mini|Abanindranath Tagore: Bharat Mata (1905) Die Bengal School of Art ist eine indische Kunstbewegung der frühen Moderne und eine Stilrichtung der Malerei. Sie entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem in Bengalen, insbesondere in Kalkutta und Shantiniketan. Die Bewegung strebte eine bewusste Abkehr von den an vielen Kunstschulen Indiens gelehrten europäischen akademischen Lehrmethoden an. Sie betonte stattdessen die Wiederbelebung traditioneller indischer und asiatischer Maltechniken und Bildthemen als Teil eines kulturellen Nationalismus.

Geschichte Die Wurzeln der Bewegung liegen im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Wichtige Impulse kamen aus der Reformpädagogik und dem kulturellen Nationalismus. Der britische Kunstpädagoge E. B. Havell spielte eine wesentliche Rolle bei der Reform der Lehrmethoden an der Calcutta School of Art. Er ermutigte die Studierenden, sich an der traditionellen Miniaturmalerei des indischen Subkontinents zu orientieren, statt europäische akademische Vorbilder zu kopieren. Parallel dazu entwickelte Abanindranath Tagore um 1905 eine künstlerische Praxis, die Elemente der Mogul- und Rajput-Miniaturmalerei, Tempera- und Gouache-Techniken sowie eine poetisch-nationale Ikonografie verband. Sein Bild Bharat Mata wurde zu einem frühen Symbol des kulturellen Patriotismus. Die Bengal School of Art vernetzte sich auch mit Shantiniketan, wo Rabindranath Tagore kulturelle Institutionen förderte und Künstler wie Nandalal Bose einflussreich wirkten.

Stilistische Merkmale und Themen Die Bengal School zeichnete sich durch mehrere wiederkehrende Merkmale aus:

Orientierung an indischen Miniaturmalerei Traditionen (Mughal, Rajput), reduzierte Farbpalette, eine poetisch-lyrische Bildsprache. bevorzugte Techniken wie Aquarell, Gouache und Tempera sowie Themen aus indischer Mythologie, religiösen Bildformen und ländlichem Leben.

Formal suchten die Künstler häufig nach einer spirituellen, nicht naturalistischen Bildwirkung als Gegenmodell zur westlichen Auffassung von Naturalismus und Realismus. Gleichzeitig experimentierten sie mit einer Synthese aus indischen und ostasiatischen Einflüssen, beispielsweise aus japanischen Grafiktraditionen.

Institutionen, Vermittlung und Rezeption Die Bewegung war eng mit Bildungseinrichtungen und kulturellen Netzwerken verbunden. Die Calcutta School of Art (später Government College of Art and Craft) sowie Institutionen in Shantiniketan und Ausstellungsorte in Kalkutta förderten die Verbreitung. Britische Unterstützer wie E. B. Havell trugen zur institutionellen Grundlage bei, während indische Intellektuelle und Nationalisten die Werke oft als kulturelle Selbstbehauptung interpretierten. In den 1920er Jahren begann die Dominanz der Bengal School zugunsten vielfältiger moderner Strömungen zu schwinden. Ab den 1920er/1930er Jahren gewannen andere Modernismen und internationale Einflüsse an Bedeutung.

Die Zuschreibung einer homogenen, einheitlichen Bewegung namens „Bengal School“ wird in der Forschung teilweise kritisch hinterfragt. Einige Kunsthistoriker betonen die Heterogenität der beteiligten Künstler sowie die Vielstimmigkeit der ästhetischen Positionen. Andere sehen die Schule hingegen als eine bewusst konstruierte Reaktion auf koloniale Institutionen sowie als Diskursform, die nationale Identität visuell formuliert. Neuere Forschungen diskutieren außerdem die transregionale Vernetzung – beispielsweise Asienkontakte – sowie die Spannungen zwischen Nostalgie, Erneuerung und politischem Symbolismus. Viele der bekanntesten Werke sind in Museen wie der National Gallery of Modern Art in Indien sowie in Universitäts- und Privatsammlungen erhalten geblieben. In jüngerer Zeit hat sowohl in Indien als auch international das historische Interesse an dieser Bewegung wieder zugenommen. Es gibt vermehrt Ausstellungen, Katalogforschung und kritische Studien, die die Komplexität der Bewegung neu bewerten.

Literatur

Partha Mitter: Art and Nationalism in Colonial India: Occidental Orientations, Cambridge University Press, Cambridge; New York, 1994. Tapati Guha-Thakurta: The Making of New Indian Art: Artists, Aesthetics and Nationalism in Bengal, 1850–1920 (South Asian Studies, 52, Band 52) Cambridge University Press, Cambridge, 2008.

Weblinks

Encyclopædia Britannica MAP Academy Encyclopædia Britannica Abanindranath Tagore’s Bharat Mata: Bengal School painting and the idea of India The Bengal School and Cultural Nationalism The Bengal school of art and Nihonga (1902- 1928): Art toward a modern Asian identity

Einzelnachweise

Kategorie:Künstlergruppe (Bildende Kunst) Kategorie:Bildende Kunst (Indien) Kategorie:Kunst der Moderne Kategorie:Westbengalen