mini|hochkant=1.3|Eine politische Karte Europas mit Staatsgrenzen. Solche Darstellungen strukturieren den geografischen Raum entlang nationalstaatlicher Linien und lassen nationale Zugehörigkeit im Alltag als selbstverständlich erscheinen. Banaler Nationalismus bezeichnet die alltäglichen und meist unauffälligen Formen, durch die nationale Identität in etablierten Nationalstaaten fortlaufend reproduziert wird. Der Begriff wurde vom Politikwissenschaftler Michael Billig in seinem Werk Banal Nationalism (1995) geprägt.Billig, Michael (1995): Banal Nationalism. London: Sage. Billig argumentiert, dass Nationalismus nicht nur in offenen oder extremen Ausdrucksformen erscheint, sondern vor allem durch routinemäßige Symbole, sprachliche Bezugnahmen und institutionelle Praktiken im Alltag präsent ist.

Zu diesen Formen zählen unter anderem nationale Symbole im öffentlichen Raum, die Unterscheidung zwischen nationalen und internationalen Ereignissen in den Medien sowie die alltägliche Verwendung nationaler Kategorien wie „wir“ oder „uns“. Seit seiner Einführung wurde das Konzept in verschiedenen Disziplinen aufgegriffen und weiterentwickelt, insbesondere in der Forschung zu Medien, Alltagspraktiken und vergleichenden Perspektiven auf nationale Identität.

Begriff und Ursprung des Konzepts Der Begriff des banalen Nationalismus wurde von Michael Billig in seinem Buch Banal Nationalism (1995) geprägt. Billig führt das Konzept im Kontext der Nationalismusforschung ein und richtet den analytischen Fokus auf etablierte Nationalstaaten sowie auf die alltäglichen Bedingungen, unter denen nationale Zugehörigkeit fortlaufend hergestellt und aufrechterhalten wird.Billig, Michael (1995).

Ein zentrales Element von Billigs Ansatz ist die Unterscheidung zwischen offen artikulierten und politisch mobilisierenden Formen des Nationalismus, die er als „hot nationalism“ bezeichnet, und den routinemäßigen, meist unbeachteten Reproduktionsformen des banalen Nationalismus. Während sich „hot nationalism“ insbesondere in politischen Mobilisierungen, Konflikten oder Krisensituationen manifestiert, bezieht sich banaler Nationalismus auf die alltägliche Präsenz nationaler Bezugnahmen in scheinbar neutralen sozialen, politischen und institutionellen Kontexten.Billig, Michael (1995).

Zur Beschreibung dieser alltäglichen Reproduktionsformen verweist Billig auf eine Reihe typischer Beispiele. Dazu zählen nationale Flaggen, die dauerhaft an öffentlichen Gebäuden angebracht sind und im Alltag häufig kaum noch bewusst wahrgenommen werden, von ihm als „limply hanging flags“ bezeichnet. Darüber hinaus hebt er die Bedeutung sprachlicher Routinen hervor, insbesondere die alltägliche Verwendung deiktischer Ausdrücke wie „wir“, „uns“ oder „unser“, durch die nationale Zugehörigkeit implizit vorausgesetzt wird. Auch Nachrichtenmedien werden in diesem Zusammenhang als relevante Träger banalen Nationalismus beschrieben, da sie nationale Perspektiven durch routinemäßige Unterscheidungen zwischen innenpolitischen und außenpolitischen Ereignissen sowie durch die Darstellung internationaler Akteure reproduzieren.Billig, Michael (1995).

Theoretischer Kontext in der Nationalismusforschung Das Konzept des banalen Nationalismus lässt sich in Beziehung zu Ansätzen der Nationalismusforschung setzen, die Nationen nicht als natürliche oder zeitlose Einheiten, sondern als historisch und sozial konstruierte Gemeinschaften verstehen. In konstruktivistischen Ansätzen der Nationalismusforschung wird nationale Zugehörigkeit als Ergebnis symbolischer Praktiken, diskursiver Prozesse und institutioneller Arrangements betrachtet, durch die kollektive Identitäten hergestellt und stabilisiert werden.Skey, Michael; Antonsich, Marco (Hrsg.) (2017): Everyday Nationhood. London: Palgrave Macmillan. doi:10.1057/978-1-137-57098-7.

