Sterne der Heimkehr ist der Titel eines 1923 publizierten Romans von Ina Seidel. Nach dem Ersten Weltkrieg treffen in einem südbayerischen Kurort junge Leute aufeinander, die auf der Suche nach ihrer Identität und dem Sinn des Lebens sind: Die Brüder Aage und Wolfgang stehen in der Spannung zwischen Aufbruch in andere Welten und der Sehnsucht nach ihrer Heimat. Für die Malerin Mathilde Mackens stellt sich die Emanzipationsfrage: die Entscheidung zwischen Kunst und Familie.
Inhalt Überblick Die in drei Teile gegliederte Romanhandlung spielt in einer Woche, vom 17. bis zum 24. Juni 1921, in Südbayern und wird im Wesentlichen aus den wechselnden Perspektiven der Hauptfiguren erzählt: Aage von Rungström, ein 23-jähriger Student aus Mecklenburg, die Malerin Mathilde Mackens und Aages Stiefbruder Wolfgang ten Maan, der als 14-Jähriger verschwunden und nach fünfjährigem Aufenthalt in Kaliforniern in der Kolonie des Baumeisters Lermoser mit diesem nach Deutschland zurückgekehrt ist. Diese Drei treffen im fiktiven Kurort Wiesbach andere Personen, Mathildes alten Freund Wendelin Oberhof, die reiche Witwe Loulou, die Tänzerin Tatjana Lund, den charismatisch-dämonischen Dichter Rubruk und Lermosers Enkelin Erdmuthe, und entwickeln ein kompliziertes Beziehungsgeflecht mit Liebesverwirrungen. Die vielen Gesprächs- und Diskussionshandlungen spielen vorwiegend im Freien, in sommerlichen Gärten, auf Wanderungen durch die Voralpen-Natur oder nachts bei einer Sommersonnenwendefeier in einem alten verwilderten Schlosspark.
Aage und Wolfgang Im ersten Teil steht der 23-jährige Student Aage aus dem fiktiven Marlin in Mecklenburg im Mittelpunkt. Die Handlung (Kap. 1) beginnt turbulent mit einer doppelten Verfolgungsjagd: Er wird, während er seinem Stiefbruder Wolfgang nachjagt, von seiner Geliebten Loulou, der vereinsamten jungen Witwe eines im Krieg gefallenen Autoreifenfabrikanten, in einer Kutsche verfolgt. Aage hat nämlich in seiner bayerischen Universitätsstadt in einem Fremden seinen seit sechs Jahren verschollenen Stiefbruder Wolfgang ten Maan entdeckt und eilt hinter ihm her: durch die Stadt und in die Musiksäle, wo die Tänzerin Tatjana Lund mit einer russischen Truppe gastiert. Die Anstrengung erschöpft ihn, eine Nachwirkung seiner nervösen Asthma-Erkrankung. Als er schließlich den Fremden anspricht, behauptet dieser, der holländische Architekt Pieter Steenbock aus Edam zu sein und lädt ihn zu einem nächtlichen Spaziergang durch den Augarten ein. Aage ist von der Natur affiziert: Der Mond scheint, der „bläuliche Glast der Nacht [steht] hoch jenseits der alten Wipfel, und zwischen den Stämmen zuck[en] die grünen Funken der Glühwürmer hin und her.“Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 19, 20. Er schwärmt von seinem „zu Hause“, wo jetzt die Nachtigallen die ganze Nacht singen, von ihrer „einzigen Heimat“ auf dem kleinen, von seinem ältesten Bruder geführten Gut Lohme und beklagt seine Beziehung zu der Kriegerwitwe Loulou, die ihn mit Geschenken an sich zu binden suche, von der er sich aber lösen wolle. Es sei ein „Kampf der Tugend mit der Versuchung“: „Sie spürt mich auf. Sie findet mich überall […] sie zwingt mich, zu kommen – mit Gedanken – was weiß ich. Ich komme dann…“Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 14, 23.
Sie vereinbaren eine gemeinsame Reise aufs Land, zu Pieters altem Lehrer Adam Lermoser in Wiesbach (Kap. 2). Am nächsten Tag überträgt Aage während der Bahnfahrt seine Flucht- und Aufbruchsstimmung, „er war ein gebändigter Drache, er trug eine dämonische, fragwürdige Gutmütigkeit zur Schau“, expressiv-metaphorisch auf die wilde Lokomotive, die lieber „mit unflätigem Gewieher aus den Bahnen gestürzt, mit der Stirn gegen […] den Pfeiler einer der Brücken gescheuert“ wäre.Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 28. Er singt zum Takt der Räder. Er fährt „in den Sommer, in die Schönheit, in die Freiheit, eines Gefährten Gefährte, [ist] erlöst, sich selber heimgegeben. Jener heiße, dunkle Blutstrom irgendwo in der Welt hinter ihm hatte nicht mehr Macht, ihn zu zwingen!“Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 31.
Im Dritter-Klasse-Abteil treffen die beiden auf andere Reisende: Tatjana Lund, ihre Mutter, ihr Impresario Augustus Palmer und Wendelin Oberhof, ein „eingeborener, der nach zehn Wanderjahren wieder nach Hause kommt […] und das ist wunderschön!“Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 37. Er ist Besitzer des Johannishofes und will dort seinen Freund Rubruk treffen. In Wiesbach erwartet ihn bereits seine Jugendfreundin, die Malerin Mathilde Mackens, die sich wie Aage und Tatjana im Hotel Herzogsschild einquartiert hat.
