Natürliche Mängel (orig. Inherent Vice) ist der siebte Roman des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon. Er erschien im August 2009, die deutsche Übersetzung durch Nikolaus Stingl folgte im September 2010. Natürliche Mängel trägt Züge der klassischen Detektivgeschichte und gilt als einer der zugänglicheren Romane Pynchons. Protagonist ist der häufig kiffende Privatermittler Doc Sportello, der im Kalifornien der Jahre 1969 und 1970 einen vermissten Immobilieninvestor wiederfinden soll.

2014 wurde der Roman von Paul Thomas Anderson unter dem gleichen Titel (deutsch: Inherent Vice – Natürliche Mängel) verfilmt.

Inhalt

Erzählweise Der Roman ist in 21 Kapitel unterteilt, die Handlung läuft klar chronologisch geordnet ab und umfasst wenige Tage im Sommer 1970. Erzählt wird aus der Perspektive des Protagonisten Larry „Doc“ Sportello. Obgleich er im Verlauf der Ereignisse regelmäßig Marihuana raucht und einmal PCP verabreicht bekommt, überblickt er das Geschehen weitgehend zuverlässig.

Handlung und Figuren Doc Sportello betreibt in Los Angeles die Privatdetekei LSD, was für „Lokalisierung, Sicherheitschecks, Detektei“ steht. Seine Exfreundin Shasta beauftragt ihn, ihren Lover, den millionenschweren Immobilieninvestor Mickey Wolfmann vor einer Intrige zu schützen, den seine Frau und ihr Liebhaber gegen ihn planen. Am Folgetag beauftragt ihn der schwarze Aktivist Tariq Khalil damit, Geld von Glen Charlock einzutreiben, einem Mitglied der Arischen Bruderschaft und Leibwächter Wolfmanns.

Bei der Suche nach Charlock in einem von Wolfmann betriebenen Bordell wird Sportello niedergeschlagen und anschließend vom LAPD-Polizisten Christian „Bigfoot“ Bjornsen vernommen, da Charlock umgebracht wurde. Mit Hilfe von Sauncho Smilax, einem Anwalt für Seerecht, kommt Sportello wieder frei. Am Folgetag beteuert Khalil gegenüber Sportello, mit Charlocks Tod nichts zu tun zu haben. Sportello wird von Hope Harlington kontaktiert, die auf der Suche nach ihrem Mann Coy Harlington ist, einem Surfband-Musiker, der nach einer Überdosis Heroin gestorben sein soll. Sie nimmt indessen an, dass er noch lebt.

Shasta und Wolfmann sind in der Zwischenzeit spurlos verschwunden, weshalb Sportello seinen Freund Fritz aufsucht. Dieser arbeitet für ein Inkassounternehmen und beschäftigt sich mit dem gerade entstehenden ARPAnet, dem Vorläufer des Internets. Anschließend befragt er Wolfmanns Frau Sloane Wolfmann und trifft dabei ihren Lover Riggs Warbling, der als Architekt arbeitet. Als er ihr Haus verlässt, begegnet er erneut Bigfoot. Sportello kontaktiert die Staatsanwältin Penny Kimball, mit der er eine Affäre hatte. Kimball überlässt ihn zwei FBI-Agenten zum Verhör. Anschließend begegnet Sportello Jade, einer der Prostituierten aus dem Bordell, in dem Charlock getötet wurde. Sie warnt ihn vor einer Organisation namens „Golden Fang“ und bringt ihn mit dem totgeglaubten Coy Harlington zusammen. Dieser bittet um Schutz für seine Familie und behauptet, „Golden Fang“ sei der Name eines Schiffs. Mit Hilfe von Fritz findet Sportello heraus, dass ein Schiff namens „Golden Fang“ zur Bekämpfung subversiver Gruppen, Kommunisten sowie zum Transport von Heroin im Auftrag der CIA eingesetzt wurde und auch Mickey Wolfmann und Shasta außer Landes transportiert habe.

