mini|Tony Blair (2019) rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image|Tony Blair (2019)
Sir Anthony „Tony“ Charles Lynton Blair KG, PC (* 6. Mai 1953 in Edinburgh, Schottland) ist ein britischer Politiker. Er war von 1994 bis 2007 Vorsitzender der Labour-Partei und von 1997 bis 2007 Premierminister des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland.
Blair wurde im Juli 1994 nach dem plötzlichen Tod von John Smith Parteivorsitzender. Unter seiner Parteiführung gewann Labour am 1. Mai 1997 die britische Unterhauswahl und beendete damit die 18-jährige Regierungszeit der Konservativen Partei. Blairs Amtszeit wurde die längste aller regierenden Premierminister der Labour-Partei, und er führte seine Partei als einziger zu Wahlsiegen in drei aufeinanderfolgenden Wahlen. Zusammen mit Gordon Brown und Peter Mandelson näherte Blair die Labour-Partei der „politischen Mitte“ an. Er vertrat eine Politik des freien Marktes und die Abgrenzung vom Kollektivismus unter den Schlagworten „New Labour“, „moderne Sozialdemokratie“ und „Dritter Weg“. Er schrieb 1995 die Clause IV des Parteiprogramms der Labour-Partei um, das bis dahin – seit 1918 – die Forderung nach „Verstaatlichung der Schlüsselindustrien“ enthielt.
Seine Innenpolitik war gekennzeichnet durch die Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Bildung bei gleichzeitiger Einführung marktorientierter Reformen. Ferner steht die Amtszeit Blairs für die Einführung eines Mindestlohns, von Schulgebühren zur Verbesserung der Ausbildung, Verfassungsänderungen, wie der Einführung der Home Rule in Schottland und Wales, und einen Fortschritt im Friedensprozess in Nordirland. Die britische Wirtschaft wuchs damals. Blair orientierte sich an der konservativen Leitlinie, die Einkommensteuer nicht zu erhöhen.
Seit dem Beginn des Anti-Terror-Kampfs nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 unterstützte Blair vehement die Außenpolitik der US-Regierung unter George W. Bush. Britische Truppen nahmen an Einsätzen in Afghanistan ab 2001 und im Irak ab 2003 teil. Blair und seine Regierung wurden für diese Unterstützung teils heftig kritisiert; er wurde von britischen Zeitungen und Oppositionspolitikern „Bush's poodle“ (Bushs Pudel) tituliert.Thomas Eason: Introducing Myth to Foreign Policy Analysis: The Blair Poodle Myth and Its Impact on Constructions of the “Special Relationship”. In: Foreign Policy Analysis, Volume 19, Issue 4, October 2023,
Am 6. Juli 2016 wurde in London der Untersuchungsbericht der Chilcot-Kommission zur britischen Rolle im Irak-Krieg veröffentlicht. Der Bericht legt nahe, Blair habe trotz Warnungen führender britischer Juristen mit dem Irakkrieg gegen das Völkerrecht verstoßen und womöglich Kriegsverbrechen begangen.Tagesschau: "Blair gab Marschbefehl trotz klarer Warnungen", abgerufen am 6. Juli 2016
Am 7. September 2006 kündigte Blair öffentlich an, vom Amt des Parteichefs zurückzutreten.Anmerkung: Im UK sind das Amt des Parteivorsitzenden und das des Premierministers aneinander gekoppelt. Blair kündigte damit also implizit seinen Rücktritt als Premierminister an. Am 27. Juni 2007 trat Blair vom Amt des Premierministers zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Schatzkanzler Gordon Brown, der wenige Tage zuvor auch zum Labour-Vorsitzenden gewählt worden war. Nach seinem Rücktritt wurde Blair publizistisch und beratend tätig und bekleidete weitere politische Ämter. Er geriet nach seinem Rücktritt wegen diverser geschäftlicher Aktivitäten und der Affäre um die Pandora Papers in den Verdacht der Steuervermeidung und in die öffentliche Kritik.
Leben Herkunft und Ausbildung Blair wurde 1953 als zweites von drei Kindern von Hazel und Leo Blair geboren. Die Mutter Hazel (geborene Corscadden) wurde 1923 in Ballyshannon im Nordwesten Irlands geboren; die Familie zog jedoch bald nach Glasgow, und Hazel arbeitete als Schreibkraft in der Glasgower Zweigstelle der staatlichen Sozialversicherung.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 5 f. Blairs Vater, ebenfalls 1923 geboren, war das illegitime Kind zweier Varieté-Schauspieler, die ihren Sohn bei Mary und James Blair zur Fürsorge abgaben.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 6. Im Zweiten Weltkrieg stieg er zum Offizier auf. Er studierte nach Kriegsende in Edinburgh an der Edinburgh University Rechtswissenschaften,Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 4–5. unterrichtete dann Rechtswissenschaften und wurde später Rechtsanwalt. Die Familie zog 1954 nach Adelaide in Australien, wo sein Vater Rechtswissenschaft an der dortigen Universität lehrte. Die Familie kehrte 1958 ins Vereinigte Königreich zurück.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 9–10. Tony Blair verbrachte den größten Teil seiner Jugend in Durham (Nordengland). Leo Blair hatte 1945 die Labour Party gewählt, war 1947 der Konservativen Partei beigetreten.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 8. Er strebte vor der Unterhauswahl 1964 eine Kandidatur für einen Sitz im britischen Unterhaus an, erlitt aber einen schweren Schlaganfall.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 11. Während John Rentoul, der Biograph Tony Blairs, dieses Ereignis als Triebfeder von dessen politischem Ehrgeiz ansah, widersprach Giles Radice dieser Einschätzung und sah eher spätere Ereignisse, etwa Tony Blairs Heirat mit einer als ehrgeizig geltenden Frau, als treibende Kraft.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 6.
