mini|Präsident John F. Kennedy spricht an der Rice University (12. September 1962)
Die Worte „We choose to go to the Moon“ („Wir entschieden uns, zum Mond zu fliegen“) sind Teil einer Rede, die US-Präsident John F. Kennedy am 12. September 1962 an der Rice University in Houston, Texas hielt. Das Ziel dieser Rede, die im englischen Sprachraum als „The Address at Rice University on the Nation's Space Effort“ bekannt ist, war es, der Bevölkerung das US-amerikanische Apollo-Programm zu erläutern und die öffentliche Unterstützung für seinen Vorschlag zu stärken, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen. Kennedy hielt diese Rede, die größtenteils von seinem Berater und Redenschreiber Ted Sorensen verfasst worden war, vor einem großen Publikum im zum Uni-Campus gehörenden Rice Stadium.
In seiner Rede bezeichnete Kennedy den Weltraum als neues Terrain und beschwor den „Pioniergeist“, der stark das amerikanische Selbstempfinden prägt. Er verlieh der Rede einen Eindruck von Dringlichkeit und Vorsehung und betonte die Freiheit der Amerikaner, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, anstatt fremdbestimmt zu leben. Obwohl er zum Wettbewerb mit der Sowjetunion aufrief, schlug Kennedy auch vor, die Mondlandung als gemeinsames Projekt durchzuführen. Die Rede fand im Endeffekt breite Zustimmung, obwohl anfänglich Bedenken hinsichtlich der Kosten und des Nutzens der Mondlandung bestanden. Kennedys Ziel wurde posthum am 20. Juli 1969 mit der erfolgreichen Apollo-11-Mission erreicht.
Die Vorgeschichte Als John F. Kennedy im Januar 1961 Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hatten viele Amerikaner den Eindruck, die USA würden den Wettlauf ins All gegen die Sowjetunion verlieren, die fast vier Jahre zuvor erfolgreich den ersten künstlichen Satelliten, Sputnik 1, ins All geschossen hatte. Diese Wahrnehmung verstärkte sich, als am 12. April 1961 der russische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch ins All flog, noch bevor die USA ihren ersten Mercury-Astronauten (Alan Shepard) entsenden konnten. Das amerikanische Selbstbewusstsein wurde fünf Tage später – am 17. April 1961– durch die missglückte Invasion in der Schweinebucht noch einmal schwer beschädigt.Hugo Young, Bryan Silcock, Peter M. Dunn: Journey to Tranquility. Jonathon Cape, London 1969. Seite 109. (Google Books)John W. Jordan (2003). "Kennedy's Romantic Moon and Its Rhetorical Legacy for Space Exploration". Rhetoric and Public Affairs. 6 (2): 209–231. doi:10.1353/rap.2003.0047. . JSTOR 41940312. S2CID 143264606.
Überzeugt von der politischen Notwendigkeit einer Tat, die Amerikas Überlegenheit im Weltraum endgültig beweisen würde, beauftragte Kennedy seinen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson in seiner Funktion als Vorsitzender des Nationalen Luft- und Raumfahrtrats (NASA) mit der Suche nach einer solchen Möglichkeit. Konkret forderte er ihn auf, zu untersuchen, ob die Vereinigten Staaten die Sowjetunion beim Bau einer Weltraumstation, bei bemannten Mondumkreisungen oder sogar mit einer Landung auf dem Mond übertreffen könnten und welche Kosten ein solches Projekt verursachen würde.
Johnson beriet sich deswegen mit Vertretern der NASA. Der damals neue NASA-Chef James E. Webb erklärte ihm, es bestehe keine Chance, die Russen beim Start einer Raumstation zu schlagen, und er sei sich nicht sicher, ob die NASA in der Lage sei als Erste einen Menschen in den Mondorbit zu schicken. Daher sei die beste Option, zunächst eine Mondlandung zu versuchen. Dies wäre jedoch auch die teuerste Option. Webb glaubte, dass 22 Milliarden US-Dollar (entspricht 176 Milliarden Dollar im Jahr 2024) nötig wären, um dies bis 1970 zu erreichen. Johnson konsultierte daraufhin Wernher von Braun, und einige hochrangige Militärs (darunter Generalleutnant Bernard Schriever), sowie drei Wirtschaftsmanager: Frank Stanton von CBS, Donald C. Cook von American Electric Power und George R. Brown von Kellogg Brown & Root.Hugo Young, Bryan Silcock, Peter M. Dunn: Journey to Tranquility. Jonathon Cape, London 1969. Seite 109–112. (Google Books)
Kennedy trat am 25. Mai 1961 vor den Kongress und schlug vor, die USA sollten sich „verpflichten, noch vor Ende dieses Jahrzehnts das Ziel zu erreichen, einen Mann auf dem Mond zu landen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen.“ Der Vorschlag fand zunächst keine breite Unterstützung; eine Gallup-Umfrage vom April 1961 ergab, dass 58 Prozent der Amerikaner gegen dieses Vorhaben waren.
