Sandra Pingel-Schliemann (geb. 1973 in Lübz) ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin, Autorin und Ausstellungskuratorin.
Leben Pingel-Schliemann legte 1991 das Abitur in Lübz ab. Von 1992 bis 1997 studierte sie Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. In der Hamburgischen Bürgerschaft war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin von 1997 bis 2000 tätig. 2000 arbeitete sie als freie Mitarbeiterin des Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Mecklenburg-Vorpommern (Amtsbezeichnung seit 2018: Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur). Im selben Jahr wurde Pingel-Schliemann an der Universität Hamburg zum Dr. phil. promoviert. Ihre politikwissenschaftliche Dissertation trägt den Titel Observieren, zersetzen, liquidieren. Zersetzungsstrategien des Ministeriums für Staatssicherheit gegen 'feindlich-negative' Kräfte in der DDR. Die Studie wurde 2002 unter dem Titel Zersetzen. Strategie einer Diktatur veröffentlicht; die Autorin widmete das Buch Jürgen Fuchs.Zum Thema Zersetzung siehe exemplarisch auch ihre weiteren Beiträge: Leise Formen der Zerstörung (Vortrag am 23.5.2002); „Sie haben mich zum Verräter gemacht...“ Die Inszenierung von Gerüchten durch den DDR-Staatssicherheitsdienst, in: Deutschland Archiv, 15.11.2011; Zerstörung einer Familie. Fall einer DDR-Bürgerin, die zu ihrem Verlobten ausreisen wollte - Kombination von Zersetzungsmaßnahmen am Beispiel des Vorgangs „Verlobung“, in: Heute und Gestern - das Aufarbeitungsforum im Internet, 1/2021. 2003 bis 2005 war sie Lehrbeauftragte am Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg. In derselben Funktion war sie auch am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Rostock tätig.
Von 2001 bis 2005 war Sandra Pingel-Schliemann Referentin beim Norddeutschen Rundfunk (NDR). In diesem Zusammenhang erarbeitete sie zusammen mit der Historikerin Rahel Frank im Auftrag von NDR-Intendant Jobst Plog eine Studie zur Infiltration des NDR durch die DDR-Staatssicherheit. Die 2005 vorgelegte Arbeit trägt den Titel Giftspinne im Äther. Der Norddeutsche Rundfunk im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit 1950–1989. Die in Kooperation mit Marianne Birthler, der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, entstandene Untersuchung wurde infolge einer Klage gegen den NDR seitens ehemaliger Journalisten der Sendeanstalt letztlich jedoch nicht veröffentlicht.Die im Juni 2005 vorgestellte Studie sollte im Herbst 2006 als Buch erscheinen. Nach einer öffentlichen Kontroverse um die Darstellung des Handelns früherer NDR-Journalisten klagten drei von ihnen gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber vor dem Arbeitsgericht und dem Landgericht Hamburg. Die Untersuchung wurde daraufhin in Teilen korrigiert, aber nicht publiziert. Vgl. NDR muss Stasi-Studie korrigieren, in: Der Spiegel, 29.10.2005; Giftspinne. Der NDR und die Stasi, in. FAZ, 25.6.2006; Lutz Lehmann: Blamage für den NDR, in: Aktuell - Informationen für NDR-Beschäftigte, Verdi im NDR, 10.12.2006; NDR: Vor allem Lutz Lehmann verbreitet Stasi-Studie weiter - zu einem FAZ-Artikel vom 12. Dezember, NDR-Pressemitteilung v. 12.12.2006.
Weitere berufliche Stationen waren dann die Arbeit als Geschäftsführerin der SPD-Stadtratsfraktion in Schwerin, die Mitarbeit bei der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Mecklenburg-Vorpommern e. V. und bei dem – von der Amadeu Antonio Stiftung getragenen – Projekt „Lola für Lulu“ im Landkreis Ludwigslust.
2014 hat sie in einem Offenen Brief dem Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns, Erwin Sellering, widersprochen, der zuvor mehrmals betont hatte, die DDR sei für ihn kein Unrechtsstaat gewesen.Zur Debatte siehe etwa: Unrechtsstaat DDR: Merkel nennt Debatte „beklemmend“, in: FAZ, 8.11.2014.
