Wir (Originaltitel: Nous) ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2021 von Alice Diop. Er feierte auf der Berlinale 2021 Premiere und gewann dort zwei Auszeichnungen. Diop zeigt in dem Film Menschen und Orte entlang der Linie B der Pariser Stadtbahn, zwischen dem Flughafen Charles de Gaulle und Saint-Rémy-lès-Chevreuse.
Handlung Ein älteres Ehepaar und ihr ungefähr zwölfjähriger Enkel stehen, mit Ferngläsern ausgestattet, am Rande einer Waldlichtung. Sie beobachten einen Hirsch, der sich vorsichtig auf die Lichtung herauswagt. Aus dem Off hört man Zugrattern. Während die drei weißen Franzosen sich weiter ihrem Hobby widmen, wird es dunkel.
Der Automechaniker Ismael Soumaïla Sissoko steigt morgens aus einem Camper, den er als Schlafmöglichkeit nutzt. Anschließend geht er zur Arbeit. Während er auf einem öffentlichen Parkplatz am Motor eines Klienten schraubt, telefoniert er mit seiner Mutter in Mali. Er erzählt ihr, dass er sich in Frankreich nicht wohlfühle, da die weißen Franzosen ihn schlecht behandelten. Um seine Familie in Mali zu besuchen, müsse er erst seine Papiere „in Ordnung bringen“. Er verspricht der Mutter, ihr bald ein besseres Telefon zu schicken.
mini|alt=Eine Menschenmenge drängt sich im Eingangsbereich eines Vorortzugs|Menschenmenge vor einem RER B, Paris 2009 Pendler eilen frühmorgens zur Bahnstation Sevran-Beaudottes, um den ersten Zug zu nehmen. Die Menschen, die erst dicht gedrängt am Bahngleis warten und dann in den Zug steigen, sind fast ausschließlich dunkelhäutig. Aus dem Off erzählt die Regisseurin von ihrer verstorbenen Mutter Rokhaya, die als Reinigungskraft arbeitete. Auch sie nahm den ersten Zug zur Arbeit, während ihre Kinder noch schliefen. Nun werden Videoaufnahmen gezeigt, die Diops Schwester auf Hi8 von Familientreffen machte. Auf den Videos ist die Mutter nur in wenigen Einstellungen flüchtig zu sehen, was Diop bedauert. Die Episode endet mit einem Mitschnitt des Films Der Wilde, offensichtlich auch aus dem Videoarchiv von Diops Familie.
Anschließend zeigt der Film die jährliche Verlesung des Testaments Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Saint-Denis. Die Kathedrale ist voll besetzt, ausschließlich mit weißem, eher älterem Publikum. Die Menschen lauschen, teilweise kniend und sichtbar bewegt, der Lesung durch einen Priester. Anschließend besuchen die meisten Zuhörer die Krypta, in der die Gebeine von Ludwig XVI. liegen und wo eine Segnung durch einen weiteren Priester stattfindet.
Die nächste Episode beginnt mit einer abendlichen Außenaufnahme des Bahnhofs Gare de La Plaine Stade de France, ebenfalls in Saint-Denis. Aus dem Off erzählt die Regisseurin von einem Traum, der sich am alten Wohnort der Familie in Aulnay-sous-Bois abspielt. Während sie den Traum erzählt, nähert sich die Kamera in statischen Einstellungen der erwähnten Wohnanlage. Hier spielen auch Diops erste Videoaufnahmen, in denen sie ihren Vater, Ousmane Diop, kurz vor seinem Tod filmte: Der Vater sitzt zunächst auf einer Bank vor dem Haus. Dann trägt er Gebinde mit Wasserflaschen in die Wohnung und gibt seiner Tochter Anweisungen. In der nächsten Szene schildert er seine Ankunft aus Senegal in Frankreich im Jahr 1966. Er wirkt dabei schüchtern, knetet seine Hände und blickt nicht in die Kamera. Abschließend ist Ousmane Diop bei einer Fahrt im Regionalzug zu sehen.
Auch vor dem nächsten Kapitel ist wieder eine Totale auf Bahngleise zu sehen, ein Zug fährt vorbei. In einem Reihenhaus mit Garten kümmert sich Alice Diops Schwester als mobile Altenpflegerin um eine bettlägerige Bewohnerin. Anschließend fährt sie mit dem Auto zu weiteren Klientinnen und Klienten, mit denen sie sich freundlich unterhält und denen sie bei der Medikamenteneinnahme hilft. Die alten Leute erzählen aus dem Alltag und der Vergangenheit. Immer wieder sind Hausangestellte und Handwerker zu sehen, die für die Senioren kochen oder den Gartenzaun streichen.
Die nächste Episode zeigt die fast menschenleere Dauerausstellung der Shoah-Gedenkstätte Drancy. Diop filmt hier ohne Kommentar die Exponate. In einer Installation werden die letzten Briefe von jugendlichen Deportierten vorgelesen. Anschließend ist der Zeugen-Waggon zu sehen, ein Teil des Shoah-Mahnmals. Davor sitzt auf einer Parkbank, scheinbar unbeteiligt, ein Einwohner des Viertels La Muette. Auf der benachbarten Parkbank teilen sich drei junge Leute eine Shisha, etwas weiter entfernt befestigen zwei Arbeiter französische Flaggen an einem Laternenmast.
