Maryam bint al-Shaikh Uthman bin Fudi (auch mit dem Titel Inna Uwardeji, geb. 1810; gest. ca. 1880) war eine Gelehrte, Lehrerin und einflussreiche Person im Kalifat von Sokoto. Als jüngste Tochter des Kalifatsgründers Usman dan Fodio war sie für ihre Gelehrsamkeit und ihr Engagement im politischen und religiösen Leben von Sokoto und Kano bekannt. Sie studierte bei ihrem Vater und ihrer Schwester Nana Asma’u und engagierte sich später in Asma’us Frauenbildungsbewegung Yan Taru, welche sie schließlich leitete. Durch ihre Ehen, unter anderem mit dem Emir von Kano, Ibrahim Dabo, knüpfte Maryam Verbindungen zu führenden Familien des Kalifats und spielte eine vermittelnde Rolle in den Beziehungen zwischen Kano und Sokoto. Sie galt zudem als Expertin für Islamische Eschatologie, insbesondere in den Debatten um den Mahdi im späten 19. Jahrhundert.

Leben Jugend und Ausbildung Maryam wurde 1810, vermutlich in Sifawa (heute im Bundesstaat Sokoto, Nigeria), geboren.John O. Hunwick: Arabic Literature of Africa: The writings of Central Sudanic Africa. Vol. 2. E J Brill 1995: S. 175–176. Archivlink Sie war die jüngste Tochter von Usman dan Fodio, dem islamischen Gelehrten der Fulani, der das Kalifat von Sokoto gründete. Ab 1804 führte er einen Reform-Dschihad an, der 1808, zwei Jahre vor Maryams Geburt, endete. Über ihre Mutter Mariya, Usmans einzige Konkubine, ist wenig bekannt.Jean Boyd, Murray Last: The Role of Women as “Agents Religieux” in Sokoto. In: Canadian Journal of African Studies. vol. 19, is. 2. 1985: S. 283–300. jstor=484826 doi=10.2307/484826 ISSN 0008-3968

Maryams Familie war für ihre Gelehrsamkeit bekannt. Sie studierte bei ihrem Vater und ihrer Halbschwester Nana Asma’u, die ebenfalls eine angesehene Gelehrte und Dichterin war.

Um die Zeit von Maryams Geburt heiratete Asma’u den Wesir des Kalifats, Gidado dan Laima. Maryam selbst heiratete später Gidados Sohn aus erster Ehe, Muhammad Ade.Jean Boyd: The Caliph’s Sister: Nana Asma’u, 1793-1865, teacher, poet and Islamic leader. Routledge, Abingdon, Oxon 2013: S. 23. via: Internet Archive Archivlink ISBN 978-1-315-03523-9Murray Last: The Sokoto Caliphate. Humanities Press, New York 1967: S. 223. via: Internet Archive Archivlink Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, darunter eine Tochter namens Ta Modi (die ebenfalls „Maryam“ hieß). Später heiratete sie Ibrahim Dabo, den Emir von Kano (Regierungszeit 1818–1846), und zog anschließend in den Palast von Kano, wo sie eine Koranschule gründete. Nach Dabos Tod im Jahr 1846 soll sie Ade erneut geheiratet haben.M. G. Smith: Government In Kano, 1350-1950. Routledge, New York 2021: S. 390. Archivlink

Kalifatangelegenheiten Maryam war weder Dabos erste Frau, noch stammte die Dynastie von ihr ab, dennoch erlangte sie großen Einfluss in den Angelegenheiten von Kano. Als ihr Mann starb und sie nach Sokoto zurückkehrte, suchten die Kalifen ihren Rat in Bezug auf die Beziehungen zum bedeutenden Emirat Kano. Als Kalif Ahmadu Rufa’i plante, Emir Abdullahi, Dabos Sohn, abzusetzen, wandte sich der Emir an sie, um den Kalifen davon abzubringen. Abdullahi drohte sogar mit einer Revolte, doch Rufa’i willigte schließlich ein, ihn an der Macht zu belassen.

