorte in London werden von Location-Dokumentationen unter anderem der Pub The Holly Bush in Hampstead sowie der damalige Standort des Gateways (Bramerton Gardens, Chelsea) genannt.

Hintergrund Der Film ist eine Adaption des Theaterstücks von Frank Marcus; das Drehbuch schrieb Lukas Heller. In zeitgenössischen Kontexten wurde besonders diskutiert, dass die Filmfassung lesbische Begehren deutlicher ausstellt, als es im Bühnenstück angelegt war. Die Kritikerin Melissa Anderson ordnete den Film historisch ein: "Doch Aldrichs Film hat nicht nur deshalb Bestand, weil er ein Beispiel für schlechte, vor Stonewall entstandene Homosexuellenbilder ist, sondern wegen seiner raffinierten Art, Lesben zu feiern."

Zensur und Veröffentlichung Während der Postproduktion von The Killing of Sister George wurde in den USA das neue (freiwillige) Altersfreigabesystem der Motion Picture Association eingeführt, das seit 1968 angewandt wird. In den Vereinigten Staaten erhielt der Film bei seiner Kinoauswertung eine X-Einstufung; Branchenlisten führten den Film entsprechend. In einem zeitgenössischen DVD-Essay wird außerdem berichtet, Regisseur Robert Aldrich habe gegen die Einstufung geklagt und dafür erhebliche Kosten aufgewendet; die Klage sei letztlich abgewiesen worden.

In Großbritannien kam es zu Auseinandersetzungen mit der BBFC. Nach Angaben aus den BBFC-Unterlagen verlangte der damalige Secretary John Trevelyan einschneidende Kürzungen, darunter die Streichung einer lesbischen Verführungsszene; die BBFC klassifizierte den Film im Februar 1969 als X, wobei die betreffende Szene entfernt wurde. Mehrere Kommunalbehörden untersagten den Film dennoch, während der Greater London Council ihn in seinem Zuständigkeitsbereich mit vergleichsweise geringeren Änderungen zuließ.

Für Italien dokumentieren Unterlagen der staatlichen Filmzensur (Fascicoli/Visti di censura), dass der Film mit einem Jugendverbot (VM18) versehen und zugleich konkrete Kürzungen bzw. Streichungen intimer Szenen verfügt wurden.

Der Film wurde später wiederholt im britischen Fernsehen gezeigt; in der Forschung zur britischen TV-Auswertung wird darauf hingewiesen, dass der Titel in der TV-Praxis mitunter nur in gekürzten Fassungen gesendet wurde und bereits die Kinofreigabe Kontroversen ausgelöst hatte.

Der Film wurde in Deutschland im Jahr 1969 unter dem Titel Das Doppelleben der Sister George veröffentlicht.

Preise und Auszeichnungen Beryl Reid wurde 1969 für den Golden Globe Award als beste Hauptdarstellerin nominiert.

Rezeption und Einordnung Erste Kritiken befassten sich damit, ob die Übersetzung des Theaterstücks in einen Film gelungen sei. Renata Adler beschreibt in der New York Times dass lesbisches Begehren im Film per se abstoßend sei: "Es gibt eine Szene zwischen Coral Browne (der Klatschkolumnistin in „Lylah Clare“), die eine bösartige lesbische Studioleiterin spielt, und Miss Yorks linker Brust, die einen besonderen Tiefpunkt in der Darstellung von Sex – jeglicher Art von Sex – in aktuellen Filmen darstellt.(..) Es ist die längste, unerotischste und kassenbewussteste Szene zwischen einer Person und einer Brust, die es jemals auf der Leinwand und außerhalb einer Arztpraxis gegeben hat."

Zeitgenössische und spätere Kritiken haben den Film als bitteres Medienmilieu- und Beziehungsporträt gelesen, zugleich aber seine Darstellung lesbischer Figuren als ambivalent beschrieben: zwischen Sichtbarkeit, Voyeurismus und moralischer Problematisierung. Gleichzeitig beschreiben zeitgenössische Programmzeitschriften: "Ein visionärer Lesbenklassiker und Skandalfilm aus den späten 60er Jahren in grandiosem Technicolor: Susanna York im durchsichtigen Baby-Doll, Beryl Reid als polternde Schauspielerin und dominante Lesbe vorgerückten Alters mit einem Hang zu "stiff upper lip" und Gin."

Feministische Filmtheorie, queere Kritik und „Frauen und Film“ In feministischen und queeren Filmdebatten wurde Das Doppelleben der Sister George als frühes Beispiel kontroverser lesbischer Repräsentation im Mainstreamkino verhandelt. Eine deutschsprachige Kontextualisierung bietet das Themenheft 28 der Zeitschrift Frauen und Film (1981) mit dem Schwerpunkt auf lesbischen Frauen im Film (Trauer muß Sappho tragen?), das theoretische und politische Auseinandersetzungen um Darstellung, Blickregime und Zuschreibungen bündelt.

Sekundärliteratur zur lesbischen Filmgeschichtsschreibung beschreibt, dass der Film bei vielen Zuschauerinnen Ablehnung hervorrief, weil er lesbische Figuren stark über Krisen, Machtgefälle und Abwertung codiert; zugleich wird er als historisch bedeutsam für die Sichtbarkeit lesbischer Begehren in der Kinoöffentlichkeit eingeordnet.

Angloamerikanische filmwissenschaftliche Beiträge diskutieren darüber hinaus, wie der Film zwischen Exploitation-Elementen und Momenten weiblicher Lustdarstellung schwankt und dabei Konventionen der damaligen Zensur- und Moralregime berührt.

Weblinks

Das Doppelleben der Sister George im filmdienst

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1968 Kategorie:Robert Aldrich Kategorie:Filmdrama Kategorie:Homosexualität im Film Kategorie:US-amerikanischer Film Kategorie:Theaterverfilmung