In einem älteren privaten Video filmt Diop die bereits leergeräumte Familienwohnung, offensichtlich nach dem Tod des Vaters. Danach sind spätsommerliche Wiesen vor der Hochhaussiedlung zu sehen. Aus dem Off erzählt Diop, dass ihre Eltern im Senegal begraben sind. Sie hätten in einen Begräbnisfond eingezahlt, der es Einwanderern ermögliche, in ihrer alten Heimat begraben zu werden. Als Diop ihrem Vater eröffnet habe, dass sie selbst nicht im Senegal begraben werden möchte, habe er nur geschwiegen. Nach diesem Einschub sind verschiedene Szenen mit Kindern und Jugendlichen zu sehen, die den Sommer in der Hochhaussiedlung und dem angrenzenden Park genießen. Sie beobachten Flugzeuge, spielen Uno, diskutieren, genießen die Sonne, fahren Rad und hören Édith Piaf. Die letzte Szene der Episode besteht wieder aus einem Familienvideo, in dem Diops Vater erklärt, dass er gern in den Park gehe, um zu joggen und die Wasservögel zu beobachten. Auch hier sieht und hört man in der Ferne den RER B vorbeifahren.
In der folgenden kurzen Episode beobachten Kinder und junge Leute aus der Hochhaussiedlung ein Feuerwerk.
Anschließend ist ein Steinhaus zu sehen, das am Fluss Yvette in der Nähe der Bahngleise liegt. In der Bibliothek des Hauses sitzt Alice Diop mit dem Schriftsteller Pierre Bergounioux und macht Probeaufnahmen für die folgende Szene. Bergounioux liest aus seinem Tagebuch, während Diop neben ihm sitzt. In der Nähe des Hauses fährt der Vorortzug vorbei. Zur lesenden Stimme Bergounioux’ aus dem Off werden nun Menschen in einem herbstlichen Park gezeigt. Danach sieht man wieder Diop und den lesenden Bergounioux, wobei das Aufnahmemikro gut sichtbar über dem Kopf des Autors hängt. Diop und Bergounioux unterhalten sich darüber, dass sie beide die „kleinen Leute“ sichtbar machen wollen, die in Literatur und Film normalerweise nicht gezeigt werden. Als eines der ersten Beispiele, in denen Leute aus dem Volk in der Literatur eine Rolle spielten, nennt Bergounioux das Stück Don Juan von Molière. Ab dem 18. Jahrhundert tauchten verstärkt gewöhnliche Menschen in der Literatur auf. In letzter Zeit habe das „digitale Kino“ mit seinen niedrigen Produktionskosten dafür gesorgt, dass öfter von „kleinen Leuten“ erzählt werde.
Im letzten Kapitel des Films wird wieder das ältere Ehepaar mit seinem Enkel gezeigt, das bereits zu Filmanfang vorgestellt wurde. Zunächst sind sie wieder mit dem Fernglas im Wald unterwegs, um Tiere zu beobachten. Anschließend werden sie als Teilnehmer einer – nur aus Weißen bestehenden – größeren Jagdgesellschaft gezeigt.
Im Abspann widmet Alice Diop den Film dem Schriftsteller und Verleger François Maspero, dessen Buch Les passagers du Roissy Express sie gelehrt habe, zu „sehen und zu lieben“, was vor den eigenen Augen liegt.
Kritik In der International Cinephile Society beschrieb Marc van de Klashorst Wir als „an der Oberfläche geradlinig beobachtenden Film“, der seine Botschaft mit der persönlichen Geschichte der Filmemacherin verbinde. Der Film zeige, dass der Begriff „Wir“ für mehr stehe als nur die weiße Bevölkerung und dass die französische Gesellschaft diverser sei, als in der Geschichtsschreibung üblicherweise sichtbar werde.
Auf der Website des schweizerischen Festivals Visions du Réel merkt Javier Martin an, dass bereits François Maspero 1989 mit dem Vorortzug RER B vom Norden in den Süden Frankreichs fuhr. Die Strecke führe durch „Satellitenstädte, Industriegebiete und Wälder“ und biete gleichzeitig einen Blick auf die französische Gesellschaft. Nun betrachte Diop anhand derselben Zugstrecke „dieses aus Antagonismen und Widersprüchen bestehende multikulturelle Territorium, um ihm eine Stimme zu geben und seine Komplexität wiederherzustellen.“
In ihrer Besprechung für die Bundeszentrale für politische Bildung bemerkt Marguerite Seidel, dass Wir „systematisch die Perspektive der petits gens, der kleinen Leute, einnimmt, die lediglich die Nähe zur Bahntrasse und das wiederkehrende Geräusch des vorbeifahrenden Zuges verbindet.“
In einer Kritik für die Société Française d’Histoire Urbaine merkt Cédric Feriel an, trotz seiner Qualitäten wirke Diops Doku auf ihn verwirrend, es sei für ihn nicht klar, was die Regisseurin wolle. Sie sei eher an den mit Feingefühl eingefangenen einzelnen Situationen interessiert, weniger an deren Analyse.
Auszeichnungen Jury Berlinale Dokumentarfilmpreis 2021 Berlinale 2021, Jurypreis Encounters
Weblinks
Wir in voller Länge (auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung) Interview mit Alice Diop zu Wir, Filmmaker Magazine (2022) Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 2021 Kategorie:Französischer Film Kategorie:Dokumentarfilm