Der Kampf zwischen Liebe und Keuschheit (fr. Le Combat de l’Amour et de la Chasteté) ist ein Gemälde in Tempera auf Leinwand von Pietro Perugino (* um 1450; † 1523), fertiggestellt 1505 und im Bestand der Gemäldegalerie des Louvre in Paris.

Das Gemälde ist eines der wenigen erhaltenen Werke des Meisters mit einem Thema aus der Mythologie. Es ist auch deswegen bemerkenswert, weil Kontaktaufnahme zum Künstler durch die Auftraggeberin, Vertragsabschluss, wiederholte Anmahnung der Lieferung sowie die Reaktion der Auftraggeberin nach Erhalt des Bildes außergewöhnlich detailliert dokumentiert sind.

Historie Auftraggeberin des Gemäldes war Isabella d’Este (* 1474; † 1539), Markgräfin von Mantua und eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen der italienischen Renaissance. Zur weiteren Ausgestaltung ihres Studiolos, eines den Künsten gewidmeten Raumes im Castello di San Giorgio (Teil des Palazzo Ducale) in Mantua wollte sie die Sammlung von Gemälden mythologischer Thematik, von denen sie bereits zwei Bilder des Andrea Mantegna (* 1431; † 1506) besaß, erweitern. Der verbindende Gedanke war das Grundthema „Geist und Fleisch“, d. h. Tugend und Laster. Für Isabella kamen nur Werke der größten Meister in Frage.

Zunächst dachte sie an den venezianischen Maler Giovanni Bellini (* um 1437; † 1516). Isabella d’Estes Gatte Gianfrancesco II. Gonzaga hatte 1496, um seiner Frau eine Freude zu bereiten, dem Künstler das Versprechen zu einem Gemälde für ihr Studiolo abgenommen. Doch Bellini kam diesem Versprechen nicht nach.

Daher richtete sie ihre Aufmerksamkeit nun auf Perugino, der zu dieser Zeit einen ausgezeichneten Ruf genoss. Schon die Kontaktaufnahme zu ihm erwies sich aber als schwierig. Am 3. April 1497 gab sie ihrem Vertrauten Lorenzo di Pavia den Auftrag, bei ihm anzufragen. Dieser Versuch war erfolglos. Am 22. September 1500 schrieb sie in einem zweiten Versuch an Giovanna da Montefeltro, verschwägert mit dem Kardinal Giuliano della Rovere, dem späteren Papst Julius II., und bat um ihre Vermittlung. Giovanna antwortete, sie habe die Verhandlungen bereits eingeleitet, aber der Auftrag sei sehr schwierig. Letztlich scheiterten auch ihre Bemühungen. „Dieser Mann ist schwer zu überzeugen“, teilte sie Isabella mit.

Weitere Anfragen an Leonardo da Vinci (* 1452; † 1519) und erneut an Giovanni Bellini scheiterten letztendlich ebenfalls; letzterer zeigte zwar zunächst Bereitschaft und erhielt eine Anzahlung, aber das Thema sagte ihm nicht zu. Nachdem ihm Isabella mehr Freiheiten in der Themenwahl gelassen hatte (er möge eine antike Geschichte oder Fabel malen oder selber eine Geschichte erfinden), willigte er zwar ein, begann aber dennoch nicht zu malen. Schließlich musste sie froh sein, 1504 von ihm eine Geburt Jesu zu erhalten.

So versuchte sie erneut, Perugino zu gewinnen. Ihr Vertrauter Francesco Malatesta war bemüht, ihn ihr mit der Begründung auszureden, Perugino sei ein Zauderer (homo longo), und empfahl ihr stattdessen Sandro Botticelli (* 1445; † 1510) oder Filippino Lippi (* 1457; † 1504). Aber Isabella blieb bei ihrer Wahl, und schließlich unterzeichnete Perugino am 19. Januar 1503 den notariellen Vertrag. Darin verpflichtete er sich, innerhalb eines knappen halben Jahres, bis Ende Juni, für 100 Dukaten das Bild gemäß der ihm mitgeteilten Invenzione („Erfindung“) und der beigefügten Skizze in den vorgeschriebenen Maßen fertigzustellen. Der Autor dieser Invenzione war der Dichter und humanistische Gelehrte Paride da Ceresara, der dabei aus den Metamorphosen schöpfte, einem mythologischen Werk des Ovid.

