mini|Ballett mini|Tanzende Frauen bei einem Popkonzert, Sofia, Bulgarien. Tanz (von ;Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 769. Plural: Tänze) bezeichnet in der Regel die Umsetzung von (zumeist musikalischen) Schallreizen in Bewegung. Tanzen hat in den menschlichen Gesellschaften viele soziale Funktionen, kann aber auch Selbstzweck oder Zeitvertreib sein.
mini|Tanzende auf einer Vase des antiken Griechenlands, ca. 570 v. Chr. Tanz ist Bestandteil von Ritualen und Bräuchen, eine darstellende Kunstgattung, eine Sportart, eine Therapieform, eine Form sozialer Interaktion oder eine individuelle Gefühlsäußerung und in spezialisierten Gesellschaften auch Grundlage einer Berufstätigkeit.
Ritualisiertes Tanzen drückt Zusammengehörigkeit und Emotionen aus und kann als festlicher Initiationsritus die Aufnahme neuer Mitglieder in eine Gemeinschaft begleiten, etwa wenn junge Mädchen beim Debütantinnenball der Gesellschaft vorgestellt werden oder wenn Schüler beim Abschlussball eine bestandene Prüfung feiern. Vor religiösem Hintergrund werden mit Tanzritualen Götter geehrt oder um Beistand gebeten, während böse Geister abgewehrt oder vertrieben werden.
Tanzen als Sport fördert Muskelaufbau, Motorik, Koordination und Gleichgewichtssinn. Das Erlernen, Planen und Umsetzen komplexer Bewegungsabläufe kann das Selbstvertrauen stärken und ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper entwickeln.
Als Kunstform dient Tanzen dazu, Gefühle und Handlungen bildlich darzustellen. Mimik, Gestik und ganzkörperliche Tanzbewegungen bilden zusammen mit Musik das Arbeitsmaterial des künstlerischen Tanzes, der dem Zuschauer Eleganz und Ausdruckskraft des menschlichen Körpers vor Augen führen will.
Tanz als Sinnbild Mit der aus dem Französischen stammenden Wendung Tanz auf dem Vulkan wird das Leben als Tanz in einer explosiven Situation ungeachtet aller Risiken beschrieben. Tanz und Religion
Judentum und Christentum
In der Bibel erscheint der Tanz als Teil religiös-kultischer Praxis, sowohl in Bezug auf Jahwe, wie auf andere Götter. Die Israeliten tanzten um das Goldene Kalb , womit sie Götzendienst begingen. Ebenso tanzten die Verehrer Baals . König David hingegen führte zu Ehren Jahwes einen Sakraltanz vor der Bundeslade auf . In den Psalmen wird der Tanz ebenso wie die Musik als Form der Gottesverehrung verstanden, z. B. : „Israel soll sich über seinen Schöpfer freuen, die Kinder Zions über ihren König jauchzen. Seinen Namen sollen sie loben beim Reigentanz, ihm spielen auf Pauken und Harfen“; : „Lobt ihn [Gott] mit Pauken und Tanz, lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel“; : „Da hast du mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet.“E. Louis Backman: Religious Dances in the Christian Churches and in the Popular Medicine. London 1952. Diese Psalmen wiederum sind im Stundengebet in die christliche Gebetspraxis eingegangen.
Im neutestamentlichen Gleichnis von den musizierenden Kindern wird die Musik bzw. das Tanzen als Metapher für die religiöse Praxis der Gläubigen verwendet.
Weitere Religionen Der Hindu-Gott Shiva tanzt im Tandava die Schöpfung spielerisch und entfaltet darin sein göttliches Wesen. Sein Tanz symbolisiert in der indischen Mythologie den Kreislauf der Welt. Wenn Shiva aufhört zu tanzen, geht die Welt unter.
In der islamischen Mystik bedeuten die tanzenden Derwische den Weg zu Gott. In der ganzheitlichen Mystik werde der Mensch erschüttert und überwältigt – und er spüre das verlorene Zentrum des Lebens: Gott.Rolf Heinrich: Leben in Religionen – Religionen im Leben, Interreligiöse Spuren. Münster 2005, S. 209. Beim Tanz ist die rechte Hand nach oben, die linke nach unten geöffnet, was den Empfang und die Weitergabe der göttlichen Gnade an die Lebewesen symbolisiere.Udo Tworuschka: Religiöse Grundgesten. In: Arbeitsheft Weltmission, 1996, Hamburg, S. 78. Die Schöpfung würde eines Tages an dem Tanz der Derwische teilnehmen.Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam, Die Geschichte des Sufismus. Köln 1985, S. 261.