Blair besuchte das renommierte Fettes College in Edinburgh.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 13. Dort war er zunächst im Arniston-Haus des progressiven Lehrers Eric Anderson untergebracht. Blair galt hier als zugleich rebellischer und kreativer Schüler, der seine Haare länger wachsen ließ als üblich und Theater spielte. Im letzten Jahr wurde Anderson von dem autoritären Bob Roberts ersetzt, der Blair und zwei andere Schüler wegen „anhaltender Renitenz“ mit dem Stock züchtigte, was in dieser Zeit bereits als ungewöhnlich harte Bestrafung galt.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 7–8. Auf Blair hatten diese Erfahrungen einen tiefen Eindruck, er äußerte sich noch Jahre später äußerst negativ über seine Zeit am Fettes College. Dennoch schloss er die Schulzeit mit drei A levels ab. Danach studierte er Rechtswissenschaften am St John’s College in Oxford.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 13–14. Seine Laufbahn dort gilt als unauffällig, er schloss mit einer guten „second“ ab. Später bekannte er, statt Jura hätte er lieber Geschichte studiert.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 8. In seiner Freizeit spielte Blair Gitarre und sang in einer Rockband namens „Ugly Rumours“ (deutsch: „Hässliche Gerüchte“).Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 21. Seine Biographen heben sein politisches Desinteresse in diesen Jahren hervor; Blair habe sich neben Schauspiel und Musik vor allem mit religiösen Ideen beschäftigt.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 22.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 349 Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 8–9. Zudem sei sein Hintergrund schwer zu fassen gewesen; John Campbell bezeichnete ihn als wurzellos.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 348. Der frühe Tod seiner Mutter, die er verehrt haben soll, wird von seinen Biographen als prägendes Erlebnis beschrieben, das Blair zu Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit verhalf.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 23–24. Nach seinem Studienabschluss im Jahr 1975 lernte er Alexander „Derry“ Irvine kennen, einen renommierten schottischen Anwalt, der 1970 erfolglos für die Labour-Partei kandidiert hatte, und trat in dessen Kanzlei in London eine Ausbildung an. Dort lernte er seine künftige Ehefrau, Cherie Booth, kennen.
Heirat und Familiengründung Tony Blair und Cherie Booth heirateten am 29. März 1980. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Euan Anthony Blair MBE (* 19. Januar 1984) Nicholas John Blair (genannt Nicky) (* 6. Dezember 1985) Kathryn Hazel Blair (* 2. März 1988) Leo George Blair (* 20. Mai 2000) Leo George Blair war seit 150 Jahren das erste Kind eines britischen Premierministers, das während dessen Amtszeit geboren wurde. Blairs ältester Sohn, Euan, schlug eine Geschäftskarriere ein und ist Mitbegründer der EdTech-Firma Multiverse. 2022 wurde er als MBE ausgezeichnet.Rupert Neate: Euan Blair: from PM’s son to £700m business and an MBE. In: Guardian Online, 17. April 2014. Abgerufen am 1. Juni 2022.
Blair ist der Patenonkel einer Tochter des US-amerikanischen Medienunternehmers Rupert Murdoch.Tina Kaiser: Affäre mit Blair. Murdoch spricht über Tagebucheinträge seiner Ex-Frau. In: Welt Online, 17. April 2014. Abgerufen am 17. April 2014.
Politische Karriere Kurz nach seinem Universitätsabschluss im Jahr 1975 trat Tony Blair in die Labour-Partei ein. Durch die Unterhauswahl 1979 wurde Labour zur Oppositionspartei (Premierministerin Margaret Thatcher setzte bis 1990 massive Reformen durch). Blair war in den frühen 1980er Jahren im Bezirk London-Hackney aktiv, wo er der „gemäßigten Linken“ angehörte. Ideologisch schwamm Blair in seinen Anfangsjahren einerseits mit dem Strom, andererseits stand er von Beginn an der von Tony Benn geführten „harten Linken“ feindlich gegenüber, die er wegen ihrer trotzkistischen Ideale als antidemokratisch ansah.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 13 f. Er versuchte erfolglos, als Kandidat für den Rat von Hackney aufgestellt zu werden. Über seinen Schwiegervater kam er in Kontakt mit Tom Pendry, einem Unterhausabgeordneten, den er um Unterstützung für seine politische Karriere bat. Pendry vermittelte Blair 1982 als Kandidaten für eine Nachwahl zum Unterhaus im Wahlkreis Beaconsfield. Dieser galt als sicherer Wahlkreis der Tories und Blair erhielt nur 10 Prozent der Stimmen. Blair wurde dadurch aber innerhalb der Labour-Partei bekannt.
Im Jahr 1983 gelang es Blair, Kandidat für Labour im neu geschaffenen Wahlkreis Sedgefield zu werden. Es war ein sicherer Wahlkreis für Labour, und so zog Blair trotz der verheerenden Niederlage seiner Partei bei den Unterhauswahlen im Juni 1983 ins Unterhaus ein.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 28.
Oppositionszeit im Unterhaus