mini|hochkant|Joachim Dunkel (ca. 1948), Fotografin Gerda Schimpf
Joachim Dunkel (* 19. Juli 1925 in Berlin-Lichtenberg; † 10. Juni 2002 in Berlin) war ein deutscher Bildhauer, Zeichner und Holzschneider. Er lebte und arbeitete in Berlin und in Lavangeot.
Kindheit, Jugend, erste Ausbildungen Joachim Dunkel wurde 1925 in Berlin-Lichtenberg geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern Kurt und Hildegard Dunkel. Der Vater war Kaufmann und Großschlachter, die Mutter Buchhalterin, beide Eltern waren evangelisch. Bis 1930 lebte die Familie in einer Wohnung hinter den Schlachthöfen in der Ebertystraße (Zentralviehhof) und zog dann nach Hohenschönhausen, wo Dunkel ab 1932 die Volksschule besuchte. 1936 kam die Schwester Helga zur Welt. In diesem Jahr wechselte er an die Mittelschule, Amalienstraße, in Berlin-Weißensee und wurde Pimpf im Jungvolk. 1937 beging der Großvater (väterlicherseits), der ebenfalls seit vielen Jahren auf dem Schlachthof tätig war, Suizid. 1939 wurde sein Vater zum Militär einberufen. Dadurch verschlechterte sich der seelische Zustand der Mutter, die an Schizophrenie litt, was zu mehreren Aufenthalten in der Nervenklinik führte und durch das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten (seit 1941) inzwischen lebensbedrohlich für sie geworden war.
Von 1940 bis 1943 besuchte Joachim Dunkel ein Internat in Grünheide, 1941 wurde er konfirmiert. 1943 erhielt er die Mittlere Reife. Sein früher Berufswunsch, Künstler zu werden, wurde ihm vom Vater versagt. Daraufhin begann er eine Tischlerlehre an den Kunstgewerblichen Werkstätten Berlin, Felzer & Stahl. Im Juni 1943 wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen, ab Oktober auf der Kriegsschule in Berlin-Spandau; nach der Unteroffiziersschule diente er als Soldat in den rumänischen Karpaten und wurde verwundet. 1945, nach Kriegsende, geriet Dunkel in sowjetische Gefangenschaft. Bereits im Oktober 1945 wurde er, durch Krankheit u. a. Tbc, geschwächt und stark abgemagert, entlassen und kehrte zurück nach Berlin, zur Familie. Im Sommer 1945 war bereits der Vater aus dem Kriegslazarett entlassen worden. Das Wohnhaus der Familie war indes während des Krieges zerstört worden und sie lebten nun in einer ihnen zugewiesenen Wohnung. Dunkels schlechter Allgemeinzustand fesselte ihn für längere Zeit ans Krankenbett, auch danach erlitt er immer wieder gesundheitliche Rückfälle.
Kunst- und Bildhauerstudium, zuerst in Berlin-Ost, später Berlin-West
1946 arbeitete Dunkel zuerst in einer Tischlerwerkstatt in Hohenschönhausen. Er bewarb sich gleichzeitig mit einer Mappe für Trickfilm/Phasenzeichnen bei der Deutschen Zeichenfilm G.m.b.H. (1945–1946). Dort empfahl man ihm, sich an der neugegründeten Kunstschule des Nordens in Berlin-Weißensee zu bewerben. D. J. wurde dort angenommen und kam in die Klasse für Graphik (und Illustration) von Eva Schwimmer. Nach einiger Zeit wechselte er in das Fach Plastik und damit zu Bernhard Heiliger, dem er später nach Westberlin an die Hochschule für Bildende Künste (HfBK) folgte. 1948 heiratete J. D. die Studentin der angewandten Kunst Doritt Cadura in Berlin-Steglitz.
Im Wintersemester 1949/1950 erfolgte der Wechsel Dunkels an die HfBK in Berlin-Charlottenburg, wo er bis 1956 Bildhauerei studierte. Hier unterrichteten neben Bernhard Heiliger weitere Größen des Kunstbetriebes wie Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Renée Sintenis, Richard Scheibe, Alexander Camaro und Heinz Trökes. Geleitet wurde die Hochschule bis 1955 von dem expressionistischen Maler Karl Hofer.