Am Folgetag erfährt Sportello von seinem Anwalt Smilax, dass die „Golden Fang“ in der Vergangenheit große Mengen falscher Dollarnoten mit dem Gesicht von Präsident Nixon transportiert hatte, die vom FBI geborgen wurde. Penny Kimball informiert ihn wiederum, dass Coy Harlington als Spitzel arbeitete. Weiter erfährt er, dass Wolfmann plante, sein Vermögen wieder „zurückzugeben“, da er von Gewissensbissen geplagt sei.

Der „Golden Fang“ stellt sich als Organisation heraus, der im großen Stil Heroin handelt, eine Zahnchirurgie als Deckorganisation verwendet sowie eine psychiatrische Klinik zur Rehabilitation von Süchtigen betreibt. Beim Besuch der Klinik erfährt Sportello, dass Charlock von Angehörigen einer rechten Miliz getötet wurde, die im Auftrag des LAPD handelte. Charlock hatte vorher seine Schicht mit Puck Beaverton getauscht, einem Schläger, der für den Kredithai Adrian Prussia arbeitete. Sportello reist nach Las Vegas, da sich Beaverton dort aufhalten soll. Dort sieht er überraschend Mickey Wolfmann, begleitet von FBI-Agenten. Er trifft Beaverton und erfährt von Wolfmanns Projekt: einer Stadt in der Wüste, wo Menschen kostenlos wohnen können. Auf der Rückfahrt besucht er das verfallende Bauprojekt und wird von Riggs Warbling mit einer Waffe bedroht. Warbling bewacht das Gelände, nachdem Wolfmann das Interesse daran verloren hat und die Arbeiten eingestellt wurden. Wolfmann ist offiziell wieder aufgetaucht und mit seiner Frau zusammen.

In Los Angeles zurück, trifft Sportello Bigfoot. Dieser deutet an, dass sein ehemaliger Partner beim LAPD von Puck Beaverton getötet wurde, der wiederum im Auftrag von Adrian Prussia handelte. Prussia wurde von höheren Stellen protegiert, weshalb der Mord nie aufgeklärt wurde. Von Shasta erfährt er, dass sie Harlington in das Entzugsprogramm brachte. in dem er wiederum als Spitzel angeworben wurde. Anschließend gibt ihm Penny Kimball Einsicht in Akten, die Bigfoots Andeutungen zur Ermordung seines Partners und Prussias Verwicklungen stützen.

Sportello besucht Prussia, um seine Verbindung zum Goldenen Fang zu untersuchen. Bei ihm trifft er auch Beaverton an, der ihm einen PCP-getränkten Joint anbietet und damit betäubt. Gefesselt, erfährt er von Prussias Karriere als Quasi-Auftragskiller des LAPD. Bevor er mit einer Überdosis getötet werden sollte, kann sich Sportello befreien und erschießt Prussia und Beaverton. Als er vom Tatort verschwinden will, begegnet er Bigfoot, der das Geschehen beobachtete. Er gibt Sportello sein vorher abgeschlepptes Auto zurück. Sportello bemerkt auf der Heimfahrt, dass zwanzig Kilo Heroin des „Golden Fang“ im Kofferraum deponiert wurden.

Sportello nimmt Kontakt zu Crocker Fenway auf, einem Anwalt des „Golden Fang“. Er arrangiert die Übergabe des Heroins, im Gegenzug wird Coy Harlington und seiner Familie trotz seiner Spitzeltätigkeit Immunität versprochen. Das Heroin wird auf die „Golden Fang“ gebracht, die jedoch in einem Sturm von der Mannschaft verlassen und von der Küstenwache aufgebracht wird. Nachdem Sportello einen Wetterlös aus Las Vegas ausbezahlt bekommt und Coy wieder mit seiner Familie vereint wurde, endet das Buch mit Sportello, der im dichten Nebel in einem Stau steht und darauf hofft, dass der Nebel wegbrennt und stattdessen „diesmal etwas ganz anderes da war.“