Zeitgenössische Spiritualität Menschen haben schon immer versucht, die Götter mit dem Tanz anzurufen, und damit Einfluss auf den Verlauf ihres Lebens zu nehmen.Rolf Heinrich: Leben in Religionen – Religionen im Leben, Interreligiöse Spuren. Münster 2005, S. 207. Das Einüben der Schrittfolgen sei dabei der Beginn der Meditation, auch der Introspektion. Tanzend erfährt der Mensch u. a. auch die Endlichkeit des Lebens, seine Unvollkommenheit und Zerbrechlichkeit.Regina Haß: Ein Spiegel der Wirklichkeit. In: Lernort Gemeinde, Beiträge zur Gemeindepädagogik aus dem Evangelischen Zentrum Rissen, Hamburg, I/1994, S. 11 f.
Tanz könne auch eine Form interreligiöser Begegnung sein jenseits von Verbalisierung und Rationalität.Rolf Heinrich: Leben in Religionen – Religionen im Leben, Interreligiöse Spuren. Münster 2005, S. 211.
In der (evangelischen) Kreuzkirche in Marl-Sinsen gibt es seit kurzem einen tanzenden Jesus am Kreuz (hergestellt von Friedhelm Schmidt, Marl) über dem Altar, also an zentraler Stelle des Gottesdienstes ein Symbol für einen dynamischen Jesus Christus (April 2012).Marler Zeitung, 10. April 2012. idea Spektrum, 3. Mai 2012. Unsere Kirche, 17. Juni 2012.
Geschichte
Altertum
mini|links|Ägypten, um 1400 v. Chr. mini|hochkant|„Tänzerin von Pergamon“, 2. Jh. v. Chr. Die ältesten erhaltenen Dokumente des Tanzens sind indische Höhlenmalereien, die im Zeitraum zwischen 5000 und 2000 v. Chr. entstanden; eine Malerei in den Höhlen von Bhimbetka zeigt eine Reihentanzformation.Bild aus den Höhlen von Bhimbetka: Tanzformation. Darstellungen der frühesten Formen des Hinduismus zeigen den Gott Shiva als Natraj, den „König des Tanzes“. In Indien findet sich mit dem zwischen 400 und 200 v. Chr. entstandenen Natyashastra, der „heiligen Wissenschaft des Tanzes“, das einflussreichste Frühwerk zum Thema Tanz.
Im antiken Ägypten gab es rituelle Tänze, die Tod und Wiedergeburt des Gottes Osiris darstellten und die angeblich technisch so anspruchsvoll waren, dass sie nur von professionellen Tänzern ausgeführt werden konnten.
Die alten Griechen systematisierten den Tanz nach Gottheiten und den mit ihnen verbundenen Gefühlsausdrücken. Als wichtiges Zeitzeugnis gilt Homers Beschreibung des Tanzes Chorea in der Ilias aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. Ekstatische Tänze waren Teil der Dionysien, aus denen sich später Drama und Komödie entwickelten. In diesen Theaterformen spielte oft ein Chor mit, dessen Bewegungen als sogenannte Choreografie in den Stücken vermerkt wurde; hieraus entwickelte sich der moderne Begriff Choreografie. Terpsichore ist die Muse für Chorlyrik und Tanz.
Mittelalter
Renaissance und Barock Im frühen 15. Jahrhundert wurde der Gesellschaftstanz gemischter Paare an den meisten europäischen Höfen zum beliebten Zeitvertreib. Das Auftreten der ersten Hoftanzmeister und das Erscheinen der ersten Tanzhandbücher unterstreichen die Tatsache, dass der Tanz Teil des adligen Lebensstils wurde. Der Hofdichter Antonio Cornazzano (1429–1484), schrieb außer zahlreichen anderen Schriften auch ein Libro sull’arte del danzatore (um 1455). Der danse basse, während der ganzen Renaissance in Mode, war im Wesentlichen ein Prozessions-Tanz mit würdevollen zeremoniellen Bewegungen, die auch die Damen in ihren unbequemen Kleidern ausführen konnten. Zu den beliebtesten Tänzen dieser Art zählte die Pavane („Pfauentanz“).