Ein zentraler Bezugspunkt ist Benedict Andersons Konzept der Imagined Communities, das Nationen als Gemeinschaften beschreibt, die durch geteilte Vorstellungen, Symbole und Kommunikationsformen zusammengehalten werden, obwohl sich ihre Mitglieder größtenteils nicht persönlich kennen. Diese Perspektive hat die Aufmerksamkeit der Forschung auf kulturelle und kommunikative Dimensionen nationaler Zugehörigkeit gelenkt.Anderson, Benedict (2006): Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. London/New York: Verso.

Vor diesem Hintergrund wird banaler Nationalismus als ein Ansatz verstanden, der die Aufmerksamkeit auf etablierte Nationalstaaten und deren alltägliche Funktionsweisen richtet. Im Unterschied zu Ansätzen, die Nationalismus vor allem im Zusammenhang mit Staatsgründungen, politischen Bewegungen oder Mobilisierungsprozessen untersuchen, befasst sich dieser Zugang mit routinemäßigen, weitgehend selbstverständlichen Formen nationaler Bezugnahme im Alltag.Billig, Michael (1995).

Spätere Forschung hat diesen Fokus weiterentwickelt und unterscheidet verschiedene Analyseebenen nationaler Identität, etwa makro-, meso- und mikrosoziale Prozesse. In diesem Zusammenhang wird untersucht, wie nationale Zugehörigkeit nicht nur institutionell, sondern auch in alltäglichen Praktiken, Interaktionen und Routinen reproduziert wird.Skey, Michael; Antonsich, Marco (2017).Mylonas, Harris; Tudor, Maya (2021): Nationalism: What we know and what we still need to know. Annual Review of Political Science 24, 109–132. doi:10.1146/annurev-polisci-041719-101841.

Mechanismen des banalen Nationalismus

Alltägliche Symbole und materielle Hinweise mini|hochkant=1.4|Das Reichstagsgebäude in Berlin, Sitz des Bundestages, mit gehisster Deutschlandflagge. Die dauerhafte Präsenz nationaler Symbole an staatlichen Institutionen gilt in der Forschung als Beispiel für banalen Nationalismus. Billig beschreibt banalen Nationalismus als ein Muster alltäglicher Hinweise auf die Nation, die im öffentlichen Raum dauerhaft präsent sind und oft kaum bewusst wahrgenommen werden. Dazu zählt er etwa Flaggen an Gebäuden, nationale Symbole auf Geld oder amtliche Darstellungen des Staates sowie ritualisierte Bezüge in Sport und Zeremonien.Billig, Michael (1995).

Medien, Sprache und Diskurs Ein zentraler Mechanismus banalen Nationalismus ist die Reproduktion nationaler Kategorien in Sprache und Medien. Billig betont insbesondere deiktische Formen wie „wir“ oder „unser“, durch die Zugehörigkeit implizit vorausgesetzt wird.Billig, Michael (1995). Diskursanalytische Forschung zeigt zudem, wie nationale Identitäten in Texten und öffentlichen Debatten über wiederkehrende Themen, narrative Muster und Grenzziehungen konstruiert werden, auch wenn diese Arbeiten nicht primär auf das Konzept des banalen Nationalismus ausgerichtet sind.De Cillia, Rudolf; Reisigl, Martin; Wodak, Ruth (1999): The discursive construction of national identities. Discourse & Society 10, 149–173. doi:10.1177/0957926599010002002.

Auch Ansätze der Medienforschung und der Ideologieforschung beschreiben, wie in Nachrichten durch Routinen der Auswahl und Darstellung von Eigengruppen und Fremdgruppen stabilisiert werden; van Dijk liefert hierfür ein einflussreiches analytisches Rahmenmodell, ohne den Fokus explizit auf Nationalismus zu legen.van Dijk, Teun A. (1998): Opinions and ideologies in the press. In: Bell, Allan; Garrett, Peter (Hrsg.): Approaches to Media Discourse. Oxford: Blackwell, S. 21–63. Empirische Studien zur Auslandsberichterstattung zeigen zudem, dass nationale Bezugspunkte in der Darstellung internationaler Ereignisse häufig eine zentrale Rolle spielen können.Müller, Philipp (2013): National identity building through patterns of an international third-person perception in news coverage. International Communication Gazette 75, 732–749. doi:10.1177/1748048513482546.

