Der Breitspur-Panzerzug 1, (estnisch: Laiarööpmeline Soomusrong nr. 1, kurz: LRSR) oder auch Panzerzug Kapten Irv, war ein estnischer Breitspur-Panzerzug aus der Zeit des Estnischen Freiheitskrieges und wurde ab November 1918 eingesetzt.

Geschichte mini|Das Mützenabzeichen der Besatzung des Breitspur-Panzerzug 1 Als die Sowjetunion am 13. November 1918 den Friedensvertrag von Brest-Litowsk annullierte, waren die angrenzende Länder alarmiert und begannen mit der Mobilmachung. In Estland ging diese nur schleppend voran und als am 22. November 1918 der erste Angriff auf Narva stattfand, war die Mobilmachung dringender denn je. Der erste Angriff konnte noch von deutschen Besatzungstruppen zurückgeschlagen werden, welche sich jedoch kurze Zeit später absetzten. Am 27. November 1918 war eine Patrouille des Tallinner Verteidigungsbundes am Güterbahnhof in Tallinn unterwegs und entdeckte einen Panzerzug, welcher von den deutschen Besatzungstruppen zurückgelassen wurde. Dieser Panzerzug bestand aus zwei Kanonenwagen und einigen, mit Sand oder Eisenplatten gepanzerten Güterwagen. Umgehend wurde der Panzerzug übernommen und der Hauptmann Karl Parts wurde der erste Kommandant. Unter der Leitung von Johan Pitka wurde der Panzerzug bis zum 29. November 1918 wieder aufgebaut und in Dienst genommen. Bereits am 30. November 1918 rollte er zur Unterstützung an die Viru-Front.

Technische Daten Infanteriewagen Die Infanteriewagen des Breitspur-Panzerzug 1 waren ehemalige Güterwagen. Auf diesen Wagen wurden 1,27 cm dicke Eisenplatten aufgeschraubt, um einen gewissen Panzerschutz zu bieten. Da diese jedoch nicht ausreichte um gegen Panzerabwehrgeschosse zu bestehen, wurde auf halber Höhe der Wagen eine Zwischenwand eingebracht. Der 30 cm große und leere Zwischenraum wurde danach mit Sand aufgefüllt, um den Panzerschutz zu erhöhen. Kurz unterhalb der Decke befanden sich Schießscharten für die Handwaffen der Infanterie. Um die Wagen gegen die Witterung einigermaßen zu schützen, befand sich in der Mitte der Wagen ein eiserner Ofen. Um den Komfort für die Besatzung einigermaßen zu verbessern, befanden sich an den Wänden mehrere Holzbänke. Die Besatzung der Infanteriewagen bestand im Sommer 1919 aus 239 Soldaten.

Kanonenwagen mini|Frontansicht des Kanonenwagen Pisuhänd mit der Besatzung Der Breitspur-Panzerzug 1 verfügte über zwei Kanonenwagen. Einer davon bekam von der Besatzung den Namen Pisuhänd und war mit einer 7,62-cm-Feldkanone 1902 in einer Radlafette ausgerüstet. Der zweite Kanonenwagen erhielt den Namen Wambola und war mit einer 10,7-cm-Kanone von Schneider & Cie in einer Drehringlafette auf dem Dach ausgestattet.

Maschinengewehrwagen Die beiden Maschinengewehrwagen des Breitspur-Panzerzug 1 waren mit jeweils 14 Maschinengewehren ausgerüstet.

Einsatz Nachdem der Panzerzug wieder aufgebaut wurde, rollte er am 30. November 1918 an die Front. Um 15:00 Uhr verließ er den Güterbahnhof Kopli in Tallinn und fuhr in Richtung Narva. Noch am Abend erreichte er die Ortschaft Rakvere und verstärkte hier die 1. Division unter Generalmajor Aleksander Tõnisson und das 5. Infanterieregiment unter Generalleutnant Nikolai Reek. Am frühen Morgen des 2. Dezember verließ der Panzerzug Rakvere in Richtung Narva und erreichte um 8:00 Uhr den Bahnhof von Oru. Als der Panzerzug wenig später in der Nähe des Bahnhofes von Vaivara war, fand dort das erste Gefecht mit Truppen der Roten Armee statt.

Nachdem auch Lettland einen Unabhängigkeitskrieg gegen die Sowjetunion führte, bat die lettische provisorische Regierung Estland um militärische Unterstützung. Am 9. Oktober 1918 befahl der Oberbefehlshaber der estnischen Streitkräfte, der damalige General Johan Laidoner, dem Kommandeur der Panzerzugdivision, zwei Panzerzüge unter das Kommando der lettischen Streitkräfte in Riga zu unterstellen. Somit wurden der Breitspur-Panzerzug 1 und der Breitspur-Panzerzug 2 in Bewegung gesetzt. Kurze Zeit später, am 10. Oktober 1918, trafen die beiden Panzerzüge in Riga ein und unterstützten die lettischen Streitkräfte mit elf Kanonen, 60 Maschinengewehre und 400 Soldaten. Die lettische Regierung war kurz zuvor allerdings aus Riga evakuiert worden und der damalige Oberbefehlshaber der lettischen Streitkräfte, General Dāvids Sīmansons, der Premierminister Kārlis Ulmanis und der Außenminister Zigfrīds Anna Meierovics gaben bekannt, dass man Riga aufgeben wollte. Dennoch positionierte sich der Breitspur-Panzerzug 1 am Bahnhof Riga 1 und begann mit dem Beschuss von gegnerischen Stellungen.