Die Fröhlichkeit und Neigung zu freieren Sitten des frühen 16. Jahrhunderts führte dann zur Einführung des danse haute, der schnellere Bewegungen, Sprünge und körperliche Beweglichkeit forderte. Der erste derartige Tanz (früher auch DanzVgl. etwa Helmut Mönkemeyer (Hrsg.): Nürnberger Lautenbuch. Handschriftliche Tabulaturensammlung um 1600. Teil IV (= Die Tabulatur. Band 26). Friedrich Hofmeister, Hofheim am Taunus 198ß (= FH. Band 4575), S. 140–147. geschrieben) war die Galliarde aus Italien, die meistens ohne Anfassen der Hände mit verschiedenen Schritten und Sprüngen getanzt wurde. Die Galliarde folgte in der Regel nach der Pavane. Auch die Volta war eine beliebte danse haute, bei der der Mann seine Partnerin drehte und sie auf sein Knie hob. Auch Courante, Allemande und die sehr beliebte Gavotte des 17. Jahrhunderts zählten dazu.
In Lautentabulaturen des 16. Jahrhunderts finden sich der Tanz (im deutschsprachigen Raum oft „Tantz“ oder „Dantz“ geschrieben) als Instrumentalstück bzw. instrumentale Begleitung. So etwa als Tantz (oder auch Affen Tantz und Der stifl Tantz) im Lautenbuch des Stephan CrausKateryna Schöning: Unbekannte genuine Instrumentalsätze aus der Lautentabulatur des Stephan Craus (A-Wn, Mus. Hs. 18688): schriftlos – skizziert – gedruckt. (PDF) In: Acta Musicologica. Band 90, Nr. 1, 2018, S. 25–55. oder im Werk von Hans Judenkönig aus der ersten Hälfte des 16. JahrhundertsHubert Zanoskar (Hrsg.): Gitarrenspiel alter Meister. Original-Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Band 1. B. Schott’s Söhne, Mainz 1955 (= Edition Schott. Band 4620), S. 9 und 16 f. (Tantz), 13 (Schniert schuech. Affen Tantz) und 16 (Der stifl Tantz) sowie 19 (Ain niederländisch runden Dantz in Ain schone kunstliche underweisung von 1523). oder als Rossina (ein welscher Tanz) in Ain schone kunstliche underweisung von Hans Judenkönig, aber auch in anonymen AufzeichnungenVgl. etwa Adalbert Quadt: Lautenmusik aus der Renaissance. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1 ff. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1967 ff.; 4. Auflage ebenda 1968, Band 2, S. 8–58, passim (verschiedene Tänze). (etwa der Welsche Tanz in einer Lautenhandschrift).Heinz Teuchert (Hrsg.): Meister der Renaissance (= Meine ersten Gitarrenstücke. Heft 3). G. Ricordi & Co. Bühnen- und Musikverlag, München 1971 (= Ricordi. Sy. 2201), ISBN 3-931788-33-4, S. 4–5 und 15. Für die Barockgitarre schrieb der Spanier Gaspar Sanz Tänze in seinem ab 1674/1675 publizierten Lehrwerk,Jerry Willard (Hrsg.): The complete works of Gaspar Sanz. 2 Bände (Band 1: The complete musical contents of Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarra Española. […]. Band 2: A selection of over forty-five musical gems from Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarre Española, presented in arrangements for the modern classical guitar. Amsco Publications, New York 2006 (Übersetzung des Originaltextes ins Englische durch Marko Miletich), ISBN 978-0-8256-1695-2, Band 1, S. 28 ff. darunter etwa der Dance de las hachas („Tanz der Äxte“),www.youtube.com. der Matachin und die Tänze Rujero, Torneo und Paradetas, Marionas sowie Baile de Mantua („Mantua-Tanz“) und andere mehr.Jerry Willard (Hrsg.): The complete works of Gaspar Sanz. Band 1, S. 34 (Dance de las hachas), 52 (Dance de las hachas) und 111 (Las hachas), 41 (Rujero), 114 (Rujero), 54 (Torneo; englisch: tournament), 46 (Las Paradetas), 115 (Paradetas), 133–136 (Marionas) und 47 (Baile de Mantua) sowie 116 (Matachin) und etwa S. 146–149 (Pavana por la con partidas al aire Español, una jiga Inglesa y bailete Frances).