1950 wurde Dunkels Tochter Stephanie geboren, die in den ersten Lebensjahren häufig schwer erkrankte, unter anderem an Tuberkulose. Dies führte dazu, dass auch bei Dunkel die Krankheit wieder ausbrach. Die finanziell prekäre Lage der Familie wurde vor allem durch mehrere Stipendien aufgefangen, für die sich anfangs seine Dozentin Eva Schwimmer einsetzte. Durch Eva Schwimmer lernte Dunkel auch die Fotografin Gerda Schimpf kennen, die bis Mitte der 1950er Jahre etliche Aufnahmen von Dunkel selbst sowie seinen frühen Arbeiten machte, unter anderem an der HfBK (Atelier am Steinplatz), später in seinem ersten eigenen Atelier in Lankwitz. Am 26. März 1956 beging Dunkels Mutter Hildegard trotz mehrfacher Behandlungen Suizid. Am 31. März 1956 exmatrikulierte sich Joachim Dunkel und begann seitdem als freier Künstler zu arbeiten.
Der Zeichner Die umfangreichen Kenntnisse, die Dunkel durch seine Dozentin Eva Schwimmer vermittelt bekam, drücken sich später auch in einer anhaltenden Wertschätzung seiner früheren Lehrerin gegenüber aus. So widmete er ihr sein Künstlerbuch von 1987 mit Zeichnungen zu „Reineke Fuchs“. Dunkel erhielt durch Schwimmers Vermittlung auch Aufträge für Illustrationen sowie 1948 ein Leistungsstipendium zur Existenzsicherung (siehe oben). War Dunkel sich nach eigener Aussage nach zwei oder drei Semestern nicht mehr sicher bei seiner Wahl der Fächer Zeichnen und Illustration, so blieb er trotzdem zeitlebens immer ein leidenschaftlicher Zeichner. Davon zeugen viele erzählende Blätter, häufig in Zyklen zusammengefasst, an denen er teils über mehrere Jahre arbeitete. Dabei verwendete Dunkel unterschiedliche Materialien wie Blei-, Farb- und Kreidestifte, Filzstift, Kugelschreiber und verschiedene Federn sowie Pinsel mit Tinten unterschiedlicher Couleur. Auch liebte er es später zunehmend diese verschiedenen Mittel zu kombinieren und dabei starke farbliche Akzente zu setzen. Einige der Themen seiner Zyklen sind neben „Reineke Fuchs“ „Sommernachtstraum“, „Don Quichote“, „Chevaliere de Florin“ und afghanische Märchen.
Ein weiteres Thema ist der Tod in unterschiedlichen Formen und Ausdrucksweisen, wozu wohl auch die Bearbeitung eigener, persönlich-familiärer Ereignisse gehört. Es gibt bei ihm etliche biblische Bezüge wie den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies, die Kreuzigung Jesu auf Golgatha, die Auferstehung und der Höllensturz. Ab den 1970er Jahren entstanden Landschaftszeichnungen und Naturstudien, angeregt durch Aufenthalte im Französischen Jura, wo Dunkel sich in Lavangeot ein kleines Domizil schuf, in das er immer wieder einkehrte und arbeitete. Es existiert außerdem ein großer Werkkomplex zu Pferden und Reiterdarstellungen.
Der Holzschneider Zwischen 1948 und 1949, während der Zeit des Suchens nach der für ihn richtigen künstlerischen Ausdrucksform, fertigte Dunkel eine Serie von Holzschnitten an. Dabei suchte er nach einer Möglichkeit, weg zu kommen vom rein zeichnerischen zu einem plastischeren Arbeiten, zu einem „anfassbaren“ Wirken. Das Holzschneiden eröffnete Dunkel die Chance, am Ende für sich eine Entscheidung zu finden zwischen Zeichner und Bildhauer. Im Grunde sei dieser Wunsch von Beginn an in ihm da gewesen, brauchte aber seine Zeit, um sich herauszubilden. Die 1948/1949 von ihm geschaffene Werkgruppe von Holzschnitten, die er in Zeiten äußerster Materialknappheit verwirklichte, blieb erst einmal seine Einzige und zudem lange Zeit unbekannt. Zu seinen Motiven hier zählen ein Selbstbildnis, welches ihn ungeschminkt in seiner damaligen, durch Krankheit und Not gezeichneten Lage und um Jahre gealtert zeigt. Dazu kommen mehrere weibliche Akte und Arbeiten mit Titeln wie „Maskenfest“, „Monster“, „Zirkus-Blätter“, „Versuchung des hlg. Antonius“ sowie ein Blatt, das sich ikonographisch an das biblische Christophorus-Thema anlehnt, ohne die Heiligkeit der Figur hervorzuheben. Erst ca. 40 Jahre später, zwischen 1991 und 1999, schuf Dunkel eine weitere Holzschnitt-Gruppe, die nun ihre öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung fand.