Am 7. November 1503 war erst die Zeichnung fertig und die Leinwand aufgespannt (nach einer anderen Quelle erhielt Isabella erst ein Jahr später einen am 27. November 1504 abgesandten Brief, der sie unterrichtete, dass der Karton fertig und auf die Leinwand übertragen sei). Dann fand Perugino, dass die Figuren zu klein würden und ließ sich von Isabella deren Maße in Mantegnas Bildern schicken. Isabella mahnte unterdessen unentwegt zur Eile. Am 22. Januar 1505 wurde die Besorgnis laut, dass Perugino von der Invenzione abwiche, denn Isabella war zugetragen worden, er habe die Venus im Gemälde ganz nackt dargestellt. Daraufhin sandte sie einen Vertrauten, um dies zu verhindern. Schließlich mag Perugino Angst bekommen haben, dass Isabella von dem Vertrag zurücktreten könne. Jedenfalls beeilte er sich nun, das Bild fertigzustellen, und ließ es am 30. Juni 1505, zwei Jahre später als ursprünglich vereinbart, im Studiolo abliefern.

Motiv Der Kunsthistoriker Max Jordan gibt den vollen Wortlaut der Invenzione ins Deutsche übertragen wieder. Hier das erste Drittel, das die Grundzüge des Motivs beschreibt und zugleich die Vergabemodalitäten bei Gemäldeaufträgen, insbesondere die Dichte der Vorgaben, an die sich die Künstler in jenen Jahren oft zu halten hatten, beleuchtet:

„Dargestellt werden soll ein Kampf der Keuschheit gegen das Laster, d. h. der Pallas und Diana gegen Venus und Amor. Dabei hat nun Pallas als Siegerin über Amor zu erscheinen, was damit auszudrücken ist, dass sie dessen goldenen Pfeil und silbernen Bogen unter die Füsse tritt und ihn mit der einen Hand an seiner Augenbinde erfasst, während sie mit dem Speer in der andern Hand ihn zu durchbohren droht. Diana muss der Venus ebenfalls siegreich zu Leibe gehen, doch soll sie dieselbe nur leicht etwa an ihrem Kranz oder am Schleier, den sie umgeschlungen hat, mit ihren Pfeilen verletzen und ihrerseits auch nur am Kleide durch die Fackel der Venus versengt sein.“

Weiter beschreibt die Invenzione das Gefolge der Gottheiten, ihre Waffen und ihr Verhalten sowie die Landschaft: Für den Hintergrund wird „ein Fluss oder besser das Meer“ vorgeschrieben, an dessen Ufer „Jupiter sichtbar [werden soll] und andere der Keuschheit feindliche Götter“, die dann aufgezählt werden. Ergänzt wird die Invenzione durch eine Skizze. Es stünde dem Künstler frei, ob er alle Motive verwenden oder das Ganze vereinfachen wolle; außer der Hauptgruppe dürfe er alles weglassen, nur keinesfalls etwas anderes hinzufügen.

Bildbeschreibung und Interpretation Der Altphilologe Richard Foerster gibt eine ausführliche Beschreibung und Interpretation des Bildes.

Bildvordergrund Der Bildvordergrund wird durch zwei hohe Bäume in drei Bereiche gegliedert, ein breites Mittelfeld sowie zwei schmalere Felder an den Bildrändern. Der Baum links stellt den der Pallas Athene heiligen Ölbaum dar, der Baum rechts ist der der Venus geweihte Myrtenbaum. Beide sind nur schematisch gemalt, ohne Charakteristika ihrer Art zu zeigen, mit Ausnahme von kleinen Früchten am linken Baum, die Oliven darstellen mögen. Dieser Baum wird durch die Eule sowie durch den Schild mit dem Haupt der Medusa als Baum der Pallas gekennzeichnet; das kleine Täfelchen darunter ist unbeschriftet geblieben. Der rechte Baum ist durch einen am Stamm emporgekletterten Putto der Venus zuordenbar.

Die Hauptszene spielt sich zwischen diesen beiden Bäumen ab, Foerster unterteilt sie in zwei Gruppen. In der Pallasgruppe links wird behelmt und im roten Harnisch die Pallas dargestellt, die griechische Göttin der Weisheit und des Kampfes. Sie hält den durch seine Größe von den Putten unterscheidbaren Amor, die römische Personifikation der Liebe, mit der linken Hand an den Haaren fest und droht ihn mit der Lanze in ihrer Rechten zu durchbohren. Bogen und Köcher hat Amor verloren, sie liegen vor ihm. Die Figur mit dem Schild rechts hinter der Pallas identifiziert Foerster als Gefährtin der Pallas. Sie trägt weder Harnisch noch Helm und scheint auf der Flucht; in ihrer Rechten schwingt sie eine abgebrochene Lanze. Sie wird von zwei Putten verfolgt, der eine hält sie an den Haaren, der andere sitzt auf den Schultern eines bocksbeinigen Satyrs und zielt mit dem Bogen auf sie.