Kennedys Zielsetzung gab dem Apollo-Programm der NASA eine konkrete Richtung vor, die den Ausbau der bisherigen „Space Task Group“ zum „Manned Spacecraft Center“ (Zentrum für die bemannten Raumfahrt) erforderte. Houston, Texas, wurde als Standort für das neue Lyndon B. Johnson Space Center ausgewählt, und die Humble Oil and Refining Company spendete das Land 1961 über die Rice University als Vermittler.Hugo Young, Bryan Silcock, Peter M. Dunn: Journey to Tranquility. Jonathon Cape, London 1969. Seite 162.
Im September 1962 besuchte Kennedy die neue Einrichtung für zwei Tage. Er wurde von den Mercury-Astronauten Scott Carpenter und John Glenn begleitet und besichtigte Modelle des Gemini- und Apollo-Programms. Kennedy besichtigte auch Friendship 7, jenes Mercury-Raumschiff, mit dem Glenn den ersten amerikanischen Orbitalflug absolviert hatte. Er nutzte die Gelegenheit, eine Rede zu halten, um für die Raumfahrtbemühungen der Nation zu werben.John W. Jordan (2003). "Kennedy's Romantic Moon and Its Rhetorical Legacy for Space Exploration". Rhetoric and Public Affairs. 6 (2): S. 211. https://www.jstor.org/stable/41940312 Erste Entwürfe dieser Rede wurden von Ted Sorensen verfasst und später von Kennedy überarbeitet.
Die Rede mini|Kennedys Rede im Rice Stadium am 12. September 1962. Der zitierte Teil der Rede beginnt bei 9:03 Am 12. September 1962, einem warmen und sonnigen Tag, hielt Präsident Kennedy seine Rede vor etwa 40.000 Menschen im Rice Stadium der Rice University. Viele der Anwesenden waren Studenten der Rice University.Jade Boyd, (30. August 2012). "JFK's 1962 Moon Speech Still Appeals 50 Years Later". Rice University. Archived from the original JFK’s 1962 moon speech still appeals 50 years laterDer mittlere Teil der Rede wurde vielfach zitiert: +OriginalÜbersetzungWe set sail on this new sea because there is new knowledge to be gained, and new rights to be won, and they must be won and used for the progress of all people. For space science, like nuclear science and all technology, has no conscience of its own. Whether it will become a force for good or ill depends on man, and only if the United States occupies a position of pre-eminence can we help decide whether this new ocean will be a sea of peace or a new terrifying theater of war. I do not say that we should or will go unprotected against the hostile misuse of space any more than we go unprotected against the hostile use of land or sea, but I do say that space can be explored and mastered without feeding the fires of war, without repeating the mistakes that man has made in extending his writ around this globe of ours. There is no strife, no prejudice, no national conflict in outer space as yet. Its hazards are hostile to us all. Its conquest deserves the best of all mankind, and its opportunity for peaceful cooperation may never come again. But why, some say, the Moon? Why choose this as our goal? And they may well ask, why climb the highest mountain? Why, 35 years ago, fly the Atlantic? Why does Rice play Texas? We choose to go to the Moon. We choose to go to the Moon... We choose to go to the Moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard; because that goal will serve to organize and measure the best of our energies and skills, because that challenge is one that we are willing to accept, one we are unwilling to postpone, and one we intend to win, and the others, too.Wir stechen in See auf diesem neuen Meer, weil es neues Wissen zu gewinnen und neue Rechte zu erringen gilt, die errungen und zum Wohle aller Menschen genutzt werden müssen. Denn die Weltraumforschung, wie die Kernforschung und