Am 11. Oktober übernahmen die Panzerzüge die Verteidigung der Brücken und Übergänge über die Düna vor Riga. Aufgrund des Beschusses der gegenüberliegenden Seite mit den Kanonen der Panzerzüge, zwangen sie die gegnerischen Kräfte zum Ausweichen. Bis zum 13. Oktober hielten sie den Beschuss gezielt auf und begannen, zusammen mit Infanterie, eine Offensive und überquerten die Düna. Kurz nachdem die Panzerzüge die gegenüberliegende Seite erreichten, wurde eine der Brücken gesprengt. Dennoch bauten die Truppen einen Brückenkopf auf und konnten Gegenangriffe abwehren. Am 15. Oktober begannen beide Panzerzüge mit dem Beschuss der Gutshöfe Skading und Skrīveri, wobei es ihnen gelang, mehrere gegnerische Artilleriestellungen zu vernichten.

Am nächsten Tag beschossen die Panzerzüge die Eisenbahnstrecke zwischen Torensberg (lettisch: Torņakalns) und Jelgava, sowie die nahegelegene Schnellstraße. Weiterhin wurden gegnerische Stellungen bei Neuhof und Veissenhof unter Beschuss genommen. Am 17. Oktober kam es zu einem, den ganzen Tag andauernden, Feuergefecht am Ufer der Düna, welches in der Nacht unterbrochen und am 18. Oktober weiter geführt wurde. Dabei wurde der Breitspur-Panzerzug 1 von einer gegnerischen Granate getroffen, wobei drei Offiziere getötet und drei Offiziere und vier Soldaten verwundet wurden. In den folgenden drei Tagen beschossen beide Panzerzüge, zusammen mit den Bermondt-Avalov-Artillerieeinheiten, die gegnerischen Stellungen. Mit der Unterstützung der Panzerzüge gelang es den lettischen Truppen, die Initiative zu ergreifen und einen Gegenangriff zu starten. Daraufhin wurden die Panzerzüge nach Riga zurückbeordert und wurden am 23. Oktober wieder unter die Führung der estnischen Streitkräfte gestellt. Noch am gleichen Tag um 19:00 Uhr rückte der Breitspur-Panzerzug 1 in Richtung Valga ab und unterstützte die estnischen Streitkräfte an verschiedenen Frontabschnitten.

Als es am 23. April 1919 in der Nähe des Bahnhofes von Egle bei Strenči zu einem Gefecht kam, wurde der damalige Kommandant, Hauptmann Anton Irv, getötet. Zu Ehren des Kommandanten wurde ab dem 27. Januar 1919 der Panzerzug auch als Panzerzug Kapten Irv bezeichnet.

Nachdem der Freiheitskrieg 1920 gewonnen war, wurde der Breitspur-Panzerzug 1 hauptsächlich zur Ausbildung und Sicherung der Eisenbahnstrecken genutzt. Nach der Reorganisation der Panzerzugdivision wurde am 1. Februar 1921 die Panzerzugbrigade aufgestellt. Im Zuge dieser Reorganisation wurden die Infanterieeinheiten der Panzerzugdivision aufgelöst.

Zugpersonal Die ursprüngliche Besatzung des Panzerzuges am 30. November 1918 bestand aus insgesamt 122 Mann. Darunter waren 38 Offiziere, zwei Militärbeamte, ein Arzt, ein Feldwebel und 80 Unteroffiziere und Soldaten.

+ ArmeekommandeurDienstzeit Dienstgrad Name Bild 30. November 1918 –10. Dezember 1918 Hauptmann Karl Parts 100px 10. Dezember 1918 –23. Januar 1919 Hauptmann Anton Irv 100px 24. Januar 1919 –30. April 1919 Hauptmann Eduard Neps 100px 30. April 1919 –1920 Major Hans Raudsepp 100px3. von links 1920 Hauptmann Eduard Neps 100px September 1921 –März 1923 Leutnant Ernst Soomuste 1927 –1929 Oberstleutnant Hugo Kulbok August 1929 –November 1932 Oberstleutnant Paul Villemi 100px 1932 Oberst Karl Tallo 100px

Zugzusammensetzung mini|Auf diesem Foto von 1919 kann man die Zugzusammensetzung gut erkennen Der Breitspur-Panzerzug 1 bestand 1919 insgesamt aus 13 Wagen und einer Dampflokomotive. Die folgende Zugeinteilung wird von vorne nach hinten angegeben: Abstoßwagen Kanonenwagen Pisuhänd Maschinengewehrwagen Infanteriewagen Infanteriewagen Stabswagen Dampflokomotive Küchenwagen Infanteriewagen Maschinengewehrwagen

Siehe auch Panzerzug

Weblinks

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Panzerzug Kategorie:Estnischer Freiheitskrieg