Als Dianagruppe rechts davon identifiziert Foerster insgesamt neun Figuren. Vorne links im orangefarbenen Rock, aber mit nacktem Oberkörper, zielt Diana, die jungfräuliche Göttin der Jagd, aber auch Beschützerin der Frauen, mit dem Bogen auf Venus, die Göttin der Liebe und des erotischen Verlangens. Diese setzt sich, nur mit einem fast transparenten blauen Tuch um die Hüften bekleidet, mit einer Fackel zur Wehr. Hinter Diana sind mit Blickrichtung nach rechts zwei ihrer Gefährtinnen mit Pfeil und Bogen bzw. einem Stock gezeigt, die sich im Kampf mit zwei mit Fackeln bewaffneten Kameradinnen der Venus befinden, die nach links blicken. Ein Putto zielt mit dem Bogen auf Dianas Unterleib, während ein zweiter ihr zu Füßen schlafend liegt. Ein in den Boden gesteckter Pfahl vor der Venus trägt ein Schild mit der lateinischen Aufschrift , „der Venus“ oder auch „der Liebeslust“. Zu dieser Gruppe zählt Foerster auch eine weitere Gefährtin der Diana, die im orangefarbenen Gewand und mit dem Rücken zum Betrachter rechts vom Myrtenbaum steht und mit ihrer Fackel auf die erste Kameradin der Venus zielt. Foerster macht darauf aufmerksam, dass Perugino hier von der Invenzione abweicht, indem er der Venus außer den Satyrn und Putten auch Kameradinnen zugesellt.

Noch betonter bringt er eigene Schöpfungen, indem er links und rechts drei fast nackte weibliche Figuren zeigt, die sich mehr oder weniger erfolgreich ihrer Angreifer zu erwehren suchen. Die am weitesten links hat an Arm und Bein jeweils einen Putto hängen und wird von einem dritten mit dem Pfeil bedroht; in der Rechten hält sie eine Lanze. Foerster kann sie nicht recht einordnen, er meint aber, sie könne aufgrund des Fehlens von Kleidung und ihren geschlossenen Augen unmöglich eine Gefährtin der Pallas oder Diana sein. Sie sei „von blinder Liebe besessen und vermag sich der sie bedrängenden Geister kaum noch zu erwehren“. Dies gelte mehr noch für die andere weibliche Figur links, die nahe daran sei, zu unterliegen. „Gänzlich aber ist in der Gewalt der bösen Lüste die rechts befindliche“, welche an den Armen gefesselt von zwei Putten gezogen, darüber hinaus von einem Satyr an den Haaren geschleift wird, während ein weiterer Putto auf den Schultern eines zweiten Satyrs sitzt und dem Schauspiel zusieht. Doch zu ihrer Rettung ist von links eine Pallasgefährtin herbeigeeilt und schwingt den Stock, um den sie an den Haaren ziehenden Satyr zu erschlagen.

Schließlich sind noch die nackten Krieger auf der rechten Seite zwischen den Felsen zu nennen, die Foerster nicht erwähnt. In der Invenzione findet sich kein Hinweis auf sie, auch sie scheinen eine Erfindung Peruginos zu sein. Man mag darüber spekulieren, ob sie eher dem Lager der Pallas oder dem der Venus zuzurechnen sind, ihre Nacktheit und die Positionierung auf der rechten Bildseite könnten für Letzteres sprechen.

Figuren im Bildhintergrund

Hinten im Wasser sind Putten zu erkennen, entweder schwimmend oder auf Schwänen reitend. Auf der linken Seite abgebildet ist der Göttervater Jupiter, der, in einen Stier verwandelt, die auf seinem Rücken sitzende Europa entführt, eine Königstochter der griechischen Mythologie. Die mittlere Zweiergruppe besteht aus Pluton, dem Gott der Totenwelt, und Proserpina, die, obwohl eine Tochter des Jupiter und selber Gottheit, von Pluton in die Unterwelt entführt wurde. Sie sitzen auf einem im Wasser schwimmenden Wagen. Ganz rechts reitet Poseidon, der Gott des Meeres, mit einer weiblichen Figur auf einem Delphin. Diese Frau identifiziert Foerster als Koronis, eine Königstochter der griechischen Mythologie, die sich mit Hilfe der Pallas Poseidons Nachstellungen entziehen kann. Foerster zeigt sich irritiert, dass sowohl die Proserpina den Pluton als auch die Koronis den Poseidon umarmt; in den jeweiligen Sagen werden sie gegen ihren Willen entführt. Auch kritisiert er, dass diese beiden wie auch Pluton von Perugino nicht ausreichend charakterisiert würden; ohne Kenntnis der Invenzione seien sie nicht zu deuten.