jede Technologie, hat kein eigenes Gewissen. Ob sie zum Guten oder zum Bösen wird, hängt vom Menschen ab, und nur wenn die Vereinigten Staaten eine führende Rolle einnehmen, können wir mitentscheiden, ob dieser neue Ozean ein Meer des Friedens oder ein neues, furchterregendes Kriegsschauplatz wird. Ich sage nicht, dass wir uns dem feindseligen Missbrauch des Weltraums schutzlos aussetzen sollten oder werden, genauso wenig wie wir uns dem feindseligen Missbrauch von Land oder Meer schutzlos aussetzen. Aber ich sage, dass der Weltraum erforscht und beherrscht werden kann, ohne die Flammen des Krieges zu schüren, ohne die Fehler zu wiederholen, die der Mensch bei der Ausdehnung seines Einflusses auf unseren Planeten begangen hat. Im Weltraum gibt es noch keinen Streit, keine Vorurteile, keinen nationalen Konflikt. Seine Gefahren bedrohen uns alle. Seine Eroberung verdient das Beste der gesamten Menschheit, und die Chance auf friedliche Zusammenarbeit wird sich vielleicht nie wieder bieten. Doch warum, fragen manche, der Mond? Warum dieses Ziel? Und man könnte ebenso gut fragen: Warum den höchsten Berg besteigen? Warum vor 35 Jahren den Atlantik überfliegen? Warum spielt Rice gegen Texas?(*) Wir entschieden uns, zum Mond zu fliegen. Wir entschieden uns, zum Mond zu fliegen... Wir entscheiden uns, in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen und die anderen Dinge zu tun, nicht weil sie einfach sind, sondern weil sie schwer sind; weil dieses Ziel dazu dienen wird, unsere besten Energien und Fähigkeiten zu bündeln und zu messen, weil diese Herausforderung eine ist, die wir annehmen wollen, eine, die wir nicht aufschieben wollen, und eine, die wir gewinnen wollen, und die anderen auch. (*) Der humorvolle kurze Einwurf mit Bezug auf die Rivalität zwischen Rice (Rice Owls football) und Texas (Texas Longhorns football) im College Football wurde von Kennedy handschriftlich in den Redetext eingefügt.
Die Rhetorik mini|links|Die Zuschauermenge während der Rede im Rice-University-Stadium Kennedys Rede bediente sich dreier Strategien: „einer Charakterisierung des Weltraums als verlockende Grenze; einer Darstellung der Zeit, die das Vorhaben in einen historischen Moment der Dringlichkeit und Plausibilität einordnet; und einer abschließenden, kumulativen Strategie, die die Zuhörer dazu auffordert, ihrem Pioniergeist gerecht zu werden, indem sie zum Mond fliegen.“John W. Jordan (2003). "Kennedy's Romantic Moon and Its Rhetorical Legacy for Space Exploration". Rhetoric and Public Affairs. S. 214
In seiner Rede stellte er den Wunsch, den Weltraum zu erforschen, mit dem Pioniergeist gleich, der das amerikanische Selbstverständnis seit der Gründung der Nation geprägt hatte. Damit knüpfte Kennedy an seine Antrittsrede an, in der er der Welt verkündet hatte: „Lasst uns gemeinsam die Sterne erkunden.“ Als er im Juni 1961 Nikita Chruschtschow, den Generalsekretär der KPdSU und Ministerpräsident der Sowjetunion, traf, schlug Kennedy vor, die Mondlandung zu einem gemeinsamen Projekt zu machen, doch Chruschtschow lehnte das Angebot ab.John M. Logsdon, John M. (2011). "John F. Kennedy’s Space Legacy and Its Lessons for Today". Issues in Science and Technology. S. 32 / . JSTOR 43315485.
In seiner Rede sprach Kennedy sich mit rhetorischen Mitteln gegen eine Ausweitung der Militarisierung des Weltraums aus. Er verdichtete die Menschheitsgeschichte verbal auf fünfzig Jahre, in denen „erst letzte Woche Penicillin, Fernsehen und Atomkraft entwickelt wurden, und wenn Amerikas neue Raumsonde (Mariner 2) die Venus erreicht, werden wir buchstäblich noch vor Mitternacht die Sterne erreicht haben.“