Rezeption Natürliche Mängel gilt als eines der zugänglicheren und heiteren Werke Pnychons, mit 478 Seiten ist es kürzer als die meisten seiner anderen Romane. In der Zeit stellt Thomas E. Schmidt fest, dass der Erfolg des Buches gesichert sei, Pnychons „neuestes Meisterwerk“ sei ein leichterer, witziger Roman, das Geschehen finde allerdings nach dem Ende der Flower-Power- und Hippie-Zeit statt, diese

In der Welt zieht Holger Kreitling Parallelen zu The Big Lebowski und den Hard-Boiled Detective-Prototypen von Raymond Chandler, nur sei sein Protagonist

Literaturwissenschaftlich wurde das Werk als vordergründiger Vertreter des Noir-Genres der Detektivstories verortet, mit Wurzeln in den Traditionen Raymond Chandlers und Dashiel Hammets. Es trage aber die subversive Qualität eines „Anti-Detektivromans“ in sich, in dem Sportello zwar wie seine literarischen Vorbilder den eigentlichen Fall löst und ein gutes Ende für die Beteiligten herbeiführt, seine eigentlichen Fragen jedoch unbeantwortet bleiben, einerseits bezogen auf das Chaos der endenden Sechziger, andererseits auf seine eigene Situation im „nebligen Chaos“ von Los Angeles, mit dem das Buch auch endet.

Ähnlich verortet Rob Wilson das Buch im Neo-Noir-Genre und zieht Parallelen zu Oko-Horror-Narrativen: Pynchons Kalifornien wird als ein Grenzstaat am Rande der Katastrophe beschrieben, ebenso befindet sich die im Buch dargestellte Gegenkultur im Zusammenbruch angesichts der Infiltrierung ihrer Ideale, der damit einhergehenden Paranoia und der Kapitalisierung von Sex, Drogen und Widerstandskultur. Die Rückkehr des totgeglaubten Coy Harlington und seine Wiederaufnahme in seine Surfband macht ihn konsequenterweise nicht zu einem Wiedergeborenen, sondern zu einem Zombie.

Der Literaturwissenschaftler Ulrich Meurer warnt davor, den Roman als leicht zugängliches Alterswerk einzuschätzen: Strukturell sei er in Wahrheit sehr komplex. Abgesehen von der durchgehenden Ironie, mit der Pynchon erzähle, lasse sich das an der „ungewohnt dichte[n] historische[n] Konkretheit“ zeigen, mit der Nixons Präsidentschaft, der Vietnamkrieg und die Manson-Morde als „dunkle[r] Hintergrund der burlesken Ereignisse“ ausgemalt würden. Gleichzeitig lasse Pynchon „das Erbe der Postmoderne, die grundsätzliche Fiktionalisierung von Literatur und Wirklichkeit“, nie aus dem Blick.Ulrich Meurer: Pynchon, Thomas – Inherent Vice. Kindlers Literatur Lexikon, 3. Auflage, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009 (abgerufen von Bücherhallen Hamburg am 22. Februar 2026).

Trivia Pynchons Übersetzer gab an, seine Werke zu übersetzen sei insofern schwierig, weil man dauernd lachen müsse, als Beispiel dafür diente ihm Natürliche Mängel: Pynchon habe „einen unglaublichen Humor, so dass man beim Übersetzen ständig lachen muss. […] Pynchon erfindet Figuren, die typisch und komisch zugleich sind: In ‚Natürliche Mängel‘ ist die Hauptfigur ein Surfer und Hippie, der seine Brötchen als Privatdetektiv verdient. Er rutscht von einer Katastrophe in die nächste hinein – unter anderem, weil er ständig bekifft ist.“

Weblinks

Perlentaucher: Natürliche Mängel Pnychon-Wiki: Inherent Vice (englisch)

Ausgaben Thomas Pnychon, Inherent Vice. Penguin Press, 2009, ISBN 978-1-59420-224-7 Thomas Pynchon, Natürliche Mängel. Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-49805-310-9

Einzelnachweise

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