Am Tag nach der Ankunft (Kap. 3) ist Aage über das lang ersehnte Wiedersehen mit dem Bruder ernüchtert. Während er ihn in seiner Vorstellung „mit dem Glanz des Abenteuerlichen und Heldenhaften umgeben“ hat, steht Wolfgang jetzt in „eine[r] dünne[n] Luftschicht von Fremdheit und Undurchdringlichkeit.“ Aage erkennt, dass er sich wieder einmal zwischen den Polen der „verlockenden Abgründe[-] der Begeisterung und der Verzweiflung“ hin- und herbewegt.Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 50. Im Gespräch mit Mathilde arbeitet er die Geschichte seiner Familie auf, den Selbstmord des Vaters, seine Reisen mit der Mutter Brigitte ten Mann nach Italien und in die Schweiz zur Behandlung seines Asthmas und seiner Lungenschwäche, das Verschwinden des 14-jährigen Wolfgang aus einem Landerziehungsheim, sein vielleicht ererbter Wandertrieb, sein Pieter-Steenbock-Identitätsspiel und seine Seelenwanderungsgeschichte.
Von diesen Gedanken befreit wird Aage durch die an ihm vorbeiziehende Fronleichnamsprozession, an der auch Oberhof und Lermosers schöne Enkelin Erdmuthe teilnehmen. „[U]nter einem reinen, von leichtem Gewölk durchwehten, süßen Frühsommerhimmel“ fühlt er sich durch die Zeremonie in einen „traumhaften Betäubungszustand“ versetzt und spürt „die süße, dunkle Anziehung, die der katholische Kult von je für ihn besaß“.Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 64, 49.
Zu seinem Ärger ist ihm Loulou nach Wiesbach nachgereist und hat sich in der Nacht im Herzogsschild einquartiert. So verlässt er das Hotel und zieht zu Wolfgang in Lermosers Haus am See. Dort erzählt ihm der Meister seine Geschichte: Er konnte nach einer erfolgreichen Künstler- und Dozentenlaufbahn nicht länger im deutschen Kaiserreich leben und übersiedelte in die USA. 20 Jahre baute er für eine deutsche Kolonie bei San Franzisko Häuser und nahm vor fünf Jahren den Matrosen Pieter in seine Bauhütte auf. Jetzt schwärmt er „von der unsichtbaren Bauhütte – vom oberen Staat- von der ewigen Kirche und – vom heimlich wachsenden Deutschland“.Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 76. Ihre Unterhaltung wird vom Anblick Loulous unterbrochen, die Aage gefolgt ist, nackt im See badet und „dunkel und böse und zu ihnen [Aage, Pieter, Erdmuthe] hinüberblickt“. Das Mädchen erschrickt, ruft „was will sie mir tun?“ und läuft davon. „Sie [gehen] ihr nach, einer lichten Gestalt, die sie aus der unbewegten dämmerigen Schwüle des Parks hinausführt[-] in den von süßer Abendkühle durchwehten Garten der weißen Lilien“.Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 77 ff. Mathilde erklärt Aage, dem „im untersten Labyrinth des Eros Verirrte[n]“, seine ambivalente Beziehung zu Loulou psychoanalytisch als Projektion: „[I]n jedem Menschen, zu dem wir in eine leidenschaftliche Beziehung geraten, tritt uns verkörpert und leibhaftig eine Seite unseres Selbst entgegen.“Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 80, 79.
Im dritten Teil, der nach der Sonnenwendfeier spielt, wird die Geschichte Wolfgangs erzählt. Er wird immer wieder von einer irrealen Nachtangst vor einem Horoskop, Elsabes Testament, gequält: ein blinder Drang treibe ihn wie seinen Onkel, den jung verstorbenen Kapitän Robert ten Man, hinaus in die Welt. Deshalb sucht er unter dem Namen Pieter Steenbock eine neue Identität und will nach dem Vorbild seines Meisters ein erfolgreicher Architekt werden (Kap. 2). Dies gelingt jedoch bei einem Wettbewerb um den Bau eines Gefallenenehrenmals nicht. Er gibt seinen Identitätstausch auf und kehrt, nachdem er seine Liebesverwirrung mit Loulou in einem Delirium-Ausbruch verarbeitet hat, am Ende des Romans mit Aage zur Mutter nach Mecklenburg zurück.
Mathilde Mathilde hat sich als 20-Jährige in ihrer kurzen schwärmerischen Beziehung dem gleichaltrigen Wendelin Oberhof, obwohl keine Verlobung oder spätere Ehe vereinbart wurde, eine unausgesprochene „seltsam phantastische Treue“ geschworen,Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 88. als er aus Abenteuer- und Reiselust ins Ausland aufgebrochen ist. Seine Rückkehr verzögerte sich immer wieder, wie aus seinen wenigen Briefen hervorging. Jetzt ist er nach zehn Jahren aus Ostafrika zurückgekehrt und übernimmt nach dem Tod der Eltern den Johannishof (Kap. 1). Mathilde ist inzwischen eine bekannte Malerin geworden und merkt beim ersten Wiedersehen sofort, dass sich beide auseinanderentwickelt haben und dass Wendelin kein Interesse mehr an Dichtung, Kunst und den Philosophien von Nietzsche und Marx hat: „Das alles war ja Theorie – schöne Theorie […] die Tat -auf die kommt heute alles an“.Ina Seidel: Sterne der Heimkehr. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1961, S. 95.