Der Bildhauer mini|hochkant|Joachim Dunkel in seinem Meisteratelier, Fotografin Gerda Schimpf, 1955 mini|hochkant|Joachim Dunkel, Selbstporträt, Bronze, 1956, Fotografin Gerda Schimpf
In ihrer Beschreibung der Lehrjahre an der HfBK in Berlin-Charlottenburg, in der Klasse von Bernhard Heiliger, gibt die Bildhauerin Karin Reetz, damals noch mit dem Nachnamen Graudenz und Studien-Kollegin von Joachim Dunkel, plastisch die häufig prekäre Lage der Studierenden wieder, die froh waren für jede Gelegenheit zur Aufstockung ihres knappen Budgets. Heiliger, der täglich in sein Meisteratelier am Steinplatz kam, gab seinen Schülern regelmäßig Korrektur. Dunkels Arbeitsschwerpunkt war damals das plastische Gestalten. 1951 wurde Dunkel von Heiliger für Arbeiten am Relief für das Foyer im Schillertheater (Berlin) herangezogen. Ab März 1955 wurde er Meisterschüler bei Heiliger und konnte ein Jahr lang frei im Atelier am Steinplatz arbeiten.
Dunkel beteiligte sich bereits früh an Ausstellungen, so 1956 an einer internationalen Hochschulausstellung in Mailand und im selben Jahr an der Großen Berliner Kunstausstellung und im Holsteinischen Landesmuseum in Schloss Gottorf. 1957 präsentierte er 22 seiner Werke in der Ausstellungsserie „Junge Künstler stellen aus“ im Kunstamt Charlottenburg. Für seine Großplastik eines Reiters erhielt er seinen ersten Kunstpreis. Zeigte sich 1951 in seinem abstrahierenden Selbstporträt (ein Bronzeguss befindet sich seit 1960 in der Nationalgalerie) noch deutlich seine Orientierung an der Formensprache Heiligers, folgte Dunkel seinem Lehrer nicht in die weitere Abstraktion, sondern entwickelte gemäß seiner inneren Vorstellungswelt und entsprechend der Formlogik seine eigene Formensprache. Neben der Form veränderte sich nach 1958 auch der Inhalt seiner Sujets. So gestaltete er in den ersten Jahren vor allem Tierplastiken wie Pferd, Reiter, Stier, Rehbock und Hahn (wovon einige Bronzegüsse an Museen und Einzelpersonen gingen) und konzentrierte sich in seinen Reiterfiguren oder im Stier auf kompakte und kraftvolle Darstellungen. Später widmete er sich zunehmend Mischwesen zwischen Mensch und Tier. Hier thematisierte Dunkel vornehmlich Verletzlichkeit, Unbestimmtheit und widmete sich dem Flüchtigen, Unvollständigen sowie dem Transitorischen.
Die genannten Themen bearbeitete Dunkel im Laufe seines künstlerischen Schaffens in zahlreichen Porträts, darunter etliche Selbstporträts sowie vor allem in der Darstellung des Weiblichen. Dabei interessierte ihn nicht vorrangig das Sinnlich-Sexuelle, sondern die Verletzlichkeit darunter, die Ambivalenz von Präsenz, Lebendigkeit und gleichzeitiger Zerbrechlichkeit. Oft sind seine Figuren unvollständig, wirken wild, aber auch entrückt. Hier schuf er Porträts, kleine und große Plastiken und Torsi in einer Vielzahl von Variationen wie auch in besagten Mischformen. Als ein weiteres Sujet tauchen bei Joachim Dunkel immer wieder religiöse Themen auf, die er in vielfältiger Weise, nicht nur bildhauerisch, bearbeitet (siehe „Der Holzschnitzer“). Anfangs entschied sich der Künstler für das Relief, 1960 entstand „Apokalyptische Reiter“, 1964 folgte „Adam und Eva“, 1965 „Die Vertreibung aus dem Paradies“. Des Weiteren entstanden insgesamt zehn Kreuzigungsszenen, die er im Statuettenformat ausführte, das heißt, die meisten dieser Werke reichen nicht höher als 50 cm. Besonders das Kreuzigungsthema beschäftigte den nicht dezidiert religiösen Künstler im Laufe seines Lebens immer wieder, die zehnte Kreuzigungsgruppe entstand in seinem Sterbejahr 2002. Was ihn innerlich dabei bewogen haben mag, lässt sich sicher in seiner persönlichen und familiären Geschichte vermuten wie auch in seinem grundsätzlichen Interesse, alles Menschliche an Gefühlen, Motivationen und Handlungen zu erfassen und zeigen, dabei Gutes, Schönes genauso wie Gleichgültigkeit und Grausamkeit. Seine genaue Beobachtungsgabe schlug sich nieder in einer ebenso detaillierten Wiedergabe des Geschehenen, bei der nichts verschwiegen oder beschönigt wird. Ein weiteres typisches Kennzeichen für Dunkels Werk sind die zahlreichen Blätter, auf denen er parallel zur Entstehung eines bildhauerischen Werkes dieses mit Skizzen und Zeichnungen vorbereitete und quasi begleitete.