Ein 2016 in Groß Thurow bei Gadebusch eingeweihtes Denkmal für den im Alter von zehn Jahren von einem DDR-Grenzpolizisten erschossenen Hary Krause geht auf Pingel-Schliemanns Recherche und Initiative zurück.
Sandra Pingel-Schliemann arbeitet als freie Autorin und Kuratorin von zeithistorischen Ausstellungen.
Buchpublikationen
Zersetzen. Strategie einer Diktatur, Berlin 2002 (Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft 8), ISBN 978-3-9804920-7-2. Lebenswege … im Schatten des Staatssicherheitsdienstes, Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2008, ISBN 978-3-933255-27-3. Frauen der Friedlichen Revolution. Zwanzig Porträts aus Mecklenburg-Vorpommern, Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2014 (mit Doreen Hilbert), ISBN 978-3-9816439-2-3. „Ihr könnt doch nicht auf mich schießen!“ Die Grenze zwischen Lübecker Bucht und Elbe, Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2013, ISBN 978-3-933255-43-3. „Pass dich an und fall nicht auf!“ Umerziehung in DDR-Spezialheimen. Geschichte und Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung. Mit Biografien von Zeitzeugen aus Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2018 (mit Burkhard Bley), ISBN 978-3-933255-55-6. Spurensuche. Orte der Friedlichen Revolution in Mecklenburg-Vorpommern, Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2019 (mit Hendrik Lietmann), ISBN 978-3-948624-00-2. Nicht gehört. Gehörlose Kinder in der DDR, Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Schwerin 2020 (mit Sandra Uhlig), ISBN 978-3-933255-62-4. Spurensicherung. Innenansichten der DDR-Grenztruppen. Eine Fotodokumentation, Berlin 2022 (mit Thilo Wierzock), ISBN 978-3-86228-236-4.
Ausstellungen 2012: Mutige Frauen. Widerständiges Verhalten in Zeiten von Diktaturen (Wanderausstellung) 2016: Grenzwege Schlagsdorf. Lesezeichen in der Natur zur deutschen Teilung (Dauerausstellung Grenzparcours Schlagsdorf) 2018: Ausgrenzen und Eingrenzen. Die Geschichte der innerdeutschen Grenze zwischen Ostsee und Elbe (Dauerausstellung Grenzhus Schlagsdorf) 2018: "Zersetzung". Repressionsmethode des Staatssicherheitsdienstes (Wanderausstellung) 2021: Am Leben vorbei. Kinder und Jugendliche in sonderpädagogischen, psychiatrischen und Behinderteneinrichtungen in den DDR-Nordbezirken (virtuelle und Wanderausstellung) 2024: Für die Freiheit! Widerstand in Diktaturen (Wanderausstellung) 2025: Friedliche Revolution 1989 in Mecklenburg und Vorpommern (Dauerausstellung Waren/Müritz)2018 bestimmten Landesregierung und Landtag Waren (Müritz) als Ort der ersten Montagsdemonstration im Norden der DDR zum zentralen Gedächtnisort für die Friedliche Revolution 1989 in Mecklenburg-Vorpommern. Die dauerhaft installierte Open-Air-Ausstellung ist Teil dieses Konzepts. Siehe hierzu: Gedächtnisort Friedliche Revolution 1989, in: Politik MV, Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, 23. November 2018, abgerufen am 18. April 2026. .
Weblinks
Literatur von und über Sandra Pingel-Schliemann in der Deutschen Digitalen Bibliothek Johannes Nuß: Neu gewonnene Freiheiten (Wende-Porträts), in: Nordkurier, 20./21.3.2010 (Porträt Sandra Pingel-Schliemann), Internet Archive
Einzelnachweise
Kategorie:Aufarbeitung der SED-Diktatur Kategorie:Politikwissenschaftler Kategorie:Autor Kategorie:Ausstellungskurator Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1973 Kategorie:Frau