Nach dem Tod von Emir Abdullahi im Jahr 1882 konnten sich Kalif Umaru und sein Wesir Abdullahi Bayero nicht einigen, wer zwischen Dan Lawan Yusufu und Abdullahis Bruder Yusufu, der als Galadima abgesetzt worden war, die Nachfolge antreten sollte. Beide hatten ihre Favoriten und lehnten den Kandidaten des jeweils anderen ab. Um die Pattsituation zu lösen, schlug Maryam Mamman Bello, Dabos Sohn und Abdullahis jüngeren Bruder, vor. Sowohl Umaru als auch Bayero sollen erleichtert gewesen sein und Bellos Ernennung zum Emir von Kano gebilligt haben.

Maryam galt in Sokoto als Expertin für das Erscheinen des Mahdi. Ihr Wissen zu diesem Thema gewann große Bedeutung, als 1881 der sudanesische Mahdi, Muhammad Ahmad, ausgerufen wurde. Dies führte zu einer weit verbreiteten Auswanderung aus dem Kalifat in den Osten, darunter auch der Prinz von Sokoto, Hayatu bin Sa’id, der ihr schrieb und sie zur Auswanderung aufforderte.R. A. Adeleye: Power and diplomacy in Northern Nigeria, 1804-1906; the Sokoto Caliphate and its enemies. Humanities Press, New York 1971: S. 105. via: Internet Archive Archivlink ISBN 978-0-391-00169-5 Besorgt über die Auswanderungswelle aus Kano wandte sich Emir Bello an Maryam und bat sie um Rat bezüglich des Zeitpunktes der Erscheinung des Mahdi. In ihrem Brief, Wathiqa ila amir Kanu fi amr al-mahdi, schrieb sie:

Yan Taru-Bewegung und Tod Maryam engagierte sich in Nana Asma’us Yan Taru, einer Bewegung zur Bildung von Frauen im Kalifat. Asma’u führte ihre Schülergruppe (Jajis) an, um „Sufi-Lehren über Spiritualität, Ethik und Moral im Umgang mit sozialen Verantwortlichkeiten bis in die untersten Schichten der Gesellschaft zu verbreiten“ („Sufi teachings about spirituality, ethics, and morality in the handling of social responsibilities seeped down to the lowest strata of the communal fabric“). Nach Asma’us Tod im Jahr 1864 übernahm Maryam die Leitung der Bewegung und nahm den Titel „Uwardeji“ an. Der Titel bedeutete „Hüterin der königlichen Kinder“ („custodian of royal children“) und wurde als Beiname für den wichtigen Gobir-Titel Inna verwendet.Beverly Blow Mack: One woman’s Jihad: Nana Asma’u, scholar and scribe. Indiana University Press, Bloomington, Indianapolis 2000: S. 178. via: Internet Archive Archivlink ISBN 978-0-253-33707-8 In ihrem Haus in Hubbare, dem ehemaligen Königshof ihres Vaters, seinem Grabmal, versammelten sich Frauen aus verschiedenen Dörfern und erhielten von ihr – wie zuvor von Asma’u – sowohl moralische als auch akademische Unterweisung. Zu den weiteren Aktivitäten gehörten das Singen besonderer Lieder, das Zelten im Freien und der Besuch verehrter Schreine.

Maryam starb in den 1880er Jahren.Mauro Nobili: Risāla min Maryam bint Fūdī ilā al-ibn. A brief contribution to the study of 19th century Nigeria eschatology. In: Collectanea Islamica. 2012. doi=10.4399/97888548566845 ISBN 978-88-548-5668-4 academia.eduChukwuma Azuonye: Feminist or Simply Feminine? Reflections on the Works of Nana Asmā’u, a Nineteenth-Century West African Woman Poet, Intellectual, and Social Activist. In: Meridians. vol. 6, is. 2. 2006: S. 54–77. ISSN 1536-6936 jstor=40338702 Ihre Tochter Ta Modi übernahm die Leitung der Yan-Taru-Bewegung, welche bis heute aktiv ist.Jean Boyd, Beverly Mack: Collected Works Of Nana Asmau Daughter Of Usman Dan Fodiyo 1793. Michigan State University Press 2022-11-23: S. 65. Archivlink

Einzelnachweise

Kategorie:Person des Islam (Nigeria) Kategorie:Schullehrer Kategorie:Dan Fodio (Familie) Kategorie:Geboren 1810 Kategorie:Gestorben im 19. Jahrhundert Kategorie:Frau