Erweiterungen: Von banal nationalism zu everyday nationhood Spätere Forschung hat Billigs Ansatz aufgegriffen und erweitert, indem nationale Zugehörigkeit nicht nur als Effekt symbolischer Hinweise, sondern auch als Ergebnis alltäglicher Praktiken, sozialer Interaktionen und weitgehend selbstverständlicher Annahmen untersucht wird. Unter dem Begriff everyday nationhood wird analysiert, wie nationale Zugehörigkeit in Routinehandlungen, sozialen Erwartungen und situativen Grenzziehungen im Alltag hergestellt und reproduziert wird.Skey, Michael; Antonsich, Marco (2017).

Im Unterschied zu einem ausschließlichen Fokus auf sichtbare oder symbolische Verweise richtet dieser Forschungsstrang die Aufmerksamkeit auf konkrete Handlungszusammenhänge, in denen nationale Kategorien implizit relevant werden, etwa in sozialen Begegnungen, institutionellen Abläufen oder alltäglichen Entscheidungssituationen. Dabei wird nationale Zugehörigkeit als ein praktisches und relationales Phänomen verstanden, das nicht kontinuierlich explizit thematisiert werden muss, um wirksam zu sein.Skey, Michael; Antonsich, Marco (2017).

mini|hochkant=1.4|Ein Reisepass eines Staates der Europäischen Union. Reisepässe und ähnliche Dokumente werden im Alltag routinemäßig verwendet und gelten in der Forschung als Beispiel für alltägliche, meist unauffällige Formen politischer Zugehörigkeit in nationalen und supranationalen Kontexten.

An diese Überlegungen knüpfen auch Arbeiten an, die Billigs Ansatz auf supranationale Kontexte übertragen. Laura Cram prägt in diesem Zusammenhang den Begriff des banal Europeanism, um zu beschreiben, wie Zugehörigkeit zur Europäischen Union durch alltägliche institutionelle Routinen, funktionale Praktiken und unspektakuläre symbolische Hinweise hergestellt wird. In Anlehnung an Billig argumentiert sie, dass europäische Zugehörigkeit nicht primär auf emotionaler Identifikation oder expliziter Loyalität beruht, sondern auf wiederkehrenden, meist unauffälligen Erfahrungen im Umgang mit der Europäischen Union, etwa durch rechtliche Regelungen, administrative Verfahren oder alltägliche Interaktionen mit europäischen Institutionen. Cram betont zudem, dass europäische und nationale Identitäten nicht notwendigerweise in einem Nullsummenverhältnis stehen müssen, sondern sich unter bestimmten Bedingungen gegenseitig ergänzen oder verstärken können.Cram, Laura (2009): Introduction: Banal Europeanism. Nations and Nationalism 15, 101–108. doi:10.1111/j.1469-8129.2009.00377.x.

Fox diskutiert in diesem Zusammenhang methodische Herausforderungen der Erforschung alltäglicher Nationhood, insbesondere das sogenannte evidence problem. Gemeint ist damit die Schwierigkeit, empirische Hinweise auf Selbstverständlichkeiten zu erfassen, die den beteiligten Akteuren selbst kaum bewusst sind. In der Forschung wird daher häufig zwischen banalen Hinweisen auf Zugehörigkeit und alltäglichen Praktiken ihrer Herstellung unterschieden, ohne diese Ansätze als strikt getrennte oder konkurrierende Perspektiven zu verstehen.Fox, Jon E. (2017): The edges of the nation. Nations and Nationalism 23, 26–47. doi:10.1111/nana.12269.

Kritik und Debatten Skey und Antonsich diskutieren, ob banaler und „hot“ Nationalismus als getrennte Formen oder eher als Kontinuum zu verstehen sind, insbesondere mit Blick darauf, unter welchen Bedingungen alltägliche Hinweise politisch salient werden.Skey, Michael; Antonsich, Marco (2017). Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Wahrnehmung solcher Hinweise zwischen sozialen Gruppen variieren kann und dass nationale Selbstverständlichkeiten nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen gelten.Fox, Jon E. (2017).

Vergleichende und transregionale Perspektiven